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Klaus im Glück

Hans Dominik: Klaus im Glück - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleKlaus im Glück
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun1.-7. Tausend
illustratorWilhelm Kelter
year1951
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201509
projectid748a9bc3
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Ein Abenteuer im Sumpf und seine Folgen

Die Wochen summten sich zu Monden. Schon flog der Altweibersommer durch das Thüringer Land, und die Kastanien begannen zu vergilben.

Einmal hatte der alte Landbriefträger doch den Weg in die Hütte des Gemeindehirten gefunden. Als Klaus am Abend von der Arbeit nach Haus kam, hielt sein Vater einen Brief in der Hand.

»Klaus, mein Junge, ich habe hier einen Brief bekommen. Weiß der Himmel, wo Mutter wieder meine Brille verkramt hat. Lies du mir mal vor.«

Klaus unterdrückte ein Lächeln.

»Gerne, Vater, gib nur her.« Er ergriff den Brief, las die Aufschrift: An Herrn Klaus Kröning.

Er stutzte. Der Vater hieß doch Ernst.

»Na, Junge, nu lies doch endlich! Das sieht ja beinahe aus, als ob du nicht lesen kannst«, rief der Alte ungeduldig.

»Der Brief ist nicht an dich, Vater.«

»Nicht an mich? Warum hat ihn denn der Briefträger hier abgegeben?«

Unschlüssig bewegte Klaus den Briefumschlag zwischen den Händen. Erst jetzt bemerkte er den Stempel auf der Rückseite: Voßberg & Co., Eisenbahngesellschaft. Ein jäher Schreck durchzuckte ihn. Was hatte die Gesellschaft ihm schriftlich mitzuteilen. Er riß den Brief aus dem Umschlag und las mit stockender Stimme:

»Herrn Klaus Kröning!

Wir teilen Ihnen hierdurch mit, daß wir Ihnen für die Zeit, in der Sie mehr als 30 km von Seehausen entfernt für uns tätig sind, eine tägliche Zulage von 2 Mark ausgeworfen haben.

Hochachtungsvoll
Voßberg & Co.«

»Was soll das bedeuten, mein Junge?« fragte der Alte verwundert. Er bekam keine Antwort. Klaus ließ den Kopf auf die Arme sinken und konnte die Tränen nicht zurückhalten. – – –

Von diesem Tage an begann ein neues Leben für ihn. Nun fuhr er des Abends nicht mehr nach Haus, sondern blieb mit dem Landmesser Wendt zusammen im Gasthaus des Dorfes, das ihrer augenblicklichen Arbeitsstelle jeweils am nächsten gelegen war. Nur noch des Sonntags kam er nach Seehausen, dann sahen ihn seine alten Kameraden auf dem Rade durch die Dorfstraße dahinsausen und zerbrachen sich den Kopf, wo er wohl stecken, was er wohl treiben möge. – – –

Immer weiter war die Trassierung der Bahnstrecke inzwischen fortgeschritten. Schon befanden sie sich in Gegenden, die Klaus nicht kannte, in die er früher niemals gekommen war.

Bedenklich schüttelte Wendt den Kopf, brummte einige unverständliche Worte vor sich hin.

»Was haben Sie, Herr Wendt?«

»Nichts Besonderes, Klaus. Nur daß der Teufel hier Bahnlinien trassieren soll. Ich fürchte, wir kommen ganz scheußlich in die Soße.«

Die Bemerkung des Feldmessers war nicht unbegründet. Sie befanden sich jetzt in der Nähe von Reinhardsbrunn und Georgental. Kristallklar und rauschend strömen hier eine große Zahl von Gebirgswassern zu Tale. Sobald sie aber in die Ebene kommen, verlangsamen sie ihren Lauf, beginnen zu stagnieren und verwandeln weite Flächen in Sumpfland. Das war es, was Wendt zu seinem Ausruf veranlaßte.

Über eine Länge von etwa 500 Metern mußte die Strecke durch den Sumpf geführt werden. Zweifelnd betrachtete Klaus das Gelände, über dessen tückischen Charakter das reichlich sprießende Wollgras keinen Zweifel ließ.

»Wie soll hier jemals eine Eisenbahn fahren, Herr Wendt?«

Der Feldmesser schüttelte den Kopf.

»Das ist eine spätere Sorge, Klaus. Man wird zuerst einen tiefen Graben anlegen, der dem Moor einen guten Abfluß in das tiefere Gelände ermöglicht und den Sumpf trockenlegt. Dann wird man einen Sanddamm schütten, wie man es in solchen Fällen immer tut. Der Sand wird durch sein Gewicht den Moorboden zur Seite drücken. Nach einiger Zeit wird der Damm mit seiner Sohle den festen, tragfähigen Untergrund erreicht haben, und dann werden die Züge auf seiner Krone sicher über diese Wiese rollen.

Das werden unsere Leute später schon ganz richtig besorgen. Bedenklich ist es, daß wir jetzt durch den Sumpf hindurch unsere Trasse abstecken müssen.«

Heute mußte der Handwagen zurückbleiben. Auch Stiefel und Strümpfe ließ Klaus zurück und brachte die einzelnen Sachen in mehrfachen Gängen zu dem von Wendt bezeichneten Punkt.

Es ging besser als er dachte. Leichtfüßig von einem kräftigen Grasbüschel zum anderen tretend, gelangte er glücklich zu der gewünschten Stelle, und bald waren Schirm und Stativ aufgestellt. Bedeutend schwieriger war das, was Klaus mit seinen 110 Pfund Körpergewicht glückte, für den erheblich schwereren Feldmesser. Bedenklich schwankte der Boden unter dessen Tritten. Aber Klaus hatte auf seinen wiederholten Gängen einen einigermaßen sicheren Pfad ausfindig gemacht, und unter seiner Führung kam auch Wendt glücklich zu seinem Plantisch. Gemächlich ließ er sich nieder und griff in die Brusttasche, um sein Reißzeug herauszuholen. Griff in diese und in andere Taschen. Vergeblich – das Reißzeug war nicht da. Jetzt fiel es ihm auch ein. Am Kaffeetisch hatte er es gegen seine sonstigen Gewohnheiten herausgezogen, offenbar vergessen, es wieder einzustecken.

Das Reißzeug war unentbehrlich. Ohne Zirkel und Feder konnte er nicht trassieren. Aber der Schaden ließ sich leicht kurieren. Mit dem Rade konnte Klaus in zehn Minuten im Gasthaus sein, das vermißte Stück herbeiholen. Während Klaus auf seiner Maschine davonsauste, steckte Wendt eine Zigarette an und ließ seine Blicke in die Runde gehen.

Schön war das Thüringer Land hier. Besonders schön in diesen klaren Herbsttagen. In allen Farben und Tinten vom leuchtenden Rot und Gelb bis zum tiefen Grün schimmerte das Laub der wilden Obstbäume an den Berghängen. In weiter Ferne hob sich die dunkelblaue Silhouette des Thüringer Waldes vom Horizont ab. In tausend Reflexen spielte die goldene Oktobersonne über dem Ganzen.

Tief atmend sog der Feldmesser die würzige Herbstluft ein, schloß dann für Minuten die vom Schauen gesättigten Augen –

Ein Gefühl der Kälte an den Füßen riß ihn aus seinen Sinnen. Er blickte nach unten und sah, daß er bis zu den Knöcheln im klaren Wasser war. Eben noch bis zu den Knöcheln – jetzt schon bis zu den Waden – bis zu den Knien –

Unter der dauernden Belastung hatte die dünne Rasendecke, die hier auf dem flüssigen Moor schwamm, sich allmählich gesenkt und eine Mulde gebildet, die sich langsam mit dem aufsteigenden Wasser füllte.

Unwillkürlich machte Wendt eine jähe Bewegung, um aus der Mulde heraus auf trockenen Boden zu kommen. Da geschah das Unglück. Die dünne Pflanzendecke zerriß. Er fühlte, daß seine Füße keinen Widerstand mehr fanden und stürzte. Bis zur Brust stürzte er in das flüssige Moor hinein. Mit knapper Not gelang es ihm im letzten Augenblick, mit ausgebreiteten Armen den Sturz abzubremsen. Sonst hätte sich wohl die grüne schwimmende Decke über ihm geschlossen. Spurlos wäre er in der schaurigen Tiefe versunken, der Sumpf hätte ein neues Opfer gehabt.

Aber auch jetzt war die Lage verzweifelt. Bis zur Brust steckte er in einem dünnflüssigen Moorbrei. Nur mit Mühe konnte er sich mit den Händen auf der zerrissenen Rasendecke so weit abstützen, daß er den Mund über dem Wasser behielt. Jeder Versuch, sich mit eigener Kraft herauszuarbeiten, verschlimmerte die Lage. Er fühlte, wie die Rasendecke unter seinen Fingern immer weiter riß, wie jede Beinbewegung ihn immer weiter in die Tiefe zog.

Kälte und Hitze jagten durch seinen Körper. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn. Seine Glieder begannen in dem eisigen Moorwasser zu erstarren. Er fühlte, wie seine Kräfte nachließen. Nur noch mit äußerster Anstrengung vermochte er den Mund über Wasser zu halten. Wie lange noch, und er würde den letzten Halt verlieren, in die grundlose Tiefe versinken. Seine Gedanken begannen zu wandern. In traumhaften Bildern zog sein bisheriges Leben an ihm vorbei. Die Sinne begannen ihm zu schwinden –

Klaus sprang vom Rade und eilte in die Gaststube. Da stand der Kaffeetisch noch so, wie sie ihn verlassen hatten. Die Zeitung neben dem Korb mit den Brötchen. Das Reißzeug war nicht zu sehen. Er stürmte nach oben in Wendts Zimmer. Kehrte alle Schubladen und Fächer um. Auch hier nichts. Wo konnte es sein? Sollte Wendt es etwa unterwegs verloren haben? Noch einmal ging er in die Gaststube – instinktiv schob er die Zeitung zur Seite. Da lag das schwarze Kästchen. Weil die Zeitung es so vollständig verdeckte, hatte Wendt wohl vergessen, es mitzunehmen. Eilig ließ er es in die Tasche gleiten und sprang auf die Maschine. Wertvolle Minuten hatte er beim Suchen verloren. Die wollte er jetzt wieder einholen. Mit aller Gewalt trat er in die Pedale und sauste die Landstraße entlang. Dahinten an der Biegung kam die Wiese in Sicht. Im 30-Kilometertempo jagte er darauf zu. Jetzt sah er den Handwagen, jetzt war er neben ihm, sprang ab und schaute nach Wendt aus.

Wo war der geblieben? Dort in der Richtung mußte er doch sitzen. Klaus kniff die Augen zusammen, um schärfer zu sehen.

Dahinten – ja – da hob sich ein Stückchen Gelb aus dem Grün der Wiesenfläche – Wendts Schirm? – Aber wo war Wendt? – War er verunglückt, im Moor versunken?

Im Augenblick hatte Klaus Schuhe und Strümpfe abgeworfen, griff ein paar Meßlatten und drang auf dem tragfähigen Pfad zu der Unglücksstelle vor.

Jetzt sah er auch Wendt – das wenige, was von dem noch zu sehen war. Mit Aufbietung seiner letzten Kräfte hielt der Feldmesser den Kopf noch eben so weit empor, daß er zu atmen vermochte. Schnell war Klaus bei ihm.

»Herr Wendt, halten Sie aus! Noch einen Augenblick.«

Er legte sich der Länge nach auf den Boden, kroch dicht heran und schob dem Verunglückten eine Latte hin. Der wollte sie greifen, sich daran klammern, aber die Kräfte verließen ihn. Noch tiefer sank er bei der schwachen Bewegung. Jetzt verschwand sein Kopf in dem trüben Wasser. Ein paar Blasen stiegen auf.

Verzweifelt kroch Klaus weiter vor, die Latten hinter sich nachziehend. Auch unter ihm senkte sich die schwimmende Decke. Schon lag er vollkommen im Wasser. Aber er fühlte, wie das Wasser seinen Körper trug. Und jetzt – keine Sekunde zu früh – gelang es ihm, die erstarrte Hand Wendts zu packen. Vorsichtig zurückkriechend suchte er den schweren Körper des Feldmessers hinter sich herzuziehen. Die erste kurze Strecke glückte es. Er brachte es dahin, daß Wendt mit dem Munde wieder über dem Wasserspiegel war, zerrte den Bewußtlosen bis an den Rand der Einbruchsstelle. Dann aber merkte er mit Schrecken, daß er nicht vorwärts kam. Der trügerische Rasen begann weiter und immer weiter zu reißen. Jeden Augenblick konnte sich auch unter ihm das nasse Grab öffnen und dann – er erkannte es mit visionärer Klarheit – waren sie beide rettungslos verloren.

In diesen Sekunden der höchsten Gefahr begann Klaus wie unter einem Zwange zu handeln. Während seine Rechte mit Aufbietung aller Kräfte den Versinkenden zu halten suchte, zog er mit der Linken die Latten heran und schob sie unter dessen Körper. Wohl boten diese starken, fast drei Meter langen Meßlatten dem Ohnmächtigen einen gewissen Halt. Aber jeden Augenblick konnte er durch eine unwillkürliche Bewegung davon abgleiten.

Ihn festbinden! – Aber womit? In dem Handwagen da am Wiesenrand war alles, was ihm in dieser Not helfen konnte. Feste Meßketten und Seile. Doch er durfte es ja nicht wagen, die Stelle hier zu verlassen.

Noch während er den Gedanken dachte, glitt seine Linke über seine Kleidung – Die Hosenträger! Damit konnte es gehen. Schon hatte er sie gelöst, die Schulter Wendts fest mit der Latte verknüpft. Jetzt endlich konnte er selbst zurückkriechen, fühlte, wie der Boden sicherer wurde, stand hochaufatmend auf einem festen Grasblock.

Schnellste Hilfe tat not. Doch weit und breit war kein Mensch zu sehen. Sollte er ins Dorf zurückfahren, dort Beistand holen? Wer weiß, wann der kam, und ob er nicht zu spät kommen würde. Hier die zwanzig Meter lange Meßlatte aus kräftigem Stahlband. Mit der mochte es vielleicht glücken. Er zog sie hinter sich her, kroch zur Unfallstelle zurück, bis er wieder mit dem ganzen Leib im Wasser lag. Mit unendlicher Behutsamkeit – jede unvorsichtige Bewegung konnte ja auch unter ihm die schwankende, trügerische Decke zum Zerreißen bringen – legte er das Band um den Körper des Feldmessers und verknotete es zu einer festen Schlinge. Dann kroch er zurück, bis er wieder sicheren Boden unter den Füßen hatte, und begann an dem Band zu ziehen. Langsam, Schritt für Schritt holte er den schweren Körper des Verunglückten zu sich heran. Zwar riß die Decke auch jetzt noch weiter, aber allmählich glückte es ihm doch, den Körper auf festeren Boden zu bringen.

Jetzt endlich hatte er es erreicht. Wendt lag auf einer Stelle, an der eine starke Grasnarbe dem Boden einige Tragfähigkeit verlieh. Aber jetzt war Klaus auch selbst am Ende seiner Kräfte. Und immer noch blieb ihm ein schweres Stück Arbeit zu tun. Wohl hätte er es sich zugetraut, den Feldmesser auf die Schulter zu heben und ein Stück Weges zu tragen. Doch hier auf dem gefährlichen Boden durfte er das nicht wagen. Unter der doppelten Last wäre die Decke auch sicher hier noch gerissen. Vorsichtig, selbst rückwärts kriechend, schleifte er Wendt hinter sich her, bis er endlich den Rand des Moores erreicht hatte. Dort legte er ihn nieder, begann ihn zu reiben und zu massieren. Es dauerte lange Zeit, bis Wendt anfing, wieder Lebenszeichen von sich zu geben, schließlich die Augen aufschlug.

»Wo bin ich? Was ist mit mir, Klaus?«

»Später, Herr Wendt ... später. Sie waren im Moor eingebrochen. Wir müssen ins Dorf zurück. Sie müssen in trockene Kleider kommen.«

Der Feldmesser machte einen Versuch, sich aufzurichten, taumelte und fiel sofort zurück.

»Es geht nicht, Klaus. Fahre du ins Dorf und hole Hilfe herbei.« Die Zähne schlugen ihm hörbar aufeinander, während er die Worte hervorbrachte.

Klaus schüttelte den Kopf, entfernte sich ein paar Schritte, kam mit dem Handwagen zurück.

»Keine Zeit, erst ins Dorf zu laufen. Sie müssen schnell ins warme Bett.«

Mit vielem Stützen, Heben und Zureden gelang es ihm, Wendt in den Wagen zu bringen. Dann ergriff er die Deichsel und zog mit seiner Last los. Jetzt auf der harten Landstraße ging es schon besser. Schnell brachte er das Fuhrwerk vorwärts. Bereits tauchten die ersten Häuser des Dorfes vor ihm auf, als er Wendts Stimme hinter sich vernahm.

»Halt, Klaus, halt.«

»Was ist, Herr Wendt, was wünschen Sie?«

»Unmöglich, Klaus, daß wir in diesem Aufzug in das Dorf kommen. Du als Vorspann, ich wie ein Bund Flicken auf dem Wagen. Die Bauern würden ihren Spaß daran haben.«

»Ja, aber, Herr Wendt ...«

»Kein Aber, Klaus! Hilf mir mal auf die Beine.«

Klaus hatte nicht viel Zutrauen, daß dieser Versuch gelingen würde. Aber es ging besser, als er erwartete. Jetzt stand Wendt, wenn auch noch schwankend und zähneklappernd auf seinen Füßen. Versuchte es, auf Klaus gestützt, vorwärts zu kommen. Wohl ging's noch unsicher, aber es ging. Bei jedem Schritt quoll ihm das Sumpfwasser spritzend aus den Schuhen und hinterließ eine nasse Spur auf der Landstraße.

Klaus wunderte sich über die Wassermassen, die da von Wendt abflossen. Nie hätte er es für möglich gehalten, daß ein Mensch solche Wassermengen in seiner Kleidung bergen könne.

Die Bewegung tat dem Feldmesser sichtlich gut. Von Minute zu Minute gewannen seine Bewegungen an Sicherheit. Schon versuchte er, mit einem Scherzwort über die heikle Situation hinwegzukommen.

»Langsam, Klaus, langsam! Wo bliebe sonst unsere Würde? Du mußt jetzt den Wagen ziehen und dann ... dann wollen wir vor allen Dingen versuchen, möglichst ungesehen in unser Logis zu gelangen. Sonst – wenn die Bauern uns hier ankommen sehen wie die gebadeten Katzen – du weißt ja, wer den Spaten hat, braucht für den Schutt nicht zu sorgen.«

Klaus lachte.

»Ich bin schon fast wieder trocken, Herr Wendt.«

»Trotzdem, Klaus, sofort auf ein paar Stunden ins Bett, wenn wir im Gasthaus sind.«

Es glückte wider Erwarten. Umgesehen kamen sie in den großen Flur des Dorfkruges. Klaus, der augenblicklich entschieden der Repräsentablere von beiden war, holte die Stubenschlüssel von der Theke.

»Ins Bett, Klaus. Vor allen Dingen erst mal ins Bett.«

Mit diesen Worten verschwand Wendt in seinem Zimmer. Klaus hatte nicht allzu große Lust, dem Befehl zu folgen. Er betastete und befühlte sich von allen Seiten. Von außen her hatte unter dem Einfluß von Wind und Sonne ein gewisser Trocknungsprozeß begonnen. Es hatte sich eine schokoladenartige feste Kruste gebildet. Darunter aber war's feucht und warm. Er hatte das Gefühl, als ob er in einem einzigen großen Prießnitzumschlag steckte. Mit Mühe begann er sich die nassen Sachen vom Leibe zu ziehen. Das haftete und klatschte alles aneinander, als ob das Sumpfwasser eine ganz besondere Klebkraft besäße.

Endlich war's gelungen. Klaus stand da wie weiland Urvater Adam am siebenten Tage der Schöpfungsgeschichte. Arbeitete mit Wasser und Frottiertuch, um den Modergeruch loszuwerden, und kroch in das hochgetürmte Bauernbett.

War's die Anstrengung, war's das kalte Oktoberbad oder der überstandene Schrecken, schon nach wenigen Minuten war er fest eingeschlafen. Tief und traumlos zuerst. Dann aber kamen verworrene Träume.

Nicht jetzt lebte er, sondern ein halbes Jahrtausend früher. War auch nicht mehr Lehrling beim Feldmesser Wendt, sondern Jungknappe des Burgherrn von der Waxenkuppe.

Sein Herr lag in Fehde mit den Nachbarn. In wilden Kampf mit feindlicher Übermacht waren sie plötzlich verwickelt. Schwerter und Morgensterne blitzten in der Sonne, prasselten dröhnend auf die Panzer nieder. Immer schlimmer wurde die Bedrängnis, immer kleiner die Zahl der geharnischten Knechte, die noch um den Waxenritter kämpften. Jetzt strauchelte auch dessen Pferd und fiel. Der Ritter mußte fliehen. Der Knappe folgte ihm. Der schwere Panzer hinderte und drückte ihn bei jeder Bewegung. Trotzdem suchte er zu entrinnen, er lief, daß der Schweiß ihm aus allen Poren brach. Dort drüben sah er die Burg. Dort war Sicherheit vor den Verfolgern. Der nächste Weg dorthin ein Pfad durchs Moor. Köhler und Wildschützen gingen ihn bisweilen.

Not bricht Eisen. Der fliehende Waxenritter wagte den Gang. Der Knappe folgte ihm, ging auf schwankenden Pfaden vorwärts. Hörte, wie die Verfolger hinter ihm am Rande des Moores haltmachten, Lärm und Geschrei schwächer wurden. Nur ein paar Bolzen, von den Armbrüsten der Verfolger abgeschnellt, summten ihm noch um die Ohren.

Nun hatte er die Mitte des Weges hinter sich. Bedenklich schwankte der trügerische Boden. Doch unmöglich, umzukehren. Rettung und Sicherheit lagen vor ihm, Gefangenschaft und Tod drohten hinter ihm.

Weiter ... immer weiter vorwärts. Da brach die trügerische Decke. Klaus, der Jungknappe, sah seinen Herrn stürzen, sinken, verschwinden. Er wollte ihm zu Hilfe eilen, ihm die lange Ritterlanze zur Rettung hinstrecken, da stürzte er selbst. Wollte schreien, doch vergeblich jeder Versuch zu rufen. Keinen Ton brachte er aus der Kehle. Fühlte, wie er tiefer und tiefer sank, wie der schwere Panzer ihn unwiderstehlich nach unten zog. Jetzt brachen die Fluten über ihm zusammen, verschlossen ihm Mund und Nase. In höchster Atemnot schlug er um sich, wollte sich mit Aufbietung letzter Kraft vor dem Tod im Moore retten.

Ein Schrei brach aus seiner Kehle. Mit einer verzweifelten Anstrengung schob er die Moormassen beiseite – erwachte und merkte, daß er den Kampf auf Leben und Tod mit dem dicken Daunenbett geführt hatte.

Schon herrschte Dämmerung im Zimmer. Er sprang auf, zündete die Petroleumlampe an und kam allmählich aus dem 14. ins 20. Jahrhundert zurück. Ein Gutes hatte der wilde Traum gezeitigt. Einen Schweißausbruch, der auch die letzten Spuren einer etwaigen Erkältung wegfegte. Frisch umgekleidet trat Klaus kurze Zeit danach in die Stube von Wendt. Der kam ihm entgegen.

»Ich hörte dich schreien, Klaus.«

»Ein Traum, Herr Wendt, ein verrückter Traum. Haben Sie auch geträumt?«

»Nein, Klaus ... und doch, vielleicht habe ich auch etwas geträumt ... was bald Wahrheit werden soll.«

Er ergriff Klaus' Rechte mit beiden Händen und drückte sie lange und fest. – – –

Ende November war die Trassierung der geplanten Bahnlinie beendet. Ein selten schöner und milder Herbst war dem Feldmesser Wendt dabei zustatten gekommen. Jetzt saß er mit dem Baumeister Jensen zusammen in der Erfurter Niederlassung von Voßberg & Co. Die Besprechung der beiden Herren über die laufenden Arbeiten war zu Ende. Wendt schob seine Papiere zusammen. Eigentlich hätte er jetzt gehen können. Doch er blieb noch und schickte sich umständlich an, seinen zerkauten Zigarrenstummel noch einmal in Brand zu setzen, während der Baumeister nachdenklich allerlei Arabesken auf ein Blatt Papier malte.

Einige Minuten des Schweigens. Jensen sprach zuerst.

»Ja, mein lieber Wendt, nun zu unserem gemeinschaftlichen Pflegling ...«

»Sie meinen Klaus.«

»Ganz recht, Klaus Kröning. Wir sind ihm beide verpflichtet. Meinen Sie, daß ...?«

Der Feldmesser unterbrach Jensen, ehe er den Satz vollendete.

»Ja, Herr Baumeister. Ich meine, daß wir den Jungen mit gutem Gewissen als Lehrling in die Firma nehmen können. Er hat einen hellen Kopf, ist willig und anstellig. Schon jetzt versteht er gut mit Zirkel und Reißzeug umzugehen. Weiß der Teufel, wie er sich's angeeignet hat. Nach meiner Meinung hat er jedenfalls das Zeug dazu, einmal ein tüchtiger Eisenbahntechniker zu werden.«

Der Baumeister nickte.

»Gut! Alles ganz gut und schön. Bliebe noch die Frage zu erörtern, wo und wie wir ihn hier in Erfurt unterbringen. Auf einen Zuschuß von zu Hause kann der Junge während seiner Lehrzeit nicht rechnen. Das Gehalt, das wir ihm von der Firma auswerfen können ...«

Wendt unterbrach ihn.

»Lassen Sie das meine Sorge sein, Herr Baumeister. Ich werde den Jungen zu mir ins Haus nehmen.«

»Sie wollten, lieber Wendt?«

»Ich will.«

So wurde die weitere Zukunft Klaus Krönings bestimmt. Als Pflegesohn kam er in das Haus des Feldmessers Wendt, als Lehrling zu der Firma Voßberg & Co. Für den ersten Winter nahm ihn Wendt in sein eigenes Büro.

Klaus hätte keinen besseren Lehrer finden können. Unermüdlich war Wendt bestrebt, ihn in die Geheimnisse seiner Kunst einzuweihen. Klaus lernte ... und wie lernte er. Er erlebte es förmlich mit, wie jetzt aus den im freien Felde aufgenommenen Trassenkarten die eigentlichen Baupläne entstanden.

Erst jetzt begriff er, was das zu bedeuten hatte, was Wendt seinerzeit während der Feldarbeiten als das Nivellement bezeichnet hatte. In der Horizontalebene war ja die Eisenbahnlinie bereits auf den Trassenkarten genau festgelegt. Aber in der Senkrechten zeigte diese Linie Steigungen und Gefälle, die man einer Eisenbahn niemals zumuten durfte. Jetzt handelte es sich darum, nach dem damals aufgenommenen Nivellement die günstigste Lage des Bahnkörpers in der Senkrechten zu bestimmen. An den tiefer gelegenen Teilen der Strecke waren Dammschüttungen vorzusehen, an höher gelegenen Geländeeinschnitte. Die Kunst, die der alte Feldmesser meisterhaft beherrschte, bestand darin, diese Angleichung der geplanten Strecke an die Bedingungen des Eisenbahnverkehrs mit möglichst geringen Erdbewegungen zu erreichen.

Die dafür notwendigen Berechnungen waren freilich für Klaus noch zu hoch. Er sah, wie Wendt tage- und wochenlang saß, rechnete und immer wieder rechnete. Dicke Bücher füllten sich unter seiner Hand mit endlosen Zahlenreihen und führten zu Resultaten, die Hunderttausende von zu bewegenden Kubikmetern bedeuteten. Gewaltig waren diese Endsummen bei den ersten Rechnungen. Aber immer geringer wurden sie, je weiter die Arbeit fortschritt, und endlich hatte Wendt das Minimum errechnet.

Nun konnte mit der zeichnerischen Ausarbeitung der Pläne begonnen werden, und Klaus fand reichlich Gelegenheit, sich mit Bleistift und Reißfeder zu betätigen. Bogen um Bogen, Streckenabschnitt um Streckenabschnitt zeichnete er, und während der Arbeit begann er die meisterhafte Technik zu begreifen, die in diesen Plänen steckte. Er empfand einen reinen Genuß dabei, wenn er immer wieder neue Kniffe und Kunststücke entdeckte, mit denen Wendt Herr über die Tücken des Geländes geworden war.

Wie im Fluge verstrichen ihm die Wochen und Monate über solcher Arbeit. Ehe er sich's recht versah, wurden die Tage schon wieder länger. Immer höher stieg die Sonne und gewann neue Kraft. Schon steckten die Hasel- und Erlenbüsche ihre Blütenkätzchen aus, und die Glocken begannen das Osterfest einzuläuten. Da schrieb der Feldmesser Wendt seinen Namen unter den letzten der großen Nivellementspläne, warf die Feder zur Seite und sagte:

»Fertig, Klaus!«

»Sie meinen, Herr Wendt?«

»Ich meine, Klaus, daß heute Ostersonnabend ist, und daß du deine Eltern lange nicht gesehen hast ... Also, Junge ...«

Er zog ein Kuvert aus der Tasche.

»Hier hast du Reisegeld und außerdem acht Tage Urlaub. Tummle dich, der nächste Zug nach Eisenach geht in anderthalb Stunden.«

Klaus wußte kaum, wie ihm geschah. Abwechselnd drückte er die Hände des Feldmessers und redete allerlei wirres Zeug durcheinander ... saß auf der Bahn und fuhr der Heimat entgegen.

Das letzte Stück des Weges legte er auf seinem Rade zurück. Und dann hing er am Halse seiner Mutter, während sein Bruder Bert das Rad hineinschob und die Tür verschloß.

»Klaus, Junge, wo kommst du her? Ist etwas nicht in Ordnung?«

Der Gemeindehirt stieß die Worte hervor.

»Alles in bester Ordnung, Vater. Habe eine Woche Urlaub ... Reisegeld hat mir die Firma auch gegeben ... Aber Mutter ...«

Schnuppernd sog Klaus den Duft vom Herde her ein.

»Einen Wolfshunger habe ich, Mutter. Hoffentlich habt ihr mir noch was übriggelassen.«

»Gewiß mein Junge, es ist noch reichlich da.«

Während die Mutter auftischte, begann er auszupacken. Vater Kröning mußte den reinen Pastorentabak, den Klaus ihm aus Erfurt mitgebracht hatte, probieren. Klaus bestand darauf, daß es ohne jede Beimischung der heimischen Flora geschah, obwohl der Gemeindehirt solch Unterfangen für verschwenderisch und sündhaft erachtete.

Mit glänzenden Augen erzählte Klaus von seinem Leben in Erfurt und von seinen Zukunftsplänen. Bis jetzt hatten sie im Bureau mit der Ausarbeitung der Bauzeichnungen zu tun gehabt. Nun sollte der Bau beginnen. Mit eigenen Augen würde er jetzt sehen, wie alles das, was sie auf dem Papier errechnet und gezeichnet hatten, zur Ausführung käme.

Bedächtig drückte Vater Kröning den Tabak in seiner Pfeife fester.

»Ja, und was macht ihr dabei? Ihr guckt bloß zu, wie die anderen arbeiten?«

Klaus lachte.

»So wie du's dir denkst, ist's doch nicht, Vater. Das weiß ich vom Feldmesser Wendt besser. Wir müssen dabei sein und fortwährend nachkontrollieren, ob die Ausführung auch genau mit unseren Zeichnungen übereinstimmt. Da gibt's zum mindesten ebensoviel für uns zu tun, wie vorher bei den Trassierungsarbeiten.«

Der Alte schüttelte den Kopf.

»Na ja, Junge, wenn du's sagst, wird's wohl so sein. Davon verstehe ich nichts.« –

Der erste Feiertag brachte Frühlingswetter mit hellem Sonnenschein. Nach dem Frühstück setzte sich Klaus aufs Rad und fuhr ins Dorf. Es drängte ihn, seine alten Freunde, besonders Karl Kundtke und Fritz Lautensach, wiederzusehen. Er hatte gehört, daß die beiden seit Michaelis auf dem nahgelegenen Vorwerk einer Staatsdomäne untergekommen waren. Heute durfte er wohl hoffen, sie hier im Dorf zu treffen.

Die beiden dort hinten auf dem Kirchplatz, die schienen's doch zu sein. Forsch trat er in die Pedale, war in kurzer Zeit bei ihnen.

»Hallo, Fritz, hallo Karl, fröhliche Ostern!«

Der Gegengruß, den er bekam, war nicht sehr erfreulich.

»Na, da bist du ja, Klaus im Glück! Hast's wohl schon weit gebracht mit deinem Dienern und Scharwenzeln ...«

Die beiden machten keine Miene, die dargebotene Hand zu ergreifen. Versenkten die Arme bis an die Ellbogen in die Hosentaschen und grinsten ihn höhnisch an. Karl Kundtke wandte sich zu Fritz Lautensach.

»Große Ehre für uns. Der Herr Eisenbahndirektor läßt sich herab, mit ganz gewöhnlichen Hofjungen zu reden.«

Die Röte stieg Klaus ins Gesicht.

»Seid ihr beiden denn ganz und gar verrückt«, brach er los, »könnt ihr auf ein freundliches Wort keine freundliche Antwort geben?«

Karl Kundtke zuckte die Achseln.

»Wir sind deine Freunde nicht mehr. Geh du nur zu deinen Leuten und laß uns in Ruhe.«

Klaus nahm sein Rad.

»Wie ihr wollt. Ich dränge mich euch nicht auf. Jetzt ist's an euch, mir das erste freundliche Wort zu geben.«

Er schwang sich in den Sattel und fuhr langsam zurück. Hörte noch, wie Fritz Lautensach ihm nachrief:

»Da kann der Herr Eisenbahndirektor lange warten, bis wir ihm ein gutes Wort geben.«

Verstimmt und nachdenklich fuhr Klaus durch das Dorf. Wie kamen die beiden alten Schulfreunde dazu, ihn so zu behandeln. Gewiß, er hatte Glück gehabt. Durch glückliche Zufälle war es ihm gelungen, einflußreiche Freunde zu gewinnen, in eine Laufbahn zu gelangen, die ihm ganz andere Zukunftsaussichten bot als die hergebrachte Arbeit hier im Dorf. Aber tat er den anderen dadurch irgendwie Schaden oder Abbruch? – Wären die um einen Deut besser daran, wenn er ebenfalls zu Michaelis irgendwo als Hofjunge untergekommen wäre?

Er schüttelte den Kopf. Zum ersten Male in seinem jungen Leben mußte er die Erfahrung machen, daß jeder Erfolg, mag er auch noch so ehrlich errungen sein, Neid erweckt und Feinde schafft.

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