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Klein-Dorrit. Erstes Buch

Charles Dickens: Klein-Dorrit. Erstes Buch - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleKlein-Dorrit. Erstes Buch
publisherGutenberg-Verlag
volume1. Buch
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20180816
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Elftes Kapitel.

Frei.

Ein düsterer Spätherbstabend senkte sich über die Saone herab. Der Strom spiegelte wie ein schmutziger Spiegel an einem dunkeln Platz die Wolken mit mattem Glanz wider. Die niederen Ufer hingen rechts und links über den Fluß herein, als ob sie halb neugierig wären, halb sich fürchteten, ihr dunkles Bild im Schatten zu sehen. Die flache Umgebung von Chalons, eine große traurige Ebene, die nur hier und dort von einer Reihe Pappelbäume unterbrochen wurde, stemmte sich gegen den zornigen Sonnenuntergang. An den Ufern der Saone war es feucht, drückend, einsam; und die Schatten der Nacht verdunkelten sich mehr und mehr.

Ein Mann, der langsam auf dem Wege nach Chalons einherging, war das einzige sichtbare Wesen in der Landschaft. So einsam und von aller Welt gemieden mochte Kain ausgesehen haben. Mit einem alten Ranzen aus Schaffell auf dem Rücken und einem rauhen, geschälten, im Walde geschnittenen Stock in der Hand, staubig, mit wunden Füßen, die Schuhe und Gamaschen ausgetreten, Haar und Bart ungekämmt; den Mantel, den er auf der Schulter hängen hatte, und die Kleider, die er trug, durchnäßt, schmerzvoll und mühsam einherhinkend, machte er den Eindruck, als ob die Wolken vor ihm flöhen, als ob das Ächzen des Windes und das Schauern des Grases gegen ihn gerichtet wären, als ob das dumpfe, geheimnisvolle Rauschen des Wassers gegen ihn murrte, als ob die fiebernde Herbstnacht durch ihn beunruhigt würde. Er blickte finster und doch zugleich scheu bald dahin, bald dorthin. Bisweilen blieb er stehen, drehte sich um und sah nach allen Seiten. Dann hinkte er mühselig weiter und murmelte vor sich hin:

»Zum Teufel mit dieser Ebene, die kein Ende hat! Zum Teufel mit diesen Steinen, die wie Messer in die Sohle schneiden! Zum Teufel mit dieser unheimlichen Finsternis, die mich frostig einhüllt! Ich hasse euch!«

Und er würde mit dem scheelen Blick, den er um sich warf, seinen Groll auf alles geschleudert haben, wenn es möglich gewesen wäre. Er arbeitete sich etwas weiter und blieb dann, in die Ferne blickend, wieder stehen.

»Ich bin hungrig, durstig, müde. Und ihr Schwächlinge dort unten, wo die Lichter brennen, eßt und trinkt und wärmt euch am Kamin! Ich wünschte, ich dürfte eure Stadt plündern, ich wollt' euch dafür zahlen lassen, Kinderchen!«

Aber die Zähne, die er der Stadt wies, und die Hand, die er gegen die Stadt ballte, brachten die Stadt nicht näher, und der Mann war noch hungriger und durstiger und müder, als seine Füße auf ihrem scharfen Pflaster standen und er sich rings umsah.

Da war das Hotel mit seiner Einfahrt und seinem üppigen Küchengeruch; dort das Kaffeehaus mit seinen glänzenden Fenstern und dem Geklapper des Dominospiels; hier der Färber mit seinen Streifen roten Tuchs an den Türpfosten; dort der Silberschmied mit seinen Ohrringen und seinem Altarschmuck; hier der Tabakhändler, aus dessen Laden eine lebhafte Schar Soldaten mit der Pfeife im Mund herauskam, dort endlich die schlechten Gerüche der Stadt, der Regen, der Unrat in den Rinnsteinen und die matten Lampen, die über die Straße hingen; die hohe Reisekutsche, ihr Berg von Gepäck und ihre sechs grauen Pferde mit den aufgebundenen Schwänzen, die von dem Wagenbureau auslaufen sollte. Aber kein kleines Wirtshaus für einen geldverlegenen Wanderer war zu sehen, und er mußte deshalb abseits gehen, wo die Kohlblätter um Stadtbrunnen aufgehäuft lagen, aus dem die Frauen noch immer Schöpfwasser holten. Dort in einer Hintergasse fand er eine Schenke: den »Tagesanbruch«. Die verhängten Fenster umwölkten den »Tagesanbruch«, aber er schien hell und warm zu sein und versprach in leserlicher Inschrift mit passendem bildlichen Zierat, der in Queues und Kugeln bestand, daß man im »Tagesanbruch« Billard spielen könne; daß man ferner Speisen, Getränke und Wohnung finde, man möge zu Pferd oder zu Fuß kommen, und daß man gute Weine, Liköre und Branntwein antreffe. Der Mann drückte die Türklinke des »Tagesanbruchs« und hinkte hinein.

Er griff an seinen verwaschenen, schlottrigen Hut, als er in das Zimmer trat, in dem einige Männer saßen. Zwei von ihnen spielten an einem der kleinen Tische Domino; drei bis vier saßen um den Ofen und plauderten, während sie rauchten; der Billardtisch stand in diesem Augenblick verlassen; die Wirtin vom »Tagesanbruch« saß, mit Nähen beschäftigt, hinter ihrem kleinen Schanktisch unter ihren von Tabakwolken umgebenen Sirupflaschen, Kuchenkörben und der bleiernen Abtropfstellage für die Gläser.

Er ging auf einen unbesetzten kleinen Tisch in einer Ecke des Zimmers hinter dem Ofen zu und legte seinen Ranzen und seinen Mantel auf den Boden. Als er sich wieder aus der gebeugten Stellung erhob und aufsah, stand die Wirtin neben ihm.

»Kann man hier übernachten, Madame?«

»Gewiß«, antwortete die Wirtin mit hoher, singender, heiterer Stimme.

»Gut. Man kann wohl auch essen – soupieren – oder wie Sie das nennen wollen?«

»Gewiß!« sagte die Wirtin wie zuvor.

»So eilen Sie sich gefälligst, Madame. Etwas zu essen, so rasch Sie können; und etwas Wein. Ich bin ganz erschöpft.«

»Es ist sehr schlechtes Wetter, Monsieur«, sagte die Wirtin.

»Verfluchtes Wetter.«

»Und ein sehr langer Weg.«

»Ein verfluchter Weg.«

Seine heisere Stimme versagte ihm, und er stützte den Kopf in die Hände, bis ihm eine Flasche Wein vom Schanktisch gebracht wurde. Nachdem er seinen kleinen Becher zweimal gefüllt und geleert und ein Stück von dem großen Brot abgebrochen, das nebst Tischtuch, Serviette, Suppenteller, Salz, Pfeffer und Öl vor ihn gelegt wurde, lehnte er seinen Rücken an die Ecke der Wand, machte ein Lager aus der Bank, auf der er saß, und begann an der Brotkruste zu kauen, bis sein Mahl bereitet sein würde.

Es war in dem Gespräch an dem Ofen jene momentane Unterbrechung und jene gegenseitige momentane Unaufmerksamkeit und Zerstreuung eingetreten, die von der Ankunft eines Fremden in solcher Gesellschaft unzertrennlich ist. Sie war aber bereits wieder im Abzug, und die Männer hatten ihre Blicke wieder von ihm abgewandt und ihr Gespräch fortgesetzt.

»Das ist der wahre und wahrhaftige Grund«, sagte einer von ihnen, eine Geschichte, die er erzählte, zu Ende bringend, »das ist der Grund, weshalb, wie sie sagten, man den Teufel losgelassen.« Der Sprecher war der lange Schweizer, der zur Kirche gehörte, und er brachte etwas von der Autorität der Kirche in das Gespräch, namentlich da vom Teufel die Rede war.

Die Wirtin hatte sich, nachdem sie ihrem Gatten, der als Koch im »Tagesanbruch« fungierte, die nötigen Winke wegen der Bewirtung des neuen Gastes gegeben, zu ihrer Näherei hinter den Schanktisch zurückgezogen. Sie war eine lebhafte und hübsche, muntere kleine Frau mit einer großen Haube und dicken Strümpfen; sie nahm an dem Gespräch indirekt durch häufiges Lachen und Kopfnicken teil, sah jedoch keinen Augenblick von der Arbeit auf.

»Ach, mein Gott!« sagte sie. »Als das Boot von Lyon kam und die Nachricht brachte, daß der Teufel in Marseille wirklich frei sei, nahmen das leichtgläubige Leute für bare Münze. Aber ich? Nein, ich nicht.«

»Madame, Sie haben immer recht«, versetzte der lange Schweizer. »Ohne Zweifel waren Sie sehr aufgebracht über jenen Mann, Madame?«

»Ach ja!« rief die Wirtin, die Blicke von ihrer Arbeit erhebend und die Augen weit öffnend, während sie den Kopf auf die eine Seite warf. »Ganz natürlich.«

»Es war ein schlechtes Subjekt.«

»Es war ein elender Schuft«, sagte die Wirtin, »und hätte die Strafe wohl verdient, der er zu entgehen das Glück hatte. Es ist schlimm, sehr schlimm.«

»Halten Sie, Madame. Lassen Sie sehen«, versetzte der Schweizer, seine Zigarre wie beweisführend zwischen den Lippen drehend. »Es ist vielleicht sein unglückliches Schicksal. Er ist vielleicht ein Kind der Umstände. Es ist immerhin möglich, daß er Gutes an sich hat und hatte, wenn man's nur herauszufinden wüßte. Die philosophische Menschenliebe lehrt –«

Der Rest der kleinen Gruppe um den Ofen murmelte einen Einwurf gegen diesen Beginn einer drohenden Abhandlung. Auch die zwei Dominospieler sahen von ihrem Spiel auf, als wollten sie schon gegen das einfache Erwähnen des Wortes philosophische Menschenliebe innerhalb der vier Mauern des »Tagesanbruchs« protestieren.

»Halten Sie ein mit Ihrer Menschenliebe«, rief die lächelnde Wirtin und nickte noch mehr mit dem Kopf als je. »Hören Sie. Ich bin eine Frau, ich. Ich weiß nichts von philosophischer Menschenliebe. Aber ich weiß, was ich gesehen und was ich auf dieser Welt, in der ich lebe, von Angesicht zu Angesicht geschaut. Und ich sage Ihnen nur so viel, mein Freund, daß es Leute gibt (Männer und Frauen, unglücklicherweise), die gar nichts Gutes in sich haben – gar nichts. Daß es Leute gibt, die man ohne weiteres verabscheuen muß. Daß es Leute gibt, die man als Feinde des Menschengeschlechts ansehen muß. Daß es Leute gibt, die kein menschlich Herz haben und die man wie wilde Tiere ausrotten und aus dem Wege räumen muß. Es sind, wie ich hoffen will, ihrer nur wenige; aber ich habe gesehen (und zwar in dieser Welt, wo ich mich selbst befinde, und selbst in dem kleinen »Tagesanbruch«), daß es solche Leute gibt. Und ich zweifle nicht, daß dieser Mann – wie sie ihn nennen mögen, ich vergesse seinen Namen – zu dieser Rasse gehört.«

Die lebhaften Worte der Wirtin wurden im »Tagesanbruch« mit größerem Beifall aufgenommen, als sie solchen wohl bei gewissen liebenswürdigern Verteidigern dieser Klasse, die sie so rücksichtslos verdammte, näher bei Großbritannien, gefunden hätten.

»Wahrhaftig, wenn Ihre philosophische Menschenliebe«, sagte die Wirtin, indem sie ihre Arbeit niederlegte und ihrem Mann, der in der Schenktür erschien, die Suppe abnahm, »irgend jemanden in die Hand solcher Leute liefert, indem sie sich nachsichtig gegen sie zeigt, sei's in Worten, sei's in Taten, oder in beidem, so lassen Sie den ›Tagesanbruch‹ damit ungeschoren; denn sie ist nicht einen Pfifferling wert.«

Als sie die Suppe vor den Gast stellte, der seine Lage in eine sitzende änderte, sah er ihr offen ins Gesicht. Sein Schnurrbart sträubte sich unter der Nase, während diese über den Schnurrbart sich senkte.

»Nun«, sagte der frühere Sprecher, »lassen Sie uns auf unsren früheren Gegenstand zurückkommen. Abgesehen von alledem, meine Herren, die Leute in Marseille sagten, der Teufel sei frei, weil er vor Gericht freigesprochen worden. So ging wenigstens das Gerücht, und das war es, was ich meinte; nichts weiter.«

»Wie heißt er?« sagte die Wirtin. »Biraud, nicht wahr?«

»Rigaud, Madame«, versetzte der Schweizer.

»Rigaud? Richtig!«

Auf die Suppe des Reisenden folgte ein Gericht Fleisch und dann eine Schüssel Gemüse. Er aß alles, was ihm vorgesetzt wurde, leerte seine Flasche Wein, verlangte ein Glas Rum und rauchte seine Zigarre bei einer Tasse Kaffee. Als er gestärkt war, wurde er keck und behandelte die Gesellschaft im »Tagesanbruch« bei einem Gespräch, an dem er teilnahm, als ob er in einer weit bessern Lage wäre, als seine Erscheinung kundgab, sehr von oben herab.

Die Gesellschaft mochte andre Beschäftigungen haben oder seine übermütige Behandlung fühlen, kurz, sie zerstreute sich nach und nach, und da sie von keiner andern Gesellschaft ersetzt wurde, so ließ sie ihren neuen Patron im unbeschränkten Besitz des »Tagesanbruchs«. Der Wirt hatte in der Küche zu tun; die Wirtin arbeitete ruhig weiter, und der gestärkte Reisende saß rauchend am Ofen, indem er seine zerlumpten Füße wärmte.

»Verzeihen Sie, Madame, – dieser Biraud –«

»Rigaud, Monsieur.«

»Rigaud, verzeihen Sie noch einmal, – hat sich Ihre Ungunst zugezogen. Wie kommt das?«

Die Wirtin, der er im einen Moment als ein hübscher, im andern Moment als ein häßlicher Mann erschienen, bemerkte, daß seine Nase sich herabsenkte und der Schnurrbart sich sträubte: sie entschied sich deshalb für die letztere Ansicht. Rigaud sei ein Verbrecher, sagte sie, der seine Frau umgebracht.

»Ah, ja. Bei meinem Leben, das ist allerdings ein Verbrecher. Aber woher wissen Sie das?«

»Alle Welt weiß es.«

»Ach was! Und dennoch entkam er der Gerechtigkeit?«

»Monsieur, das Gesetz konnte keine überführenden Beweise aufbringen. So sagt das Gesetz. Nichtsdestoweniger weiß es die ganze Welt. Die Leute wissen es so gut, daß man ihn in Stücke reißen wollte.«

»Da alle Leute mit ihren Frauen in bestem Einverständnis leben?« sagte der Gast. »Haha!«

Die Wirtin vom »Tagesanbruch« sah ihn wieder an und war nun ihrer letzten Ansicht beinahe gewiß. Er hatte jedoch eine schöne Hand und drehte sie mit großer Absichtlichkeit hin und her. Sie begann wieder zu der Ansicht umzukehren, daß er doch nicht so übel aussehe.

»Erwähnten Sie – oder die Herren, die vorhin da waren – nicht, was aus ihm geworden?«

Die Wirtin schüttelte den Kopf. Es war der erste Ruhepunkt des Gesprächs, bei dem ihr lebhafter Eifer mit dem Nicken innehielt, das ihre Worte bislang begleitet hatte. Es sei im »Tagesanbruch« aus den Zeitungen erzählt worden, daß man ihn zu seiner eignen Sicherheit gefangen gehalten. Jedenfalls sei er nun aber seiner Strafe entgangen, und das sei um so schlimmer.

Seine Zigarre zu Ende rauchend, betrachtete sie der Gast, wie sie so dasaß, den Kopf über die Arbeit gebeugt, mit einem Ausdruck, der ihre Zweifel hätte lösen können und sie zu einer endlichen Entscheidung über sein hübsches oder häßliches Aussehen bringen müssen, wenn sie ihn angesehen. Als sie aufblickte, war der Ausdruck verschwunden. Er strich mit der Hand über seinen rauhen Bart.

»Darf ich bitten, daß Sie mir das Bett zeigen lassen, Madame?«

»Recht gerne, Monsieur. Holla, Mann!« Ihr Mann werde ihn hinaufbegleiten. Es sei ein – Reisender oben, der sehr früh zu Bett gegangen, da er sehr ermüdet gewesen; aber es sei ein großes Zimmer mit zwei Betten und Raum genug für zwanzig. Dies setzte ihm die Wirtin vom »Tagesanbruch« mit ihrer zirpenden Stimme auseinander, während sie von Zeit zu Zeit: »Holla, Mann!« zur Seitentür hinausrief.

Der Gatte antwortete endlich: »Meinst du mich, Frau?« und erschien in seiner Kochmütze. Er leuchtete dem Reisenden eine steile und schmale Treppe hinauf; der Fremde trug seinen Mantel und seinen Ranzen selbst und wünschte der Wirtin mit einer höflichen Anspielung auf das Vergnügen, sie morgen wiederzusehen, gute Nacht. Es war ein großes Zimmer, mit einem rauhen, splitterigen Boden, ungetünchtem Sparrenwerk an der Decke und zwei Betten an den entgegengesetzten Wänden. Hier stellte der Wirt das Licht, das er trug, nieder, und mit einem Seitenblick auf seinen über den Ranzen Gebeugten gab er ihm die Weisung: »Das Bett rechts!« und verließ ihn. Der Wirt, war er nun ein guter oder schlechter Menschenkenner, war fest überzeugt, daß der Gast ein schlimmer Bursche sei.

Der Gast sah verächtlich auf das reinliche, aber grobe Bett, das für ihn zugerichtet war, und sich auf den Rohrstuhl neben dem Bett niederlassend, nahm er sein Geld aus der Tasche und zählte es auf seine Hand. »Man muß doch essen«, murmelte er vor sich hin, »aber beim Himmel, morgen muß ich auf Kosten eines andern speisen!«

Als er so überlegend dasaß und mechanisch sein Geld in seiner Hand wog, schlug der tiefe Atem des Reisenden im andern Bett so gleichmäßig an sein Ohr, daß er unwillkürlich seine Augen nach dieser Richtung hinlenkte. Der Mann war warm zugedeckt und hatte den weißen Vorhang vor seinem Kopf zugezogen, so daß man ihn nur hören und nicht sehen konnte. Da das tiefe gleichmäßige Atmen ruhig fortging, während der andre seine zerrissenen Schuhe und Gamaschen auszog, und immer noch fortdauerte, als er seinen Rock und seine Halsbinde abgelegt, wurde endlich seine Neugierde heftig erregt, und er fühlte sich bewogen, des Schläfers Gesicht zu betrachten.

Der Reisende schlich sich deshalb etwas näher und noch ein wenig näher und noch ein wenig näher zu dem Bett des Schlafenden, bis er dicht vor ihm stand. Auch dann konnte er sein Gesicht noch nicht sehen, denn jener hatte das Bettuch darüber gezogen. Da das gleichmäßige Atmen noch fortdauerte, legte er seine weiche weiße Hand (sie machte einen ungemein verräterischen Eindruck, als er sie langsam erhob) an das Leintuch und zog es leicht weg.

»Tod und Teufel!« murmelte er und ließ das Leintuch fallen, »das ist Cavaletto!«

Der kleine Italiener, der schon zuvor vielleicht durch das Heranschleichen eines Mannes an sein Bett im Schlaf gestört worden, hielt plötzlich mit seinem regelmäßigen Atemholen inne und öffnete mit einem langen, tiefen Atemzug die Augen. Anfangs waren sie nicht wach, wenn auch offen. Er sah einige Sekunden seinem ehemaligen Mitgefangenen ruhig ins Gesicht und sprang dann plötzlich mit einem Schrei der Überraschung und des Schreckens aus dem Bette.

»St! Was gibt's! Seid ruhig! Ich bin's. Ihr kennt mich?« rief der andere mit gedämpfter Stimme.

Aber Johann Baptist, der die Augen weit aufriß, zu allen Heiligen rief, sich zitternd in eine Ecke zurückzog, in seine Hosen fuhr und seinen Rock mit den beiden Ärmeln um den Hals knüpfte, gab den unverkennbaren Wunsch zu erkennen, daß er weit lieber durch die Tür entwischen, als die Bekanntschaft erneuern wollte. Sein ehemaliger Mitgefangener sprang jedoch, als er dies sah, auf die Tür zu und stemmte seine Schultern dagegen.

»Cavaletto! Erwacht, Junge! Reibt Euch die Augen aus und seht mich an. Nicht den Namen, den Ihr ehmals gebrauchtet – nennt mich nicht so –, sondern Lagnier, heißt mich Lagnier.«

Johann Baptist, der seine Augen soweit als möglich aufriß, machte mehrmals jene nationale Geste des verkehrten Schüttelns des rechten Zeigefingers in der Luft, als wollte er im voraus alles von sich abweisen, was der andre sein ganzes Leben lang noch vorbringen könnte.

»Cavaletto! Gebt mir Eure Hand. Ihr kennt Lagnier, den Kavalier. Gebt einem Kavalier die Hand!«

Johann Baptist, der sich unter den alten Ton herablassender Autorität beugte und noch nicht ganz fest auf seinen Beinen stand, trat näher und legte seine Hand in die seines Gönners. Monsieur Lagnier lächelte: er drückte die Hand des Mitgefangenen, warf sie dann hoch und ließ sie los.

»So sind Sie also –« stotterte Cavaletto.

»Nicht rasiert? Nein. Seht!« rief Lagnier und drehte den Kopf nach allen Seiten. »So fest wie der Eure.«

Johann Baptist sah sich mit einem leichten Schauer im Zimmer um, als wollte er sich besinnen, wo er sei. Sein Gönner ergriff diese Gelegenheit, um den Schlüssel in der Tür umzudrehen, und setzte sich dann auf sein Bett.

»Seht«, sagte er und hielt seine Schuhe und Gamaschen in die Höhe. »Das ist doch ein armseliger Staat für einen Kavalier, das müßt Ihr zugestehen. Tut nichts. Ihr werdet sehen, wie bald das geflickt ist. Kommt, setzt Euch nieder. Nehmt Euren alten Platz wieder ein.«

Johann Baptist, der nichts weniger als beruhigt schien, setzte sich auf den Boden neben dem Bett und hielt die Augen während der ganzen Zeit auf seinen Gönner gerichtet.

»So ist's recht!« rief Lagnier. »Jetzt könnten wir wieder in dem alten höllischen Loche sein, hm? Wie lange seid Ihr schon heraus?«

»Zwei Tage nach Ihnen, Herr.«

»Wie kommt Ihr hierher?«

»Ich wurde gewarnt, nicht in Marseille zu bleiben; deshalb verließ ich die Stadt unverweilt, und seit der Zeit treibe ich mich umher. Ich war in allen Winkeln und Ecken, in Avignon, Pont Esprit, Lyon; auf der Rhone und Saone.« Während er sprach, zeichnete er mit seiner sonnverbrannten Hand die Orte auf den Boden.

»Und wohin wollt Ihr gehen?«

»Gehen, mein Herr?«

»Ja.«

Johann Baptist schien dieser Antwort ausweichen zu wollen, aber nicht zu wissen, wie. »Beim Bacchus!« sagte er endlich, als ob er zum Geständnis gezwungen würde, »ich hatte schon den Gedanken, nach Paris und vielleicht nach England zu gehen.«

»Cavaletto. Im Vertrauen, ich habe auch die Absicht, nach Paris und vielleicht nach England zu gehen. Wir wollen zusammen gehen.«

Der kleine Mann nickte mit dem Kopfe und zeigte die Zähne, schien aber doch nicht ganz überzeugt, daß das ein ausnehmend wünschenswertes Arrangement sei.

»Wir gehen zusammen«, wiederholte Lagnier. »Ihr werdet sehen, wie bald ich's dahin gebracht, daß man mich als Kavalier anerkennt, und Ihr sollt davon Euren Nutzen haben. Ist die Sache angenommen? Sind wir eins?«

»O, gewiß, gewiß!« sagte der kleine Mann.

»Dann sollt Ihr auch wissen, ehe ich mich schlafen lege – und zwar in sechs Worten, denn ich bedarf des Schlafes –, wie ich so plötzlich vor Euch erscheine, ich, Lagnier. Merkt Euch das, nicht der andre.«

»Altro! Altro! Nicht Ri–" Ehe Johann Baptist das Wort ausgesprochen, hatte sein Kamerad ihm die Hand unter das Kinn gesetzt und den Mund heftig zugestoßen.

»Tod und Teufel! Was macht Ihr? Wollt Ihr, daß ich zertreten und gesteinigt werde? Wollt Ihr zertreten und gesteinigt werden? Ihr würdet's ganz sicher. Ihr dürft nicht glauben, daß sie nur mich fassen und meinen Mitgefangenen laufen lassen würden. Glaubt das ja nicht.«

Als er die Kinnlade seines Freundes losließ, lag in seinem Gesicht ein Ausdruck, aus dem der Freund schloß, daß, wenn es wirklich im Verlauf der Dinge zu einem Steinigen und Zertreten käme, Monsieur Lagnier ihn so deutlich bezeichnen würde, daß er sicher seinen Teil davon abkriegte. Er erinnerte sich, was für ein weltgewandter Herr Monsieur Lagnier war, und wie wenig Umstände er machte.

»Ich bin ein Mann«, sagte Monsieur Lagnier, »den die Gesellschaft tief verletzt hat, seitdem wir uns zuletzt sahen. Ihr wißt, daß ich eine zartfühlende und tapfere Natur bin und daß es in meinem Charakter liegt, zu herrschen! Wie hat die Gesellschaft diese Eigenschaften in mir respektiert? Man hat mir durch die Straßen nachgeschrien. Man mußte mich in den Straßen gegen die Leute und vornehmlich gegen die Frauen schützen, die mit allen Waffen, die sie zur Hand bekommen konnten, auf mich losstürzten. Ich lag der Sicherheit wegen im Gefängnis, man hielt es geheim, wo ich eingesperrt war, damit man mich nicht heraushole und mir mit hundert Hieben den Garaus mache. Ich wurde in stockfinsterer Nacht aus Marseille geschafft und, in Stroh verpackt, viele Meilen weit weggeführt. Es war für mich nicht ratsam, meinem Hause zu nahen; und mit einem Bettelpfennig in der Tasche wanderte ich seit jener Zeit durch Sturm und Wetter, bis meine Füße aufgerissen waren – seht sie an! Das sind die Demütigungen, die mir von der Gesellschaft zuteil wurden, mir, der, wie Ihr wißt, die soeben erwähnten Eigenschaften besitzt. Aber die Gesellschaft soll es büßen!«

Alles dies sagte er seinem Gefährten ins Ohr und beständig die Hand vor den Lippen.

»Selbst hier«, fuhr er in gleicher Weise fort, »selbst in dieser geringen Schenke verfolgt mich die Gesellschaft. Die Madame verlästert mich, und ihre Gäste verlästern mich. Mich, einen Mann mit Manieren und Vorzügen, vor denen sie zu Kreuz kriechen sollten. Aber die Beleidigungen, die die Gesellschaft auf mich gehäuft, sind in dieser Brust wohlbewahrt.«

Auf all dies sagte Johann Baptist, der aufmerksam auf die gedämpfte heisere Stimme lauschte, von Zeit zu Zeit: »Gewiß! Gewiß!« und schüttelte dabei den Kopf und schloß die Augen, als ob es sich hier um die klarste Klage gegen die Gesellschaft handelte, die die vollkommenste Unschuld nur aufbringen könnte.

»Stellt meine Schuhe dahin«, fuhr Lagnier fort. »Hängt meinen Mantel zum Trocknen dort auf. Nehmt meinen Hut.« Er gehorchte jedem Befehl, sowie er gegeben war. »Und das ist das Bett, in das mich die Gesellschaft verbannt. Nicht wahr? Hm? Sehr gut.«

Als er sich der Länge nach darauf ausgestreckt, ein zerrissenes Halstuch um seinen gottlosen Kopf gebunden und nur seinen gottlosen Kopf außerhalb der Decke zeigte, wurde Johann Baptist an das erinnert, was beinahe geschehen wäre, um dem Schnurrbart alles weitere Sträuben und der Nase alles weitere Sichsenken ein Ende zu machen.

»Aus dem Würfelbecher des Schicksals wieder in Eure Gesellschaft geschleudert? Beim Himmel! Es kommt Euch zugute. Ihr profitiert dadurch. Ich werde einer langen Ruhe bedürfen. Laßt mich bis zum Morgen schlafen.«

Johann Baptist erwiderte, er solle so lange schlafen, wie er wolle, und löschte, ihm eine gute Nacht wünschend, das Licht aus. Man hätte erwarten sollen, daß die nächste Handlung des Italieners sein würde, sich zu entkleiden, aber er tat gerade das Gegenteil und zog sich von Kopf bis zu Fuß an, die Schuhe ausgenommen. Als er dies getan, legte er sich zu Bett, den Mantel noch immer fest um die Schulter gezogen, und warf die Decke über sich, um so die Nacht zuzubringen.

Als er aufwachte, betrachtete sich bereits der Pate des Tagesanbruchs, der wirkliche Tagesanbruch, sein Patchen. Er stand auf, nahm seine Schuhe in die Hand, drehte mit großer Vorsicht den Schlüssel im Schlosse um und schlich die Treppe hinab. Nichts war dort auf als der Geruch von Kaffee, Wein, Tabak und Sirup; und Madames kleiner Schanktisch sah ziemlich gespenstisch aus. Aber er hatte Madame seine Rechnung am Abend zuvor bezahlt und brauchte niemanden – brauchte nichts, als in seine Schuhe zu schlüpfen und seinen Ranzen überzuwerfen, die Tür zu öffnen und sich auf und davon machen.

Es gelang ihm auch wirklich. Er hörte kein Geräusch und keine Stimme, als er die Tür öffnete; kein gottloser Kopf, in ein zerrissenes Halstuch gewickelt, sah zum Fenster oben heraus. Als die Sonne ihre ganze Scheibe über die flache Linie des Horizontes erhob und aus der langen finstern Durchsicht des gebahnten Weges mit seiner traurigen Allee von kleinen Bäumen Feuer schlug, bewegte sich ein schwarzer Punkt den Weg entlang und trat bisweilen in die funkelnden Pfützen von Regenwasser, daß es in die Höhe spritzte –, und dieser schwarze Punkt war Johann Baptist Cavaletto, der seinem Gönner davonlief.

 

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