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Klein-Dorrit. Erstes Buch

Charles Dickens: Klein-Dorrit. Erstes Buch - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleKlein-Dorrit. Erstes Buch
publisherGutenberg-Verlag
volume1. Buch
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zwanzigstes Kapitel.

Die Gesellschaft.

Wenn der junge John Chivery die Neigung und das Talent besessen, eine Satire mit Familienstolz zu schreiben, er hätte, um ein treffendes Beispiel zu finden, nicht nötig gehabt, aus der Familie seiner Geliebten hinauszugehen. Er hätte solche reichlich in dem hochfahrenden Bruder und der feinen Schwester gefunden, die so tiefgetaucht in gemeine Erfahrungen und so hochmütig auf ihren Familiennamen waren; so bereit, von dem Ärmsten zu betteln und zu borgen, von jedermanns Brot zu essen, jedermanns Geld zu vergeuden, aus jedermanns Glas zu trinken und es nachher zu zerbrechen. Wenn er die schmutzigen Tatsachen ihres Lebens geschildert und sie gezeichnet, wie sie beständig die Erscheinung des Gespenstes ihres Familienadels beschworen, um ihre Wohltäter zu schrecken, – der junge John wäre ein Satiriker vom reinsten Wasser geworden.

Tip hatte seiner Freiheit eine hoffnungsvolle Richtung gegeben, indem er Billardmarkör wurde. Er hatte sich so wenig darum gekümmert, wie und durch wen er befreit worden, daß Clennam kaum nötig gehabt, sich die Mühe zu geben, das Gedächtnis von Mr. Plornish in dieser Richtung zu beschweren. Wer auch immer ihm das Geschenk gemacht, er nahm es bereitwilligst an, ließ ihm dafür sein Kompliment machen, und damit war die Sache abgetan. So leichten Kaufs aus dem Gefängnis befreit, wurde er Billardmarkör und zog nun zuweilen in einem grünen Newmarketrock (aus zweiter Hand), mit einem glänzenden Kragen und blanken Knöpfen (neu), in die kleine Kegelbahn und trank das Bier der Kollegen.

Ein fester, stabiler Punkt in dem lockern Wesen dieses Charakters war, daß er seine Schwester Amy achtete und bewunderte. Dieses Gefühl hatte ihn zwar nie veranlaßt, ihr auch nur einen verdrießlichen Moment zu ersparen oder sich irgendeinen Zwang anzutun und sich irgendeine Mühe aufzuerlegen; aber mit diesem Marschallgefängnisfleck auf seiner Liebe, liebte er sie. Derselbe starke Marschallgefängnisgeruch ließ sich in der Art erkennen, wie er deutlich sah, daß sie ihr Leben für ihren Vater opferte und dabei gar nicht daran dachte, daß sie irgend etwas für ihn getan.

Wann dieser lebhafte junge Mann und seine Schwester begonnen, das Familienehrenskelett systematisch zusammenzusetzen, um die Kollegen zu schrecken, kann diese Erzählung nicht genau angeben. Wahrscheinlich ungefähr zu der Zeit, als sie auf Kosten der Wohltätigkeit des Kollegiums zu Mittag zu essen begannen. Soviel ist sicher, daß, je reduzierter und bedürftiger sie waren, desto pomphafter das Skelett aus seinem Grabe stieg und daß, wenn irgend etwas besonders Schäbiges im Anzug war, das Skelett immer mit dem geisterhaftesten Glanz zum Vorschein kam.

Es war für Klein-Dorrit an jenem Montagmorgen spät geworden, denn ihr Vater schlief lange, und dann war sein Frühstück zu bereiten und sein Zimmer herzurichten. Sie war jedoch heute nicht zum Nähen bestellt und blieb deshalb bei ihm, bis sie mit Maggys Hilfe alles in Ordnung gebracht und ihn seinen Morgenspaziergang (von ungefähr zwanzig Schritt) nach dem Kaffeehaus hatte antreten sehen, wo er die Zeitungen las. Dann nahm sie ihren Hut und ging aus; sie wäre gern viel früher ausgegangen. Es trat wie gewöhnlich eine Unterbrechung in dem Geplauder des Pförtnerstübchens ein, als sie durch dasselbe ging, und ein Gefangener, der am Samstagabend hereingekommen war, wurde von dem Ellbogen eines schon länger Sitzenden angestoßen: »Sehen Sie! Das ist sie!«

Sie wollte ihre Schwester besuchen; als sie jedoch nach Mr. Cripples' Haus kam, hörte sie, daß ihre Schwester und ihr Onkel in das Theater gegangen waren, wo sie engagiert waren. Nachdem sie einen Augenblick über diese Wahrscheinlichkeit nachgesonnen und sich entschlossen, ihnen in diesem Falle zu folgen, begab sie sich raschen Schrittes nach dem Theater, das diesseits des Flusses und nicht weit entfernt war.

Klein-Dorrit war der Theaterwege so unkundig wie der Goldminenwege, und als sie nach einer Art geheimer Tür gewiesen wurde, die so seltsam aussah, als stünde sie die ganze Nacht offen, und sich vor sich selbst zu schämen und sich in einem Gang zu verbergen schien, zögerte sie, sich zu nähern, da sie überdies noch weiter durch den Anblick von einem halben Dutzend kahl rasierter Herren zurückgeschreckt wurde, die die Hüte seltsam aufhatten und, wie sie so um die Tür her lungerten, den Gefangenen des Marshalsea gar nicht unähnlich waren. Als sie sich, durch diese Ähnlichkeit ermutigt, um Auskunft wegen Miß Dorrit an sie wandte, machten sie ihr Platz, und sie trat in einen dunklen Gang – der einer großen mürrischen Lampe glich, die ausgegangen zu sein schien –, wo sie in der Entfernung Musik und das Geräusch von tanzenden Füßen hören konnte. Ein Mann, der so sehr der frischen Luft entbehrte, daß er mit einem blauen Moder überlaufen war, bewachte diesen dunklen Ort von einem Loch in einer Ecke aus wie eine Spinne; und er sagte ihr, daß er die erste Dame oder den ersten Herrn, die hier vorüberkämen, zu Miß Dorrit schicken wolle. Die erste Dame, die hier vorüberkam, trug eine Musikrolle, die halb in ihrem Muff versteckt war, halb heraussah und in so gänzlich zerknittertem Zustande war, daß man ihr ohne Zweifel eine Freundlichkeit erwiesen, wenn man sie ausgebügelt hätte. Da die Dame jedoch sehr gutmütig war, sagte sie: »Kommen Sie mit mir: ich werde Miß Dorrit gleich für Sie gefunden haben«, und so ging Miß Dorrits Schwester mit ihr, und sie kamen mit jedem Schritt in der Dunkelheit dem Klang der Musik und dem Geräusch der tanzenden Füße immer näher.

Endlich kamen sie in einen Nebel von Staub, wo eine Menge Menschen sich durcheinander tummelten und ein solcher Wirrwarr sonderbarer Gestalten von Balken, Bretterverschlägen, Backsteinmauern, Stricken und Walzen war und solch eine Mischung von Gaslicht und Tageslicht herrschte, daß sie auf die verkehrte Seite des Weltmusters gekommen zu sein schienen. Klein-Dorrit, die sich wieder allein sah und jeden Augenblick von jemandem gestoßen wurde, war ganz verwirrt, als sie die Stimme ihrer Schwester hörte.

»Ei du mein Gott, Amy, was führt dich hierher?«

»Ich wollte dich sprechen, liebe Fanny; und da ich morgen den ganzen Tag aus bin und wußte, daß du heute den ganzen Tag beschäftigt sein würdest, so dacht' ich –«

»Aber die Idee, Amy, daß du hierherkommst! Ich hätte mir's nicht einfallen lassen!« Während ihre Schwester dies in keinem sehr herzlichen Willkommenston sagte, führte sie sie nach einem freieren Platze, wo verschiedene vergoldete Stühle und Tische durcheinander gehäuft waren und wo eine Anzahl junger Damen plaudernd auf allem saßen, was sie gerade finden konnten. All diese Damen hätten das Ausbügeln brauchen können, und alle hatten eine eigentümliche Art, überall herumzusehen, während sie plauderten.

Gerade als die Schwestern an diesen Platz kamen, bog ein Junge in einer schottischen Mütze seinen Kopf um einen Balken zur Linken und sagte: »Weniger laut, meine Damen!« und verschwand. Gleich darauf sah ein lustiger Herr mit einer Masse langer, schwarzer Haare um einen Balken zur Rechten und sagte: »Weniger laut, liebe Kinder!« und verschwand gleichfalls.

»Dich unter meinen Kollegen hier zu sehen, Amy, ist wahrhaftig, was ich mir zuletzt hätte einfallen lassen«, sagte ihre Schwester. »Wie kamst du denn nur hierher?«

»Ich weiß nicht. Die Dame, die dir sagte, daß ich hier sei, war so gut, mich hereinzuführen.«

»Ja, ihr kleinen, stillen Geschöpfe, ihr könnt überall durchkommen, glaube ich. Mir wär's nicht gelungen, Amy, obgleich ich weit mehr von der Welt weiß.«

Es war die Gewohnheit der Familie, es als ein Familiengesetz zu betrachten, daß Amy ein einfaches, häusliches Geschöpf, aber ohne die großen und klugen Erfahrungen der übrigen sei. Diese Familienfiktion bestimmte die Ansicht der Familie von ihren Diensten. Nicht zu viel aus ihnen zu machen, war die Taktik.

»Nun, und was ist dir eingefallen, Amy? Natürlich ist dir etwas durch den Kopf gegangen, was mich betrifft?« sagte Fanny. Sie sprach, als ob ihre Schwester, die zwei bis drei Jahre jünger war als sie, ihre in Vorurteilen befangene Großmutter wäre.

»Es ist nicht viel; aber seit du mir von der Dame gesagt, die dir das Armband gab, Fanny –«

Der Junge steckte seinen Kopf um eine Kulisse zur Linken und sagte: »Passen Sie auf, meine Damen!« und verschwand. Der lustige Herr mit dem schwarzen Haar steckte alsbald auch den Kopf hinter die Kulisse zur Rechten und sagte: »Passen Sie auf, meine Kinder!« und verschwand gleichfalls.

Alle die jungen Damen standen auf und begannen ihre Röcke hinten auszuschütteln.

»Nun, Amy«, sagte Fanny, indem sie dem Beispiel der übrigen folgte, »was wolltest du sagen?«

»Seit du mir erzählt, eine Dame habe dir das Armband gegeben, das du mir gezeigt, Fanny, bin ich nicht mehr ganz ruhig deinetwegen und möchte wirklich etwas mehr wissen, wenn du mir mehr anvertrauen willst.«

»Jetzt, meine Damen!« sagte der Junge mit der schottischen Mütze. »Jetzt, meine Kinder!« sagte der Herr mit dem schwarzen Haar. In einem Augenblick waren sie alle verschwunden, und man hörte wieder die Musik und die tanzenden Füße.

Durch diese Unterbrechungen ganz schwindlig gemacht, setzte sich Klein-Dorrit auf einen goldenen Stuhl. Ihre Schwester und die übrigen blieben lange fort; und während ihrer Abwesenheit rief eine Stimme (es schien die des Herrn mit dem schwarzen Haar zu sein) beständig durch die Musik: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – vorwärts! – Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – vorwärts! – Takt halten, Kinder! Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – vorwärts!« Zuletzt schwieg die Stimme, und sie kamen alle wieder, mehr oder weniger außer Atem, sich in ihre Schals hüllend und sich für die Straße zurechtmachend. »Warte ein wenig, Amy, und lasse sie vorher weggehen«, flüsterte Fanny. Sie waren bald allein; es geschah in der Zwischenzeit nichts Wichtiges, als daß der Junge um seine alte Kulisse sah und sagte: »Alle pünktlich morgen um elf Uhr, meine Damen!« und daß der Herr mit dem schwarzen Haar um seine alte Kulisse sah und sagte: »Alle pünktlich morgen um elf Uhr, meine Kinder!« – Jeder tat es nach seiner gewöhnlichen Art.

Als sie allein waren, wurde etwas weggewälzt oder auf andere Weise aus dem Weg geschafft, und es war ein großer, leerer Brunnen vor ihnen, in dessen Tiefen Fanny hinabsah und rief: »Nun, Onkel!« Als Klein-Dorrits Augen an die Dunkelheit gewöhnt waren, gewahrte sie die Umrisse desselben in der Tiefe des Loches in einer dunklen Ecke. Er hielt sein Instrument in der zerrissenen Kapsel unter dem Arm.

Der alte Mann sah aus, als ob die entfernten, hohen Galeriefenster mit ihrem kleinen Streifen Himmel die Höhe seiner bessern Tage gewesen, von der er herabgestiegen, bis er zuletzt in diesen Abgrund gesunken. Er war seit vielen Jahren wöchentlich sechs Abende an diesem Ort; man hatte jedoch nie beobachtet, daß er seine Blicke über die Noten erhoben, und man war der festen Überzeugung, daß er nie ein Stück gesehen. Es ging sogar die Sage an diesem Ort, daß er die populärsten Helden und Heldinnen nicht mal von Ansehen kenne, und daß der Komiker um einer Wette willen ihn fünfzig Abende lang auf das beste persifliert, ohne daß er auch nur das geringste davon gemerkt. Die Zimmerleute behaupteten im Scherze, er sei tot, ohne daß er es wisse, und die Besucher des Parterres glaubten, er bringe sein ganzes Leben, Tag und Nacht und Sonntag und alle Zeit, im Orchester zu. Sie hatten ihm mehrmals Prisen über die Brustlehne hinüber angeboten, und er hatte diese Aufmerksamkeit immer mit einem momentanen Erwachen erwidert, in dem das blasse Phantom des Gentlemans zur Erscheinung kam; über dies hinaus hatte er niemals irgendwelchen Anteil an dem, was vorging, soweit es nicht in der für die Klarinette ausgeschriebenen Stimme stand; im Privatleben, wo es keine Klarinettstimme gab, nahm er überhaupt keinen Anteil an etwas. Einige sagten, er sei arm, andere, er sei ein reicher Geizhals, er aber sagte nichts, hob niemals seinen gebückten Kopf und änderte auch seinen schlürfenden Gang nicht, indem er seinen unelastischen Fuß vom Boden etwa aufgehoben. Obgleich er in diesem Augenblick erwartete, daß ihn seine Nichte rufen werde, hörte er doch nicht, bis sie drei- oder viermal gesprochen; auch war er nicht im geringsten überrascht, als er zwei Nichten statt einer fand, sondern sagte nur mit seinem tremulierenden Tone: »Ich komme, ich komme!« und kroch durch einen unterirdischen Gang, der einen Kellergeruch verbreitete, herauf.

»So, Amy«, sagte ihre Schwester, als die drei zusammen fortgingen, an der Tür, die ein so verschämtes Bewußtsein ihrer Verschiedenheit von andern Türen hatte, während der Onkel unwillkürlich Amys Arm als denjenigen nahm, auf den man sich stützen konnte; »so, Amy, du möchtest also mehr von mir wissen?«

Sie war hübsch und selbstbewußt und ziemlich aufgeblasen; und die Herablassung, mit der sie das Übergewicht ihrer Reize und ihrer Welterfahrung beiseite setzte und sich mit ihrer Schwester beinahe auf eine Stufe stellte, hatte viel von dem Wesen der Familie an sich.

»Fanny, ich interessiere mich für alles, was dich betrifft, und bin auch dabei beteiligt.«

»Allerdings, allerdings, und du bist die beste Amy. Wenn ich je etwas hoch hinaus will, so wirst du sicher einsehen, was es heißt, meine Stellung einzunehmen und das Bewußtsein zu besitzen, über sie erhaben zu sein. Ich würde mich nicht darum kümmern«, sagte die Tochter des Vaters des Marschallgefängnisses, »wenn die andern nicht so gemein wären. Keine von ihnen ist wie wir in der Welt heruntergekommen. Sie stehen alle auf ihrer Höhe. Gemeines Volk.«

Klein-Dorrit sah die Sprecherin freundlich an, unterbrach sie jedoch nicht. Fanny nahm ihr Taschentuch heraus und wischte sich ziemlich ärgerlich die Augen. »Du weißt, ich bin nicht geboren worden, Amy, wo du geboren wurdest, und vielleicht macht das einen Unterschied. Mein liebes Kind, wenn wir den Onkel los sind, werde ich dir alles sagen. Wir wollen ihn bei der Garküche absetzen, wo er zu Mittag speist.«

Sie gingen mit ihm weiter, bis sie an ein schmutziges Ladenfenster in einer schmutzigen Straße kamen, das durch den Dampf der heißen Fleischspeisen, Gemüse und Puddings beinahe undurchsichtig geworden. Aber man sah doch noch einen Schein von gebratenem Schweinsschlegel, der in einer metallenen Schüssel voll Fettbrühe vor lauter Salbei und Zwiebel Tränen weinte, einen Schein von einem fetten Roastbeef und blasigem Yorkshirepudding, der heiß in einem ähnlichen Gefäße glänzte, einen Schein von einem gefüllten Kalbsfilet, das hastig angeschnitten worden, von einem Schinken, der durch den Schritt, in dem er dem Garwerden entgegenging, transpirierte, von einem flachen Gefäß mit gebratenen Kartoffeln, die durch ihre eigene Üppigkeit zusammenhielten, von einem oder zwei Bündeln gekochter Küchenkräuter und andern substanziellen Delikatessen. Drinnen waren einige hölzerne Abteilungen, hinter denen solche Kunden, die es bequemer fanden, ihr Essen im Magen, statt in den Händen mitzunehmen, ihre Einkäufe in der Stille einpackten. Fanny öffnete, während sie die Sachen übersah, ihren Ridikül, brachte aus diesem Behälter einen Schilling hervor und gab ihn dem Onkel. Der Onkel, der sich das Erhaltene einen Augenblick ansah, ahnte, was es sei, und verschwand langsam mit den Worten: »Mittagessen? Hm? Ja, ja, ja!« in dem Nebel.

»Jetzt, Amy«, sagte ihre Schwester, »komm' mit mir, wenn du nicht zu müde bist, um nach Harley Street, Cavendish Square zu gehen.«

Die Miene, mit der sie diese vornehme Adresse nannte, und die Art, wie sie ihren neuen Hut zurückwarf, der mehr durchsichtig als nützlich war, ließ ihre Schwester staunen; sie sprach jedoch ihre Bereitwilligkeit aus, nach Harley Street zu gehen, und sie richteten ihre Schritte dahin. Als sie an diesen großartigen Bestimmungsort gekommen waren, bezeichnete Fanny das schönste Haus und fragte, nachdem sie an die Tür gepocht, nach Mrs. Merdle. Der Bediente, der die Tür öffnete, obwohl er Puder auf dem Kopfe hatte und zwei andere gleichfalls gepuderte Bediente ihm den Rücken deckten, bestätigte nicht nur, daß Mrs. Merdle zu Hause sei, sondern bat Fanny, einzutreten. Fanny trat ein und nahm ihre Schwester mit sich; sie gingen die Treppe hinauf, Puder vorn und Puder hinten, und wurden in ein halbrundes, geräumiges Empfangszimmer, eins von den vielen Empfangszimmern geführt, wo sich ein Papagei außen an einem goldenen Käfig befand, der sich mit seinem Schnabel, die schaligen Füße in der Luft, daran festhielt und sich in allerlei seltsame Stellungen brachte, bei denen immer der Rücken unten war. Diese Eigentümlichkeit hat man auch bei Vögeln von ganz anderem Gefieder bemerkt, die an goldenen Drahtstäben hinaufklettern.

Das Zimmer war prachtvoller als alles, was Klein-Dorrit sich je vorgestellt hatte, und würde jedem glänzend und kostbar erschienen sein. Sie sah ihre Schwester erstaunt an und würde eine Frage an sie gerichtet haben, wenn Fanny nicht mit warnender Stirn nach einer Portiere gedeutet, die in ein anderes Zimmer führte. Der Vorhang bewegte sich im nächsten Augenblick, und eine Dame, die ihn mit reich beringter Hand auseinanderhob, ließ ihn wieder hinter sich fallen, als sie eingetreten war. Die Dame war nicht jung und frisch von der Hand der Natur, aber war jung und frisch von der Hand ihrer Kammerjungfer. Sie hatte große, gefühllose, schöne Augen und dunkles, gefühlloses, schönes Haar und einen breiten, gefühllosen, schönen Busen und war in allen diesen Einzelheiten aufs effektvollste herausstaffiert. Sei es nun, daß sie sich erkältet oder weil es ihr gut stand, sie trug eine reiche, weiße Binde über ihren Kopf und unter ihrem Kinn zusammengebunden. Und wenn es je ein gefühlloses, schönes Kinn gab, das aussah, als ob es gewiß nie in vertraulichem Umgang von der Hand eines Mannes geliebkost worden, war es das Kinn, das durch diesen Spitzenzaum so fest und scharf aufgezäunt war.

»Mrs. Merdle«, sagte Fanny. »Meine Schwester, Ma'am.«

»Ich freue mich, Ihre Schwester zu sehen, Miß Dorrit. Ich erinnere mich nicht, daß Sie eine Schwester haben.«

»Ich habe es Ihnen noch nicht gesagt«, erwiderte Fanny.

»Ah!« Mrs. Merdle krümmte den kleinen Finger ihrer linken Hand, als wollte sie damit sagen: »Ich habe sie ertappt. Ich wußte es wohl, daß Sie's nicht sagten!« All ihre Gesten verrichtete gewöhnlich ihre linke Hand, weil ihre Hände kein Paar waren; die linke war weit die weißere und vollere von den beiden. Dann fügte sie hinzu: »Setzen Sie sich« und ließ sich selbst mit einer gewissen Üppigkeit in einem Nest von scharlachroten und goldenen Kissen auf einer Ottomane in der Nähe des Papageis nieder.

»Gleichfalls beim Theater« sagte Mrs. Merdle und betrachtete Klein-Dorrit durch das Augenglas.

Fanny antwortete: »Nein.«

»Nein«, sagte Mrs. Merdle, ihr Augenglas fallen lassend, »hat kein theatralisches Aussehen. Sehr angenehm, aber nicht theatralisch.«

»Meine Schwester, Ma'am«, sagte Fanny, in deren Ton eine eigentümliche Mischung von Ehrerbietung und Kühnheit war, »hat mich gebeten, ihr zu sagen, wie sich's unter Schwestern geziemt, auf welche Art ich zu der Ehre Ihrer Bekanntschaft kam. Und da ich mich verpflichtet hatte, Sie wieder zu besuchen, so glaubte ich mir die Freiheit nehmen zu dürfen, sie mitzubringen, damit Sie's ihr vielleicht selbst sagen. Ich wünsche, daß sie es weiß, und vielleicht sagen Sie es ihr.«

»Denken Sie, in Ihrer Schwester Alter –« warnte Mrs. Merdle.

»Sie ist weit älter, als sie aussieht«, sagte Fanny, »beinahe so alt wie ich.«

»Die Gesellschaft«, sagte Mrs. Merdle mit einer zweiten Krümmung des kleinen Fingers, »ist so schwierig jungen Leuten zu erklären (sie ist wirklich den meisten Menschen schwer zu erklären), daß ich froh bin, das zu hören. Ich wünschte, die Gesellschaft wäre nicht so willkürlich, so anspruchsvoll, – Vogel, sei ruhig!«

Der Papagei hatte einen sehr grellen Schrei ausgestoßen, als wenn er Gesellschaft hieße und sein Recht zu den Ansprüchen behauptete.

»Aber«, fuhr Mrs. Merdle fort, »wir müssen sie nehmen, wie wir sie finden. Wir wissen wohl; sie ist hohl und konventionell, weltlich und sehr anstößig, aber wenn wir nicht Wilde an den tropischen Meeren sind (ich wäre mit Vergnügen eine solche Wilde – ein entzückendes Leben und herrliches Klima, wie man mir sagt –), so müssen wir sie berücksichtigen. Es ist das allgemeine Los. Mr. Merdle ist ein Kaufmann mit großen Verbindungen, seine Geschäfte werden im großartigsten Maßstab betrieben, sein Reichtum und sein Einfluß sind sehr bedeutend, aber selbst er – Vogel, sei still!«

Der Papagei hatte wieder geschrien, und er vollendete die Phrase so ausdrucksvoll, daß Mrs. Merdle nicht nötig hatte, sie zu beendigen.

»Da Ihre Schwester bittet, ich möchte unsere persönliche Bekanntschaft näher erklären«, begann sie wieder und wandte sich an Klein-Dorrit, »indem ich die Umstände erzähle, die sehr zu Ihrem Vorteil sprechen, so kann ich allerdings nicht umhin, ihrem Wunsche zu entsprechen. Ich habe einen Sohn (ich wurde das erstemal außerordentlich früh verheiratet) von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren.«

Fanny biß die Lippen aufeinander, und ihre Augen sahen halb triumphierend auf ihre Schwester.

»Einen Sohn von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren. Er ist ein wenig lustig, etwas, woran die Gesellschaft bei jungen Männern gewöhnt ist, und gefühlvoll. Vielleicht hat er dieses Unglück geerbt. Ich bin selbst sehr gefühlvoller Natur. Ein außerordentlich weiches Geschöpf. Ich bin gleich gerührt.«

Sie sagte dies und alles andere so kalt wie eine Frau von Schnee; auch schien sie die Anwesenheit der Schwestern, wenige Augenblicke ausgenommen, ganz zu vergessen und ihre Worte an eine Abstraktion von Gesellschaft zu richten. Um dieser Abstraktion willen ordnete sie zuweilen ihr Kleid oder gab sich eine andre Stellung auf der Ottomane.

»Wie gesagt, er ist sehr gefühlvoll. Im Naturzustande wäre das, glaube ich, kein Unglück, aber wir sind nicht mehr im Naturzustande. Es ist das ohne Zweifel sehr zu bedauern, namentlich meinerseits, da ich ein Naturkind bin, wenn ich es nur zeigen könnte, aber so ist es nun einmal. Die Gesellschaft unterdrückt und beherrscht uns – Vogel, sei ruhig!«

Der Vogel war in ein heftiges Gelächter ausgebrochen, nachdem er mehrere Stäbe seines Käfigs mit seinem krummen Schnabel verdreht und mit seiner schwarzen Zunge beleckt hatte.

»Es ist völlig unnötig, einer Person von Ihrer Einsicht, Ihrer Erfahrung und Feinfühligkeit«, sagte Mrs. Merdle, aus ihrem Neste aus Scharlach und Gold – und setzte dabei ihr Glas wieder an die Augen, um ihr Gedächtnis aufzufrischen, mit wem sie spräche – »es ist unnötig, Ihnen zu sagen, daß das Theater bisweilen einen zaubrischen Reiz für junge Leute von solchem Charakter hat. Wenn ich Theater sage, so meine ich die Personen weiblichen Geschlechts dabei. Als ich deshalb hörte, mein Sohn sei von einer Tänzerin bezaubert, so wußte ich, was das in der Gesellschaft gewöhnlich zu bedeuten habe, und verließ mich darauf, daß es eine Tänzerin bei der Oper sei, wo junge Leute, die sich in der Gesellschaft bewegen, sich gewöhnlich bezaubern lassen.«

Sie ließ die weißen Hände übereinander laufen und beobachtete nun die Schwestern; und die Ringe an ihren Fingern knarrten mit einem scharfen Ton aneinander.

»Wie Ihre Schwester Ihnen sagen kann, als ich fand, welches Theater es sei, war ich sehr erstaunt und unangenehm berührt. Als ich jedoch fand, daß Ihre Schwester die Avancen meines Sohnes (ich muß hinzufügen, in höchst unerwarteter Weise) zurückwies und ihn dadurch soweit trieb, ihr die Heirat anzutragen, war ich aufs tiefste bestürzt und in Sorgen.«

Sie streifte an der Außenlinie ihrer linken Augenbraue hin und brachte sie in Ordnung.

»In einem zerstörten Zustand, den nur eine Mutter – die sich in der Gesellschaft bewegt – begreifen kann, beschloß ich, selbst nach dem Theater zu gehen und der Tänzerin meine Gemütsverfassung auseinanderzusetzen. Ich stellte mich selbst Ihrer Schwester vor. Ich fand sie zu meinem Erstaunen in vielen Beziehungen von meinen Erwartungen verschieden, und gewiß in keiner mehr, als darin, daß ich – wie soll ich's nur ausdrücken? – auf ihrer Seite gleichfalls Familienprätensionen fand.« Mrs. Merdle lächelte.

»Ich sagte Ihnen, Ma'am«, warf Fanny mit erhöhter Röte ein, »daß, obgleich Sie mich in dieser Lage fanden, ich so hoch über den übrigen stehe, daß ich meine Familie für so gut wie die Ihrige ansähe; und daß ich einen Bruder hätte, der, wenn er die Umstände kennte, derselben Ansicht sein und in einer solchen Verbindung keine besondere Ehre sehen würde.«

»Miß Dorrit«, sagte Mrs. Merdle, nachdem sie sie frostig durch ihr Glas angesehen, »das ist's, was ich, auf Ihre Bitte hin, soeben Ihrer Schwester zu erzählen im Begriffe war. Sehr verbunden, daß Sie sich so genau erinnern und mir zuvorkommen. Ich nahm augenblicklich«, fuhr sie an Klein-Dorrit gewandt fort, »(denn ich folge meinen momentanen Eingebungen) ein Armband von meinem Arm und bat Ihre Schwester, es ihr anlegen zu dürfen, zum Zeichen der Freude, die ich empfand, die Sache soweit auf einen gemeinschaftlichen Fuß bringen zu können.« (Das war vollkommen wahr, da die Dame einen billigen, aber prächtig aussehenden Artikel auf ihrem Wege nach dem Theater in der Absicht der Bestechung gekauft hatte.)

»Und ich sagte Ihnen, Mrs. Merdle, daß wir unglücklich sein könnten, aber nicht gemein.«

»Ich glaube, das waren die Worte, Miß Dorrit«, bestätigte Mrs. Merdle.

»Und ich sagte Ihnen, Mrs. Merdle«, fuhr Fanny fort, »daß, wenn Sie mir von der überlegenen Stellung Ihres Sohnes, der sich in der Gesellschaft bewege, sprächen, es wohl möglich sei, daß Sie sich in Ihren Vermutungen über meine Abkunft täuschten; und daß meines Vaters Stellung, selbst in der Gesellschaft, in der er sich jetzt bewege (welche das war, war mir am besten bekannt), eine sehr hohe und allgemein anerkannte sei.«

»Ganz recht«, fügte Mrs. Merdle hinzu. »Ein außerordentlich bewundernswertes Gedächtnis.«

»Ich danke Ihnen, Ma'am. Vielleicht werden Sie so freundlich sein, meiner Schwester das übrige zu sagen.«

»Es ist sehr wenig mehr zu erzählen«, sagte Mrs. Merdle, mit einem Blicke über die Breite ihres Busens, die wesentlich für sie zu sein schien, um Raum genug für ihre Gefühllosigkeit zu haben, »aber es dient zur Ehre Ihrer Schwester. Ich setzte Ihrer Schwester den Stand der Dinge offen auseinander; die Unmöglichkeit, daß die Gesellschaft, in der wir uns bewegten, die Gesellschaft anerkenne, in der sie sich bewegte, – obgleich sie ohne Zweifel ganz reizend sei; den ungeheuren Nachteil, in den sie infolgedessen die Familie bringe, von der sie eine so hohe Meinung habe, auf die wir aber mit Verachtung herabzusehen gezwungen sein würden, und von der wir, gesellschaftlich gesprochen, uns mit Abscheu zurückziehen müßten. Kurz, ich appellierte an den lobenswerten Stolz ihrer Schwester.«

»Lassen Sie meine Schwester gefälligst wissen, Mrs. Merdle«, schmollte Fanny, indem sie ihren durchsichtigen Hut heftig zurückwarf, »daß ich bereits die Ehre hatte, Ihrem Sohn zu sagen, ich wünschte auch nicht das geringste mit ihm zu tun zu haben.«

»Jawohl, Miß Dorrit«, pflichtete Mrs. Merdle bei, »vielleicht hätte ich das schon früher bemerken sollen. Wenn ich nicht daran dachte, geschah es, weil die Befürchtungen, die ich damals hegte, er möchte bei seinem Entschlusse beharren, und Sie möchten ihm etwas zu sagen haben, mir wieder lebhaft vor die Seele traten. Ich erwähnte auch gegenüber Ihrer Schwester – ich wende mich wieder an die nicht dem Theater angehörende Miß Dorrit –, daß mein Sohn im Fall einer solchen Heirat nichts haben würde und ein absoluter Bettler wäre. (Ich erwähne das nur als ein Faktum, das einen Teil der Erzählung bildet, und nicht, als vermutete ich, es habe Einfluß auf Ihre Schwester gehabt, es sei denn in der klugen und rechtmäßigen Weise, in der wir, wie unser künstliches System nun einmal ist, alle durch solche Betrachtungen beeinflußt werden.) Endlich nach einigen stolzen und selbstbewußten Worten von seiten Ihrer Schwester kamen wir zu der vollständigen Überzeugung, daß keine Gefahr vorhanden, und Ihre Schwester war so gütig, mir zu gestatten, sie mit einem oder zwei Beweisen meiner Wertschätzung bei meiner Schneiderin einzuführen.«

Klein-Dorrit sah betrübt aus und blickte Fanny mit besorgter Miene an.

»Auch war sie so gütig«, sagte Mrs. Merdle, »mir das Vergnügen eines erneuerten Besuches, das ich gegenwärtig habe, zu versprechen und mir die Gewißheit zu geben, daß wir auf dem besten Fuße scheiden. Bei dieser Gelegenheit«, fügte Mrs. Merdle hinzu, verließ ihr Nest und legte etwas in Fannys Hand, »wird mir Miß Dorrit gestatten, ihr in meiner blöden Weise Lebewohl zu sagen.«

Die Schwestern erhoben sich zu gleicher Zeit und standen alle bei dem Käfig des Papageis, als er an einer Handvoll Biskuits zog, die er wegwarf, worauf er sie mit den prachtvollen Schwingungen seines Körpers, ohne daß er die Füße dabei bewegte, zu verspotten schien und sich plötzlich von unterst zu oberst kehrte und sich über die ganze Außenseite des goldnen Käfigs mit Hilfe seines scharfen Schnabels und seiner schwarzen Zunge hinschleppte.

»Adieu, Miß Dorrit, meine besten Wünsche begleiten Sie«, sagte Mrs. Merdle. »Wenn wir nur zu einem tausendjährigen Reiche oder etwas der Art kommen könnten, ich meinesteils hätte das Vergnügen, eine Anzahl anziehender und talentierter Persönlichkeiten zu kennen, deren Umgang ich mir nur im Augenblick versagen muß. Ein ursprünglicherer Zustand der Gesellschaft wäre mir ungemein lieb. Es gab ein Gedicht, als ich noch Unterricht nahm, das begann: ›Ein Kanadier, der noch Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte.‹ Wenn einige tausend Personen, die sich in der Gesellschaft bewegen, nur Kanadier werden wollten, ich würde augenblicklich meinen Namen unterschreiben; aber da wir uns in der Gesellschaft bewegen, können wir unglücklicherweise keine Kanadier sein – guten Morgen!«

Sie gingen die Treppe hinab, Puder vorn und Puder hinten, die ältere Schwester stolz, die jüngere demütig, und sahen sich bald in der ungepuderten Harley Street, Cavendish Square.

»Nun«, sagte Fanny, als sie eine Zeitlang gegangen waren, ohne zu sprechen. »Hast du mir nichts zu sagen, Amy?«

»Oh, ich weiß nicht, was ich sagen soll!« antwortete sie, ganz unglücklich. »Du liebtest diesen jungen Mann doch nicht, Fanny?«

»Ihn lieben? Er ist beinahe blödsinnig.«

»Ich bedaure – sei nicht böse, aber da du mich fragst, was ich zu sagen habe, ich bedaure wirklich, Fanny, daß du dir von dieser Dame etwas schenken ließest.«

»Du kleine Närrin!« versetzte die Schwester und schüttelte sie mit einem heftigen Stoße, den sie ihrem Arme gab. »Hast du denn keinen Stolz? Aber, das ist's ja eben. Du besitzt keine Selbstachtung. Du hast keinen Stolz, wie er sich für uns ziemt. Gerade, wie du gestattest, daß dir ein verächtlicher, kleiner Chivery nachläuft«, fügte sie mit der zornigsten Emphase hinzu, »so würdest du es leiden, daß man auf deine Familie tritt, und dich nicht mucksen.«

»Sage das nicht, liebe Fanny. Ich tue, was ich für sie tun kann.«

»Du tust, was du für sie tun kannst!« wiederholte Fanny, dicht neben ihr einherschreitend. »Würdest du eine Frau wie diese, die du, wenn du die geringste Erfahrung hättest, gleich als so falsch und insolent erkennen würdest, wie es ein Weib nur sein kann, – würdest du sie ihren Fuß auf deine Familie setzen lassen und ihr dafür danken?«

»Nein, Fanny, gewiß nicht.«

»Dann laß sie dafür büßen, du armes, kleines Ding. Was kannst du ihr sonst antun? Laß sie dafür büßen, du törichtes Kind, und bringe deine Familie mit dem Gelde in Kredit!«

Sie sprachen auf dem ganzen Wege nach dem Hause, wo Fanny und ihr Onkel wohnten, kein Wort mehr. Als sie dort ankamen, fanden sie den alten Mann, wie er sein Instrument in einer Ecke des Zimmers auf die traurigste Weise mißhandelte. Fanny hatte ein umständliches Mahl aus Hammelkotelettes, Porter und Tee zu bereiten und behauptete mit Unwillen, es selbst bereiten zu müssen, während ihre Schwester alles in der Stille machte. Als Fanny sich zuletzt niedersetzte, um zu essen und zu trinken, stieß sie das Tischgerät weg und war über ihr Essen ärgerlich, fast ganz, wie es ihr Vater am vergangenen Abend gewesen.

»Wenn du mich verachtest«, sagte sie, in heftige Tränen ausbrechend, »weil ich eine Tänzerin bin, warum führtest du mich auf den Weg, daß ich eine solche wurde? Es war deine Sache. Du möchtest, daß ich mich so tief vor dieser Mrs. Merdle beuge als der Boden, daß ich sie reden ließe, was ihr zu sagen beliebte, und uns alle verachten – und mir das ins Gesicht sagen. Weil ich eine Tänzerin bin!«

»Oh, Fanny!«

»Und auch Tip, der arme Junge. Sie darf ihn heruntersetzen, ohne daß man ihr es wehrt, – vermutlich weil er in einer Amtsstube und in den Docks und an verschiedenen andern Plätzen war. Das war ja deine Anordnung, Amy. Du solltest wenigstens erlauben, daß man ihn verteidigt.«

Der Onkel blies die ganze Zeit in der Ecke auf eine jämmerliche Weise die Klarinette fort, indem er sie bisweilen für einen Augenblick einen Zoll von seinem Munde wegnahm, während er mit dem unbestimmten Gefühl, als habe jemand gesprochen, sie anstarrte.

»Und dein Vater, dein armer Vater, Amy? Weil er nicht frei ist, um sich selbst zu zeigen und für sich zu sprechen, würdest du solches Volk ihn ungestraft beleidigen lassen. Wenn du nicht für dich selbst fühlst, weil du in die Arbeit gehst, so solltest du wenigstens für ihn fühlen, dächte ich, da du weißt, was er so lange ausgestanden.«

Die arme Klein-Dorrit fühlte die Ungerechtigkeit dieses Vorwurfs ziemlich bitter. Die Erinnerung an die vergangene Nacht drückte ihr noch einen anderen Widerhaken ins Herz. Sie antwortete nichts, sondern wandte ihren Stuhl vom Tisch nach dem Feuer zu. Nachdem der Onkel wieder eine Pause gemacht, blies er immer von neuem eine traurige Melodie.

Fanny verfuhr ärgerlich mit ihrem Tee und ihren Brotschnitten, solange ihre Leidenschaft dauerte, und behauptete dann, sie sei das unglücklichste Mädchen von der Welt und wünschte, sie wäre tot. Dann ging ihr Weinen in Mitleid über, und sie trat auf ihre Schwester zu und schlang ihren Arm um sie. Klein-Dorrit suchte sie davon zurückzuhalten, daß sie etwas sagte, aber sie antwortete, sie wolle und müsse! Darauf sagte sie wieder und wieder: »Ich bitte dich um Verzeihung, Amy«, und »Vergib mir, Amy«, beinahe so leidenschaftlich, als sie gesagt, was sie bedauerte.

»Aber wirklich, Amy«, fuhr sie fort, als sie in schwesterlicher Eintracht beieinander saßen, »ich glaube und hoffe, du würdest die Sache anders angesehen haben, wenn du etwas mehr von der Gesellschaft gesehen.«

»Vielleicht, Fanny«, sagte die freundliche Klein-Dorrit.

»Du siehst, während du in stiller und zurückgezogener Häuslichkeit aufwuchsest, Amy«, fuhr ihre Schwester fort, die nach und nach begann, sie in Schutz zu nehmen, »war ich draußen, habe mich in der Gesellschaft bewegt und bin stolz und hochmütig geworden – mehr, als ich vielleicht sollte.«

Klein-Dorrit antwortete: »Ja, oh ja!«

»Und während du an das Essen oder die Wäsche dachtest, habe ich vielleicht an die Familie gedacht. Nun, ist dem nicht so, Amy?«

Klein-Dorrit nickte mit einem freundlicheren Gesichte als Herzen »Ja«.

»Besonders, da wir wissen«, sagte Fanny, »daß ein Ton an dem Ort herrscht, dem du so treu warst, der ihm eigentümlich ist und der ihn so wesentlich von andern Erscheinungen der Gesellschaft unterscheidet. Küsse mich noch einmal, liebe Amy, und wir wollen erkennen, daß wir beide recht haben mögen, und daß du ein ruhiges, häusliches, zurückgezogenes, gutes Mädchen bist.«

Die Klarinette hatte während dieses Gesprächs höchst pathetisch lamentiert, wurde jedoch durch Fannys Ankündigung, daß es Zeit zu gehen sei, kurz beiseite gelegt; sie bewerkstelligte dies dadurch, daß sie die Noten zusammenschlug und dem Onkel die Klarinette aus dem Munde nahm.

Klein-Dorrit schied an der Tür von ihnen und eilte nach dem Marschallgefängnis zurück. Es wurde dort früher dunkel als anderwärts, und der Eintritt an diesem Abend glich dem Eintritt in einen tiefen Laufgraben. Der Schatten der Mauer lag auf allem, und nicht am wenigsten auf der Gestalt in dem alten, grauen Schlafrock und der schwarzen Samtmütze, als sie sich nach ihr beim Eintritt in das dunkle Zimmer umwandte.

»Warum nicht auch auf mir!« dachte Klein-Dorrit, indem sie die Tür noch in der Hand hielt. »Es war nicht unvernünftig von Fanny!«

 

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