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Klein-Dorrit. Erstes Buch

Charles Dickens: Klein-Dorrit. Erstes Buch - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleKlein-Dorrit. Erstes Buch
publisherGutenberg-Verlag
volume1. Buch
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Fünfunddreißigstes Kapitel.

Was Mr. Pancks in Klein-Dorrits Hand gelesen hatte.

Es geschah um dieselbe Zeit, daß Mr. Pancks, getreu seinem Vertrag mit Clennam, ihm seine ganze Zigeunergeschichte enthüllte und Klein-Dorrits Geschichte erzählte. Ihr Vater war gesetzlicher Erbe eines großen Vermögens, das lange unbekannt dagelegen hatte, ohne daß jemand einen Anspruch erhoben hätte, und das sich inzwischen bedeutend vergrößert hatte. Sein Recht war jetzt klar; nichts lag im Wege, die Marschallgefängnispforten standen offen, einige Züge seiner Feder, und er war außerordentlich reich.

Bei dem Nachspüren nach den Ansprüchen auf den vollständigen Besitz hatte Mr. Pancks einen Scharfsinn an den Tag gelegt, den nichts aus der Fassung bringen, und eine Verschwiegenheit, die nichts ermüden konnte. »Ich vermutete, Sir«, sagte Pancks, »als Sie und ich in jener Nacht über Smithfield gingen und ich Ihnen sagte, was für eine Art von Einnehmer ich sei, daß das herausspringen würde. Ich dachte, Sir, als ich Ihnen sagte, Sie seien nicht von den Clennams von Cornwall, daß ich Ihnen einmal sagen könnte, wer zu den Dorrits von Dorsetshire gehöre.« Dann ging er zu den Einzelheiten über, wie, nachdem er jenen Namen in sein Notizbuch eingetragen, ihn anfangs der Name allein angezogen habe. Wie er, nachdem er schon oft gefunden, daß zwei ganz gleiche Namen, selbst wenn sie dem gleichen Orte angehören, keine nachweisbare nähere oder fernere Blutsverwandtschaft in sich schlössen. Wie er anfangs auch kein großes Gewicht darauf gelegt, wenn nicht in der Richtung, daß es ihn gereizt habe, zu wissen, welch eine überraschende Wendung in der Lage einer armen Näherin vorgehen würde, wenn man ihr zeigen könnte, daß sie an einem so großen Vermögen Anteil habe. Wie er selbst glaube, daß er die Sache weiter verfolgt, weil etwas Ungewöhnliches an dieser stillen, kleinen Näherin gewesen, das ihm gefiel und seine Neugier reizte. Wie er sich seinen Weg Zoll um Zoll fortgebahnt, und wie er sich Sandkorn um Sandkorn weiter »gemaulwurft« (das sein eigner Ausdruck) habe. Wie er im Anfang der Arbeit, die er durch jenes Wort bezeichnet – und das suchte Mr. Pancks noch ausdrucksvoller dadurch zu machen, daß er dazu die Augen schloß und sein Haar darüber schüttelte – wie er von plötzlichen Lichtblicken und Hoffnung in plötzliche Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit verfallen und wieder umgekehrt und so fort. Wie er im Gefängnisse Bekanntschaften gemacht, ausdrücklich, um aus- und eingehen zu können wie alle andern Aus- und Eingehenden; wie ihm der erste Lichtstrahl unbewußt von Mr. Dorrit und seinem Sohne gegeben worden, mit welchen beiden er leicht bekannt geworden, mit denen er viel gesprochen, scheinbar zufällig (»aber wohlgemerkt, immer wie ein Maulwurf wühlend«, sagte Mr. Pancks), und von denen er, ohne den geringsten Verdacht zu erwecken, zwei bis drei Punkte ihrer Familiengeschichte herausgebracht habe, die ihm, als er einmal den Leitfaden in der Hand hatte, weitere an die Hand gaben. Wie es endlich Mr. Pancks klar geworden, daß er den Erben eines großen Vermögens wirklich entdeckt und daß seine Entdeckung nur zu legaler Form und Vollendung zu reifen brauche. Wie er darauf seinen Wirt, Mr. Rugg, habe schwören lassen, das Geheimnis zu bewahren, und ihn ins Vertrauen gezogen hatte, damit er mit ihm »maulwurfe«. Wie sie John Chivery als einzigen Schreiber und Agenten angenommen, da sie gesehen, wem er ergeben war. Und wie sie bis zu dem Augenblick, wo angesehene Leute, die etwas in der Bank zu sagen haben und im Gesetze erfahren seien, ihre erfolgreichen Arbeiten für beendet erklärt, keinem andern menschlichen Wesen etwas verraten hätten.

»Wenn somit zuletzt noch alles zusammengebrochen wäre, Sir«, schloß Pancks, »wir wollen sagen vorgestern am Tage, ehe ich Ihnen unsre Papiere im Gefängnishof zeigte, oder sogar heute, so würde niemand anders als wir selbst grausam getäuscht oder einen Penny schlimmer daran gewesen sein.«

Clennam, der ihm beinahe beständig die Hände schüttelte, während er seinen Bericht abstattete, fühlte sich dadurch veranlaßt, mit einer Bestürzung, die selbst seine Vorbereitung auf die wichtige Entdeckung nicht mäßigen konnte, zu sagen: »Mein lieber Mr. Pancks, das muß Sie ja eine große Summe Geldes gekostet haben.«

»Allerdings, Sir«, sagte Pancks triumphierend. »Keine Kleinigkeit, obgleich wir es so billig machten, wie es möglich war. Und die Auslage war eine Schwierigkeit, lassen Sie mich Ihnen das sagen.«

»Eine Schwierigkeit?« wiederholte Clennam. »Aber die Schwierigkeiten haben Sie ja so wundervoll bei der ganzen Sache überwunden!« setzte er hinzu und schüttelte ihm wieder die Hand.

»Ich will Ihnen sagen, wie ich's machte«, sagte der entzückte Pancks, indem er sein Haar so hoch strich, wie er selbst es war. »Zuerst verwandte ich alles, was ich selbst besaß. Das war nicht viel.«

»Das bedaure ich sehr«, sagte Clennam, »obgleich es jetzt nichts zu sagen hat. Was taten Sie dann?«

»Dann«, sagte Pancks, »borgte ich eine Summe von meinem Eigentümer.«

»Von Mr. Casby?« sagte Clennam. »Er ist ein herrlicher alter Mann.«

»Ein edler alter Junge, nicht wahr?« sagte Pancks, indem er eine Reihe trockenster Schnauber vernehmen ließ. »Ein großherziger alter Bock. Ein vertrauensvoller alter Knabe. Ein philantropischer alter Knabe. Ein wohlwollender alter Knabe! Zwanzig Prozent. Ich verpflichtete mich, ihn zu bezahlen, Sir. Wir machen in unserm Hause nie Geschäfte für weniger.«

Arthur hatte das drückende Gefühl, daß er in seinem Entzücken etwas zu voreilig gewesen.

»Ich sagte zu dem von christlicher Liebe übersprudelnden alten Mann«, fuhr Mr. Pancks fort, indem er großen Geschmack an diesem bezeichnenden Beiwort zu finden schien, »ich hätte ein kleines Projekt unter der Hand; ein hoffnungsvolles; ich sagte ihm, ein hoffnungsvolles, das ein kleines Kapital erfordere. Ich schlug ihm vor, mir das Geld auf meine Verschreibung zu leihen, was er auch tat, zu zwanzig Prozent; er hielt fest an den zwanzig Prozent und setzte sie in den Schuldschein, daß es aussah, als wär's ein Teil von der Hauptsumme. Wenn die Sache mißlungen, wäre ich für die nächsten sieben Jahre sein Ausjäter zu halbem Lohn mit doppelter Arbeit geworden. Aber er ist ein vollkommener Patriarch; und es würde einem Manne gut anstehen, ihm auch unter solchen Bedingungen – ja unter jeder Bedingung zu dienen.«

Arthur hätte um sein Leben nicht mit Zuversicht sagen können, ob Pancks wirklich so dachte oder nicht.

»Als dies verbraucht war, Sir«, fuhr Pancks fort, »und es geschah, obgleich ich es tropfenweise, wie wenn es Blut wäre, ausgab, hatte ich Mr. Rugg ins Vertrauen gezogen. Ich nahm mir vor, von Mr. Rugg zu leihen (oder von Miß Rugg, was das nämliche ist; sie gewann einst etwas Geld durch eine Spekulation, die sie mit einem Prozesse machte). Er lieh zu zehn Prozent und hielt das für sehr hoch. Aber Mr. Rugg ist ein rothaariger Mann, Sir, und läßt sein Haar schneiden. Und der Boden seines Hutes ist hoch. Und die Krempe seines Hutes ist schmal. Und es sprudelt nicht mehr Wohlwollen aus ihm als aus einem Kegel.«

»Ihre Belohnung für all das, Mr. Pancks«, sagte Clennam, »müßte sehr groß sein.«

»Ich zweifle auch nicht, daß ich sie erhalten werde«, sagte Pancks. »Ich habe keinen Vertrag gemacht. Ich war Ihnen allerdings einen solchen schuldig; aber jetzt ist der Handel perfekt. Ist die bare Auslage erledigt, der Zeitaufwand vergütet und Mr. Ruggs Rechnung bezahlt, so würden tausend Pfund eine glänzende Belohnung für mich sein. Diese Sache übergebe ich jedoch ganz in Ihre Hände. Ich ermächtige Sie, es der Familie in der Art, die Sie für die beste halten, mitzuteilen. Miß Amy Dorrit wird diesen Morgen bei Mrs. Finching sein. Je früher je besser. Kann nicht zu früh getan werden.«

Dies Gespräch fand in Clennams Schlafzimmer statt; er lag noch im Bett. Denn Mr. Pancks hatte sehr frühzeitig am Haus gepocht und sich Eingang verschafft; und ohne sich einen Augenblick niederzusetzen oder stille zu stehen, sich all seiner Einzelheiten (durch eine Menge von Dokumenten illustriert) vor dem Bett entledigt. Er sagte nun, er wolle »gehen und nach Mr. Rugg sehen«, von dem sein aufgeregtes Gemüt einen zweiten Purzelbaum zu erwarten schien. Nachdem er seine Papiere zusammengebunden und Clennam nochmals herzlich die Hand geschüttelt hatte, ging er in voller Eile die Treppe hinab und dampfte davon.

Clennam natürlich beschloß direkt zu Mr. Casby zu gehen. Er zog sich an und ging so rasch aus, daß er beinahe eine Stunde früher, als sie dahin kam, an der Ecke der patriarchalischen Straße stand; es war ihm dies jedoch nicht unangenehm, da er dadurch Gelegenheit hatte, sich durch einen gemächlichen Gang zu beruhigen.

Als er nach der Straße zurückkam und mit dem schönen Messingklopfer gepocht hatte, erfuhr er, daß sie da sei, und man wies ihn nach Floras Frühstückszimmer die Treppe hinauf. Klein-Dorrit selbst war nicht zugegen, dagegen Flora, die das größte Erstaunen an den Tag legte, ihn zu sehen.

»Mein Gott – Arthur – Doyce und Clennam!« rief die Dame. »Wer hätte je gedacht, daß ich Sie sehen würde; und bitte, entschuldigen Sie meinen Morgenrock, aber wahrhaftig, ich dachte nicht, und eine abgeschossene Jacke dazu, was noch schlimmer; aber unsre kleine Freundin macht mir einen, ich kann das wohl vor Ihnen sagen, denn Sie müssen wissen, daß es dergleichen gibt, einen Leib, und da ich es so arrangiert, daß nach dem Frühstück anprobiert werden sollte, so konnte ich nicht schon so steif angezogen sein.«

»Ich müßte mich entschuldigen«, sagte Arthur, »daß ich so früh und so unerwartet einen Besuch mache; aber Sie werden mich entschuldigen, wenn ich Ihnen die Ursache sage.«

»In jenen Zeiten, die für immer dahin sind, Arthur«, versetzte Mrs. Finching, »bitte entschuldigen Sie, Doyce und Clennam wäre unendlich passender, und obgleich sie unleugbar fern sind, die Entfernung verleiht den Dingen Reiz, ist das mindestens nicht meine Ansicht – wenn sie es wäre, glaube ich, würde viel von der Natur jener Dinge abhängen, aber ich laufe da wieder mit meinen Gedanken davon, und Sie haben mir ja all das aus dem Kopf vertrieben.«

Sie blickte ihn zärtlich an und fuhr fort:

»In Zeiten, die für immer dahin sind, wollte ich sagen, würde es wirklich sehr seltsam für Arthur Clennam geklungen haben – Doyce und Clennam sind natürlich ganz verschieden –, sich wegen irgendeiner Stunde seines Besuches zu entschuldigen, aber das ist vorbei, und was vorbei ist, kann nimmer zurückgerufen werden, ausgenommen in seiner eignen Sache, wie der arme Mr. Finching sagte, wenn er in seiner Gurkenstimmung war; deshalb aß er nie welche.«

Sie machte den Tee, als Arthur eintrat, und beendigte dies Geschäft nun in aller Eile.

»Papa«, sagte sie ganz geheimnisvoll und flüsternd, indem sie den Deckel des Teekessels schloß, »Papa sitzt prosaisch im hintern Zimmer und klopft sich sein frisches Ei über dem Cityartikel auf, genau wie ›der Specht klopft‹, und braucht nicht zu wissen, daß Sie hier sind: und unsre kleine Freundin, wissen Sie wohl, der kann man alles anvertrauen, wenn sie herunterkommt: denn sie schneidet droben auf dem großen Tisch zu.«

Arthur sagte ihr dann in wenigen Worten, daß er gekommen sei, ihre kleine Freundin aufzusuchen, und was er ihrer kleinen Freundin anzukündigen habe. Bei dieser erstaunlichen Mitteilung schlug Flora die Hände zusammen, verfiel in ein Zittern und vergoß Tränen der Teilnahme und Freude, da sie wirklich ein gutmütiges Geschöpf war.

»Um des Himmels willen lassen Sie mich fort»«, sagte Flora, ihre Hände an die Ohren legend und nach der Türe zu gehend, »sonst weiß ich, ich sterbe und schreie laut auf und mache alles schlimmer, und das gute kleine Ding, das noch diesen Morgen so sauber und nett und gut und doch so arm aussah, – nun ist sie wirklich reich, und sie verdient es! Und darf ich es Mr. Finchings Tante sagen, Arthur, nicht Doyce und Clennam dies eine Mal, oder wenn Sie etwas dagegen einzuwenden haben, unter keiner Bedingung.«

Arthur nickte ihr seine bereitwillige Erlaubnis zu, da Flora allen wörtlichen Austausch unmöglich machte. Flora nickte wieder, um zu danken, und eilte aus dem Zimmer.

Klein-Dorrits Schritte waren bereits auf der Treppe, und im nächsten Augenblick stand sie an der Tür. Er mochte tun, was er wollte, um sich zu fassen, er konnte es doch nicht zu dem gewöhnlichen ruhigen Ausdruck bringen, denn als sie ihn erblickte, ließ sie ihre Arbeit sinken und rief: »Mr. Clennam! Was gibt es!«

»Nichts, nichts. Das heißt, es ist kein Unglück geschehen. Ich bin gekommen, um Ihnen eine Mitteilung zu machen. Aber es ist etwas sehr Glückliches.«

»Glückliches?«

»Ein großes Glück.«

Sie standen an dem Fenster, und ihre lichtvollen Augen waren auf sein Gesicht geheftet. Er schlang einen Arm um sie, da er sah, daß sie nahe daran war, umzusinken. Sie legte eine Hand auf diesen Arm, teilweise, um darauf auszuruhen, teilweise, um so ihre gegenseitige Stellung zu bewahren, damit ihr gespannter Blick auf ihn durch keine Veränderung in der Stellung beider zueinander erschüttert werde. Ihre Lippen schienen zu wiederholen: »Ein großes Glück?« Er wiederholte es laut.

»Liebe Klein-Dorrit! Ihr Vater!«

Das Eis des blassen Gesichts brach bei diesem Worte zusammen, und kleine Lichter und Blitze voll Ausdrucks flogen darüber hin. Es waren lauter Ausdrücke des Schmerzes. Ihr Atem ging schwach und rasch. Ihr Herz schlug heftig. Er hätte die kleine Gestalt fester umfaßt, aber er sah, daß die Augen ihn baten, sich nicht zu bewegen.

»Ihr Vater kann in dieser Woche noch frei sein. Er weiß es nicht; wir müssen von hier aus zu ihm gehen, um es ihm zu sagen. Ihr Vater wird in wenigen Tagen frei sein. Ihr Vater wird in wenigen Stunden frei sein. Vergessen Sie nicht, wir müssen von hier aus zu ihm gehen, um es ihm zu sagen.«

Das brachte sie zu sich. Ihre Augen waren geschlossen, aber sie öffneten sich wieder.

»Das ist nicht alles Glück. Das ist nicht all das große Glück, meine teure Klein-Dorrit. Soll ich Ihnen noch mehr sagen?«

Ihre Lippen bewegten sich zu einem »Ja«.

»Ihr Vater wird kein Bettler sein, wenn er frei ist. Es wird ihm nichts mangeln. Soll ich Ihnen mehr sagen? Vergessen Sie nicht. Er weiß nichts davon, wir müssen von hier aus zu ihm gehen, um es ihm zu sagen.«

Sie schien ihn um etwas Zeit zu bitten. Er hielt sie in seinen Armen und beugte nach einer Pause sein Ohr hinab, um zu lauschen.

»Wollen Sie, daß ich fortfahre?«

»Ja.«

»Er wird ein reicher Mann sein. Er ist ein reicher Mann. Eine große Summe Geldes liegt bereit, um ihm als seine Erbschaft ausbezahlt zu werden; Sie sind von nun an alle sehr reich. Bravstes und bestes der Kinder, ich danke dem Himmel, daß er Sie belohnt.«

Als er sie küßte, wandte sie ihren Kopf nach seiner Schulter und erhob ihren Arm nach seinem Hals; dann rief sie laut: »Vater! Vater! Vater!« und sank in Ohnmacht.

In diesem Augenblick kehrte Flora zurück; sie nahm sich ihrer an und hob sie auf ein Sofa, indem sie ihre freundlichen Dienste in so verwirrender Weise mit unzusammenhängenden Gesprächssplittern vermischte, daß niemand mit einigem Sinn für Verantwortlichkeit hätte zu entscheiden wagen können, ob sie das Marschallgefängnis nötigte, einen Löffel voll ungeforderter Dividenden zu nehmen, weil es ihm gut tun würde, oder ob sie Klein-Dorrits Vater gratulierte, daß er in den Besitz von hunderttausend Riechfläschchen komme; oder ob sie erkläre, daß sie fünfundsiebenzigtausend Tropfen Lavendelspiritus auf fünfzigtausend Pfund Stückzucker setze und Klein-Dorrit bitte, dieses sanfte Stärkungsmittel zu nehmen, oder ob sie die Stirn von Doyce und Clennam in Essig bade und dem verstorbenen Mr. Finching mehr Luft gebe. Ein Nebenstrom von Verwirrung kam ferner aus einem anstoßenden Schlafzimmer, wo Mr. Finchings Tante nach dem Ton ihrer Stimme in einer horizontalen Lage das Frühstück zu erwarten schien. Aus diesem Verlies schleuderte diese unerbittliche Dame kurze Schmähungen herein, sooft sie merkte, daß man sie hören konnte, wie: »Glaubt ihm nicht, daß er dies tut!« und »Er braucht keinen Glauben für sich deshalb in Anspruch zu nehmen!« und »Es wird lange genug dauern, denke ich, bis er etwas von seinem Geld hergibt!« – alles in der Absicht, Clennams Anteil an der Entdeckung herunterzusetzen und die eingewurzelten Gefühle, mit denen ihn Mr. Finchings Tante beehrte, auszusprechen.

Aber Klein-Dorrits Wunsch, zu ihrem Vater zu kommen und ihm die freudige Nachricht zu bringen und ihn nicht einen Augenblick länger in seinem Kerker zu lassen, während dies Glück auf ihn wartete und ihm noch unbekannt war, trug mehr zu ihrer raschen Erholung bei, als alle Geschicklichkeit und Wartung auf Erden hätten tun können. »Kommen Sie mit mir zu meinem teuren Vater. Bitte, kommen Sie mit und sagen Sie es meinem teuren Vater!« waren die ersten Worte, die sie sprach. Ihr Vater, ihr Vater. Sie sprach von nichts als von ihm, dachte an nichts als an ihn. Sie kniete nieder und ergoß sich mit aufgehobenen Händen in Dank gegen Gott; sie dankte für ihren Vater.

Floras zartes Herz war ganz angegriffen, und sie ergoß sich mitten unter Tassen und Untertassen in einen herrlichen Strom von Tränen und Reden.

»Ich gestehe«, seufzte sie, »ich war nie so ergriffen, seit Ihre Mama und mein Papa, nicht Doyce und Clennam, nur dies eine Mal, aber geben Sie doch dem köstlichen kleinen Ding eine Tasse Tee und machen Sie, daß sie sie wenigstens an die Lippen setzt, bitte Arthur, nicht mal bei Mr. Finchings letzter Krankheit; denn sie war von ganz anderer Art, und Gicht ist keine Kinderkrankheit, obgleich sehr schmerzlich für alle Teile, und Mr. Finching war ein Märtyrer mit seinem Bein auf einem Schemel; und der Weinhandel an und für sich ist entzündlich; denn man trinkt mehr oder weniger selbst, und wer kann sich wundern, es scheint mir wahrhaftig wie ein Traum diesen Morgen noch an gar nichts zu denken und nun Bergwerke von Gold. Es ist merkwürdig, aber Sie müssen mein Liebling weil Sie nicht stark genug sein werden ihm alles zu sagen, Teelöffel zu nehmen, wäre es nicht am besten die Anweisungen meines Arztes zu befolgen; denn obgleich der Geschmack alles nur nicht angenehm ist, zwinge ich mich doch dazu, weil es mal vorgeschrieben und finde daß es gut tut, Sie haben vielleicht keine Lust, warum nicht meine Liebe, ich möchte auch lieber nicht; aber ich tue es doch, weil's eine Pflicht ist. Alle Leute werden Ihnen gratulieren, die einen im Ernst, die andern nicht und viele werden Ihnen aus vollem Herzen gratulieren, aber niemand so von ganzer Seele, das darf ich Sie versichern, als ich wenn ich auch fühle, daß ich unbesonnen herausplatze und töricht bin und darnach von Arthur, diesmal nicht Doyce und Clennam beurteilt werde. Leben Sie wohl denn und Gott segne Sie und mögen Sie glücklich sein und entschuldigen Sie meine Freiheit. Ich gelobe Ihnen, das Kleid von niemand anderem fertig machen zu lassen. Es soll, wie es ist, als Andenken aufbewahrt und Klein-Dorrit genannt werden, obgleich ich nie wußte und nun auch nie mehr erfahren werde, woher dieser seltsamste aller Namen kommt.«

So sprach Flora, als sie von ihrem Liebling Abschied nahm. Klein-Dorrit dankte ihr und umarmte sie wieder und wieder; und verließ zuletzt das Haus mit Clennam und nahm einen Wagen nach dem Marschallgefängnis.

Es war eine seltsam, gleichsam träumerische Fahrt durch die alten schmutzigen Straßen. Sie hatte ein Gefühl, über sich hinaus in eine luftige Welt des Reichtums und der Größe gehoben zu sein. Als Arthur ihr sagte, daß sie bald in ihrem eigenen Wagen durch ganz andere Gegenden fahren würde, wo all diese schlimmen Erfahrungen vorüber wären, schien sie bange Furcht zu ergreifen. Als er jedoch ihren Vater an ihre Stelle setzte und ihr sagte, wie er in seinem Wagen fahren und wie groß und stolz er sein würde, da flossen die Tränen der Freude und des unschuldigen Stolzes in Strömen. Als er sah, daß das Glück, das ihr Geist sich vorstellen konnte, alles auf jenen fiel, hielt Arthur ihr diese einzelne Gestalt vor Augen, und sie fuhren strahlend durch die armen Straßen in der Nähe des Gefängnisses, um ihm die wichtige Neuigkeit zu bringen.

Als Mr. Chivery, der heute das Schließeramt hatte, sie in das Pförtnerstübchen einließ, sah er etwas in ihren Gesichtern, das ihn mit Staunen erfüllte. Er blickte ihnen nach, wie sie in das Gefängnis eilten, als ob er sähe, daß jedes von beiden in Begleitung eines Gespenstes zurückgekommen. Zwei oder drei Kollegen, an denen sie vorübergegangen, sahen ihnen ebenfalls nach und bildeten, zu Mr. Chivery tretend, auf der Treppe des Pförtnerstübchens eine Gruppe, unter der von selbst die flüsternde Bemerkung entstand, der Vater werde wohl seine Freiheit erhalten. Nach wenigen Minuten hörte man es in dem entferntesten Winkel des Gefängnisses.

Klein-Dorrit öffnete die Tür von außen, und sie traten ein. Er saß in seinem alten grauen Rock und seiner alten schwarzen Mütze im Sonnenlicht am Fenster und las seine Zeitung. Er hielt die Brille in der Hand und sah sich gerade um. Ohne Zweifel war er anfangs erstaunt, als er ihren Tritt auf der Treppe hörte, da er sie nicht vor Nacht erwartet hatte, und war nun wieder erstaunt, als er Arthur Clennam in ihrer Gesellschaft sah. Als sie eintraten, machte ihn derselbe ungewohnte Blick bei beiden, der schon unten im Hofe Aufsehen erregt, verdutzt. Er stand nicht auf und sprach nicht, sondern legte seine Brille und seine Zeitung auf den Tisch neben sich und sah sie mit offenem Munde und zitternden Lippen an. Als Arthur seine Hand ausstreckte, berührte er sie, aber nicht mit seiner gewöhnlichen Würde; dann wandte er sich nach seiner Tochter um, die sich dicht neben ihn gesetzt und die Hände auf seine Schulter gelegt hatte, während sie ihm aufmerksam ins Gesicht sah.

»Vater! ich bin diesen Morgen so glücklich gemacht worden!«

»Du bist so glücklich gemacht worden, meine Liebe?«

»Durch Mr. Clennam, Vater. Er brachte mir eine so heitere und herrliche Nachricht über dich! Wenn er mich nicht mit seiner großen Freundlichkeit und Güte darauf vorbereitet hätte, Vater – mich darauf vorbereitet, Vater – ich glaube, ich hätte es nicht ertragen.«

Ihre Aufregung war außerordentlich groß, und die Tränen rollten ihr über das Gesicht. Er legte seine Hand plötzlich auf sein Herz und sah Clennam an.

»Beruhigen Sie sich, mein Herr«, sagte Clennam, »und nehmen Sie sich ein wenig Zeit, zu denken. Zu denken an die glänzendsten und glückseligsten Ereignisse des Lebens. Wir haben alle schon von großen freudigen Überraschungen gehört. Es gibt noch immer welche. Sie sind selten, aber es gibt noch immer welche.«

»Mr. Clennam? Es gibt noch immer welche? noch immer welche für –« Er legte die Hand auf die Brust, statt »mich« zu sagen.

»Ja«, versetzte Clennam.

»Was für eine Überraschung«, fragte er, indem er seine linke Hand auf dem Herzen ruhen ließ und sich unterbrach, während er seine Brille flach auf den Tisch legte: »was für eine Überraschung kann mir vorbehalten sein?«

»Lassen Sie mich mit einer andern Frage antworten. Sagen Sie mir, Mr. Dorrit, welche Überraschung könnte für Sie die unerwartetste und erwünschteste sein? Fürchten Sie nicht, sie sich zu denken oder zu sagen, was es sein könnte.«

Er sah Clennam fest ins Auge und schien, während er ihn so anblickte, sich in einen sehr alten, häßlichen Mann zu verwandeln. Die Sonne schien hell auf die Mauer gegenüber von dem Fenster und auf die Eisenspitzen oben. Er streckte langsam die Hand aus, die auf seinem Herzen geruht, und deutete auf die Mauer.

»Sie sind niedergerissen«, sagte Clennam. »Fort!«

Er blieb in derselben Stellung und sah ihn noch immer unbewegt an.

»Und statt ihrer«, sagte Clennam langsam und deutlich, »sind Ihnen die Mittel geboten, das Höchste zu besitzen und zu genießen, was man so lange Ihnen genommen hatte. Mr. Dorrit, es ist nicht der geringste Zweifel mehr vorhanden, daß Sie in wenigen Tagen frei und unendlich glücklich sein werden. Ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen zu diesem Glückswechsel und zu der heitern Zukunft, in die Sie bald den Schatz führen werden, mit dem Sie hier gesegnet waren – den besten aller Reichtümer, die Sie jemals besitzen können – den Schatz an Ihrer Seite.«

Mit diesen Worten drückte er seine Hand und ließ sie los; und seine Tochter, die ihr Gesicht an das seine lehnte, umarmte ihn in dieser Stunde des Glücks; wie sie ihn in den langen Jahren seines Unglücks mit ihrer Liebe, Mühe und Treue umfangen, und ergoß ihr volles Herz in Dankbarkeit, Hoffnung, Freude, glücklicher Begeisterung, und alles für ihn.

»Ich werde ihn sehen, wie ich ihn noch nie gesehen. Ich werde meinen teuren, lieben Vater sehen, wenn keine dunkle Wolke mehr ihn beschattet. Ich werde ihn sehen, wie ihn meine Mutter vor langem gesehen. O mein Lieber, mein Lieber! O Vater, Vater! O Dank dir, Gott, Dank dir, Gott!«

Er gab sich ihren Küssen und Liebkosungen hin, erwiderte sie jedoch nicht, nur seinen Arm schlang er um sie. Auch sagte er kein Wort. Sein fester Blick war nun zwischen ihr und Clennam geteilt, und er begann zu erschauern, als ob er fröre. Arthur sagte Klein-Dorrit, daß er eiligst eine Flasche Wein aus dem Kaffeehaus holen wollte, und tat dies so rasch er konnte. Während der Wein vom Keller heraufgeschafft wurde, fragten ihn eine Anzahl aufgeregter Leute, was geschehen sei, worauf er ihnen in der Eile mitteilte, daß Mr. Dorrit zu Vermögen gekommen.

Als er mit dem Wein wieder zurückkam, fand er, daß sie ihren Vater in seinen Lehnstuhl gebracht und sein Hemd und Halstuch bequemer gemacht. Sie füllten ein Glas mit Wein und hielten es an seine Lippen. Als er etwas geschluckt, nahm er das Glas selbst und leerte es. Bald darauf lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und weinte mit seinem Taschentuch vor dem Gesicht.

Nachdem dies eine Weile gedauert, hielt es Clennam für den rechten Augenblick, seine Aufmerksamkeit von der bloßen Überraschung abzulenken, indem er ihm die Einzelheiten erzählte. Langsam und mit ruhigem Ton setzte er ihm deshalb, so gut er konnte, alles auseinander und verbreitete sich über die Art der Dienste, die Pancks geleistet.

»Er soll – hm – soll schön belohnt werden, Sir«, sagte der Vater aufspringend und rasch im Zimmer auf und ab gehend. »Ich versichere Sie, Mr. Clennam, daß jedermann, der dabei beteiligt ist, – hm – nobel belohnt werden soll. Niemand, mein Herr, soll sagen, daß er einen unbefriedigten Anspruch an mich habe. Ich werde die – hm – die Vorschüsse, die Sie mir gemacht haben, Sir, mit besonderem Vergnügen zurückbezahlen. Ich bitte Sie ferner, sobald es Ihnen bequem ist, mir mitzuteilen, welche Vorschüsse Sie meinem Sohn gemacht.«

Er hatte keine Absicht bei seinem Im-Zimmer-auf-und-ab-Gehen, aber er konnte keinen Augenblick stillstehen.

»Jedermann soll bedacht werden«, sagte er. »Ich will nicht von hier weggehen, solange ich noch in jemandes Schuld stehe. Alle Leute, die sich – hm – gegen mich und meine Familie gut benommen haben, sollen belohnt werden. Chivery soll belohnt werden. Der junge John soll belohnt werden. Ich wünsche ausdrücklich und beabsichtige höchst freigebig zu handeln, Mr. Clennam.«

»Wollen Sie mir erlauben«, sagte Arthur, indem er seine Börse auf den Tisch legte, »Sie für die nächsten Bedürfnisse mit Geld zu versehen, Mr. Dorrit? Ich hielt es für das Beste, Ihnen eine Summe Geldes für diesen Zweck zu bringen.«

»Ich danke Ihnen, Sir, ich danke Ihnen. Ich nehme bereitwillig im gegenwärtigen Augenblick an, was ich noch vor einer Stunde nicht mit gutem Gewissen hätte annehmen können. Ich bin Ihnen für die zeitweilige Aushilfe zu Dank verpflichtet, nur ganz zeitweilig, aber wohl angebracht – wohl angebracht.« Seine Hand hatte sich über dem Geld geschlossen, und er trug es mit sich herum. »Seien Sie so freundlich, Sir, den Betrag zu den früheren Vorschüssen zu schreiben, von denen ich vorhin sprach! und seien Sie gefälligst besorgt, die meinem Sohne gemachten Vorschüsse nicht zu vergessen. Eine einfache mündliche Nachweisung der Totalsumme ist alles, was ich – hm – verlange.«

Sein Blick fiel hierbei auf seine Tochter, und er hielt einen Augenblick inne, um sie zu küssen und ihr über den Kopf zu streichen.

»Es wird nötig sein, eine Putzmacherin aufzusuchen, meine Liebe, und in deinem sehr einfachen Anzug eine rasche und vollständige Änderung eintreten zu lassen. Etwas muß auch mit Maggy geschehen, die im Augenblick – hm – nur leidlich, nur leidlich aussieht. Und deine Schwester, Amy, und dein Bruder. Und mein Bruder, dein Oheim – die arme Seele, ich hoffe, das wird ihn aufraffen – man muß zu ihm schicken und ihn holen lassen. Sie müssen davon unterrichtet werden. Wir müssen es ihnen vorsichtig mitteilen, aber man muß sie sogleich davon unterrichten. Wir sind es ihnen und uns als Pflicht schuldig, von diesem Augenblick sie nichts mehr – hm – nichts mehr tun zu lassen.«

Dies war die erste Andeutung, die er je gegeben hatte, daß er darum wußte, daß sie für den Lebensunterhalt arbeiteten.

Er ging immer noch im Zimmer umher, die Börse fest in der Hand haltend, als ein großes Jubelgeschrei in dem Hofe drunten entstand. »Die Nachricht hat sich bereits verbreitet«, sagte Clennam vom Fenster hinabblickend. »Wollen Sie sich ihnen zeigen, Mr. Dorrit? Sie sind sehr begeistert und wünschen es offenbar.«

»Ich – hm – ha – ich gestehe, ich hätte gewünscht, meine liebe Amy«, sagte er, mit noch größerer Unruhe als zuvor im Zimmer hin und her gehend, »ich hätte gewünscht, vorher mit meiner Kleidung einige Aenderung vornehmen zu können und eine – hm – eine Uhr und Kette zu kaufen. Aber wenn es so geschehen muß, wie die Sachen stehen, – hm – so muß es eben geschehen. Knüpfe mir das Hemd oben zu, meine Liebe. Mr. Clennam, wollen Sie die Güte haben, mir – hm – ein blaues Halstuch zu geben, das Sie in der Schublade neben Ihrem finden werden. Knöpfe meinen Rock über der Brust zusammen, meine Liebe. Er sieht besser aus, – hm – wenn er geknöpft ist.«

Mit seiner zitternden Hand strich er sein Haar in die Höhe und erschien, auf Clennam und seine Tochter gestützt, am Fenster, indem er einen Arm auf beide lehnte. Die Kollegen begrüßten ihn ungemein herzlich, und er warf ihnen mit großer Urbanität und Herablassung Kußhände zu. Als er sich wieder in das Zimmer zurückzog, sagte er: »Die armen Geschöpfe!« in einem Tone voll Mitleid für ihre elende Lage.

Klein-Dorrit war von dem eifrigen Wunsch beseelt, daß er sich niederlegen möchte, um etwas Ruhe und Fassung zu gewinnen. Als Arthur ihr seine Absicht kundgab, daß er gehen wolle, um Pancks zu benachrichtigen, daß er jetzt so bald kommen könne, wie er wolle, um das heitere Geschäft zu Ende zu bringen, bat sie ihn flüsternd zu bleiben, bis ihr Vater ganz ruhig sei. Es bedurfte keiner zweiten Bitte; und sie richtete ihres Vaters Bett her und bat ihn, sich niederzulegen. Die nächste halbe Stunde ließ er sich zu nichts bewegen, sondern ging im Zimmer umher und verhandelte mit sich die Wahrscheinlichkeit für und wider des Marschalls Erlaubnis, daß die ganze Masse der Gefangenen an den Fenstern des Amtsgebäudes, die nach der Straße gingen, sich aufstellen dürfe, um ihn und seine Familie in einem Wagen für immer scheiden zu sehen – was, wie er sagte, seiner Ansicht nach ein großes Schauspiel für sie wäre. Nach und nach begann er jedoch das Haupt zu senken und müde zu werden und legte sich zuletzt auf das Bett.

Sie nahm ihren treuen Platz neben ihm ein und fächelte ihm Luft zu und kühlte seine Stirn; und er schien einzuschlafen (immer mit dem Geld in der Hand), als er sich plötzlich unerwartet aufsetzte und sagte:

»Mr. Clennam, ich bitte um Verzeihung. Soll ich es so verstehen, daß ich – hm – jetzt gleich durch das Pförtnerstübchen gehen und – hm – einen Spaziergang machen dürfte?«

»Ich denke nicht, Mr. Dorrit«, lautete die zögernde Antwort. »Es sind gewisse Formen zu beobachten: und obgleich Ihre Gefangenhaltung hier an und für sich nur noch eine Form ist, so fürchte ich doch, daß es eine Form sei, die noch etwas länger beobachtet werden muß.«

Er vergoß bei diesen Worten wiederum Tränen.

»Nur noch wenige Stunden, Sir«, drängte Clennam freundlich.

»Noch wenige Stunden«, entgegnete er mit plötzlich erwachender Leidenschaftlichkeit. »Sie sprechen sehr leicht von Stunden, Sir! Wie lange glauben Sie, Sir, daß eine Stunde für einen Mann dauert, der nach Luft schmachtet?«

Es war eine letzte Demonstration für diesmal, denn nachdem er noch einige Tränen geweint und sich jammernd beklagt, daß er nicht atmen könne, fiel er nach und nach in Schlummer. Clennam hatte reichliche Beschäftigung für seine Gedanken, als er in dem stillen Zimmer saß und den Vater auf seinem Bett und die Tochter betrachtete, die seinem Gesicht Kühlung zufächelte.

Klein-Dorrit sann gleichfalls nach. Nachdem sie sanft sein graues Haar auf die Seite gestrichen und mit ihren Lippen seine Stirn berührt, sah sie Arthur an, der näher zu ihr herankam und in einem leisen Geflüster den Gegenstand ihrer Gedanken fortsetzte.

»Mr. Clennam, wird er alle Schulden bezahlen können, ehe er von hier weggeht?«

»Ohne Zweifel alle.«

»Alle Schulden, wegen deren er, solange ich lebe und noch länger, hier gefangen sitzt?«

»Ohne Zweifel.«

Es lag etwas wie Ungewißheit und Einwendung in ihrem Blick, etwas, das nichts weniger als Befriedigung war. Er hätte gerne gewußt, was es sei, und sagte:

»Sie freuen sich, daß er es tut?«

»Und Sie?« fragte Klein-Dorrit neugierig.

»Ob ich? Gewiß von Herzen freut es mich!«

»Dann weiß ich, daß es auch mich freuen darf.«

»Freut es Sie nicht?«

»Es erscheint mir hart«, sagte Klein-Dorrit, »daß er so viele Jahre verloren und so viel gelitten und zuletzt doch alle Schulden bezahlen soll. Es erscheint mir hart, daß er mit seinem Leben und seinem Geld bezahlen soll.«

»Mein liebes Kind« – begann Clennam.

»Ja, ich weiß, ich habe unrecht«, verteidigte sie sich ängstlich, »denken Sie nichts Schlechtes von mir. Es ist hier mit mir aufgewachsen.«

Das Gefängnis, das einem so manches rauben kann, hatte Dorrits Gemüt nicht weiter befleckt. Nachdem einmal Verwirrung in die Teilnahme für ihren Vater, den armen Gefangenen, eingetreten, war dies der erste Fleck der Gefängnisatmosphäre, den Clennam je an ihr gesehen hatte, und war der letzte Fleck, den Clennam je an ihr sah.

Er dachte dies und unterließ es, ein weiteres Wort zu sagen. Mit diesem Gedanken traten ihre Reinheit und Güte vor ihm in das hellste Licht. Der kleine Fleck machte sie noch schöner.

Erschöpft durch ihre eignen Gemütsbewegungen und den Einfluß der Stille des Zimmers, ermattete ihre Hand nach und nach, und das Fächeln hörte auf; ihr Kopf sank auf das Pfühl an ihres Vaters Seite nieder. Clennam stand langsam auf, öffnete und schloß die Tür ohne Geräusch und verließ das Gefängnis, indem er das Gefühl der Stille in die geräuschvollen Straßen mit sich hinausnahm.

 

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