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Klein-Dorrit. Erstes Buch

Charles Dickens: Klein-Dorrit. Erstes Buch - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleKlein-Dorrit. Erstes Buch
publisherGutenberg-Verlag
volume1. Buch
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel

Mrs. Flintwinch hat wieder einen Traum

Das baufällige alte Haus in der City, in seinen Mantel von Ruß gehüllt und schwerfällig auf die Krücken gestützt, die seinen Verfall geteilt und mit ihm bresthaft geworden, kannte auch nicht einen gesunden oder heiteren Augenblick. Wenn die Sonne es je berührte, so war es nur mit einem Strahl, und der war in einer halben Stunde vorüber. Wenn das Mondlicht je darauf fiel, so war es nur, um einige Flecken auf seinen Bettlermantel zu flicken und ihm ein noch traurigeres Aussehen zu verleihen. Die Sterne freilich schauten mit kaltem Blick darauf herab, wenn die Nächte und der Rauch klar genug waren, und alles schlechte Wetter hielt mit seltener Beharrlichkeit bei ihm aus. So sah man Regen, Hagel, Frost und Tau an diesem unheimlichen Ort noch immer weilen, wenn sie längst anderwärts verschwunden waren. Der Schnee blieb dort ganze Wochen lang liegen, nachdem er von Gelb in Schwarz übergegangen, sein schmutziges Leben langsam ausweinend. Der Ort hatte keine andern Anhänger. Was das Straßengeräusch betrifft, so polterten die Räder der Fuhrwerke nur im Vorübergehen durch den Torweg in das Gäßchen und ebenso rasch wieder hinaus. Sie machten auf die lauschende Mistreß Affery den Eindruck, als wäre sie taub, und gaben ihr das Gefühl des Hörens nur durch einzelne Stöße. So war es mit Pfeifen, Singen, Sprechen, Lachen und allen angenehmen menschlichen Klängen. Sie waren in einem Augenblick an der Tür vorüber und schon wieder weit entfernt.

Das verschiedene Licht von Feuer und Kerze in Mrs. Clennams Zimmer bildete den größten Wechsel, der je die totenstille Einförmigkeit des Ortes unterbrach. An ihren zwei schmalen Fenstern sah man den düstern Schein des Feuers bei Tag und bei Nacht. Nur selten flackerte es leidenschaftlich auf wie die Herrin des Hauses; zumeist war es gedämpft wie sie und zehrte gleichmäßig und langsam an sich selbst. Während vieler Stunden in den kurzen Wintertagen, wenn dort schon früh am Nachmittag die Dämmerung eintrat, konnte man abwechselnd Zerrbilder von ihr selbst im Räderstuhl, von Mr. Flintwinch mit seinem gekrümmten Hals, von Mrs. Affery, die ab- und zuging, an der Hausmauer über dem Torweg sich abzeichnen und wie Schatten aus einer großen Laterna magica hin- und herschweben sehen. Wenn die ihr Zimmer hütende Kranke sich zur Ruhe begab, verschwanden diese Bilder nach und nach, zuletzt Mistreß Afferys vergrößerter Schatten, der immer hin- und herwanderte, bis er endlich in der Luft verschwand, als wenn sie sich selbst auf eine Heimfahrt begäbe. Dann brannte das einsame Licht unverändert fort, bis es kurz vor der Morgendämmerung erblaßte und zuletzt unter dem Hauche von Mistreß Affery erlosch, wenn ihr Schatten von der Hexenregion des Schlafes sich darauf herabsenkte.

Sonderbar, wenn das kleine Krankenzimmerfeuer wirklich ein Leuchtturmfeuer wäre, das einen, und zwar den Unwahrscheinlichsten in der Welt an den Ort lockte, zu dem er kommen muß. Sonderbar, wenn das kleine Krankenzimmerlicht wirklich ein Nachtlicht wäre, das jede Nacht an diesem Ort brannte, bis ein bestimmtes Ereignis zu erspähen wäre? Wer von der großen Masse von Wanderern unter der Sonne und den Sternen, die die staubigen Hügel hinansteigen und über die endlos ermüdenden Ebenen ziehen, zu Land und zur See reisen, so seltsam kommen und gehen, um sich zu begegnen, aufeinander zu wirken und rückzuwirken, wer von dieser Schar mag, ohne das Reiseziel zu ahnen, sicher hierher seinen Weg nehmen?

Die Zeit wird es uns lehren. Der Ehrenposten und der Schandpfahl, die Generalsstelle und die Trommlerstelle, eine Peersstatue in der Westminsterabtei und eine Seemannshängematte im Schoß der Tiefe, die Bischofsmütze und das Arbeitshaus, der Wollsack und der Galgen, der Thron und die Guillotine – die Wanderer zu all diesen sind auf der großen Heerstraße; aber es gibt seltsame Abwege, und nur die Zeit allein kann uns lehren, zu welchem Ziel jeder einzelne Wanderer bestimmt ist.

An einem winterlichen Nachmittag im Zwielicht träumte Mrs. Flintwinch, die sich den ganzen Tag schon schwer und müde gefühlt, folgenden Traum:

Es war ihr, als befände sie sich in der Küche, den Kessel für den Tee rüstend, und wärme sich den Fuß am Kamingitter. Sie saß mit gerafftem Kleid an dem zusammengefallenen Feuer vor dem Kaminrost, einem Feuerlein, das zu beiden Seiten durch eine tiefe, schwarze, kalte Furche begrenzt war. Es war ihr, während sie so dasaß und über die Frage nachsann, ob das Leben nicht für manche Leute eine ziemlich traurige Erfindung sei, als würde sie durch ein plötzliches Geräusch hinter sich erschreckt. Es war ihr, als hätte sie ein ähnliches Geräusch vergangene Woche gleichfalls erschreckt, und als wenn dies Geräusch von ganz geheimnisvoller Art wäre, – ein Gerassel und drei oder vier lebhafte Schläge wie ein rascher Tritt, während ihr Herz einen Stoß bekam und zitterte, als wenn der Tritt den Fußboden erbeben gemacht oder gar, als wenn sie von einer furchtbaren Hand ergriffen worden wäre. Es war ihr, als würde die alte Furcht, es sei in dem Hause nicht geheuer, dadurch wieder geweckt, und als wenn sie die Küchentreppe hinaufflöge, sie wüßte nicht wie, um nur näher bei Menschen zu sein.

Es war Mrs. Affery, als ob sie, im Gang angekommen, die Tür zum Bureau ihres Oberherrn offenstehen und das Zimmer leer sähe. Als ob sie zu dem aufgerissenen Fenster in dem kleinen Zimmer nächst der Straßentür ginge, um ihr pochendes Herz durch die Scheiben mit den lebenden Wesen drunten und außerhalb des ungeheuerlichen Hauses in Verbindung zu setzen. Als sähe sie an der Mauer über dem Torweg die Schatten der beiden Gescheiten droben im Gespräch miteinander begriffen. Als ob sie dann mit den Schuhen in der Hand hinaufginge, teils um den Gescheiten, die den meisten Geistern gewachsen, nahe zu sein, teils um zu hören, wovon sie sprächen.

»Keine von Ihren Possen, bitte ich«, sagte Mr. Flintwich. »Ich lasse mir das nicht von Ihnen bieten.«

Mrs. Flintwinch träumte, sie stehe hinter der Tür, die gerade offen war, und höre ihren Gatten diese kühnen Worte ganz deutlich sagen.

»Flintwinch«, versetzte Mrs. Clennam in ihrem gewöhnlichen strengen und tiefen Ton, »es ist ein Dämon des Zorns in Ihnen. Hüten Sie sich vor ihm.«

»Ich kümmere mich nicht, ob es einer ist oder ein Dutzend«, sagte Mr. Flintwinch, durch seinen Nachdruck andeutend, daß die größere Zahl der Wahrheit näher sei. »Wenn es fünfzig wären, würden sie alle sagen: Keine von Ihren Possen, ich lasse es mir nicht von Ihnen bieten. – Ich würde sie zu diesem Ausspruch zwingen, sie möchten wollen oder nicht.«

»Was habe ich getan, du zorniger Mann?« fragte ihre strenge Stimme.

»Getan?« sagte Mr. Flintwinch. »Sie sind über mich hergefallen.«

»Wenn Sie damit meinen, ich habe Ihnen Vorstellungen gemacht – –«

»Legen Sie mir nicht Worte in den Mund, die ich nicht meine«, sagte Jeremiah, an seinen bildlichen Ausdruck mit zäher und unergründlicher Halsstarrigkeit sich hängend, »Sie sind über mich hergefallen.«

»Ich habe Ihnen Vorstellungen gemacht«, begann sie wieder, »weil –«

»Ich will es nicht haben!« rief Jeremiah. »Sie sind über mich hergefallen.«

»Ich bin also über Sie hergefallen, Sie unfreundlicher Mann«, (Jeremiah kicherte, daß er sie gezwungen, sich seiner Worte zu bedienen), »weil Sie diesen Morgen unnötigerweise gegen Arthur zu bezeichnend gewesen sind. Ich habe ein Recht, mich darüber zu beklagen, denn es ist nahezu ein Vertrauensbruch. Es war nicht Ihre Absicht –«

»Ich will das nicht!« warf der widerspruchsvolle Jeremiah ein, dieses Zugeständnis zurückweisend. »Es war meine Absicht.«

»Ich scheine Sie allein sprechen lassen zu müssen, wie's Ihnen beliebt«, versetzte sie nach einer Pause, die das Gepräge der Gereiztheit trug. »Es ist nutzlos, mich an einen heftigen und halsstarrigen alten Mann zu wenden, der sich fest vorgenommen, mich nicht anzuhören.«

»Ich kann mir das ebensowenig von Ihnen gefallen lassen«, sagte Jeremiah. »Ich habe mir das durchaus nicht vorgenommen. Wollen Sie wissen, warum es meine Absicht war, Sie heftige und halsstarrige alte Frau?«

»Sie scheinen mir nur meine Worte zurückgeben zu wollen«, sagte sie, ihre Entrüstung bekämpfend. »Ja.«

»So hören Sie denn. Weil Sie ihm seinen Vater nicht ins rechte Licht stellten und Sie das hätten tun sollen. Weil, ehe Sie auf irgendeine Erklärung über sich eingingen, die Sie –«

»Halten Sie ein, Flintwinch!« rief sie mit verändertem Ton. »Sie könnten um ein Wort zu weit gehen.«

Der alte Mann schien das auch zu denken. Es entstand wieder eine Pause, und er hatte seine Stellung im Zimmer verändert, als er in etwas sanfterem Ton fortfuhr:

»Ich war im Begriff, Ihnen zu sagen, warum solches geschah. Weil, ehe Sie Ihre eigne Sache aufgriffen, Sie meiner Ansicht nach die Sache von Arthurs Vater hätten abmachen sollen. Arthurs Vater! Ich hatte keine besondere Vorliebe für Arthurs Vater. Ich diente dem Oheim von Arthurs Vater in diesem Haus, als Arthurs Vater nicht viel mehr als ich, – ja ärmer war, was seine Taschen anbetraf – und sein Oheim mich ebensogut zu seinem Erben hätte machen können wie ihn. Er hungerte in dem Wohnzimmer, und ich hungerte in der Küche. Das war der Hauptunterschied in unserer Lage; es war nicht viel mehr als einige Stufen einer halsbrecherischen Treppe zwischen uns. Ich hielt damals nie zu ihm; ich weiß überhaupt nicht, daß ich mich je zu ihm hingezogen gefühlt hätte. Er war ein unentschiedener, unschlüssiger Laffe, aus dem man alles außer seinem Waisenleben herausgeschreckt hatte, solange er jung war. Und als er Sie hierher brachte, das Weib, das sein Oheim für ihn bestimmte, brauchte ich Sie nicht zweimal anzusehen (Sie waren damals hübsch), um zu wissen, wer Herr im Hause sein würde. Sie standen seit jener Zeit auf Ihren eigenen Füßen. Stehen Sie jetzt wieder auf Ihren Füßen, lehnen Sie sich nicht an die Toten?«

»Ich lehne mich nicht – wie Sie es nennen – an die Toten.«

»Aber Sie waren nahe daran, es zu tun, wenn ich es zugegeben hätte«, brummte Jeremiah, »und das ist's, weshalb Sie über mich hergefallen sind. Sie können nicht vergessen, daß ich mich nicht darein fügte. Vermutlich sind Sie erstaunt, daß ich es der Mühe für wert gehalten habe, Arthurs Vater Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Hm? Es ist gleichgültig, ob Sie antworten oder nicht, weil ich weiß, daß Sie sich wundern und Sie es auch wissen, daß Sie sich wundern. Ich will Ihnen sagen, wie die Sache steht. Ich mag ein etwas seltsames Temperament haben, aber ich habe einmal dieses Temperament – ich kann die Leute nicht ganz nach ihrem Sinne handeln lassen. Sie sind eine Frau von entschiedenem Charakter und eine gescheite Frau; und wenn Sie sich etwas fest vorgenommen haben, wird Sie nichts davon abbringen. Wer weiß das besser, als ich?«

»Nichts wird mich davon abbringen, Flintwinch, wenn ich es vor mir selbst gerechtfertigt habe. Fügen Sie das noch hinzu.«

»Vor sich selbst gerechtfertigt haben? Ich sagte, Sie seien die entschiedenste Frau auf dem Erdenrund (oder ich wollte das sagen), und wenn Sie entschlossen sind, irgend etwas, was Sie im Sinn haben, zu rechtfertigen, so werden Sie es natürlich auch tun.«

»Mann! Ich rechtfertige mich durch die Autorität dieser Bücher«, rief sie mit strenger Stimme und schien, nach dem Geräusche zu urteilen, das diesen Worten folgte, das schwere Gewicht ihrer Arme auf den Tisch fallen zu lassen.

»Lassen Sie das«, versetzte Jeremiah ruhig, »wir wollen im Augenblick nicht auf diese Frage eingehen. Wie es auch stehen mag, Sie führen Ihre Vorsätze aus, und alles andere muß weichen. Ich nur will nicht weichen. Ich war Ihnen treu und diensteifrig und zugetan. Aber ich kann nicht zustimmen und würde nicht zustimmen, ich habe nie zugestimmt und werde nie zustimmen, ganz in Ihnen aufzugehen. Verschlingen Sie, wen Sie wollen, wohl bekomm' es Ihnen! Aber es ist eine Eigenheit meines Charakters, Ma'am, daß ich nicht lebendig verschlungen werden will.«

Vielleicht war das ursprünglich der Hauptgrund ihres sonstigen Einverständnisses. Mrs. Clennam hatte vielleicht so viele Kraft des Charakters in Mr. Flintwinch entdeckt, daß sie eine Art Bündnis mit ihm der Mühe für wert erachtet hatte.

»Genug, und mehr als genug davon«, sagte sie düster.

»Wenn Sie nur nicht wieder über mich herfallen«, versetzte der halsstarrige Flintwinch, »in dem Falle müßten Sie wieder davon hören.«

Mistreß Affery träumte, daß die Gestalt ihres Herrn hier in dem Zimmer auf und ab zu gehen anfinge, als wenn er seinen Ärger kühlen wollte, und daß sie dann weggeeilt sei; daß sie jedoch, als er nicht herausgekommen, während sie lauschend und zitternd einige Zeit in dem schattigen Gang gestanden, wieder die Treppe hinaufgeklettert sei, wie früher von Gespenstern und Neugierde getrieben, und sich an der Tür niedergekauert habe.

»Bitte, zünden Sie das Licht an, Flintwinch«, sagte Mrs. Clennam, die ihn offenbar auf ihren gewöhnlichen Ton zurückleiten wollte. »Es ist beinahe Teezeit. Klein-Dorrit kommt und wird mich im Dunkeln finden.«

Mr. Flintwinch zündete rasch das Licht an und sagte, als er es auf den Tisch stellte:

»Was wollen Sie eigentlich mit Klein-Dorrit? Kommt sie hierher, um ewig hier zu arbeiten? Um ewig hier Tee zu trinken? Soll sie ewig hier aus und ein gehen wie jetzt?«

»Wie können Sie von ewig gegenüber einem gelähmten Geschöpf wie ich sprechen? Werden wir nicht alle niedergemäht wie das Gras auf dem Felde, und wurde ich nicht von der Sense schon vor vielen Jahren getroffen, seit welcher Zeit ich hier liege und warte, daß man mich in die Scheune sammle?«

»Ja, ja! Aber seit Sie hier liegen – nichts weniger als dem Tode nahe –, wurden zahlreiche Kinder und junge Leute, blühende Frauen, kräftige Männer und was weiß ich abgeschnitten und in die Scheune getragen. Und Sie sind immer noch hier, wie Sie sehen, im ganzen nicht viel verändert. Ihre Zeit und die meine kann noch lange währen. Wenn ich ewig sagte, so meinte ich damit (obgleich ich nicht poetisch bin), solange wir leben.« Mr. Flintwinch gab diese Erklärung mit großer Ruhe und wartete ruhig auf eine Antwort.

»Solange Klein-Dorrit ruhig und fleißig ist und der schwachen Unterstützung, die ich ihr bieten kann, bedarf und sie verdient, solange wird sie vermutlich auch, falls sie nicht selbst aus eigenem Willen darauf verzichtet, hierherkommen; vorausgesetzt, daß mir Gott das Leben erhält.«

»Und nichts weiter als das?« sagte Flintwinch, seinen Mund und sein Kinn streichend.

»Was sollte denn noch weiter sein? Was könnte noch weiter sein?« rief sie in ihrer ernsten, staunenden Weise.

Mrs. Flintwinch träumte, daß sie sich ein oder zwei Minuten lang ansahen, während das Licht zwischen ihnen stand, und als ob sie irgendwie den Eindruck bekäme, daß sie einander fest ansähen.

»Wissen Sie zufällig, Mrs. Clennam«, fragte Afferys Eheherr mit weit leiserem Ton und mit einer Steigerung des Ausdrucks, die in keinem Verhältnis zu dem einfachen Inhalt seiner Worte stand, »wo sie wohnt?«

»Nein.«

»Möchten Sie wohl – möchten Sie es wissen?« sagte Jeremiah mit einer Plötzlichkeit, als ob er auf sie losgesprungen käme.

»Wenn ich es wissen möchte, so wüßte ich es bereits. Hätte ich sie nicht irgendmal fragen können?«

»So wollen Sie es also nicht wissen?«

»Nein.«

Mr. Flintwinch sagte, nachdem er einen langen, bezeichnenden Atemzug geholt, mit seiner früheren Betonung: »Ich habe es zufällig – merken Sie wohl! – herausgebracht.«

»Wo sie auch wohnen mag«, sagte Mrs. Clennam mit unmoduliertem hartem Ton und die Worte so scharf trennend, als ob sie sie aus verschiedenen Stückchen Metall herausläse, von denen sie eins ums andere aufhöbe, »sie hat ein Geheimnis daraus gemacht, und sie soll ihr Geheimnis vor mir bewahren.«

»Sonach hätten Sie vielleicht die Tatsache lieber gar nicht gewußt?« sagte Jeremiah, und er sagte es mit einer Verzerrung, als wenn seine Worte in seiner eignen verkrümmten Gestalt aus ihm herauskämen.

»Flintwinch«, sagte seine Herrin und Geschäftsteilhaberin, plötzlich zu einer Energie aufblitzend, die Affery stutzig machte, »warum stacheln Sie mich auf? Sehen Sie sich in diesem Zimmer um. Wenn irgendein Ersatz für meine lange Gefangenschaft in diesen engen Mauern darin liegt – ich beklage mich nicht über meine Heimsuchung, Sie wissen, ich beklage mich nie darüber –, wenn irgendein Ersatz für die lange Gefangenschaft darin liegt, daß, während mir jede angenehme Abwechselung versagt ist, mir auch die Wissenschaft von Dingen versagt ist, die ich lieber gerne nicht weiß, warum mißgönnen Sie unter allen Menschen ganz allein mir diese Annehmlichkeit?«

»Ich mißgönne sie Ihnen nicht«, versetzte Jeremiah.

»Dann sprechen Sie nicht mehr davon. Sprechen Sie nicht mehr davon. Lassen Sie Klein-Dorrit ihr Geheimnis vor mir bewahren und behalten Sie es gleichfalls bei sich. Lassen sie sie kommen und gehen, unbeobachtet und unbefragt. Lassen Sie mich leiden und lassen Sie mir die Linderung, die zu meinem Zustand gehört. Ist es denn so gar viel, daß Sie mich wie ein böser Geist quälen?«

»Ich richtete ja nur eine Frage an Sie. Das war alles.«

»Ich habe darauf geantwortet, und damit genug. Sprechen Sie nicht weiter davon.« Hier hörte man das Geräusch des Rollstuhls auf dem Boden, und Afferys Klingel schlug heftig an.

Banger in diesem Augenblick vor ihrem Gatten als vor dem geheimnisvollen Ton in der Küche, schlich Affery so leise und rasch, wie sie konnte, hinweg, eilte beinahe so geschwind die Küchentreppe hinab, wie sie heraufgekommen, nahm ihren Sitz vor dem Feuer wieder ein, schlug den Schoß ihres Kleides herauf und zog zuletzt ihre Schürze über den Kopf. Dann läutete die Glocke noch einmal und dann noch einmal, und dann klingelte es in einem fort; trotz dieser dringenden Aufforderungen saß Affery immer noch hinter ihrer Schürze und rang nach Atem.

Endlich kam Mr. Flintwinch schlürfend die Treppe herab in den Vorsaal, brummte und rief: »Affery, Frau!« den ganzen Weg entlang. Da Affery immer noch hinter ihrer Schürze verharrte, stolperte er die Küchentreppe herab, das Licht in der Hand, wackelte zu ihr heran, riß ihr die Schürze weg und zerrte sie in die Höhe.

»O Jeremiah!« rief Affery erwachend, »wie hast du mich erschreckt!«

»Was hast du getan, Frau?« fragte Jeremiah. »Man hat dir fünfzig Male geläutet.«

»O Jeremiah«, sagte Mistreß Affery, »ich träumte!«

An ihre frühere Heldentat in dieser Richtung erinnert, hielt Mr. Flintwinch das Licht an ihren Kopf, als wollte er sie anzünden, um die Küche zu beleuchten.

»Weißt du denn nicht, daß ihre Teestunde ist?« fragte er mit häßlichem Grinsen und versetzte einem von den Füßen des Stuhls, auf dem Mistreß Affery saß, einen Stoß.

»Jeremiah! Teestunde? Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Aber ich bekam einen so furchtbaren Schlag, Jeremiah, ehe ich zu träumen aufhörte, daß ich denke, es muß das gewesen sein.«

»Auf! Schlafmütze!« sagte Mr. Flintwinch, »wovon schwatzest du da?«

»Es war ein seltsames Geräusch, Jeremiah, und ein wunderbarer Stoß. In der Küche hier – gerade hier.«

Jeremiah hielt sein Licht in die Höhe und sah zu der geschwärzten Decke empor, hielt sein Licht herab und sah auf den feuchten Steinboden, drehte sich rings herum mit dem Licht und betrachtete die fleckigen und geschwärzten Wände.

»Ratten, Katzen, Wasser, Traufe«, sagte Jeremiah.

Mistreß Affery verneinte alles und schüttelte den Kopf. »Nein, Jeremiah; ich habe es vorher schon bemerkt. Ich habe es droben verspürt und einmal auf der Treppe, als ich in der Nacht von ihrem Zimmer nach dem unsrigen ging – ein Rascheln und eine Art zitternder Berührung hinter mir.«

»Affery, meine Frau«, sagte Mr. Flintwinch mürrisch, nachdem er seine Nase an die Lippen der Frau geführt, um nach spirituosen Getränken zu schnüffeln, »wenn du nicht rasch den Tee bringst, altes Weib, wirst du ein Rascheln und eine Berührung verspüren, daß du nach dem andern Ende der Küche fliegst.«

Diese Prophezeiung spornte Mrs. Flintwinch an, sich zu rühren und die Treppen nach Mrs. Clennams Zimmer hinaufzueilen. Aber trotz alledem fing sie an, fest davon überzeugt zu sein, daß es in dem düstern Hause nicht mit rechten Dingen zugehe. Sie war fortan nicht mehr ruhig, sobald der Tag verschwunden, und ging niemals in der Dunkelheit treppauf oder treppab, ohne die Schürze über dem Kopf zu haben, aus Furcht, sie möchte etwas sehen.

Zum Teil durch diese Gespensterfurcht und ihre seltsamen Träume verfiel Mrs. Flintwinch an jenem Abend in einen unheimlich bangen Zustand; und es wird lange dauern, ehe die gegenwärtige Erzählung einigermaßen Besserung bei ihr entdeckt. In der Unbestimmtheit und Unklarheit all ihrer neuen Erfahrungen und Beobachtungen begann sie, da alles um sie her geheimnisvoll für sie war, geheimnisvoll für andere zu werden. Man wußte sich ihr Wesen so wenig klarzumachen, wie sie das Haus und alles, was darin war, sich selbst genügend klarzumachen imstande war.

Sie hatte den Tee für Mrs. Clennam noch nicht ganz fertig gemacht, als man das leise Pochen an der Tür vernahm, das immer Klein-Dorrit ankündete. Mistreß Affery sah zu, wie Klein-Dorrit ihren schlichten Hut im Vorsaal abnahm und Mr. Flintwinch an seinen Kinnbacken rieb und sie schweigend betrachtete, als müßte irgend etwas Wunderbares die Folge davon sein, das sie vor Schrecken außer sich brachte oder sie alle drei zerschmettere.

Nach dem Tee hörte man wieder ein Pochen an der Tür, das Arthur meldete. Mistreß Affery ging hinab, um ihn einzulassen, und er sagte beim Eintreten: »Affery, ich freue mich, daß Sie es sind. Ich muß eine Frage an Sie richten.«

Affery antwortete sogleich: »Bitte, bitte, haben Sie die Güte und fragen Sie mich nichts, Arthur. Die Furcht kostet mich die eine Hälfte meines Lebens und das Träumen die andere. Fragen Sie mich nichts. Ich weiß nicht, wer wer ist und was was!« Und damit eilte sie fort und kam nicht mehr in seine Nähe.

Da Mistreß Affery keinen Geschmack am Lesen fand und nicht genug Licht in dem dumpfen Zimmer hatte, um zu nähen, vorausgesetzt, daß sie dafür Sinn besessen, saß sie jetzt jeden Abend in der Dunkelheit, aus der sie am Abend von Arthur Clennams Ankunft für einen Augenblick hervorgekommen, mit mancherlei verwirrten Betrachtungen und Verdachtgründen gegen ihre Herrin, ihren Gatten und das Geräusch im Hause beschäftigt. Wenn die leidenschaftlichen Andachtsübungen begonnen, zogen solche Betrachtungen Mistreß Afferys Blicke nach der Tür, als erwartete sie, es werde eine dunkle Gestalt in solchen günstigen Augenblicken erscheinen und die Gesellschaft um eine Person zu zahlreich machen.

Im übrigen sagte und tat Affery nichts, um die Aufmerksamkeit der beiden Gescheiten in irgendwelcher Weise auf sich zu ziehen. Nur bisweilen, gewöhnlich um die stille Zeit des Zubettegehens, fuhr sie plötzlich aus ihrer dunklen Ecke empor und flüsterte mit einem Gesicht voll Schrecken Mr. Flintwinch, der an Mrs. Clennams kleinem Tische die Zeitung las, ins Ohr:

»Da, Jeremiah! Hörst du's? Was ist das für ein Geräusch?«

Dann hatte das Geräusch, wenn je ein solches gewesen, gewöhnlich aufgehört, und Mr. Flintwinch brummte, indem er sich nach ihr umwandte, als ob sie ihn gerade gegen seinen Willen abgeschnitten: »Affery, Alte, ich werde dir Arznei geben, Alte, ich werde dir Arznei geben. Du hast wieder geträumt!«

 

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