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Klein-Dorrit. Erstes Buch

Charles Dickens: Klein-Dorrit. Erstes Buch - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleKlein-Dorrit. Erstes Buch
publisherGutenberg-Verlag
volume1. Buch
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060704
modified20180816
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Fünfundzwanzig

Ein häufig wiederkehrender Zweifel, ob Mr. Pancks' Wunsch, sich Notizen über die Familie Dorrit zu sammeln, irgendwelche Bestätigung der Besorgnisse bringen könnte, die er seiner Mutter bei seiner Rückkehr aus dem langen Exil mitgeteilt hatte, verursachte Arthur Clennam zu jener Zeit viel Unruhe. Was Mr. Pancks bereits von der Familie Dorrit wußte, was er noch weiter herausbekommen wollte, und warum er seinen vielbeschäftigten Kopf überhaupt damit abquälte, waren Fragen, die ihn oft plagten. Mr. Pancks war nicht der Mann, der seine Zeit vergeudete und sich mit Nachforschungen, die von bloßer Neugier veranlaßt waren, abquälte. Daß er einen spezifischen Zweck hatte, darüber hegte Clennam keinen Zweifel. Und ob die Erreichung dieses Zweckes durch Mr. Pancks' ausdauerndes Mühen auf unangenehme Weise geheime Gründe zutage bringen würde, die seine Mutter veranlaßten, sich Klein-Dorrits anzunehmen, war ein Gegenstand ernster Erwägung.

Nicht, daß er je in seinem Wunsch oder in seinem Entschluß gewankt, ein Unrecht wieder gutzumachen, das zu seines Vaters Zeiten jemandem zugefügt worden, sobald dieses Unrecht an den Tag kam und wieder gutzumachen war. Der Schatten eines vermuteten Unrechts, der seit seines Vaters Tod auf ihm ruhte, war vag und formlos. Diese Vorstellung von dem Unrecht konnte weit entfernt von den wirklichen Tatsachen sein. Wenn seine Besorgnisse jedoch sich als wohlbegründet erweisen sollten, so war er jeden Augenblick bereit, alles hinzugeben, was er hatte, und von neuem zu beginnen. Da die strenge und dunkle Lehre seiner Jugend nie in sein Herz gedrungen, so war es der erste Artikel in seinem Sittengesetz, daß er auf Erden mit praktischer Demut, den Blick zu Boden gerichtet, beginnen müsse, und daß er nicht auf den Flügeln des Wortes sich zum Himmel emporschwingen könne. Pflichterfüllung auf Erden, Vergeltung auf Erden, Tätigkeit auf Erden: diese zuerst als die ersten steilen Stufen aufwärts. Eng war die Pforte und schmal der Weg; weit enger und schmaler als die breite Heerstraße, die mit eitlen Versicherungen und Wiederholungen, Splittern aus andrer Leute Augen und bereitwilliger Auslieferung anderer an das Gericht gepflastert ist – lauter billigen Dingen, die absolut nichts kosten.

Nein. Es war kein selbstsüchtiges Fürchten oder Zögern, was ihn beunruhigte, sondern das Mißtrauen, Pancks möchte seinen Teil am Vertrage zwischen ihnen nicht erfüllen und, wenn er irgendeine Entdeckung machte, Schritte tun, ohne ihn daran teilnehmen zu lassen. Wenn er auf der andern Seite an sein Gespräch mit Pancks und den geringen Grund dachte, den er zu der Vermutung hatte, daß irgendeine Wahrscheinlichkeit vorhanden, dieser seltsame Mensch möchte überhaupt jener Spur folgen, so mußte er sich bisweilen wundern, daß er soviel Aufhebens davon machte. In dieser See sich abmühend, wie alle Barken, die auf einer stürmischen See mit einander durchkreuzenden Wellen sich abmühen, wurde er hin- und hergeworfen und gelangte in keinen Hafen.

Die Entfernung Klein-Dorrits aus ihrem gewohnten Kreise besserte die Sache nicht. Sie war so viel außer dem Haus und so viel auf ihrem eigenen Zimmer, daß er sie zu vermissen und eine Leere an ihrem Platz zu finden begann. Er hatte an sie geschrieben, um zu fragen, ob sie sich besser befinde, und sie hatte ihm sehr dankbar und ernst zurückgeschrieben, daß er ihretwegen nicht unruhig sein dürfe, denn sie sei ganz wohl. Aber er hatte sie, wie es ihm im Vergleich mit ihrem sonstigen Verkehr erschien, lange nicht gesehen.

Er kam eines Abends von einem Besuch bei ihrem Vater zurück, der ihm gesagt, daß sie zu Besuch aus sei – was er immer sagte, wenn sie auswärts angestrengt arbeitete, um sein Nachtessen zu verdienen –, und fand Mr. Meagles in aufgeregtem Zustand in seinem Zimmer auf und nieder gehend. Als er die Tür öffnete, blieb Mr. Meagles stehen, sah sich um und sagte:

»Clennam! – Tattycoram!«

»Was ist damit?«

»Verloren!«

»Wie, gerechter Gott!« rief Clennam bestürzt. »Was wollen Sie damit sagen?«

»Wollte nicht fünfundzwanzig zählen, Sir; konnte nicht dazu gebracht werden, blieb bei acht stehen und machte sich auf und davon.«

»Hat Ihr Haus verlassen?«

»Um nimmer wiederzukommen«, sagte Mr. Meagles seinen Kopf schüttelnd. »Sie kennen den leidenschaftlichen und stolzen Charakter dieses Mädchens nicht. Ein Gespann Pferde würde sie nicht mehr zurückzubringen vermögen; die Querbalken und Riegel der alten Bastille könnten sie nicht halten.«

»Wie kam das? Bitte, setzen Sie sich und erzählen Sie.«

»Das ›Wie das geschah‹ ist nicht so leicht zu erzählen, weil Sie das unglückliche Temperament dieses armen heftigen Mädchens haben müßten, um die Sache ganz zu verstehen. Aber es geschah ungefähr folgendermaßen: Pet und Mutter und ich hatten in letzter Zeit lange Verhandlungen miteinander. Ich will Ihnen nicht verhehlen, Clennam, daß diese Verhandlungen nicht gerade so freundlicher Art waren, wie Sie wohl wünschen möchten. Sie bezogen sich auf unser Wiederweggehen. Bei diesem Vorschlag hatte ich allerdings einen bestimmten Zweck.«

Niemandes Herz schlug lebhaft.

»Einen Zweck«, sagte Mr. Meagles nach einer kurzen Pause, »den ich Ihnen auch nicht verhehlen will, Clennam. Mein Kind hat eine Neigung, die mich sehr besorgt macht. Vielleicht ahnen Sie die Person. Henry Gowan.«

»Ich war nicht unvorbereitet, das zu hören.«

»Gut!« sagte Mr. Meagles mit einem schweren Seufzer, »ich wünschte bei Gott, Sie hätten das nie zu hören brauchen. Nun ist es aber mal so. Mutter und ich haben alles getan, was in unsern Kräften stand, um die Sache abzuwenden. Clennam, wir haben es mit zärtlichen Mahnungen versucht, wir haben es mit der heilenden Zeit versucht, wir haben es mit Entfernung versucht, alles vergeblich. Unsere letzten Gespräche drehten sich nun um eine Reise von mindestens einem Jahr, um eine vollständige Trennung und ein Abbrechen der Sache herbeizuführen. Diese Frage machte Pet unglücklich, und natürlich waren Mutter und ich gleichfalls unglücklich.«

Clennam sagte, daß er das gerne glauben wolle.

»Gut!« fuhr Mr. Meagles im Ton der Entschuldigung fort: »Ich gebe als praktischer Mann zu und bin überzeugt, Mutter wird als praktische Frau gleichfalls zugeben, daß wir in Familien unsere Besorgnisse vergrößern und Berge aus unsern Maulwurfshügeln machen und das in einer Weise, die für Leute, die zusehen, für bloße außerhalb Stehende, sehr unangenehm ist, Clennam. Aber Pets Glück oder Unglück ist eine Lebensfrage für uns, und wir werden hoffentlich entschuldigt sein, wenn wir viel Aufhebens davon machen. Jedenfalls hätte sich Tattycoram darein fügen sollen. Sind Sie nicht auch meiner Ansicht?«

»Allerdings«, versetzte Clennam, dieser äußerst bescheiden ausgesprochenen Erwartung aufs nachdrücklichste entsprechend.

»Nein, Sir«, sagte Mr. Meagles, den Kopf traurig schüttelnd. »Sie konnte es nicht ertragen. Das Toben und Sprühen des Mädchens, das Zerren und Zerfleischen der eignen Brust war der Art, daß ich, sooft ich an ihr vorüberging, leise zu ihr sagte: ›Fünfundzwanzig, Tattycoram, fünfundzwanzig!‹ Ich wünschte von Herzen, es wäre ihr gelungen, fünfundzwanzig Tag und Nacht zu zählen, es wäre alles gut gegangen.«

Mr. Meagles fuhr mit einer verzweifelten Miene, in der sich die Güte seines Herzens sogar noch mehr aussprach als in den Zeiten seines ungetrübten Glückes, von der Stirn bis zum Kinn über sein Gesicht und schüttelte abermals den Kopf.

»Ich sagte zu Mutter (nicht daß es nötig gewesen; denn sie würde es alles selbst gedacht haben), wir sind praktische Leute, meine Liebe, und wir kennen ihre Lebensgeschichte: wir sehen in diesem unglücklichen Mädchen einen Widerschein von dem, was in dem Herzen ihrer Mutter tobte, ehe eine Kreatur, wie dieses arme Ding, in der Welt war. Wir wollen ihr Temperament beschönigen, Mutter, wir wollen für den Augenblick gar nicht darauf achten, meine Liebe, wir wollen eine bessere Stimmung bei ihr abwarten. Wir sagten deshalb nichts. Aber wir mochten tun, was wir wollten, es schien so sein zu müssen, wie es war; sie brach eines Nachts heftig los.«

»Wie und warum?«

»Wenn Sie mich fragen, warum«, sagte Mr. Meagles etwas verlegen durch die Frage; denn er war weit mehr geneigt, ihre Sache als die der Familie zu mildern, »so kann ich Sie nur auf das verweisen, was ich Ihnen soeben als ziemlich dieselben Worte wiederholte, die ich zu Mutter sagte. Was das Wie betrifft, so hatten wir Pet (ich muß gestehen, sehr warm) in ihrer Gegenwart gute Nacht gesagt, und sie hatte Pet die Treppe hinaufbegleitet – Sie erinnern sich, sie war ihre Zofe. Vielleicht mag Pet, die etwas aufgeregt war, etwas rücksichtsloser als gewöhnlich Dienste von ihr verlangt haben. Aber ich weiß nicht, ob ich das der Wahrheit gemäß behaupten darf; sie war immer aufmerksam und sanft.«

»Die sanfteste Dame von der Welt.«

»Ich danke Ihnen, Clennam«, sagte Mr. Meagles, ihm die Hand schüttelnd. »Sie haben sie oft zusammen gesehen. Gut! Wir hörten bald darauf die unglückliche Tattycoram laut und zornig sprechen, und ehe wir noch fragen konnten, was es gebe, kam Pet zitternd zurück, indem sie sagte, sie fürchte sich vor ihr. Gleich hinterdrein kam Tattycoram in fürchterlicher Aufregung. ›Ich hasse Sie alle drei!‹ sagte sie, mit dem Fuße stampfend. ›Ich berste vor Haß gegen das ganze Haus.‹«

»Worauf Sie –«

»Ich?« sagte Mr. Meagles mit einer einfachen Offenheit, die selbst Mrs. Gowan zum Glauben genötigt, »ich sagte, zähle fünfundzwanzig, Tattycoram.«

Mr. Meagles strich sich wieder über das Gesicht und schüttelte den Kopf mit dem Ausdruck tiefer Trauer.

»Sie war so daran gewöhnt, Clennam, daß sie selbst in diesem Augenblick, ein Bild der Leidenschaft, wie Sie noch keines gesehen, plötzlich innehielt, mir offen ins Gesicht sah und (wie ich verstand) bis auf acht zählte. Aber es war ihr unmöglich, weiter zu zählen. Damit war's zu Ende, und sie überließ die übrigen siebenzehn den vier Winden. Dann brach sie los. Sie verachte uns, sie sei unglücklich bei uns, sie könne es nicht aushalten, sie wollte es nicht länger ertragen, sie sei entschlossen fortzugehen. Sie sei jünger als ihre junge Herrin, und sie könne es nicht ertragen, diese beständig als das einzige Geschöpf behandelt zu sehen, das jung und interessant sei und gehätschelt und geliebt zu werden verdiene. Nein, das wolle sie nicht, wolle sie nicht, wolle sie nicht. Was wir wohl glauben, daß sie, Tattycoram, geworden, wenn man sie in ihrer Kindheit wie ihre junge Herrin gehätschelt und gepflegt? So gut wie sie. Ha! Vielleicht fünfzigmal so gut. Wenn wir behaupteten, einander so lieb zu haben, so triumphierten wir über sie: das sei es, was wir täten, wir triumphierten über sie und höhnten sie. Und alle im Hause täten dasselbe. Sie sprächen von ihren Vätern und Müttern und Brüdern und Schwestern; sie schleppten sie mit außerordentlicher Freude vor ihr Gesicht. Erst gestern habe Mrs. Tickit, als sie ihr kleines Enkelchen bei sich gehabt, sich darüber amüsiert, daß es sie (Tattycoram) bei dem verketzerten Namen rief, den wir ihr gäben, und habe über den Namen gelacht. Freilich, wer tue das nicht? und wer wir seien, daß wir ein Recht haben sollten, sie wie einen Hund oder eine Katze zu nennen? Aber es sei gleichgültig. Sie wolle keine Wohltaten mehr von uns annehmen: sie wolle uns ihren Namen wieder ins Gesicht werfen und gehen. Sie wolle uns noch in derselben Minute verlassen. Niemand solle sie aufhalten, und wir sollten nie wieder von ihr hören.«

Mr. Meagles hatte all das mit so lebhafter Erinnerung an sein Original erzählt, daß er während der Zeit beinahe ebenso rot und heiß war, wie er sie beschrieben.

»Ah, ja!« sagte er und wischte sich das Gesicht. »Es war vergebliche Mühe, diesem heftigen, keuchenden Geschöpf (der Himmel weiß, was ihrer Mutter Lebensgeschichte gewesen sein mag) Vernunft beibringen zu wollen. Ich sagte ihr deshalb einfach, daß sie nicht zu so später Stunde der Nacht gehen dürfe, und gib ihr meine Hand, führte sie nach ihrem Zimmer und schloß die Haustür. Aber heute morgen war sie fort.«

»Und Sie wissen nichts weiter von ihr?«

»Gar nichts«, erwiderte Mr. Meagles, »ich bin den ganzen Tag herumgerannt. Sie muß sehr früh und in größter Stille sich davongemacht haben. Ich fand keine Spur von ihr im Hause.«

»Halt! Sie möchten sie doch wiedersehen«, sagte Clennam nach kurzem Nachdenken. »Ich darf das wohl annehmen?«

»Ja, allerdings; ich möchte ihr eine Gelegenheit geben; Mutter und Pet möchten ihr auch noch eine Gelegenheit geben. Ja, Sie selbst«, sagte Mrs. Meagles voll Überzeugung, als ob er durchaus keine Ursache hatte, zornig zu sein, »möchten dem armen leidenschaftlichen Mädchen noch eine Gelegenheit geben, ich weiß es, Clennam.«

»Es wäre allerdings seltsam und hart, wenn ich es nicht täte«, sagte Clennam, »während Sie alle so geneigt sind zu vergeben. Was ich Sie fragen wollte, war, haben Sie an jene Miß Wade gedacht?«

»Allerdings. Ich dachte nicht an sie, bis ich unsere ganze Nachbarschaft durchstreift; und ich weiß nicht, ob sie mir auch dann eingefallen wäre, wenn ich nicht Mutter und Pet bei meinem Nachhausekommen voll von dem Gedanken gefunden, Tattycoram müsse zu ihr gegangen sein. Denn natürlich erinnerte ich mich, was sie bei Tisch sagte, als Sie zum ersten Male bei uns waren.«

»Haben Sie irgendeine Idee, wo Miß Wade zu finden ist?«

»Offen gesagt«, versetzte Mr. Meagles, »Sie finden mich hier auf sie wartend, weil ich einen dunklen Schatten von Kunde über dieses Wesen habe. Es existiert in meinem Hause einer jener seltsamen Eindrücke, die oft auf geheimnisvolle Weise in Häuser kommen, die aber niemand in einer bestimmten Form von jemandem aufgefaßt und die doch jeder Mensch von irgend jemandem flüchtig empfangen und weitergegeben zu haben scheint, daß sie da herum wohnt oder wohnte.« Mr. Meagles übergab ihm einen Fetzen Papier, auf dem der Name einer der dunklen Nebenstraßen in der Grosvenor Region, nahe bei Park Lane, stand.

»Hier ist keine Nummer«, sagte Arthur, indem er darauf hinblickte.

»Keine Nummer, mein lieber Clennam«, versetzte sein Freund. »Nein, nichts! Der Name der Straße selbst muß in der Luft geschwebt haben: denn, wie ich Ihnen versichere, niemand von meinen Leuten kann sagen, woher sie den Namen haben. Die Sache ist jedoch einer Nachfrage wert; und da ich diese lieber in Gesellschaft als allein machen möchte, und da Sie gleichfalls mit diesem gefühllosen Frauenzimmer gereist sind, so dacht' ich, vielleicht –« Clennam endigte die Worte für ihn, indem er seinen Hut wieder nahm und sagte, er sei bereit.

Es war Sommer: ein grauer, heißer, staubiger Abend. Sie fuhren ans Ende der Oxford Street, wo sie ausstiegen und sich in die großen Straßen von melancholischer Pracht und in die kleinen Straßen verloren, die ebenso prachtvoll sein wollen, denen es aber nur gelingt, noch melancholischer auszusehen. Von ihrer Sorte grenzt ein ganzes Labyrinth an Park Lane. Wildnisse von Eckhäusern, mit barbarischen Toren und Zieraten, schauderhafte Figuren, die dem Kopf einer abgeschmackten Person in einer abgeschmackten Zeit entsprungen, dennoch die blinde Verwunderung aller folgenden Generationen forderten und entschlossen waren, dies solange zu tun, bis sie zusammenstürzten, sahen finster in das Zwielicht. Schmarotzerische kleine Häuser mit dem Krampf in der ganzen Gestalt von der zwerghaften Hallentür an dem Riesenmodell Seiner Gnaden auf dem Square bis zu dem gedrückten Fenster des Boudoirs, das auf die Misthaufen in den Hintergäßchen hinaussah, machten den Abend höchst traurig. Verkrüppelte Wohnungen von unzweifelhaft modischem Wesen, aber für nichts bequem als für einen häßlichen Geruch, sahen wie die letzten kränklichen Geburten der großen Adelshäuser aus. Wo ihre kleinen Altane und Balkone von dünnen eisernen Säulen getragen wurden, schienen sie skrofulös auf Krücken zu ruhen. Da und dort sah ein Wappen, das die ganze Wissenschaft der Heraldik in sich schloß, auf die Straße herab wie ein Erzbischof, der über die Eitelkeit predigt. Die Läden, wenig an Zahl, machten kein Gepränge, denn die öffentliche Meinung war ihnen gleichgültig. Der Pastetenbäcker wußte, wer in seinen Büchern stand, und konnte in diesem Bewußtsein ruhig sein: ihm genügten deshalb einige Glaszylinder mit Witwenpfefferminztropfen in seinem Fenster und ein halbes Dutzend alter Sorten gangbaren Obstgelees. Einige Orangen bildeten die ganze Konzession des Obsthändlers an die öffentliche Meinung. Ein einzelnes Körbchen von Moos, das einst Eier von einem Regenpfeifer enthalten, umfaßte alles, was der Geflügelhändler zum Pöbel zu sagen hatte. Jedermann in diesen Straßen schien zu Tisch ausgegangen zu sein (was zu dieser Stunde und Jahreszeit immer der Fall ist), und niemand schien die Diners zu geben, zu denen sie gegangen. Auf den Türstufen lungerten Lakaien mit glänzendem, buntfarbigem Gefieder und weißen Köpfen wie eine ausgestorbene Rasse von ungeheueren Vögeln und Haushofmeister, einsame Menschen von verschlossenem Wesen, die gegen jeden andern Haushofmeister mißtrauisch zu sein schienen. Das Rollen der Wagen im Park war für heute verstummt; die Straßenlampen brannten. Wichte von kleinen Grooms in knapp anliegenden und passenden Kleidern, die Beine verdreht, wie ihre Köpfe verdreht waren, standen paarweise herum, indem sie Stroh kauten und sich betrügerische Geheimnisse anvertrauten. Die gefleckten Hunde, die die Wagen begleiteten, und die wir im Geist so eng mit glänzenden Equipagen zu verbinden gewöhnt sind, daß es wie eine Herablassung von seiten dieser Tiere aussieht, ohne sie zu erscheinen, begleiteten die Stallgehilfen bei ihren Ausgängen. Da und dort war ein bescheidenes Gasthaus, das nicht verlangte, auf die Schultern des Volkes sich zu stützen, und wo man nach Herren ohne Livree nicht besonders verlangte.

Solcherlei Entdeckung machten die beiden Freunde im Verfolg ihrer Nachforschungen. Nirgends war etwas von einer Person wie Miß Wade in Verbindung mit der Straße bekannt, die sie suchten. Es war eine der Schmarotzerstraßen; lang, regelmäßig, schmal, düster und finster wie ein Backstein- und Mörtelleichenzug. Sie fragten an verschiedenen kleinen Vorhoftoren, wo ein trauriger junger Mensch stand, der sein Kinn auf die Spitzen des Geländers einer schroffen hölzernen Treppe drückte, konnten aber keine Auskunft erhalten. Sie gingen an der einen Seite der Straße hinauf und an der andern Seite herab, während zwei laut schreiende Zeitungsverkäufer ein außerordentliches Ereignis ausriefen, das sich nie begeben hat und niemals begeben wird. Sie ließen ihre rauhen Stimmen in die stillen Zimmer hineindröhnen, aber ohne Erfolg. Endlich standen sie an der Ecke, von der sie ausgegangen; es war sehr dunkel, und sie waren um nichts klüger geworden.

In der Straße waren sie zu verschiedenen Malen an einem schmutzigen Hause vorübergekommen, das augenscheinlich leer stand. An den Fenstern befanden sich Zettel, die ankündigten, daß es zu vermieten war. Die Zettel, die eine Abwechslung in dem Leichenzug bildeten, waren beinahe ein Schmuck zu nennen. Vielleicht, weil das Haus vereinzelt in ihrer Erinnerung dastand, vielleicht auch, weil Mr. Meagles und er selbst zweimal im Vorübergehen zueinander gesagt hatten: »Es ist klar, hier wohnt sie nicht«, machte Clennam jetzt den Vorschlag, sie wollten zurückgehen und es mit dem Hause probieren, ehe sie ganz weggingen. Mr. Meagles war dazu bereit, und sie gingen zurück.

Sie klopften einmal und läuteten einmal, ohne eine Antwort. »Leer«, sagte Mr. Meagles lauschend. »Noch einmal«, sagte Clennam und klopfte wieder. Nach diesem Pochen hörten sie eine Bewegung innen und glaubten jemanden nach der Tür schlürfen zu hören.

Der schmale Eingang war so dunkel, daß es unmöglich wurde, genau zu unterscheiden, was für eine Person die Tür öffnete; es schien jedoch eine alte Frau zu sein. »Entschuldigen Sie, daß wir Sie bemühen«, sagte Clennam. »Bitte, können Sie uns sagen, wo Miß Wade wohnt?« Die Stimme in der Dunkelheit antwortete unerwarteterweise: »Hier.«

»Ist sie zu Hause?«

Als keine Antwort erfolgte, sagte Mr. Meagles wieder: »Bitte, ist sie zu Hause?«

Nach einer zweiten Pause sagte die Stimme abgebrochen: »Ich glaube wohl. Sie würden besser tun einzutreten: ich will inzwischen fragen.«

Sie wurden ohne weitere Umstände in das enge schwarze Haus eingeschlossen, und die Gestalt sagte, indem sie hinwegrauschte, von einer höheren Stelle aus: »Kommen Sie gefälligst herauf. Sie können über nichts stolpern.« Sie krochen ihren Weg die Treppen hinauf nach einem matten Licht, das sich als die Straßenlaterne, die durch das Fenster schien, erwies, und die Gestalt ließ sie in einem stickigen Zimmer eingeschlossen zurück.

»Das ist seltsam, Clennam«, sagte Mr. Meagles leise.

»Sehr seltsam«, stimmte Clennam in demselben Ton bei; »aber wir haben unsern Zweck erreicht, das ist die Hauptsache. Da kommt Licht!«

Das Licht war eine Lampe, und die Trägerin war eine alte Frau: sehr schmutzig, sehr verrunzelt und welk. »Sie ist zu Hause«, sagte sie (und die Stimme war dieselbe, die zuvor gesprochen): »sie wird augenblicklich kommen.« Nachdem sie die Lampe auf den Tisch gesetzt, rieb die alte Frau ihre Hände an ihrer Schürze ab, was sie beständig hätte tun können, ohne sie deshalb rein zu machen, sah die Fremden dann mit ein paar trüben Augen an und ging rückwärts hinaus.

Die Dame, die sie zu sprechen gekommen waren, schien, wenn sie die gegenwärtige Bewohnerin dieses Hauses war, ihr Quartier hier gleichsam wie in einer orientalischen Karawanserei aufgeschlagen zu haben. Ein kleiner viereckiger Teppich in der Mitte des Zimmers, einige Möbel, die offenbar nicht zu dem Zimmer gehörten, und ein Wirrwarr von Koffern und Reiseartikeln bildeten ihre ganze Umgebung. Unter einem früheren ansässigen Bewohner hatte das erstickende Zimmer mit einem Pfeilerspiegel und einem vergoldeten Tisch geprangt. Aber die Vergoldung war so verblichen wie Blumen vom letzten Jahre und das Glas so trübe, daß es mit magischem Zauber all das neblige und schlechte Wetter, das es je widergegeben hatte, in sich gebannt zu haben schien. Die Fremden hatten eine Minute oder zwei Zeit gehabt, sich umzusehen, als die Tür aufging und Miß Wade eintrat.

Sie war noch ganz dieselbe wie damals, als sie voneinander geschieden. Ebenso hübsch, ebenso höhnisch, ebenso zurückhaltend. Sie bat sie, sich zu setzen, und indem sie es ablehnte, selbst einen Sitz einzunehmen, ersparte sie ihnen die Einleitung zu ihrem Anliegen, indem sie sogleich sagte:

»Ich glaube die Ursache zu wissen, die Sie mir die Ehre eines Besuches erzeigen läßt, wir können deshalb sogleich darauf eingehen.«

»Die Ursache, Ma'am«, sagte Mr. Meagles, »ist Tattycoram.«

»Das vermutete ich.«

»Miß Wade«, sagte Mr. Meagles, »wollen Sie so freundlich sein, uns zu sagen, ob Sie etwas von ihr wissen oder nicht?«

»Gewiß. Ich weiß, sie ist hier bei mir.«

»Dann, Ma'am«, sagte Mr. Meagles, »erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich glücklich sein würde, wenn sie wieder zu mir zurückkäme, und daß meine Frau und Tochter glücklich sein würden, wenn sie wieder zurückkäme. Sie war lange Zeit bei uns, wir vergessen ihre Ansprüche an uns nicht, und ich glaube, wir wissen, daß man es nicht so genau nehmen darf.«

»Sie glauben zu wissen, daß man es nicht so genau nehmen darf?« versetzte sie in gemessenem Ton. »Was?«

»Ich glaube, mein Freund wollte sagen, Miß Wade«, warf Arthur Clennam ein, der sah, daß Mr. Meagles nicht wußte, was er sagen sollte, »mit dem leidenschaftlichen Wesen, das das Mädchen bisweilen überkommt, wenn sie sich im Nachteil fühlt, was bisweilen bessere Gefühle in den Hintergrund drängt.«

Die Dame brach in ein Gelächter aus, als sie ihre Blicke auf ihn richtete. »Wirklich?« war alles, was sie darauf antwortete.

Sie stand so vollkommen ruhig und still nach dieser Antwort auf seine Bemerkung bei dem Tisch, daß Mr. Meagles sie wie verhext anstarrte und nicht mal Clennam ansehen konnte, um ihn zu einer andern Äußerung zu veranlassen. Nachdem er einige Augenblicke linkisch genug gewartet, sagte Arthur:

»Vielleicht wäre es gut, wenn Mr. Meagles sie sehen könnte, Miß Wade?«

»Das ist leicht getan«, sagte sie. »Komm' herein, Kind.« Sie hatte eine Tür geöffnet; während sie dies sagte, und führte nun das Mädchen an der Hand herein. Es war wirklich wunderlich, sie beieinander stehen zu sehen: das Mädchen, das mit seinen freien Fingern den Busen ihres Kleides halb unschlüssig, halb leidenschaftlich faltete; Miß Wade, die mit ihrem ruhigen Gesicht sie aufmerksam betrachtete und einem Beobachter von außerordentlichem Scharfblick gerade in ihrer Ruhe die nicht zu stillende Leidenschaftlichkeit ihres Wesens enthüllte (wie ein Schleier die Formen ahnen läßt, die er bedeckt).

»Sehen Sie«, sagte sie in derselben gemessenen Weise wie früher, »hier ist Ihr Herr, Ihr Meister. Er ist willens, Sie wieder mit sich zu nehmen, meine Liebe, wenn Sie empfänglich für diese Gunst sind und Lust zu gehen haben. Sie können wieder eine Folie für seine hübsche Tochter, eine Sklavin für ihren liebenswürdigen Eigensinn und ein Spielzeug sein, das die Güte der Familie zeigt. Sie können Ihren drolligen Namen wieder haben, der Sie mutwillig dem Spott aussetzt und Sie an den Pranger stellt. (Ihre Geburt, Sie wissen, Sie müssen nicht Ihre Geburt vergessen.) Harriet, Sie können dieses Herrn Tochter wieder als eine lebendige Erinnerung an ihren Vorrang und ihre gnädige Herablassung gezeigt und vorgehalten werden. Sie können all diese Vorteile wiedergewinnen und noch manche andere ähnlicher Art, die vermutlich in Ihrem Gedächtnis auftauchen werden, während ich spreche, und deren Sie verlustig gehen, wenn Sie Ihre Zuflucht zu mir nehmen – Sie können sie jedoch alle wiederhaben, wenn Sie diesen Herren sagen, wie demütig und bußfertig Sie seien, und mit ihnen zurückgehen, daß man Ihnen verzeihe. Was sagen Sie, Harriet? Wollen Sie gehen?«

Das Mädchen, das unter dem Einfluß dieser Worte immer zorniger geworden und dessen Wangen sich immer röter färbten, antwortete, indem sie ihre leuchtenden schwarzen Augen für einen Augenblick erhob und ihre Hand auf den Falten, die sie zusammengerunzelt, ballte: »Ich möchte lieber sterben!«

Miß Wade, die, noch immer ihre Hand haltend, neben ihr stand, blickte ruhig umher und sagte mit einem Lächeln: »Gentlemen! Was sagen Sie darauf?«

Die unaussprechliche Bestürzung des alten Meagles, als er seine Motive und Handlungen so verdrehen hörte, hatte ihn bis jetzt gehindert, ein Wort einzuwerfen: nun aber gewann er seine Macht zu sprechen wieder.

»Tattycoram«, sagte er, »denn ich will dich noch immer bei diesem Namen nennen, mein liebes Mädchen, da ich mir bewußt bin, daß ich nur Freundliches dabei im Sinne hatte, als ich ihn dir gab, und überzeugt bin, daß du es weißt.«

»Ich weiß es nicht!« sagte sie, wieder aufblickend und sich mit derselben ungestüm wühlenden Hand fast zerfleischend.

»Nein, vielleicht jetzt nicht«, sagte Mr. Meagles, »nicht, solange die Augen dieser Dame so fest auf dich gerichtet sind, Tattycoram«, sie blickte im Augenblick auf sie, »und solange diese Macht dich beherrscht, die sie auf dich ausübt. Tattycoram, ich werde diese Dame nicht fragen, ob sie das glaubt, was sie gesagt hat, selbst in dem Zorn und Unmut, in dem, wie ich und mein Freund hier gleich gut wissen, sie eben gesprochen hat, obgleich sie sich mit einer Entschlossenheit hinstellt, die jeder, der sie einmal gesehen, wohl nie wieder vergessen wird. Ich will dich nicht fragen, ob du, wenn du dich an mein Haus und alles, was dazu gehört, erinnerst, das glaubst. Ich will nur sagen, daß du weder mir noch den Meinen ein Bekenntnis abzulegen und ebensowenig um Verzeihung zu bitten hast; und daß alles in der Welt, um was ich dich bitten möchte, darin besteht, daß du fünfundzwanzig zählst, Tattycoram.«

Sie sah ihn einen Augenblick an und sagte dann, indem sie die Stirn runzelte: »Ich will nicht, führen Sie mich weg, Miß Wade, bitte.«

Der Kampf, der diesem Augenblick in ihr raste, hatte nichts Milderndes. Es war ein Kampf zwischen leidenschaftlichem Trotz und unbeugsamem Trotz. Ihre lebhafte Röte, ihr rasches Blut, ihr ungestümer Atem stemmten sich alle gegen die Gelegenheit, ihren Schritt rückgängig zu machen. »Ich will nicht. Ich will nicht. Ich will nicht!« wiederholte sie mit leiser, tiefer Stimme. »Man muß mich erst in Stücke reißen. Ich würde mich selbst vorher in Stücke reißen!«

Miß Wade, die sie losgelassen, legte ihre Hand einen Augenblick schützend auf des Mädchens Nacken und sagte dann, indem sie mit ihrem frühern Lächeln umhersah und genau in ihrem frühern Ton sprach: »Gentlemen! was wollen Sie nach dieser Erklärung noch?«

»O, Tattycoram, Tattycoram!« rief Mr. Meagles, indem er sie mit erhobener Hand beschwor: »Höre die Stimme dieser Dame, sieh dieser Dame ins Gesicht, erwäge, was in dem Herzen dieser Dame vorgeht, und bedenke, was für eine Zukunft vor dir liegt! Mein Kind, was du auch immer denken magst, solange du unter dem Einfluß dieser Dame stehst – es ist erstaunlich für uns, und ich werde wohl nicht zu weit gehen, wenn ich sage, schrecklich für uns, es zu sehen –, alles beruht auf einer Leidenschaft, die stärker als die deine, und auf einem Temperament, das heftiger als das deine. Was könnt ihr einander sein? Was kann davon kommen?«

»Ich bin hier allein, Gentlemen«, bemerkte Miß Wade, ohne ihren Ton oder ihr Wesen zu verändern. »Sagen Sie alles, was Sie wollen.«

»Die Höflichkeit nötigt mich, gegen dieses mißleitete Mädchen in ihrem gegenwärtigen Zustand nachzugeben, Ma'am«, sagte Mr. Meagles, »obgleich ich sie nicht ganz aus den Augen zu lassen gedenke, selbst bei den Beleidigungen, die Sie mir in so herbem Tone vor ihr zufügen. Entschuldigen Sie, daß ich Sie, in ihrer Gegenwart, daran erinnere – ich muß es sagen – daß Sie uns allen ein Geheimnis waren und mit keinem von uns etwas gemein hatten, als sie Ihnen unglückseligerweise in den Weg kam. Ich weiß nicht, was Sie sind, aber Sie verbergen es nicht, können es nicht verbergen, was für ein finsterer Geist in Ihnen wohnt. Wenn Sie eine von den Damen sein sollten, die aus irgendwelchem Grund ein seltsames Vergnügen daran finden, eine Mitschwester so elend zu machen, wie sie selbst ist (ich bin alt genug, um schon davon gehört zu haben), so warne ich sie vor Ihnen und warne Sie vor sich selbst.«

»Gentlemen!« sagte Miß Wade ruhig. »Wenn Sie zu Ende sind – Mr. Clennam, vielleicht werden Sie Ihren Freund veranlassen –«

»Nicht ohne noch einen Versuch«, sagte Mr. Meagles standhaft. »Tattycoram, mein armes, liebes Mädchen, zähle fünfundzwanzig.«

»Weisen Sie die Hoffnung, die Gewißheit nicht von sich, die dieser freundliche Mann Ihnen bietet«, sagte Clennam mit leisem, aber eindringlichem Ton. »Kehren Sie zu den Freunden zurück, die Sie nicht vergessen. Bedenken Sie sich!«

»Ich will nicht! Miß Wade«, sagte das Mädchen, und ihr Busen schwoll, während sie beim Sprechen die Hand an ihren Hals legte, »nehmen Sie mich weg.«

»Tattycoram«, sagte Mr. Meagles, »noch einmal. Das einzige, was ich von dir in der Welt verlange, mein Kind: zähle fünfundzwanzig!«

Sie legte ihre Hand fest auf die Ohren, während ihr schönes schwarzes Haar bei der Heftigkeit, mit der sie es tat, verwirrt herabgezerrt wurde, und richtete den Blick entschlossen nach der Wand. Miß Wade, die sie während dieser letzten Aufforderung mit demselben seltsam aufmerksamen Lächeln beobachtet hatte, wie damals in Marseille, als jene in leidenschaftlichem Kampfe mit sich selbst rang, schlang jetzt den Arm um ihre Hüfte, als wollte sie von ihr für alle Zeiten Besitz ergreifen.

Es lag ein sichtbarer Triumph in ihrem Gesicht, als sie es den Fremden zuwandte, um sich zu verabschieden.

»Da es das letztemal ist, daß ich diese Ehre habe«, sagte sie, »und da Sie davon gesprochen haben, daß Sie nicht wissen, wer ich sei, und woher mein Einfluß bei diesem Mädchen stamme, so mögen Sie denn wissen, daß er sich auf eine gemeinschaftliche Ursache gründet. Was Ihr zerbrochenes Spielzeug in bezug auf Geburt ist, bin auch ich. Sie hat keinen Namen, ich habe keinen Namen. Ihre Unbill ist meine Unbill. Ich habe Ihnen nichts weiter zu sagen.«

Diese Worte waren an Mr. Meagles gerichtet, der traurig wegging. Als Clennam ihm folgte, sagte sie mit derselben äußerlichen Fassung und demselben gemessenen Ton, aber mit einem Lächeln, das man nur auf grausamen Gesichtern sieht: einem sehr schwachen Lächeln, das die Nasenflügel hebt, die Lippen kaum berührt und nicht langsam sich verliert, sondern augenblicklich wieder aufhört, sobald es seinen Zweck erfüllt:

»Ich hoffe, die Frau Ihres lieben Freundes, Mr. Gowan, wird in dem Kontrast, in dem ihre vornehme Abkunft zu der dieses Mädchens und der meinen steht, sowie in dem großen Glück, das sie erwartet, sich wirklich glücklich fühlen.«

 

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