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Klein-Dorrit. Erstes Buch

Charles Dickens: Klein-Dorrit. Erstes Buch - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleKlein-Dorrit. Erstes Buch
publisherGutenberg-Verlag
volume1. Buch
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Dreiunddreißigstes Kapitel.

Mrs. Merdles Übel.

Mrs. Gowan faßte, in das unvermeidliche Schicksal sich fügend, indem sie die vorteilhafteste Seite dieser Miggles herauskehrte, den edelmütigen Entschluß, sich der Heirat ihres Sohnes nicht zu widersetzen. Auf dem Wege zu diesem Entschluß, zu dem sie endlich glücklich gekommen, wurde sie vielleicht nicht bloß durch ihre mütterliche Liebe, sondern auch durch dreierlei Erwägungen der Klugheit beeinflußt.

Von diesen mag die erste die gewesen sein, daß ihr Sohn niemals die leiseste Absicht zu erkennen gegeben hatte, ihre Einwilligung einzuholen. Ferner hatte er nie ein Mißtrauen in seine Fähigkeit, sich von dieser Pflicht zu dispensieren, offenbart. Die zweite war die, daß die Pension, die ihr ein dankbares Land (und ein Barnacle) zuerkannt, von allen, selbst den kleinsten kindlichen Eingriffen fortan befreit sein würde, sobald ihr Sohn Henry mit dem einzigen Liebling eines Mannes in sehr vermöglichen Umständen verheiratet wäre; die dritte, daß Henrys Schulden von seinem Schwiegervater bei Heller und Pfennig auf dem Altargeländer bezahlt werden müßten. Wenn zu diesen dreifachen Klugheitsrücksichten das Faktum hinzugefügt wird, daß Mrs. Gowan ihre Zustimmung in dem Augenblick gab, als sie erfuhr, daß Mr. Meagles die seinige gegeben, und daß Mr. Meagles' Einspruch gegen die Heirat bislang das einzige Hindernis gewesen war, so erreicht es die Höhe der Wahrscheinlichkeit, daß die Witwe des verstorbenen Unterhändlers, der eigentlich nichts zu unterhandeln hatte, diese Ideen in ihrem schlauen Geiste wohl erwogen hatte.

Unter ihren Verwandten und Bekannten bewahrte sie jedoch ihre persönliche Würde und die Würde des Bluts der Barnacles, indem sie fleißig die Behauptung wiederholte, daß es ein sehr unglücklicher Handel wäre. Sie sei sehr betrübt darüber, daß Henry unter einem wahren Zauberbanne stehen müsse; daß sie sich lange widersetzt habe, aber was könne eine Mutter tun, und dergleichen.

Sie hatte sich sogar auf Arthur Clennam, als auf einen Freund der Familie Meagles, berufen, um diese Fabel zu bekräftigen, und sie ging noch weiter, indem sie sogar die Familie selbst zu gleichem Zweck in Anspruch nahm. Bei der ersten Zusammenkunft, die sie Mr. Meagles zugestand, gab sie sich das Ansehen, als ob sie mit schwerem Herzen, aber doch voll Güte, in das unwiderstehliche Drängen einwillige. Mit der größten Höflichkeit und Feinheit tat sie, als ob sie – nicht er – die Schwierigkeiten gemacht und endlich nachgegeben hätte, und als ob das Opfer ihrerseits – nicht seinerseits – bestände. Dieselbe Finte wandte sie mit derselben feinen Geschicklichkeit gegen Mrs. Meagles an, als ob ein Verschwörer etwa dieser unschuldigen Dame eine Karte aufgedrungen hätte. Als dann die künftige Schwiegertochter ihr von ihrem Sohne vorgestellt wurde, sagte sie, während sie sie umarmte: »Mein liebes Kind, was haben Sie Henry angetan, daß er so bezaubert ist!« indem sie zu gleicher Zeit einigen Tränen erlaubte, das kosmetische Pulver auf ihrer Nase in kleinen Pillen vor sich herzutreiben, als ein zartes, aber rührendes Zeichen, daß sie innerlich viel leide, obgleich sie äußerlich mit großer Fassung ihr Unglück trage.

Unter den Freundinnen von Mrs. Gowan, die sich zu gleicher Zeit darauf spitzte, zur Gesellschaft zu zählen und intimen und ungezwungenen Verkehr mit dieser Macht zu pflegen – unter diesen Freundinnen stand Mrs. Merdle in erster Reihe. Die Zigeuner von Hampton Court rümpften ohne Ausnahme die Nase über die Merdles als Emporkömmlinge; aber sie senkten auch wieder die Nasen, indem sie aus Achtung vor ihrem Reichtum flach auf den Boden fielen. In dieser sich ausgleichenden Stellung ihrer Nasen waren sie der Schatzkammer, dem Stande der Rechtsanwälte und der Bischöfe, bzw. deren Vertretern und allen übrigen ungemein ähnlich.

Mrs. Gowan machte Mrs. Merdle einen Beileidsbesuch in eigner Sache, sozusagen, nachdem sie die erwähnte gnädige Einwilligung gegeben. Sie fuhr zu diesem Ende in einem einspännigen Wagen, in jener Periode der englischen Geschichte unehrfürchtigerweise Pillenschachtel genannt, nach der Stadt. Der Wagen gehörte einem armseligen Makler, der ihn selbst führte und tage- oder stundenweise an die meisten alten Damen in Hampton Court vermietete; aber es war ein heiliger Gebrauch dieses Wagens, daß die ganze Equipage stillschweigend als das Privateigentum des Mieters für die Dauer der Miete angesehen wurde und daß der Makler niemand persönlich kennen sollte als den Mieter, der im momentanen Besitz des Wagens war. So behaupteten ja auch die Barnacles vom Circumlocution-Office, die die größten Makler des Universums waren, keinen andern Mieter zu kennen als den, der gerade im Augenblick im Besitz einer Sache war.

Mrs. Merdle war zu Hause und saß in ihrem Nest von Scharlach und Gold, während der Papagei in der Nähe auf einer Stange saß und sie mit zur Seite geneigtem Kopf betrachtete, als wenn er sie ebenfalls für einen glänzenden Papagei, nur von einer größeren Gattung, hielte. Mrs. Gowan trat mit ihrem grünen Lieblingsfächer, der das Licht auf den roten Flecken ihres allzu blühenden Antlitzes dämpfte, bei ihr ein.

»Meine teure Freundin«, sagte Mrs. Gowan und klopfte mit dem Fächer nach einem kurzen gleichgültigen Gespräch den Handrücken ihrer Freundin: »Sie sind mein einziger Trost! Die Geschichte mit Henry, von der ich Ihnen erzählte, wird demnächst vor sich gehen. Nun, was denken Sie davon? Ich sterbe vor Ungeduld, es zu wissen, da Sie die Gesellschaft so vortrefflich repräsentieren und die Meinung derselben klar kundzugeben imstande sind.«

Mrs. Merdle musterte den Busen, den die Gesellschaft zu mustern pflegte, und nachdem sie sich überzeugt, daß das Schaufenster von Mr. Merdle und den Londoner Juwelieren in bester Ordnung sei, antwortete sie:

»Bei einer Heirat, meine Liebe, verlangt die Gesellschaft auf seiten des Mannes, daß er durch die Verbindung seinen Vermögensverhältnissen aufhilft. Die Gesellschaft verlangt, daß er durch die Verbindung gewinnt. Die Gesellschaft verlangt, daß er durch die Verbindung in eine hübsche Stellung kommt. Die Gesellschaft begreift sonst nicht, was er mit einer Heirat will. Vogel, sei still!«

Der Papagei, der nämlich in seinem Käfig über ihnen bei der Verhandlung den Vorsitz führte, als wenn er Richter wäre, sah ziemlich wie ein solcher aus und hatte die Auseinandersetzung mit einem entsprechenden Spektakel abgeschlossen.

»Es gibt Fälle«, sagte Mrs. Merdle, indem sie den kleinen Finger ihrer Lieblingshand sanft krümmte und ihre Bemerkungen durch diese zierliche Aktion noch zierlicher machte, »es gibt Fälle, wo ein Mann nicht jung oder elegant, aber reich ist und bereits eine hübsche Stellung hat. Diese sind von anderer Art. In solchen Fällen –«

Mrs. Merdle zuckte die schneeweißen Schultern und legte ihre Hand auf das Juwelenkissen, indem sie ein kleines Hüsteln unterdrückte, als wenn sie hinzufügen wollte: »Warum sollte ein Mann auf solche Dinge sehen, meine Liebe?« Dann schrie der Papagei wieder, und sie setzte ihr Glas auf, um nach ihm zu sehen, und sagte: »Vogel, sei still!«

»Aber junge Leute«, fuhr Mrs. Merdle fort, »und Sie wissen, was ich unter jungen Leuten verstehe, meine Liebe – ich meine die Söhne gewöhnlicher Leute, die noch die Welt vor sich haben, – solche müssen sich durch eine Heirat in eine bessere Stellung zur Gesellschaft bringen, sonst wird die Gesellschaft sich unbarmherzig lustig über sie machen. Schrecklich eigennützig klingen diese Worte«, sagte Mrs. Merdle, indem sie sich in ihr Nest zurücklehnte und ihren Kneifer wieder aufsetzte, »nicht wahr?«

»Aber es ist richtig«, sagte Mrs. Gowan mit einer höchst moralischen Miene.

»Meine Liebe, es läßt sich keinen Augenblick bestreiten«, versetzte Mrs. Merdle, »weil die Gesellschaft sich mal darauf gespitzt hat; es läßt sich nichts weiter darüber sagen. Wenn wir in einem ursprünglicheren Zustand lebten, wenn wir unter Dächern von Laub wohnten und Kühe und Schafe und Vieh hielten, statt Wechselgeschäfte zu machen – was köstlich wäre, meine Liebe, ich bin von Hause aus bis zu einem gewissen Grade sehr für das Landleben eingenommen – dann gut und schön. Aber wir leben mal nicht unter Laubdächern und halten keine Kühe und Schafe und Vieh. Ich schwatze mich bisweilen ganz außer Atem, wenn ich Edmund Sparkler diesen Unterschied auseinandersetze.«

Mrs. Gowan, die über ihren grünen Fächer hinsah, als der Name dieses jungen Mannes genannt wurde, antwortete wie folgt:

»Meine Liebe, Sie kennen den heruntergekommenen Zustand dieses Landes – die unglückseligen Zugeständnisse von John Barnacle! – und Sie wissen somit den Grund, weshalb ich so arm wie – bin.«

»Wie eine Kirchenmaus!« warf Mrs. Merdle lächelnd ein.

»Ich dachte an die andre sprichwörtliche Kirchenperson – Hiob«, sagte Mrs. Gowan. »Beides richtig. Es wäre deshalb umsonst, sich zu verhehlen, daß ein großer Unterschied zwischen der Stellung Ihres Sohnes und der meines Sohnes ist. Ich darf hinzufügen, daß Henry Talent hat –«

»Was Edmund freilich nicht hat«, sagte Mrs. Merdle mit der größten Freundlichkeit.

»– und daß sein Talent verbunden mit Enttäuschungen«, fuhr Mrs. Gowan fort, »ihn auf eine Bahn brachten – ach, Gott! Sie wissen, meine Liebe. In solcher Lage Henrys war die Frage, was die unterste Klasse von Heiraten ist, mit der ich mich einverstanden erklären kann.«

Mrs. Merdle war so sehr mit der Betrachtung ihrer Arme beschäftigt (herrlich geformter Arme, wie für Armbänder gemacht), daß sie einen Augenblick zu antworten vergaß. Durch die eingetretene Stille endlich aufgeschreckt, faltete sie ihre Arme, sah ihrer Freundin mit bewunderungswürdiger Geistesgegenwart offen ins Gesicht und sagte fragend: »Ja–a? Und dann?«

»Und dann, meine Liebe«, sagte Mrs. Gowan, nicht ganz so artig wie zuvor, »ich wünschte sehr zu hören, was Sie dazu zu sagen haben.«

Hier brach der Papagei, der, seit er zuletzt geschrien, auf einem Beine stand, in ein lautes Gelächter aus, baumelte höchst komisch mit beiden Füßen auf und nieder, stand zuletzt wieder auf einem Fuße und hielt zu einer Antwort inne, indem er den Kopf so schief wie möglich drehte.

»Es klingt kaufmännisch, zu fragen, was der Mann mit der Frau tun soll«, sagte Mrs. Merdle: »aber die Gesellschaft ist nun mal etwas kaufmännisch, wie Sie wissen, meine Liebe.«

»Nach dem, was ich ausfindig machen konnte«, sagte Mrs. Gowan, »glaube ich sagen zu dürfen, daß Henry sich von seinen Schulden loszumachen imstande sein wird –«

»Sehr viel Schulden?« fragte Mrs. Merdle durch ihren Kneifer.

»Nun ziemlich, glaube ich«, sagte Mrs. Gowan.

»Und daß der Vater ihnen ein Einkommen von dreihundert Pfund jährlich, vielleicht auch etwas mehr, aussetzen wird. Was in Italien –«

»Oh! Sie gehen nach Italien –«

»Henrys wegen, der dort Studien machen will. Sie können leicht ahnen, weshalb, meine Liebe. Diese schreckliche Kunst –«

»Wahr.« Mrs. Merdle beeilte sich, die Gefühle ihrer bekümmerten Freundin zu schonen. Sie verstand. »Sagen Sie nichts mehr!«

»Und das«, sagte Mrs. Gowan, ihr gebeugtes Haupt schüttelnd, »das ist alles. Das«, wiederholte Mrs. Gowan, ihren grünen Fächer für den Augenblick faltend und ihr Kinn damit klopfend (es war auf dem Wege, ein Doppelkinn zu werden, und konnte für den Augenblick ein Anderthalbkinn genannt werden), »das ist alles! Nach dem Tod der alten Leute wird vermutlich mehr herausspringen: aber wie es zusammengehalten oder bewahrt wird, weiß ich nicht. Und was das betrifft, mögen sie ewig leben. Meine Liebe, dazu sind sie ganz die rechten Leute.«

Mrs. Merdle, die ihre Freundin, die Gesellschaft, sehr gut kannte und wußte, wer die Mütter der Gesellschaft waren, und wer die Töchter der Gesellschaft waren, und welcher Art der Freiermarkt der Gesellschaft war, und wie die Preise auf demselben stehen, und wie für die großen Käufer geboten und gegengeboten wurde, und wie man handelte und feilschte – Mrs. Merdle dachte in der Tiefe ihres geräumigen Busens, daß es ein sattsam glücklicher Fang sei. Da sie jedoch wußte, was man von ihr verlangte, und sah, wie man diese umgedichtete Angelegenheit hätschelte und wartete, so nahm sie sie sanft in ihre Arme und legte den verlangten Beitrag von Randbemerkungen darauf.

»Und das ist alles, meine Liebe?« sagte sie, freundlich aufseufzend. »Nun, nun, der Fehler liegt nicht an Ihnen. Sie haben sich dabei nichts vorzuwerfen. Sie müssen die Stärke des Geistes, wegen der Sie berühmt sind, hier an den Tag legen und sich so gut wie möglich aus der Sache ziehen.«

»Die Familie des Mädchens«, sagte Mrs. Gowan, »hat natürlich die größten Anstrengungen gemacht, Henry – wie die Rechtsanwälte sagen – ›niet- und nagelfest zu machen‹.«

»Natürlich taten sie das, meine Liebe«, sagte Mrs. Merdle.

»Ich beharrte bei allen möglichen Einwänden und habe Tag und Nacht auf Mittel gesonnen, Henry von dieser Bekanntschaft loszureißen.«

»Kein Zweifel, daß Sie das getan haben«, sagte Mrs. Merdle.

»Und alles umsonst. Alles ist unter mir zusammengebrochen. Nun sagen Sie, meine Liebe: bin ich zu rechtfertigen, daß ich endlich, wenn auch mit größtem Widerstreben, meine Einwilligung zu Henrys Verbindung mit Leuten gab, die nicht zur Gesellschaft zählen; oder habe ich mit nicht zu entschuldigender Schwäche gehandelt?«

Auf diese direkte Aufforderung antwortend, versicherte Mrs. Merdle, indem sie als eine Priesterin der Gesellschaft sprach, Mrs. Gowan, daß sie im höchsten Grade zu loben sei, daß man mit ihr in hohem Maße sympathisieren müsse, daß sie das beste Teil erwählt und gereinigt aus dem Fegefeuer gekommen sei. Und Mrs. Gowan, die natürlich durch ihren eigenen abgenützten Schleier ganz gut sah und wußte, daß Mrs. Merdle durch denselben gleichfalls ganz gut sehe, und wußte, daß die Gesellschaft durch denselben gleichfalls ganz gut sehe, trat dessenungeachtet mit ungeheurer Selbstgefälligkeit und Würde aus dieser Umhüllung, wie sie hineingetreten.

Die Verhandlung fand zwischen vier und fünf Uhr nachmittags statt, wo die ganze Gegend von Harley Street, Cavendish Square, von Wagenrädern und Türklopfen widerhallt. Sie waren so weit gekommen, als Mr. Merdle, von seiner täglichen Beschäftigung, den britischen Namen in allen Teilen der zivilisierten Welt immer geachteter zu machen, kommerzielle Unternehmungen, die die ganze Welt umfassen, und riesenhafte Kombinationen des Talents und Kapitals zu würdigen fähig, nach Hause kehrte. Denn obgleich niemand auch nur entfernt genau angeben konnte, was Mr. Merdles Geschäft sei, außer Geldaufhäufen, so war dies doch immer der Ausdruck, mit dem man dasselbe bei allen feierlichen Gelegenheiten bezeichnete, und die neueste höfliche Lesart von der Parabel von dem Kamel mit dem Nadelöhr, die man ohne Prüfung annehmen mußte. Für einen Mann, der sich diese hohe Aufgabe gestellt, sah Mr. Merdle etwas einfach, ja ziemlich so aus, als wenn er, im Verlauf seiner großen Unternehmungen, seinen Kopf mit einem untergeordneten Geist verwechselt hätte. Er erschien vor den beiden Damen nach einem trübseligen Streifzug durch sein Haus, der offenbar keinen andern Zweck hatte, als dem Oberhaushofmeister zu entfliehen.

»Ich bitte um Entschuldigung«, sagte er verlegen innehaltend, »ich wußte nicht, daß jemand außer dem Papagei hier sei.«

Da aber Mrs. Merdle sagte: »Sie können hereinkommen!« und Mrs. Gowan äußerte, daß sie im Begriff sei zu gehen, und bereits aufgestanden war, um Abschied zu nehmen, trat er ein und stellte sich, um hinauszusehen, an ein entferntes Fenster. Dabei legte er die Hände unter seinen unbequemen Rockaufschlägen übereinander und hielt sich an seinen Handgelenken fest, als wollte er sich selbst in Bewachung nehmen. In dieser Stellung versank er alsbald in eine Träumerei, aus der er erst durch den Ruf seiner Frau vom Diwan her aufgescheucht wurde, als sie bereits eine Viertelstunde allein waren.

»Hm? Ja?« sagte Mr. Merdle und wandte sich nach ihr um. »Was gibt es?«

»Was es gibt?« wiederholte Mrs. Merdle. »Das glaube ich, daß Sie nicht ein Wort von meiner Klage gehört haben.«

»Ihrer Klage, Mrs. Merdle?« sagte Mr. Merdle. »Ich wußte nicht, daß Sie etwas zu leiden haben. Was ist es?«

»Ich beklage mich über Sie«, sagte Mrs. Merdle.

»Oh! Eine Klage über mich«, sagte Mr. Merdle. »Was ist das – was habe ich – worüber haben Sie sich, was mich betrifft, zu beklagen, Mrs. Merdle?«

In seiner ausweichenden, abstrakten, überlegenden Weise kostete es ihm einige Zeit, diese Frage zu bilden. Als eine Art schwachen Versuchs, sich zu überzeugen, ob er Herr vom Hause sei, schloß er damit, daß er seinen Zeigefinger dem Papagei hinbot, der seine Meinung in dieser Hinsicht dadurch aussprach, daß er ihn augenblicklich mit dem Schnabel biß.

»Sie sagten, Mrs. Merdle«, fuhr Mr. Merdle, mit dem verwundeten Finger im Munde fort, »Sie hätten eine Klage gegen mich?«

»Eine Klage, deren Gerechtigkeit ich kaum nachdrücklicher darzulegen vermöchte als dadurch, daß ich sie wiederholen muß«, sagte Mrs. Merdle. »Ich könnte sie ebensogut der Wand vorgehalten haben. Ich hätte sie sogar weit besser dem Vogel vorgehalten. Er würde wenigstens geschrien haben.«

»Sie verlangen doch nicht, daß ich schreien soll, Mrs. Merdle?« sagte Mr. Merdle, indem er einen Stuhl nahm.

»Wahrhaftig, ich weiß nicht«, erwiderte Mrs. Merdle, »ob Sie nicht besser schreien würden, als so launisch und zerstreut zu sein. Man wüßte wenigstens, daß Sie wissen und fühlen, was um Sie her vorgeht.«

»Ein Mann könnte schreien und doch nichts wissen, Mrs. Merdle«, sagte Mr. Merdle schwerfällig.

»Und könnte verfolgt sein, wie Sie es in diesem Augenblick sind, ohne zu schreien«, versetzte Mrs. Merdle. »Das ist sehr wahr. Wenn Sie die Klage zu wissen wünschen, die ich gegen Sie vorzubringen habe, so ist es in wenigen einfachen Worten die, daß Sie wirklich nicht in Gesellschaft gehen sollten, bis Sie sich der Gesellschaft anzupassen verstehen.«

Mr. Merdle fuhr so heftig mit seinen Händen in die Haare, die er noch auf dem Kopfe hatte, daß er sich selbst in die Höhe zu heben schien; denn er fuhr aus seinem Stuhl auf und rief:

»Im Namen aller höllischen Mächte, Mrs. Merdle, wer tut mehr für die Gesellschaft als ich? Sehen Sie diese Gebäude, Mrs. Merdle? Sehen Sie diese Möbel, Mrs. Merdle? Sehen Sie in den Spiegel und betrachten Sie sich selbst, Mrs. Merdle! Wissen Sie, was das alles gekostet? Für wen ist es angeschafft worden? Und Sie wollen mir noch sagen, ich sollte mich nicht in der Gesellschaft bewegen? Ich, der ich das Geld in solcher Weise über die Gesellschaft ausschütte? Ich, von dem man beinahe sagen könnte, er – er – er – schirre sich an einen Wasserkarren voll Geld und gehe umher, um jeden Tag die Gesellschaft zu sättigen?«

»Bitte, werden Sie nicht heftig, Mr. Merdle«, sagte Mrs. Merdle.

»Heftig?« sagte Mr. Merdle. »Sie könnten mich wirklich zur Verzweiflung bringen. Sie wissen nicht die Hälfte von dem, was ich tue, um mich der Gesellschaft anzupassen. Sie wissen nicht das geringste von den Opfern, die ich ihr bringe.«

»Ich weiß«, versetzte Mrs. Merdle, »daß Sie die Besten des Landes empfangen. Ich weiß, daß Sie sich in der ganzen Gesellschaft des Landes bewegen. Aber ich glaube, ich weiß (wahrhaftig, es ist keine lächerliche Anmaßung), ich weiß, ich weiß, wer Sie in derselben hält, Mr. Merdle.«

»Mrs. Merdle«, entgegnete der Angegriffene, indem er sein dunkelrotes und gelbes Gesicht wischte, »ich weiß das so gut wie Sie. Wenn Sie nicht eine Zierde der Gesellschaft und ich nicht ein Wohltäter der Gesellschaft wäre, würden Sie und ich nie zusammengekommen sein. Wenn ich sage ein Wohltäter, so verstehe ich darunter einen Mann, der sie mit allen Arten kostbarer Dinge zum Essen und Trinken und Beschauen versieht. Aber nun zu sagen, daß ich nicht für sie geschaffen sei, nach allem, was ich für sie getan, nach allem, was ich für sie getan«, wiederholte Mr. Merdle mit heftigem Nachdruck, der seiner Frau die Augen öffnete, – »nach alledem! – alledem! – mir zu sagen, ich habe kein Recht, mich unter sie zu mischen. Das ist ein hübscher Lohn.«

»Ich sage«, antwortete Mrs. Merdle gelassen, »Sie sollten sich mehr für die Gesellschaft bilden, indem Sie sich aufgeschlossener, weniger mit Ihren Gedanken beschäftigt zeigen. Es liegt etwas entschieden Ordinäres darin, Ihre Geschäftssachen überall mit sich herumzuschleppen, wie Sie es machen.«

»Inwiefern schleppe ich sie mit mir herum, Mrs. Merdle?« fragte Mr. Merdle.

»Inwiefern Sie sie mit sich herumschleppen?« sagte Mrs. Merdle. »Sehen Sie sich nur mal im Spiegel.«

Mr. Merdle richtete seine Blicke unwillkürlich nach dem nächsten Spiegel und fragte, während sein dickes Blut langsam in seine Schläfe stieg, ob ein Mensch für seine Verdauung verantwortlich gemacht werden könne?

»Sie haben einen Arzt«, sagte Mrs. Merdle.

»Er behandelt mich nicht richtig«, sagte Mr. Merdle.

Mrs. Merdle wechselte den Boden.

»Ach«, sagte sie. »Ihre Verdauung, das ist Unsinn. Ich spreche nicht von Ihrer Verdauung. Ich spreche von Ihren Manieren.«

»Mrs. Merdle«, versetzte ihr Gatte, »ich überlasse das Ihnen, Sie liefern die Manieren, ich das Geld.«

»Ich erwarte nicht von Ihnen«, sagte Mrs. Merdle, indem sie sich bequem in ihre Kissen zurücklehnte, »daß Sie die Leute fesseln sollen. Ich will nicht, daß Sie sich irgendwie beunruhigen oder bemühen sollen, bezaubernd zu sein. Ich verlange einfach, daß Sie sich um nichts kümmern, – oder sich um nichts zu kümmern scheinen – wie alle andern Leute.«

»Sage ich je, daß ich mich um etwas kümmere?« fragte Mr. Merdle.

»Sagen? Nein! Niemand würde darauf achten, wenn Sie es täten. Aber Sie zeigen es.«

»Zeigen, was? Was zeige ich?« fragte Mr. Merdle rasch.

»Ich habe es Ihnen bereits gesagt. Sie zeigen, daß Sie Ihre Geschäftssorgen und Pläne mit sich herumtragen, statt sie in der City zu lassen, oder wohin sie sonst gehören«, sagte Mrs. Merdle. »Oder zu gehören scheinen. Scheinen wäre vollkommen genug: ich verlange nicht mehr. Während Sie im Gegenteil nicht mehr mit den alltäglichen Kalkulationen und Geschäftsproblemen beschäftigt sein könnten, als Sie es gewöhnlich zeigen, selbst wenn Sie ein Zimmermann wären.«

»Ein Zimmermann?« wiederholte Mr. Merdle, etwas wie einen Seufzer zurückhaltend. »Es wäre mir nicht so unangenehm, wenn ich ein Zimmermann wäre.«

»Und meine Klage ist die«, fuhr die Dame fort, auf diese leise Bemerkung nicht achtend, »daß das nicht der Ton der Gesellschaft ist und daß Sie ihn verbessern sollten, Mr. Merdle. Wenn Sie gegen mein Urteil irgend mißtrauisch sind, so fragen Sie Edmund Sparkler.« Die Tür des Zimmers war aufgegangen, und Mrs. Merdle erblickte den Kopf ihres Sohnes in dem Spiegel. »Edmund, wir brauchen dich hier.«

Mr. Sparkler, der bloß seinen Kopf hereingesteckt und im Zimmer umhergesehen hatte, ohne einzutreten (als suchte er im Hause nach der jungen Dame, die keinen Unsinn an sich habe), ließ auf diese Aufforderung seinen Körper seinem Kopf folgen und stand vor ihnen. Mrs. Merdle legte ihm in wenigen einfachen, seiner Fassungsfähigkeit angemessenen Worten die spruchreife Frage vor.

Der junge Mann sagte, nachdem er verlegen nach seinem Hemdkragen gegriffen hatte, als wenn dies sein Puls und er Hypochonder wäre: er habe diese Bemerkung von Kameraden gehört.

»Edmund Sparkler hörte diese Bemerkung machen«, sagte Mrs. Merdle mit mattem Triumph. »Nun, natürlich, jedermann hat es bemerkt!« Das war wirklich keine unvernünftige Folgerung, wenn sie bedachte, daß Mr. Sparkler wahrscheinlich in jeder menschlichen Gesellschaft die letzte Person sein würde, die von irgend etwas, was in seiner Gegenwart vorging, einen Eindruck empfinge.

»Und Edmund Sparkler wird Ihnen zuversichtlich sagen können«, fuhr Mrs. Merdle fort, indem sie mit ihrer liebenswürdigen Hand ihrem Gatten winkte, »wie er hörte, daß man es bemerkt.«

»Ich könnte nicht«, sagte Mr. Sparkler, nachdem er wie zuvor seinen Puls gefühlt, »könnte wirklich nicht sagen, wie es kam – ich habe ein verzweifelt schlechtes Gedächtnis. Als ich jedoch zur erwähnten Zeit mich in Gesellschaft mit dem Bruder eines sehr feinen – und wohlerzogenen – Mädchens befand –, das wahrhaftig keinen Unsinn im Kopfe hat –«

»Na! Laß die Schwester aus dem Spiel«, versetzte Mrs. Merdle etwas ungeduldig. »Was sagte der Bruder?«

»Sagte kein Wort, Ma'am«, antwortete Mr. Sparkler. »Ein ebenso schweigsamer Junge wie ich, aus dem ebenso schwer eine Bemerkung herauszubringen ist.«

»Es sagte doch jemand etwas«, versetzte Mrs. Merdle. »Tut nichts, wer es war.«

»Ich versichere Sie, ich war's wenigstens nicht«, sagte Mr. Sparkler.

»Aber sag' uns, was es war.«

Mr. Sparkler griff wieder an seinen Puls und nahm sich zuvor unter strenge geistige Zucht, ehe er antwortete:

»Die Leute sprachen von meinem Erzieher – nicht mein Ausdruck – und rühmten dabei auf sehr freundliche Weise den ungeheuren Reichtum und das Wissen meines Erziehers – er sei ein wahres Phänomen von Geschäftsmann und Bankier und – aber sie behaupteten, der Kramladen sitze ihm schwer auf dem Nacken. Sie sagen, er schleppe den Kramladen mit sich auf seinem Rücken herum – wie der Kleiderjude, mit zuviel Geschäftigkeit.«

»Das«, sagte Mrs. Merdle, indem sie aufstand und die faltigen Stoffe um sie her flatterten, »das ist ja meine Klage. Edmund, gib mir deinen Arm. Ich will hinaufgehen.«

Mr. Merdle, der nun allein war und über ein besseres Anschmiegen an die Gesellschaft nachdenken konnte, sah nach und nach aus neun Fenstern und schien neun öde Räume zu sehen. Als er sich damit sattsam unterhalten, ging er hinab und sah eifrig auf alle die Teppiche, die auf dem Boden lagen. Dann ging er wieder hinauf und sah eifrig auf alle Teppiche des ersten Stocks, als ob es dunkle Tiefen wären, die mit seinem gedrückten Geiste harmonierten. Er ging durch alle Zimmer, wie er es immer tat, als ob er der letzte Mensch auf Erden wäre, der irgendein Recht hätte, sich ihnen zu nahen. Mochte Mrs. Merdle mit all ihrem Ansehen kundtun, daß sie jeden Abend während der Saison »zu Hause« sei, sie konnte es nicht allgemeiner und unzweideutiger erklären, als Mr. Merdle erklärte, daß er nie zu Hause sei.

Zuletzt begegnete er dem Oberhaushofmeister, dessen glänzender Anblick ihm immer den Todesstoß gab. Verdunkelt durch diese große Kreatur, schlich er sich in sein Arbeitszimmer und blieb dort eingeschlossen, bis er mit Mrs. Merdle in ihrem eigenen hübschen Wagen zum Essen ausfuhr. Beim Diner wurde er als eine Macht beneidet und mit Schmeicheleien überhäuft, wurde vom Schatzamte, vom Rechtsanwaltsstand, vom Bischofsstuhl über die Maßen geehrt, wie er es nur wünschen konnte; und eine Stunde nach Mitternacht kam er allein nach Hause. Alsbald wurde er dort wieder von dem Oberhaushofmeister wie ein Binsenlicht in seinem eignen Flur ausgelöscht und ging seufzend zu Bett.

 

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