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Klein-Dorrit. Erstes Buch

Charles Dickens: Klein-Dorrit. Erstes Buch - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleKlein-Dorrit. Erstes Buch
publisherGutenberg-Verlag
volume1. Buch
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060704
modified20180816
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Vierunddreißigstes Kapitel.

Eine ganze Sandbank voll Barnacles.

Mr. Henry Gowan und der Hund waren ständige Gäste auf dem Landhause, und der Tag für die Hochzeit wurde festgesetzt. Es sollte eine Zusammenberufung der Barnacles bei dieser Gelegenheit stattfinden, damit diese sehr hohe und sehr große Familie der Heirat so viel Glanz verleihe, als ein so trübes Ereignis in sich aufnehmen konnte.

Die ganze Familie Barnacle zusammenzubringen, wäre aus zwei Gründen unmöglich gewesen. Erstens, weil kein Gebäude alle Glieder und Bekannte dieses berühmten Hauses hätte fassen können. Zweitens, weil, wo ein viereckiges Grundstück unter der Sonne oder dem Monde in britischem Besitze und ein öffentlicher Posten dabei war, dieser Posten sich in den Händen eines Barnacle befand. Kein unerschrockener Seemann konnte eine Flaggenstange auf irgendeinem Flecke der Erde aufstecken und von demselben im Namen der britischen Nation Besitz ergreifen, wohin, sobald die Entdeckung bekannt wurde, das Circumlocution Office nicht einen Barnacle und eine Depeschenkapsel abgesandt hätte. So waren die Barnacles über die ganze Welt zerstreut – nach allen Richtungen depeschenkapselten sie den Kompaß.

Während aber selbst die so mächtige Kunst Prosperos nicht imstande gewesen wäre, die Barnacles aus allen Orten des Ozeans und des trockenen Landes, wo nichts zu tun (als Unsinn) und alles einzusacken war, herbeizurufen, war es doch vollkommen möglich, eine große Menge Barnacles zusammenzubringen. Das übernahm Mrs. Gowan selbst, indem sie häufig bei Mr. Meagles vorsprach, um neue Namen zu der Liste hinzuzufügen, und Konferenzen mit dem Vater der Braut hielt, wenn er nicht (was in dieser Zeit beständig der Fall) mit Prüfung und Bezahlung der Schulden seines künftigen Schwiegersohnes in dem Zimmer der ausgleichenden Gerechtigkeit beschäftigt war.

Unter den Hochzeitsgästen befand sich einer, dessen Anwesenheit Mr. Meagles mehr interessierte und am Herzen lag als die Teilnahme des erhabensten Barnacle, den man erwartete, obgleich er durchaus nicht gleichgültig gegen die Ehre solcher Gesellschaft war. Dieser Gast war Clennam. Clennam hatte sich unter den Bäumen in jener Sommernacht ein Versprechen gegeben, das er heilig hielt, und das ihn in der Ritterlichkeit seines Herzens zu manchen stillschweigenden Verpflichtungen verband. Ganz sich selbst vergessend, ihr bei allen Gelegenheiten seine zarten Dienste zu weihen, war seine unverbrüchliche Pflicht; um damit zu beginnen, antwortete er Mr. Meagles: »Ich werde ganz gewiß kommen.«

Sein Kompagnon Daniel Doyce war ein Stein des Anstoßes für Mr. Meagles, da der würdige Mann in seinem ängstlichen Gemüt befürchtete, das Zusammenbringen Daniels mit dem offiziellen Barnacleismus möchte selbst bei einem Hochzeitsfrühstück eine Explosion herbeiführen. Der Nationalbeleidiger jedoch befreite ihn von seiner Verlegenheit, indem er nach Twickenham kam, um mit der Offenheit, die einem alten Freunde vergönnt sei, und als eine Gunst, die ein solcher verdiene, zu bitten, daß man ihn nicht einlade. »Denn«, sagte er, »da mein Geschäft mit diesen Herren einer öffentlichen Pflicht und einem öffentlichen Dienst galt und ihr Geschäft mit mir darin bestand, mich daran zu hindern, indem sie mich auf jede Weise schikanierten, so denke ich, es wäre besser, wenn wir nicht miteinander essen und trinken würden; denn es könnte scheinen, als ob wir einerlei Sinnes wären.« Mr. Meagles war durch diese Schrulle seines Freundes sehr erfreut und behandelte ihn mit noch gnädigerer Gönnermiene als gewöhnlich, indem er nachgebend sagte: »Ja, ja, Dan, Sie sollen Ihrem wunderlichen Willen folgen.«

Clennam suchte, als die Zeit heranrückte, Mr. Henry Gowan durch alle ruhigen und einfachen Mittel beizubringen, daß er offen und ohne Interesse wünsche, ihm jede Freundschaft, die er nur wünschen könne, zu erweisen. Mr. Gowan behandelte ihn dagegen mit seiner gewöhnlichen Leichtigkeit und seinen gewöhnlichen Beweisen von Vertrauen, die nichts weniger als Vertrauen waren.

»Sie sehen, Clennam«, bemerkte er zufällig eines Tages im Verlaufe eines Gesprächs, als sie eine Woche vor der Hochzeit in der Nähe des Landhauses spazierengingen, »ich bin ein getäuschter Mann. Das wissen Sie bereits.«

»Wahrhaftig«, antwortete Clennam etwas verlegen, »ich wüßte kaum, wie.«

»Nun«, versetzte Gowan. »Ich gehöre zu einem Geschlecht, oder einer Gemeinschaft, oder einer Familie, oder einer Verwandtschaft, oder wie Sie es nennen wollen, die auf fünfzigerlei Weise für mich hätte sorgen können, die sich's aber in den Kopf gesetzt, es nicht zu tun. So bin ich nun ein armer Teufel von Künstler.«

Clennam begann: »Aber auf der andern Seite –«, als Gowan ihm ins Wort fiel.

»Ja, ja, ich weiß. Ich habe das große Glück, von einem schönen und liebenswürdigen Mädchen geliebt zu werden, das auch ich von ganzem Herzen liebe.«

»Ist das viel?« dachte Clennam. Und als er es gedacht, schämte er sich über sich selbst.

»Und habe das Glück, einen Schwiegervater zu finden, der ein Kapitaljunge ist und ein freigebiger, guter, alter Junge. Es wurden mir freilich andre Aussichten in den Kopf gewaschen und gekämmt, als man mir diesen wusch und kämmte, und ich nahm sie in eine öffentliche Schule mit, als ich mir ihn selbst kämmte und wusch, und nun bin ich verlassen von all diesen Aussichten, ein getäuschter Mann.«

Clennam dachte, und als er es dachte, schämte er sich wieder über sich selbst: ist diese Idee eines getäuschten Lebens die Behauptung einer Stellung, die der Bräutigam als sein Eigentum in die Familie bringt, nachdem er sich bereits damit geschadet? Und ist überhaupt etwas Hoffnungsvolles oder Vielversprechendes dabei?

»Ich denke, Sie sind nicht bitter enttäuscht«, sagte er laut.

»Zum Teufel, nein! nicht bitter«, lachte Gowan, »meine Leute sind das nicht wert, daß – obgleich es liebenswürdige Jungen sind und ich die größte Zuneigung für sie besitze. Und dann ist es herrlich, ihnen zu zeigen, daß ich ohne sie existieren kann und daß sie alle zum Teufel gehen können. Und dann sind ja auch die meisten Menschen im Leben auf die eine oder andre Art getäuscht worden und durch diese ihre Täuschung präpariert. Aber es ist eine schöne gute Welt, und ich liebe sie!«

»Sie liegt jetzt sehr schön vor Ihnen!« sagte Arthur.

»Schön wie dieser sommerliche Fluß«, rief der andre mit Enthusiasmus, »und ich glühe, beim Jupiter, vor Bewunderung und vor Begierde, den Wettlauf in ihr zu beginnen. Es ist die beste der alten Welten! Und mein Beruf! Die beste aller Berufsarten, nicht wahr?«

»Voll Interesse und Ehrgeiz, denke ich«, sagte Clennam.

»Und Betrug«, fügte Gowan lachend hinzu; »wir dürfen den Betrug nicht vergessen. Ich hoffe, ich werde nicht darunter erliegen; aber hier wird es sich zeigen, daß ich ein getäuschter Mann bin. Ich werde nicht imstande sein, ihm keck genug zu trotzen. Zwischen Ihnen und mir, glaube ich, ist eine Gefahr vorhanden, daß ich, der ich schon erbittert genug bin, das nicht werde tun können.«

»Was tun?« fragte Clennam.

»Es zu behaupten. Mir meinerseits zu helfen, wie mein Vordermann seinerseits sich hilft, und die Rauchflasche weitergehen zu lassen. Den Schein bewahren, als wenn man arbeitete, studierte, Geduld übte und seiner Kunst treu wäre, ihr manchen einsamen Tag widmete und ihr manches Vergnügen opferte und ganz in ihr lebte und so weiter – kurz, die Rauchflasche der Regel gemäß herumgehen zu lassen.«

»Aber es ziemt dem Mann, seinen Beruf zu respektieren, welcher Art er auch sei, und sich für verpflichtet zu erachten, ihn geltend zu machen und die Achtung für ihn zu fordern, die er verdient, nicht wahr?« behauptete Arthur. »Und Ihr Beruf, Gowan, kann wirklich diese Aufopferung und diesen Dienst verlangen. Ich gestehe, ich hätte geglaubt, jede Kunst verdiene das?«

»Was für ein guter Mensch Sie sind, Clennam!« rief der andre stehenbleibend, um ihn mit ununterdrückbarer Bewunderung anzusehen. »Was für ein herrlicher Mensch. Sie sind nie getäuscht worden, das ist leicht zu sehen.«

Es wäre so grausam gewesen, wenn er das wirklich gemeint hätte, daß Clennam fest entschlossen war, zu glauben, dies könne nicht seine Meinung sein. Gowan legte, ohne sich zu unterbrechen, die Hand auf seine Schulter und fuhr lachend und in leichtem Ton fort:

»Clennam, ich möchte Ihre schönen Visionen nicht zerstören und würde alles Geld (wenn ich welches hätte) geben, um in solch rosigem Nebel zu leben. Aber was ich bei meinem Geschäft tue, geschieht, um zu verkaufen. Was wir Kunstgenossen machen, machen wir, um zu verkaufen. Wenn wir nicht so teuer wie möglich zu verkaufen brauchten, würden wir's gewiß nicht tun. Da es eine Arbeit ist, muß sie auch getan werden, aber sie ist leicht genug getan. Alles übrige ist Hokuspokus. Das ist einer von den Vorteilen oder Nachteilen, einen getäuschten Mann zu kennen. Sie hören die Wahrheit.«

Was er gehört, und mochte es diesen oder einen andern Namen verdienen, es prägte sich in Clennams Geiste tief ein. Es faßte solchermaßen Wurzel darin, daß er zu fürchten begann, Henry Gowan werde sein ganzes Leben trüben und er habe am Ende durch die Abdankung jenes Niemand mit all seinen Widersprüchen, Besorgnissen und Unbeständigkeiten nichts gewonnen. Er fühlte in seiner Brust noch immer einen Kampf zwischen seinem Versprechen, Gowan vor Mr. Meagles im hellsten Lichte zu zeigen, und dem dunklen Lichte, in dem ihm unwillkürlich Gowan beständig erschien. Auch konnte er seine gewissenhafte Natur gegen den Vorwurf, daß er ihn entstelle und verzerre, dadurch nicht wappnen, daß er sich vorhielt, er sei auf diese Entdeckungen ja nicht selbst ausgegangen und würde sie mit der größten Bereitwilligkeit und Freude sogar vermieden haben. Denn er konnte nie vergessen, was gewesen; und er wußte, daß ihm Gowan einst aus keinem andern Grunde mißfallen hatte, als weil er ihm in den Weg gekommen war.

Durch solche Gedanken beunruhigt, begann er zu wünschen, die Hochzeit wäre vorüber, Gowan und seine junge Frau wären abgereist und er wäre selbst mit der Erfüllung seines Versprechens und der Entledigung von der edlen Aufgabe, die er übernommen, beschäftigt. Die letzte Woche war in Wirklichkeit für das ganze Haus eine unbehagliche Zeit. Vor Pet und vor Gowan strahlte Mr. Meagles. Clennam hatte ihn jedoch mehr als einmal allein und sehr entstellt vor seiner Wage und Schaufel getroffen und hatte ihn oft den Liebenden im Garten oder sonstwo, da man ihn nicht sehen konnte, mit dem alten umwölkten Gesicht, auf das Gowan wie ein Schatten gefallen war, nachblicken sehen. Bei der Zurichtung des Hauses für die große Feierlichkeit mußte manches, was an die früheren Reisen von Vater, Mutter und Tochter erinnerte, anderswohin gestellt werden und ging von Hand zu Hand. Zuweilen konnte bei dem Anblick dieser stummen Zeugen des Lebens, das sie miteinander geführt hatten, auch Pet dem Schluchzen und Weinen nicht widerstehen. Mrs. Meagles, die heiterste und beschäftigtste aller Mütter, ging singend und aufmunternd umher; aber die ehrliche Seele flüchtete sich dann gewöhnlich in die Vorratskammern, wo sie weinte, bis ihre Augen rot waren, und schrieb, wenn sie wieder zum Vorschein kam, diese Erscheinung eingemachten Zwiebeln und Pfeffer zu und sang heiterer, denn zuvor. Mrs. Tickit, die keinen Balsam für ihr verwundetes Herz in Buchans »Hausarzt« fand, hatte viel unter ihrer Niedergeschlagenheit und den Erinnerungen, die ihr aus Minnies Kindheit aufstiegen, zu leiden. Wenn die letzteren recht lebendig vor ihre Seele traten, schickte sie gewöhnlich einen geheimen Boten hinauf, der auszurichten hatte, daß sie nicht salonmäßig angezogen sei und »ihr Kind« bitten lasse, ihr einen Augenblick in der Küche zu gönnen; da segnete sie dann ihres Kindes Gesicht und segnete ihres Kindes Herz und liebkoste ihr Kind unter Tränen und Glückwünschen, Hackbrettern, Rollhölzern, Pastetenkrusten mit der Zärtlichkeit einer anhänglichen alten Dienerin, der schönsten Zärtlichkeit, die es nur geben kann.

Aber es kommen die Tage, die kommen sollen; und der Hochzeitstag sollte kommen und kam; und mit ihm kamen alle die Barnacles, die zu dem Feste gebeten waren.

So Mr. Tite Barnacle, vom Circumlocution Office und News Street, Grosvenor Square, mit der verschwenderischen Mrs. Tite Barnacle, geborenen Stiltstalking, die machte, daß die Quartale so langsam herbeikamen, und den drei verschwenderischen Miß Tite Barnacles, doppelt geladen mit Talenten und bereit loszugehen, und doch nicht mit der Schärfe von Blitz und Knall losgehend, wie man erwarten konnte, sondern höchstens schwelend. Ferner Barnacle junior, gleichfalls vom Circumlocution Office, der den Schiffszoll des Landes, von dem man annahm, daß er ihn unter seinen besondern Schutz genommen habe, in diesem Augenblick sich selbst überließ und, aufrichtig gesagt, dadurch der Wirksamkeit seines Schutzes nicht den geringsten Eintrag tat. Ferner der einnehmende junge Barnacle, von der heitern Seite der Familie abstammend und gleichfalls vom Circumlocution Office, half bei der ganzen Feierlichkeit in heiterer und angenehmer Weise und behandelte sie in seiner glänzenden Art, als eine der offiziellen Formen und Nebeneinkünfte des Kirchendepartements vom »Wie man's nicht machen müsse«. Noch drei andere Barnacles von drei andern Bureaus waren zugegen, unschmackhaft für alle Sinne und des Einsalzens äußerst bedürftig, die die Hochzeit behandelten, wie sie den Nil, das alte Rom, den Dichter Milton oder Jerusalem »behandelt« hätten.

Aber es war noch feineres Wildbret zugegen als dieses, nämlich Lord Decimus Tite Barnacle selbst, mit dem Geruch des Circumlocution Office – mit dem echten Depeschenkapselgeruch an sich. Ja, Lord Decimus Tite Barnacle war zugegen, der auf den Schwingen eines Gedankens voll Entrüstung zu diesen bureaukratischen Höhen sich emporgeschwungen hatte, des Gedankens nämlich: Meine Lords, man sagt mir noch immer, daß es einem Minister dieses freien Landes zieme, der Philanthropie Ketten anzulegen, die Wohltätigkeit zu beschränken, den öffentlichen Geist zu fesseln, die Spekulation zu hemmen, das unabhängige Selbstvertrauen seines Volkes zu dämpfen. Das hieß mit andern Worten, man lasse diesen großen Staatsmann beständig wissen, dem Schiffspiloten zieme alles, nur nicht, daß er in dem privaten Brot- und Fischhandel am Ufer prosperiere, da die Menge imstande sei, durch angestrengtes Pumpen das Schiff ohne ihn über Wasser zu erhalten. In dieser erhabenen Entdeckung, in der großen Kunst, wie es nicht zu tun war, hatte Lord Decimus lange den höchsten Ruhm der Familie Barnacle gesucht. Mochte irgendein übelberichtetes Glied irgendeines Hauses versuchen, wie man es machen müsse, indem es eine Bill, die Sache doch noch zu erledigen, einbrachte: diese Bill war so gut wie tot und begraben, wenn Lord Decimus Tite Barnacle von seinem Platz aufstand und feierlich sagte, indem er sich in entrüsteter Majestät erhob – wobei auch die Circumlocution Office sich jauchzend um ihn erhob –, er müsse sich noch immer sagen lassen, es zieme ihm, als dem Minister dieses freien Landes, der Philanthropie Bande anzulegen, die Wohltätigkeit zu beschränken, den öffentlichen Geist zu fesseln, die Spekulation zu hemmen, das unabhängige Selbstvertrauen seines Volkes zu dämpfen. Die Entdeckung dieser Schicklichkeitsmaschine war die Entdeckung des politischen Perpetuum mobile. Sie nützte sich nie ab, obwohl sie in allen Abteilungen der Staatsverwaltung beständig in Bewegung war.

Mit seinem edlen Freund und Verwandten Lord Decimus war William Barnacle erschienen, der die ewig denkwürdige Koalition mit Tudor Stiltstalking begründet und der immer sein besonderes Rezept »Wie man's nicht machen müsse« bereit hatte. Indem er bald den Sprecher leicht berührte und, um die Sache frisch aus ihm herauszulocken, zu ihm sagte: »Zuerst möchte ich Sie bitten, Sir, das Haus davon zu unterrichten, welche Vorgänge wir für das Verfahren haben, in das uns der ehrenwerte Herr hineinreißen will«, bald den ehrenwerten Herrn bat, ihm seine Ansicht von den Vorgängen mitzuteilen, bisweilen gar dem ehrenwerten Herrn sagte, er (William Barnacle) wolle nach einem Präzedenzfall suchen, oft aber auch den ehrenwerten Herrn mit der Bemerkung, daß kein Präzedenzfall existiere, auf der Stelle niederschlug. Präzedenzfall und Überstürzung waren jedoch unter allen Umständen das gut zusammenpassende Paar Schlachtrosse dieses gewandten Circumlocutionisten. Es half deshalb nichts, daß der unglückliche ehrenwerte Herr seit fünfundzwanzig Jahren vergeblich William hineinzureißen suchte – William Barnacle überließ es dem Haus und (in zweiter Hand) dem Land, ob er hineingerissen werden sollte. Abgesehen davon, daß es gänzlich unvereinbar mit der Natur der Dinge und dem Lauf der Ereignisse war, daß der unglückliche ehrenwerte Herr möglicherweise einen Präzedenzfall für die Sache beibringen konnte – William Barnacle dankte ihm gewöhnlich für diese ironische Freude, verständigte sich mit ihm über diesen Streitpunkt und sagte ihm ins Gesicht, daß es keinen Präzedenzfall für die Sache gebe. Es möchte vielleicht eingeworfen werden, die Weisheit William Barnacles sei keine große Weisheit, oder die Erde, die sie betrog, sei nie geschaffen worden oder, wenn durch einen raschen Mißgriff geschaffen, rein verrückt geblieben. Aber die Einwände Präzedenzfall und Überstürzung schreckten die meisten Leute von einem weiteren Einwurf ab.

Noch ein anderer Barnacle war erschienen, ein sehr lebendiger, der in rascher Reihenfolge zwanzig Stellen eingenommen und stets zwei bis drei innehatte und der sehr geachtete Erfinder einer Kunst war, die er mit großem Erfolg und vieler Bewunderung in allen Regierungsbranchen der Barnacles übte. Diese Kunst bestand darin, wenn eine parlamentarische Frage über irgendeinen wichtigen Punkt an ihn gerichtet wurde, eine Antwort über einen andern zu geben. Es hatte ihm dies ungeheure Dienste geleistet und ihn in große Achtung beim Circumlocution gebracht.

Außerdem war eine kleine Anzahl von weniger ausgezeichneten Barnacles vom Parlament anwesend, die sich noch keine Stellung errungen und ihre Probezeit bestanden, um sich würdig zu erweisen. Diese Barnacles saßen auf Treppen und standen in Gängen, den Befehl erwartend, ein Haus zu machen oder kein Haus zu machen. Und sie verrichteten all ihr »Hört! Hört!«- und »Oho«-Rufen, Beifallsäußern und Murren unter der Leitung der Häupter der Familie; und sie brachten Strohmannsanträge vor, um den Anträgen anderer Leute in den Weg zu treten. Sie verzögerten die Aussprache über unbequeme Dinge bis tief in die Nacht oder spät in die Sitzung. Dann aber riefen sie mit kräftigem Patriotismus, es sei zu spät; und sie gingen in das Land hinein, sooft man sie sandte, und schworen, daß Lord Decimus das Gewerbe aus einer Ohnmacht wieder ins Leben gerufen und den Handel aus einer Krise zur Gesundung gebracht, die Kornernte verdoppelt, die Heuernte vervierfacht und kein Stückchen Gold aus der Bank gelassen habe. Auch diese Barnacles wurden, wie so viele andere Karten unter den Hauptkarten, durch die Häupter der Familie zu den öffentlichen Versammlungen und Diners ausgegeben, wo sie von allen Arten von Diensten ihrer edlen und ehrenwerten Verwandten Zeugnis ablegten und die Barnacles auf alle Arten von Toasten als Butter strichen. Sie standen bei allen Arten von Wahlen unter ähnlichem Befehl und verließen ihre Sitze auf den leisesten Wink und die unvernünftigsten Gründe hin, um für andre Platz zu machen. Sie holten und brachten, machten die Makler und bestachen, verschlangen Haufen von Schmutz und waren unermüdlich im öffentlichen Dienste. Und es war im ganzen Circumlocution Office keine Liste von Stellen, die innerhalb eines halben Jahrhunderts hätten vakant werden können, vom Lord Großschatzmeister bis zum chinesischen Konsul, und wieder hinauf bis zum Generalgouverneur von Indien, auf der nicht die Namen eines oder aller dieser hungrigen und sich überall anhängenden Barnacles als Bewerber geprangt hätten.

Es konnte natürlich nur eine kleine Zahl von jeder Klasse von Barnacles der Hochzeit anwohnen, denn es waren im ganzen nicht volle zwei Schock, und was will das heißen bei einer Legion! Aber diese kleine Anzahl erschien wie ein Schwarm in dem Landhause von Twickenham und füllte es vollständig. Ein Barnacle (assistiert von einem Barnacle) vollzog die Trauung des glücklichen Paares, und es ziemte sich, daß Lord Decimus Tite Barnacle selbst Mrs. Meagles zum Frühstück führte.

Die Unterhaltung war nicht so angenehm und ungezwungen, wie sie hätte sein können. Mr. Meagles, durch seine gute Gesellschaft verwirrt, während er sie im vollem Maß zu schätzen wußte, war nicht er selbst. Mrs. Meagles war sie selbst, aber das erhöhte seine Stimmung nicht. Die Einbildung, daß es nicht Mr. Meagles gewesen, der im Wege gestanden hatte, sondern die hohe Familie, und daß die hohe Familie eine Konzession gemacht, und daß nun eine schmeichelhafte Einmütigkeit herrsche, dieses Gefühl zog sich durch das ganze Fest, wenn es auch nicht offen ausgesprochen wurde. Und dann fühlten die Barnacles auch, daß sie ihrerseits mit den Meagles' abgeschlossen hätten, wenn der gegenwärtige herablassende Vorgang vorüber sei; und die Meagles' fühlten ihrerseits dasselbe. Gowan, der seine Rechte als getäuschter Mann geltend machte, der seinen Groll gegen die Familie hegte und seiner Mutter vielleicht nur darum gestattet hatte, sie hierherzubringen, weil er hoffte, sie würden sich ärgern, oder aus irgendeinem andern wohlwollenden Grunde – Gowan hielt ihnen seinen Pinsel und seine Armut mit großem Gepränge unter die Augen und sagte, er hoffe, mit der Zeit seiner Frau damit eine Kruste Brot und Käse zu erwerben, und bitte diejenigen von ihnen, die (reicher als er selbst) auf irgend etwas Gutes Anspruch machen und ein Bild kaufen könnten, sich gefälligst des armen Malers zu erinnern. Lord Decimus, der ein Wunder auf seinem Parlamentssockel war, manifestierte sich hier als der einfältigste Mensch von der Welt. Er wünschte nämlich der Braut und dem Bräutigam Glück in einer Reihe von Plattheiten, die jedem einfachen Schüler und Gläubigen das Haar hätte zu Berge stehen machen, und er trottelte mit der Selbstgefälligkeit eines dummen Elefanten in heulenden Labyrinthen von Sentenzen umher, die er für Landstraßen hielt, und aus denen er sich nur mit großer Mühe wieder herausfand. Mr. Tite Barnacle fühlte unwillkürlich, daß eine Person in der Gesellschaft sei, die ihn daran gehindert hätte, Sir Thomas Lawrence sein Leben lang in voller Amtstracht zu sitzen, wenn eine solche Störung möglich gewesen wäre. Während Barnacle junior mit Entrüstung zwei schalen jungen Leuten, seinen Verwandten, mitteilte: »Es ist ein Mensch hier, sehen Sie bloß mal an, der kam in unsere Verwaltungsabteilung ohne Vorladung und sagte, er möchte etwas wissen, wissen Sie; ja, und nun sehen Sie bloß mal an, wenn er jetzt loslegen könnte, wie er wollte, nicht wahr (denn man kann nie sagen, was solch ein ungebildeter Radikaler im nächsten Moment tut), und sagte, nicht wahr, er möchte im Augenblick etwas wissen, nicht wahr, das wäre hübsch, nicht wahr?«

Der schönste Teil dieses Festes war für Clennam bei weitem der schmerzlichste. Als Mr. und Mrs. Meagles zuletzt Pet in dem Zimmer mit den beiden Bildern (wo die Gesellschaft nicht war) umarmten, ehe sie sich mit ihr zu der Schwelle hinabbegaben, über die sie nie wieder als die alte Pet und die alte Freude schreiten sollte, konnte nichts natürlicher und einfacher sein, als diese drei Menschen waren. Gowan selbst war gerührt und antwortete auf Mr. Meagles': »O Gowan, sorgen Sie für sie, sorgen Sie für sie!« mit großem Ernst: »Grämen Sie sich nicht so sehr, Sir. Beim Himmel, ich werde für sie sorgen!« Mit einigen letzten Seufzern und noch einigen liebevollen Worten und einem letzten Blick auf Clennam, in dem das volle Vertrauen auf sein Versprechen lag, sank Pet in den Wagen zurück. Ihr Gatte winkte mit der Hand, und sie fuhren nach Dover, nicht früher freilich, als bis die getreue Mrs. Tickit in ihrem seidenen Kleid und mit ihren achatschwarzen Locken aus einem Schlupfwinkel hervorgekommen und ihre beiden Schuhe dem Wagen nachgeworfen hatte:Ein alter Hochzeitsbrauch, der aber nur bei den einfachen Volksklassen noch üblich war. eine Erscheinung, die großes Aufsehen bei der vornehmen Gesellschaft an den Fenstern erregte.

Da die Anwesenheit der genannten Gesellschaft nun nicht weiter erforderlich war und die ersten Barnacles ziemlich wichtig zu tun hatten (denn sie waren gerade in diesem Augenblick dabei, einen oder zwei Vasallen abzusenden und sie wie der fliegende Holländer in den Meeren umherschießen zu lassen, damit sie möglichst viel Verwirrung anrichteten und sich so für die Hemmung einer Menge wichtiger Geschäfte bemühten, die sonst womöglich erledigt worden wären), stob die Gesellschaft nach verschiedenen Richtungen auseinander, indem sie mit größter Freundlichkeit Mr. und Mrs. Meagles deutlich zu verstehen gab, daß sie das, was sie hier getan, als ein Opfer zum Besten von Mr. und Mrs. Meagles dargebracht hatte. Dies brachten diese Herrschaften denn auch stets Mr. John Bull bei ihrer amtlichen Herablassung zu diesem unglücklichen Geschöpf zum Ausdruck.John Bull: die humoristische Personifikation des englischen Volkes; entsprechend dem deutschen Michel.

Eine traurige Leere entstand in dem Haus und in den Herzen des Vaters, der Mutter und Clennams. Mr. Meagles rief jedoch eine Erinnerung zu Hilfe, die ihm sehr wohl tat.

»Es ist immerhin sehr angenehm, Arthur«, sagte er, »darauf zurückzublicken.«

»Auf die Vergangenheit?« sagte Clennam.

»Ja – aber ich meine die Gesellschaft.«

Es hätte ihn sonst weit mehr niedergedrückt und unglücklich gemacht, aber nun tat es ihm wirklich wohl. »Es ist sehr angenehm«, sagte er noch oft im Verlauf des Abends diese Bemerkung wiederholend: »Solch hohe Gesellschaft!«

 

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