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Klaus im Glück

Hans Dominik: Klaus im Glück - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleKlaus im Glück
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun1.-7. Tausend
illustratorWilhelm Kelter
year1951
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201509
projectid748a9bc3
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Klaus fährt nach Afrika

Wieder war ein Winter vergangen. Die Abteilung des Eisenbahnregimentes, zu der Kröning gehörte, marschierte von den Schießständen zurück. Klaus entließ seine Leute auf die Stube und überlegte einen Augenblick, was er anfangen solle. Das Schießen, der lange Marsch; er verspürte Durst, beschloß auf ein Glas Bier in die Kantine zu gehen.

Er trat in den Schankraum, der heute auffallend stark besucht war. Berken setzte sich zu ihm.

»Paß auf, Kröning, heute gibt's noch Überraschungen.«

»Wieso, Berken? Weißt du was Besonderes?«

Berken lächelte geheimnisvoll.

»Ich hab's vom Schreiber. In einer halben Stunde läßt der Alte uns antreten.«

»Nanu, Berken! Eine unvermutete Lumpenparade?«

Berken zuckte mit den Achseln.

»Bei Gott und dem Militär ist kein Ding unmöglich.«

Klaus trank sein Glas aus und ging auf die Stube. Er war kaum dort, als der Befehl zum Antreten durch die Gänge ertönte.

Und dann standen sie da, das ganze Eisenbahnregiment acht Glieder tief aufgebaut, so daß jeder deutlich die Worte des Obersten hören konnte.

Der Oberst sprach von den schweren Kämpfen, die das Deutsche Reich in Süd-West-Afrika gegen die aufständischen Schwarzen zu führen habe. Wohl hätten die deutschen Truppen die Hauptmacht der Aufrührer entscheidend geschlagen. Aber noch bliebe viel zu tun übrig. Immer noch durchzögen versprengte Trupps der Schwarzen die Kolonie und überfielen einzelne Farmen.

In dieser Lage erginge auch an das Eisenbahnregiment der Ruf, Freiwillige für Süd-West-Afrika zu stellen. Heute noch sollten Meldungen erfolgen.

Eine Viertelstunde später befanden sich die Eisenbahner wieder in ihren Stuben.

Die Meldungen der Freiwilligen wurden eingesammelt. Klaus gab seine Liste. An der Spitze stand er selber, dahinter Dreiviertel seiner Leute. Der Feldwebel warf einen Blick darauf.

»Nanu! Ihr seid wohl totalement verrückt geworden? Alle wollen zu den Kaffern. Das scheint euch besser zu passen, als hier Dienst zu tun – Und Sie natürlich auch, Kröning – Nee, meine Jungchen, da habe auch ich noch ein Wort mitzureden.«

Der Feldwebel nahm die Liste und ging weiter. Kurz danach trat Klaus zu Berken in die Stube.

»Wozu melden wir uns, Berken, wenn gesagt wird, man ließe uns doch nicht weg?«

Berken lachte.

»Laß den Alten nur brummen, über unsere Meldungen hat nicht er, sondern das Regiment zu entscheiden.«

»Hm, du meinst?«

»Ganz bestimmt, Kröning.«

Nachdenklich ging Klaus in seine Stube zurück. So ganz sicher erschien ihm das nicht, was Berken da behauptete. Doppelt genäht hält besser, dachte er und setzte sich hin, um einen Brief an Baumeister Jensen zu schreiben. Der war mit dem Regimentsadjutanten gut bekannt. Er trug den Brief selbst zum Kasten, ging dann in die Kaserne zurück.

In steigender Erwartung vergingen die folgenden Tage. Schon war eine Woche verstrichen und immer noch keine Entscheidung da. Berken nahm die Sache von der leichten Seite.

»Blinder Alarm, Kröning. Die denken nicht daran, einen einzigen Mann vom Regiment nach Afrika zu lassen. Ist ja auch viel schöner, wenn sie uns hier ordentlich schleifen und bimsen können.«

Aber dann am zehnten Tage nach der Einreichung der Meldungen kam die Entscheidung. Die Liste derjenigen wurde verlesen, die als Freiwillige für Süd-West-Afrika bestimmt waren. Da gab es lange Gesichter. Viele, die sich gemeldet hatten, wurden nicht verlesen. Klaus stand auf der Liste.

Schon am folgenden Tage wurden die für Süd-West-Afrika angenommenen Freiwilligen neu eingekleidet. Helm und Mütze blieben zu Hause. Dafür gab's einen grauen Filzhut mit einer unheimlich großen Krempe, den die deutsche Kokarde schmückte. Auch vom blauen Tuch mußten die Freiwilligen sich trennen. In einem eigenartigen lehmigen Grau war die neue Uniform gehalten. Man konnte nicht behaupten, daß sie besonders schmuck aussahen. –

In der elften Abendstunde kam der Befehl, sich marschfertig zu machen. In Rotten zu vieren marschierten die Freiwilligen vom Kasernenhof durch menschenleere Seitenstraßen nach dem Lehrter Bahnhof. Es schien fast, als wäre es beabsichtigt, den Transport so unauffällig wie möglich aus Berlin herauszubringen. Eine eigenartige ernste Stimmung befiel Klaus Kröning während dieses Marsches durch die dunklen Gassen. Er fühlte, daß er einen folgenschweren Schritt getan hatte, daß ein neuer, wichtiger Abschnitt in seinem Leben begann.

Als sie dem Bahnhof näher kamen, stießen immer neue Trupps zu ihnen. Zu den Eisenbahntruppen kamen Scharen freiwilliger Reiter, alle bereits in der Tropenuniform.

»Das wird recht reichlich«, meinte einer von Klaus' Leuten, »soviel Platz ist ja gar nicht auf dem Bahnsteig.« Ein anderer unterbrach ihn lachend.

»Wenn der Kerl an der Sperre für uns alle Billetts knipsen muß, kriegt er einen Muskelkrampf.«

Aber sie kamen weder an die Bahnsteigsperre, noch auf den Bahnsteig. Von der Straße aus ging es seitlich ab über Schienen und Schwellen auf das Gelände des Lehrter Güterbahnhofs, wo die Militärzüge bereitstanden.

Wohl eine Stunde nahm die Einwaggonierung in Anspruch, dann setzte der Zug sich in Bewegung und rollte in die Nacht hinaus.

Bald waren die letzten Häuser der Großstadt verschwunden, Spandau lag hinter ihnen. In einförmigem Takt hämmerten die Räder auf den Schienen, in unsicherem Mondlicht dehnte sich zu beiden Seiten die märkische Kiefernheide.

»Na, einen Blitzzug haben wir nicht gerade erwischt«, meinte Klaus' Nachbar. »Wenn's in dem Tempo weitergeht, sind wir vor morgen früh um acht Uhr nicht in Hamburg.«

Klaus hatte sich einen Eckplatz gesichert und versuchte sich's da mit Hilfe einiger Decken so behaglich wie möglich zu machen.

»Morgen früh um acht, meinen Sie, Cords?« erwiderte er. »Da haben wir noch mehr als sieben Stunden Zeit. Benutzen wir sie, um zu schlafen.«

Sein Ratschlag fand allgemeine Befolgung. Selbst die drei Skatratten am anderen Fenster, die unermüdlich Karten dreschen, seitdem sie das Abteil bestiegen hatten, gaben es schließlich auf und verfielen in einen gesunden Dauerschlaf. Die Sommernacht verstrich darüber. Strahlend ging die Sonne eines neuen Tages auf und beleuchtete die fruchtbare hannoversche Tiefebene. Der Zug rollte durch Lüneburg, erreichte Harburg und setzte über die Elbe.

»Ich bin neugierig, wo sie uns hier in Hamburg auspacken werden«, meinte der Scherzbold, der in Berlin den Knipser bedauert hatte.

»Ganz bestimmt nicht in Sankt Pauli«, entgegnete Cords, »fürs Militär haben sie bei der Eisenbahn immer ganz besonders schöne Stellen.«

Die Voraussage dieses Propheten ging in Erfüllung. Ehe die Insassen es sich recht versahen, fuhr der Zug mitten durch die Straßen Hamburgs, ohne daß sie einen Bahnhof zu Gesicht bekommen hätten.

»Wirklich eine schöne Landpartie«, meinte Cords. »Jetzt bin ich doch wirklich, gespannt, wo der Deubel uns hinkarrt. Da ist ja sogar Wasser.«

Der Zug passierte mehrere kleine Brücken hintereinander. Verhältnismäßig enge Wasserläufe, auf denen kleinere Fahrzeuge, Ewer und Schuten, schaukelten. Nun rollte er durch ein Gittertor, an dem mehrere Männer in grünen Uniformen standen.

»Die Zöllner und die Sünder«, rief Cords, »mir schwant was! Wir rollen direkt in den Hamburger Freihafen. Na, ein Trost ist dabei. Auf dem Wasser kann der Zug nicht weiterfahren. Also wird er doch bald halten müssen.«

Jetzt machte das Gleis einen weiten Bogen. An einem Komplex hoher roter Backsteinbauten ging es vorbei. Dann kam eine lange Reihe niedriger Lagerschuppen, vor denen unendliche Mengen von Kisten und Tonnen aufgestapelt lagen, und dann –

Ein kräftiges Hurra! drang aus vielen Kehlen. Vor ihnen lag der Dampfschiffhafen mit den großen, seegehenden Schiffen, Kolossen von vielen tausend Tonnen. Immer langsamer wurde die Fahrt. Der Zug hielt. Befehle wurden gegeben, Ladeplanken an die Güterwagen geschoben. Das Ausladen des Transportes begann. Bald standen sie mit ihrem Material auf dem Kai. Eine Güterlok kam heran und holte den leeren Zug zurück. Das letzte Andenken an die alte Garnison entschwand mit den Wagen, die wieder in das Häusermeer untertauchten.

»Jetzt knurrt mir aber doch der Magen«, wandte sich Cords an Klaus. »Seit gestern abend haben wir nichts mehr empfangen, und gleich ist's elf Uhr Vormittag.«

Klaus lachte.

»Menschenskind, sind Sie denn schon mit dem halben Brot fertig, das jeder von uns vor dem Abmarsch zum Lehrter Bahnhof empfangen hat?«

Cords klopfte auf seinen Brotbeutel, in dem noch ein stattlicher Kanten schaukelte.

»Das nicht, aber ... ich könnte mir denken, jetzt eine gute Ochsenschwanzsuppe mit Madeira ... danach vielleicht ein Beefsteak à la Meyer und ...«

»Mensch, hören Sie auf«, schrie Klaus. »Das Brot rutscht nicht mehr, wenn man Sie reden hört.«

»Antreten!« scholl das Kommando über den Kai.

Die Kolonne setzte sich in Bewegung. Ein kurzes Stück noch ging es am Kai entlang. Dann lag es vor ihnen, massig und grau. Ein riesenhafter Kasten. »Professor Wörmann« entzifferte Klaus die goldenen Lettern am Heck des Schiffes. Hoch ragte das Deck über die Kaifläche. Vom Deck aus führte eine große Laufbrücke, die Gangway, zum Kai hinab. Fünf Minuten später befanden sich die Eisenbahner an Bord des »Professor Wörmann«.

Im Zwischendeck war alles für ihre Aufnahme vorbereitet. Offiziere der Schiffsbesatzung zusammen mit den eigenen Offizieren wiesen den Mannschaften ihre Kojen und Schränke an. Die Freiwilligen machten sich daran, ihre Sachen für die lange Seereise zu verstauen. Wie ein Lauffeuer ging dabei ein Gerücht durch das Zwischendeck: Um zwölf Uhr gibt's warmes Mittagessen.

»Hoffen wir das Beste davon«, murmelte Cords vor sich hin. Da riß ihn ein Befehl aus seinen Betrachtungen.

»Sie da! Mit acht Mann zur Pantry, Essen empfangen!«

Also doch! Cords fiel ein Stein vom Herzen. Seine acht Mann hatte er schnell beisammen. Aber wo sollte er das Essen empfangen? Was hatte man ihm gesagt? Pantry oder so ähnlich, er hatte das Wort in seinem Leben noch nicht gehört. Ein Bootsmann bemerkte seine Verlegenheit.

»Kommt man mit, Jungens. Ick will euch dat wiesen.«

Über einen langen Gang ging's und über eine Treppe, und dann kamen sie in eine Region, in der es verheißungsvoll nach dicken Erbsen und Speck duftete. Das Essen stand in großen Kesseln bereit. Je zwei Mann mußten zufassen, und dann ging's ins Zwischendeck zurück.

»Na, Cords, rutscht es? Ist zwar kein Beefsteak à la Meyer, aber ...«

»Der Hunger treibt's 'rein«, antwortete Cords, aber seine Taten straften seine Worte Lügen.

»Sehen Sie mal da, Cords.« Klaus deutete auf das kleine runde Fenster, auch wohl Bulley oder Ochsenauge genannt, vor ihnen. Cords warf einen Blick darauf. Langsam zogen die Lagerschuppen des Kais an dem Fenster vorüber.

»Alle Wetter, sind wir schon in Fahrt? Man merkt ja gar nicht, daß der alte Kahn sich bewegt«, rief Cords. Die Mannschaften strömten auf Deck, um die Ausfahrt aus Hamburg nicht zu versäumen. Ganz langsam schob der »Professor Wörmann« seinen riesenhaften grauen Rumpf aus dem Dampfschiffhafen in die Elbe. Matrosen, die gerade dienstfrei waren, erklärten die Gegend.

Hier ist der Grasbrookhafen, hier der Sandtorhafen. Da geht's zum Binnenhafen. Da ist der Turm der Michaeliskirche. Hier kommt die Alster in die Elbe. Da sind die Landungsbrücken. Da oben auf dem Berg liegt das Seemannshaus.

Langsam glitt die wechselnde Silhouette der alten Hansestadt an den Afrikafahrern vorüber. Altona kam in Sicht und verschwand. Jetzt nur noch Dörfer und Flecken in der tiefgrünen Ebene. Blankenese, die Villenstadt, tauchte am rechten Elbufer auf.

»Gut, daß der alte Professor nicht wackelt«, sagte Cords zu dem Matrosen, der ihm die wechselnden Ufer erklärte, und strich sich dabei den Magen, in dem er ein gutes Pfund Speck verstaut hatte.

»Töv man, mien Jung«, lachte der, »hinter Kuxhaven wird dat woll anders werden.«

Immer breiter wurde der Elbstrom. Einmal hielt das Schiff an. Klaus sah, wie ein Mann den Dampfer verließ, ein anderer an Bord kam. Er fragte einen Matrosen.

»Lotsenwechsel«, war die kurze Antwort. Dann wurde die Elbe so breit, daß man das rechte Ufer kaum noch erkennen konnte. Das Schiff hielt sich dicht am linken Ufer und Kuxhaven kam in Sicht. Der »Professor Wörmann« fuhr ohne stillzulegen daran vorüber.

»Jetzt sind wir auf der Nordsee«, erklärte ein Matrose, der neben Klaus an der Reling stand. »Da auf Backbord liegt die Insel Neuwerk, auf Steuerbord der Böschsand.«

Wieder stoppte der Dampfer. Ein Segelboot kam herangeschaukelt.

»Was gibt's jetzt?« fragte Klaus.

»Der Böschlotse geht von Bord. Nun sind wir bis Afrika auf uns selber angewiesen.«

Auch ohne besondere Erklärung war es zu merken, daß man sich jetzt auf der Nordsee befand. Ganz leise hob und senkte sich der Riesenrumpf des »Professor Wörmann« in einer langen Dünung. Das Lotsenboot aber tanzte und schaukelte in einer Weise, daß man schon vom Zusehen schwindlig werden konnte. Eben noch lag es dicht an der grauen Wand des Dampfers und im nächsten Augenblick schon wieder mehrere Meter ab. An einem Tau, mit dem einen Fuß in einer Schlaufe stehend, wurde der Lotse außenbords hinabgelassen. Schwebte eben noch über einer mächtigen grünen Woge, hatte dann den richtigen Moment abgepaßt und war mit einem Satz in seinem Boot.

Die Maschinen des »Professor Wörmann« gingen wieder an. Der gewaltige Rumpf setzte sich in Bewegung und durchfurchte mit Nordwestkurs die Nordsee. Die Silhouette von Helgoland tauchte auf.

»Grön is dat Land, rot is de Kant, witt is de Sand, dat sind de Farben von Helgoland«, zitierte einer. Das Schiff drehte auf Westkurs. Die Dämmerung des langen Sommertages begann einzufallen. Einer nach dem anderen suchte die Koje auf, um sich durch einen langen Schlaf von den Strapazen der letzten achtundvierzig Stunden zu erholen. – – –

Am Nachmittag des nächsten Tages fuhren sie in den englischen Kanal ein. Klaus stand mit anderen Kameraden auf dem Vorderdeck und lauschte den Erklärungen des Schiffszimmermannes.

»Jetzt kommen wir an die engste Stelle im Kanal. Seht ihr, Jungens, da nach Steuerbord die weißen Kreidefelsen? Da liegt Dover und auf Backbord habt ihr Calais.«

Der Kurs des Schiffes lag der französischen Küste näher als der englischen. Deutlich war das hügelige, mit dichtem Tannenforst bestandene Ufer zu erkennen. Dunkel und schroff sah die französische Küste aus, ganz anders als die englische. Dort hoben sich die weißen Kreidefelsen zart und licht vom Horizont ab, doch man war zu weit entfernt, um Einzelheiten zu erkennen. Schon wurde der Kanal wieder breiter und beide Ufer verschwanden. –

An einem Morgen wurde Klaus in seiner Koje wach. Genauer gesagt, er kam aus einem gesunden Schlaf allmählich zum Bewußtsein. Was war denn das? Machten die Kerls auf der Nebenstube so einen fürchterlichen Krach? Das klang ja, als ob die Pritschen und die blechernen Waschschüsseln mit Gewalt auf den Boden geworfen würden. Zum Himmeldonnerwetter, da sollte doch gleich ...!

Bums, krach ... schon wieder der Mordsradau ... das mußte die Stube von Berken sein ... bums ... krach ... schwall ... unmöglich, dabei wieder einzuschlafen.

Er riß die Augen auf. Das war ja doch gar nicht ... er war ja auf der Fahrt nach ... bums ... krach ... schwall ... jetzt machte ihn der Lärm vollkommen munter. Er blickte um sich. Die elektrischen Lampen erhellten das Zwischendeck zur Genüge, um alle Einzelheiten zu erkennen. Ihm gegenüber lag die Koje von Cords. Der steckte eben den Kopf heraus, hatte einen Blechtopf in der Hand und spuckte, was er spucken konnte. Und da und dort und drüben und in jener Ecke machten es die Kameraden genau so. Dabei zeigten die sonst so gesunden roten Gesichter einen Teint, der ungefähr die Mitte zwischen Schweinfurter Grün und Düsseldorfer Mostrich hielt.

Bums ... krach ... schwall ... kam der Lärm wieder von oben. Jetzt klang's, als ob da Riesenkübel voller Wasser auf das Deck geschleudert würden.

Klaus sprang aus der Koje und ging zu einem der Bulleys. Der Morgen graute schon. Eben konnte er einen Blick durch das Fenster auf die See tun. Aber auch nur für wenige Sekunden. Dann sah es glasiggrün hinter der Scheibe aus, und dann bums ... krach ... schwall ... kam wieder der Lärm von oben. Eine ganze Weile dauerte es, bis die Sicht durch das Fenster wieder frei wurde, er einen Blick auf das weite, sturmgepeitschte Meer tun konnte. Nach allen Regeln der Kunst stampfte und schlingerte der mächtige Dampfer. – – –

Alles auf der Welt nimmt einmal ein Ende, auch eine Fahrt über die stürmische Biskaya. Nachdem der alte »Professor« vierundzwanzig Stunden getaumelt und getorkelt hatte, tauchte Kap Finisterre auf Backbord auf, und wie mit einem Schlage war alles anders. Eben noch ein Sturm, daß, wie die Matrosen sagten, nicht sieben alte Weiber einen Besenstiel grade in der Luft halten konnten, und jetzt fast Windstille. Eben noch Kälte und Regen, und jetzt blauer Himmel und warmes Sommerwetter. Das Schiff setzte den Kurs fast genau auf Süd, und geraume Zeit blieb die spanisch-portugiesische Küste auf Backbord sichtbar. Dann tauchte sie weg, und wieder war alles nur Himmel und Wasser.

Die Tage vergingen darüber. Längst war Sturm und Seekrankheit vergessen. Azurblau fast wie ein Spiegel die See, tiefblau der Himmel darüber. Man hätte restlos glücklich sein können, wenn nicht ... wenn nicht in dieser so idealen Lage der Dienst sich wieder gemeldet hätte. Für jeden Tag wurden sechs Stunden Dienst angesetzt, und da man auf dem Deck des »Professor Wörmann« nicht gut Eisenbahnen bauen und auch kaum scharf schießen konnte, so blieb nichts anderes übrig als jene gymnastischen Übungen, die zwar in ihren Wirkungen erfreulich, aber bei der Ausübung sterbenslangweilig sind.

Doch da konnte nun nichts helfen. Der Herr Hauptmann hatte zu befehlen geruht, und die nachgeordneten Stellen hatten zu gehorchen. So wurde geübt, als der »Professor Wörmann« an Funchal und Teneriffa vorbeifuhr, es wurde geübt, als sein Kiel den Wendekreis des Krebses kreuzte und Kap Verde passierte, und man übte noch auf der Höhe von Freetown. Dann machte die Natur dem Dienst einen Strich durch die Rechnung. Das Tropenklima mit Wärmegraden von ungeahnter Höhe trat in die Erscheinung, und aus der Erwägung heraus, daß man die Eisenbahner doch lebendig nach Afrika bringen mußte, wurden die Übungen bis auf weiteres eingestellt. Dafür brachte die Passage des Äquators auf andere Weise Leben in das Schiff. Gott Neptun selber erschien mit reichlichem Gefolge an Bord, und am Abend dieses Tages konnten achthundert Täuflinge stolz den Brief in die Tasche stecken, der ihnen bekundete, daß sie die Äquatortaufe mit Erfolg empfangen hätten. – – –

Zwei Wochen waren sie in See, und immer noch lief der Dampfer unentwegt nach Süden. St. Helena wurde passiert, und dann kam nach langen, langen Tagen zum erstenmal wieder Land in Sicht, das Festland von Süd-West-Afrika. Eine endlose kahle Küste, an der tagein, tagaus eine brüllende Brandung stand. Es schien, als wollten die mächtigen Wogen des Atlantik hier alle Kraft und Wut, die sie auf ihrem langen Lauf vom Westen her gespeichert hatten, mit einem Schlage loswerden. Auch für den Nichtseemann war es klar, daß jedes Schiff, das an diese Küste geriet, dem sicheren Untergange verfallen war.

Am Ende der dritten Woche änderte sich das Bild. Eine lange, tiefe Bucht tat sich auf und in dem Augenblick, in dem der »Professor Wörmann« hinter die schützende Landzunge einfuhr, war die Brandung verschwunden. Der sichere Hafen von Lüderitzbucht nahm das Schiff auf. Unmittelbar am Kai machte der Dampfer halt, die lange Reise war zu Ende.

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