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Klaus im Glück

Hans Dominik: Klaus im Glück - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleKlaus im Glück
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun1.-7. Tausend
illustratorWilhelm Kelter
year1951
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201509
projectid748a9bc3
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Ausklang

Dreierlei war erforderlich, um die reichen Bodenschätze zu erschließen: Kapital, Maschinen und Arbeitskräfte. An Kapital fehlte es Klaus nicht. Durch den Verkauf seiner Diamantenshares hatte er Hunderttausende von Pfunden flüssig gemacht.

Arbeitskräfte? ... Diese Angelegenheit war vielleicht nicht so ganz einfach. Für seine Farmen bekam er mit Leichtigkeit schwarze Arbeiter, soviel er nur haben wollte. Aber würden sie auch gewillt sein, in die menschenleeren Einöden zu ziehen, in denen gerade die reichsten der von Klaus belegten Zinnfelder lagen?

So wie das Land dort heute aussah, durfte das zum mindesten fraglich sein. Aber Geld und Arbeit können ein Land ja gründlich wandeln. Klaus hatte es zur Genüge erfahren, als er in der Parklandschaft seine Farmen schuf. Auch die Einöde in den Zinnbergen konnte anders werden, wenn dort erst artesische Brunnen sprudelten, wenn das lebenspendende Naß dort eine Vegetation hervorzauberte. Wenn dort Siedlungen entstanden, in denen die Schwarzen mit ihren Familien hausen konnten.

Das alles würde eine spätere Sorge sein. Maschinen waren zuerst notwendig. Maschinen für die Krafterzeugung und Wassererschließung. Bergwerksmaschinen, um das kostbare Erz aus den Felsen zu brechen. Transportanlagen, Seil- und Feldbahnen, um es vom Gewinnungsort zu Tale zu fördern. Am Ausgang des Gebirges schließlich eine vollkommene Hüttenanlage, um die Erze zu brechen, vom tauben Gestein zu separieren, das silberweiße Metall aus ihnen zu schmelzen.

Wo gab's die besten derartigen Maschinen? über die Antwort war Klaus keinen Augenblick im Zweifel. Nur in Deutschland würde er sie finden, dort wollte er sie kaufen. So verließ er das Land, das ihm in langen Jahren eine zweite Heimat geworden war. Im Herbst des Jahres 1922 fuhr er nach Europa zurück. In Hamburg betrat er den deutschen Boden und glaubte in ein Irrenhaus zu kommen. Unablässig war in diesen vier Jahren nach dem großen Kriege der Niederbruch der deutschen Währung weitergegangen und hatte die große Umwertung aller Werte gebracht.

»Sachwerte« hieß die Lösung dieser Zeit. Jeder, der deutsches Papiergeld besaß, versuchte es so schnell wie möglich loszuwerden, irgendwelche Sachwerte dafür einzuhandeln. Mochten, es leere Weinflaschen, Perserteppiche oder Maschinen irgendwelcher Art sein, das blieb sich gleich. Nur das schlechte Geld, das in der Tasche brannte und zerschmolz, schleunigst loszuwerden, war das Bestreben aller.

In einer Scheinblüte keuchte die deutsche Industrie und war nicht imstande, die Aufträge zu bewältigen, die ihr von allen Seiten zuflossen.

Groß waren die Aufträge, die Klaus zu vergeben hatte. Nur freibleibend wollten deutsche Fabriken sie annehmen, sich an keine Lieferzeit binden.

»Ja, wenn Sie Devisen hätten«, sagte man ihm, als er zur persönlichen Verhandlung in den Werken erschien.

»Wenn ich Devisen hätte ... was dann?« fragte Klaus.

»Dann könnten wir natürlich sofort feste Lieferungsverträge in Dollars oder Pfunden abschließen und würden Ihre Aufträge allen anderen vorziehen.«

Klaus lachte. Und dann schloß er die neuen Verträge. Der augenblickliche Papiermarkpreis umgerechnet in Pfunde oder Dollars. Bei der Ablieferung der so ermittelte Preis in Devisen zahlbar. Nun griffen die Lieferanten begierig zu, zogen seine Bestellungen allen anderen Aufträgen vor. Schnell kamen die Lieferungen in Fluß, und jeder Dampfer nahm Ladungen für die neue Gesellschaft Klaus Krönings an Bord. Ehe ein halbes Jahr verging, schwammen die letzten Teile für seine Anlage schon auf der Nordsee. – – –

Klaus benutzte die Pausen, die ihm seine Geschäfte ließen, zu wiederholten Besuchen bei seinen Eltern in Seehausen. Da sah es nicht zum besten aus. Der Vater fühlte sich in dieser veränderten, verrückten Welt nicht mehr wohl, in der man für einen Zentner Kartoffeln hunderttausend Mark bezahlte. Von Tag zu Tag war er stiller und immer wunderlicher geworden. Stundenlang saß er im Sonnenschein der warmen Vorfrühlingstage in der Laube und sprach vor sich hin. Weit zurück in frühere, schönere Zeiten wanderten die Gedanken des Alten. Zurück in die Jahre, in denen er jung und stark gewesen.

Die Mutter hatte ihre liebe Not, ihn von diesem Grübeln und Sinnieren, bei dem er seine Kräfte verzehrte, abzubringen. Auch ihr wollte die neue Zeit, in der alle Deutschen »Millionäre« waren, nicht in den Kopf hinein. Eine Zeitlang sah sich Klaus das mit an. Dann beschloß er einzugreifen. – – –

»Höre mal, Mutter!«

»Ja, was ist denn, Klaus?«

»Ihr müßt hier mal 'raus, du und Vater.«

»Was hätte das für einen Zweck? Wo sollten wir noch hingehen? ... Noch dazu jetzt, wo alles so entsetzlich teuer ist.«

Klaus verbiß sich ein Lächeln. Seine letzte Reise von Berlin nach München im D-Zug hatte ihn genau achtzig Goldpfennige gekostet. Das nannten die Leute hier teuer.

»Ganz egal, wohin! In andere Länder, unter andere Leute ..., sonst werdet ihr mir hier noch tiefsinnig.« – – –

Es war kein leichtes Stück, aber Klaus hatte schon schwerere Aufgaben bewältigt. In den nächsten Tagen wurde der Widerstand der beiden Alten schwächer. Dann saßen sie mit ihm im Zuge, kamen zum erstenmal in ihrem Leben über die Grenzen der engeren Heimat hinaus. – – –

Von Basel aus ging die Fahrt durch die Alpen nach Süden. Mit wunderndem Staunen sahen die Alten, wie die Berge immer gewaltiger, die Schneefirnen immer mächtiger wurden. Das Bild des deutschen Frühlings bei Göschenen. Dann Finsternis, durch die der Zug donnernd dahinstürmte. Nach vielen, vielen Minuten wieder Tageslicht, eine verwandelte Landschaft, der Sommer, die immergrünen Haine Italiens. Von Airolo aus eilte der Zug der Poebene zu. Nun standen sie im Hafen von Genua.

Zum erstenmal erblickten die Eltern das ewige Meer. Willenlos ließen sie all das Neue, Gewaltige auf sich einstürmen, als das Schiff den Kurs nach Westen nahm, an Spanien vorbei durch die Straße von Gibraltar in den Atlantik steuerte. Wie ein Traum kam ihnen das alles vor. Wie ein altes, halbvergessenes Bild in verblichenen Farben erschien ihnen das frühere Leben in Seehausen. All die quälenden und peinigenden Gedanken fielen von ihnen ab.

Viele Tage nur Himmel und Meer von allen Seiten. Dann kam der Tag, an dem das Schiff an der Mole von Swakopmund Anker warf. Und dann ging's mit der Bahn landeinwärts. Die Eltern sprachen wenig. Sie staunten immer wieder über das Land – über die Menschen – die vielen schwarzen Menschen, die hier überall herumliefen.

Klaus sah es und freute sich im stillen. Er wußte, diese Reise war ein Gewaltmittel gewesen. Ein Mittel, das vielleicht auch zum üblen hätte ausschlagen können. Aber jetzt sah er von Tag zu Tag deutlicher, daß es half, daß die überwältigende Fülle der neuen Eindrücke wie ein Jungbrunnen auf die Eltern wirkte.

In Rehoboth hielt der Zug. Hier mußten sie die Bahn verlassen. Ein Schwarzer trat an den Zug heran.

»Morro, Aubaas!«

Er wollte Klaus das Handgepäck abnehmen. Stutzte, als er merkte, daß die Alten in dem Abteil zu ihm zu gehören schienen. Klaus redete ihn in dem bekannten Mischmaschdialekt an.

»Morro, Abraham, alte schwarze Seele! Ich habe meine Eltern mitgebracht. Was sagst du jetzt?«

Ein breites Grinsen ging über das Gesicht des Kaffern.

»Um Gottes willen, hör mit dem Grinsen auf. Deine Ohren kriegen ja Besuch von dem Munde. Sei manierlich, Abraham, sei höflich ... sage meinen Eltern guten Tag.«

Der Kaffer raffte sich zusammen und brachte eine Bewegung zustande, die ungefähr zwischen Strammstehen und arabischem Salem die Mitte hielt. Versuchte es dann auf deutsch.

Die Alten stutzten, als sie die deutschen Brocken aus schwarzem Munde hörten. Klaus lachte.

»Ja, ja, mein Abraham ist ein perfekter Gentleman, ihr könnt euch stundenlang mit ihm auf deutsch unterhalten.« – – –

Vor der Bahn stand der Kraftwagen bereit. Schnell war das Gepäck verladen.

»Los, Abraham, laß den eisernen Ochsen laufen!«

Der Boy saß am Steuer. Schnell und immer schneller stürmte der starke Wagen durch das afrikanische Land auf die große Farm zu. – – –

»Ist's noch weit, Klaus?« fragte die Mutter.

Klaus deutete auf eine Baumgruppe an einem halbvertrockneten Rinnsal.

»Hier beginnt mein Grund und Boden, Mutter.«

Weiter sauste der Kraftwagen über den harten, ebenen Boden dahin. Viehherden wurden sichtbar, Hunderte von Rindern, vereinzelte Schwarze dabei. Klaus wies in die Richtung.

»Vieh von mir, Mutter.«

Versonnen blickte die alle Frau über die schon leicht vergilbte, endlose Weidefläche hin.

»Vater hatte weniger zu hüten. Ist's noch weit bis zu deinem Haus?«

»Noch etwa vier Meilen ... eine halbe Stunde Fahrt, dann sind wir da.«

»Vier Meilen eigenes Land ... alles dein Besitz?«

»Nach der anderen Seite, nach Osten über das Haus weg sind's noch mal vier Meilen, Mutter. Nach Norden und Süden sind's mehr.«

Das Haus kam in Sicht, der Wagen fuhr auf dem Hof. Die Schwarzen empfingen die Ankommenden. Eine neue, märchenhafte Welt war's für die Alten, die altgewohnte Stätte langer und harter Arbeit für Klaus. Kaum hatten die Eltern sich auf der Farm ein wenig eingelebt, als er schon wieder zu einer neuen Expedition in die Zinnberge aufbrach.

*

Klaus zügelte sein Pferd und sprang aus dein Sattel. Schroff stiegen zu beiden Seiten des engen Tales die Schieferklippen in die Höhe. Weit hinter ihm war die Karawane der schweren Ochsenwagen zurückgeblieben, die er in achttägiger Reise hierherbrachte.

Das Pferd am Zügel führend, schritt er langsam weiter talaufwärts. Prüfend flogen seine Augen über die wenigen Reste verdorrten Grases, die hie und da den Talboden bedeckten. Jetzt haftete sein Blick an einem Holzpflock, der dort in den Boden geschlagen war. Er selbst hatte ihn damals gesetzt, als er mit seinen Schwarzen hier auf der Jagd nach Erzen fündig wurde. Er erkannte die Stelle wieder. Kein Zweifel mehr, er war am Ziel.

Mit einer Schlinge knüpfte er den Halfter seines Pferdes an den Pflock, reckte die vom langen Ritt steifgewordenen Glieder.

Von der Karawane war noch immer nichts zu sehen. Eine Stunde mochte vielleicht noch vergehen, bis die mit den schwerbeladenen Wagen hier ankamen. Reichlich blieb ihm Zeit, und er beschloß, sie zu nutzen.

Aus einer der Satteltaschen holte er eine hölzerne Rute von Gabelform hervor. Von einem Dornbusch hatte er sie damals geschnitten, als er das erstemal hier war. Würde sie ihm heute bestätigen, was sie ihm damals verraten?

Mit beiden Händen griff er die Gabelzinken. Die Rute waagrecht vor sich haltend, ging er kreuz und quer über den Talgrund. In immer engeren Spiralen umkreiste er den Pflock. Mit halbgeschlossenen Augen schritt er dahin, die Zinken der Gabel elastisch auseinandergespreizt.

Ein leises Zittern ging durch die Rute. Für einen Beobachter konnte es scheinen, als suche eine unsichtbare Gewalt den Stiel der Gabel bald schwächer, bald stärker nach oben zu reißen.

Dicht führte sein Weg den Rutengänger jetzt an dem Holzpflock vorüber. In diesem Augenblick schlug die Rute mit Gewalt nach oben, traf ihn hart vor die Brust, zerbrach splitternd in seinen Händen.

Wie angewurzelt blieb Klaus stehen, stieß eine der abgebrochenen Zinken in den Boden. – – –

Menschenstimmen rissen ihn aus seinen Sinnen. Die Karawane zog heran. In weitem Kreise fuhren die Kaffern die Wagen auf, schirrten die Ochsen los, warfen ihnen Futter vor. Prüfend musterte der deutsche Monteur das Gelände, trat dann zu Klaus heran.

»Ungünstige Gegend hier, Herr Kröning! Niemand kann garantieren, daß wir hier Wasser finden. Hoffentlich geht's uns nicht so wie neulich in Uis.«

»Was war in Uis?« unterbrach ihn Klaus.

»In Uis haben wir an fünf Stellen gebohrt, haben viel Geld verbohrt. Sind erst mit dem fünften Bohrloch in achtzig Meter Tiefe auf Wasser gestoßen.«

Klaus deutete auf das Stäbchen zu seinen Füßen.

»Setzen Sie hier Ihr Rohr an. Genau an dieser Stelle hier, und bohren Sie, bis Sie auf Wasser stoßen.«

Der Mann wollte sich noch des langen und breiten über die Schwierigkeit der Bohrung ergehen. Klaus schnitt ihm das Wort ab.

»An diesem Punkte wird gebohrt, bis wir auf Wasser stoßen. Was es kostet, bezahle ich.«

Der Monteur zuckte die Achseln.

»Wie Sie wünschen, Herr Kröning. Wir haben dreihundert Meter Rohrlänge mitgebracht.«

»Ich glaube, wir werden nicht den sechsten Teil davon brauchen. Lassen Sie anfangen.«

Klaus stand dabei, als der Bohrturm errichtet wurde. Er wich nicht vom Fleck, während das eiserne Fachwerk hoch und immer höher wuchs. Schweigend beobachtete er es, wie seine Schwarzen unter der Aufsicht der weißen Hilfsmonteure die erste Rohrlänge genau dort auf den Boden stellten, wo die Gabelzinke steckte. –

Knirschend drang das starke Mannesmannrohr unter einer schweren Belastung in den Sand ein. Unter ständigem Drehen schraubte es sich tief und immer tiefer, während der Bohrlöffel die Bodenmasse aus dem Rohr herausschaffte. Erst als die Schatten der Dunkelheit durch das Tal krochen, wurde die Arbeit für diesen Tag eingestellt. – – –

Die Tage verstrichen und summierten sich zu Wochen. In einer Tiefe von zwanzig Metern war das Rohr auf eine felsharte Tonschicht gestoßen. Der Bohrlöffel mußte herausgezogen und durch einen Bohrer mit diamantbewehrter Bohrkrone ersetzt werden.

Keine Spur von Wasser hatte sich bisher gezeigt, über einen Weg von zwei Tagereisen schafften die Ochsen das kostbare Naß heran, das zum Spülen des Bohrloches notwendig war. Immer härter wurde der Ton, ging langsam in Kalkstein über. Schon seit Tagen ließ Klaus in doppelter Schicht arbeiten, aber trotzdem drangen sie in vierundzwanzig Stunden kaum zwei Meter weiter in die Tiefe. Endlich war der vierzigste Meter erreicht.

Die deutschen Monteure wurden immer schweigsamer, zuckten nur die Achseln, wenn Klaus sie zu neuer Arbeit antrieb.

»Ungünstige Gegend hier, Herr Kröning«, nahm der Obermonteur seinen alten Faden wieder auf. »Ich fürchte, wir werden ...«

»Wir werden beim fünfundvierzigsten Meter wahrscheinlich Wasser finden«, unterbrach ihn Klaus schroff.

Der schüttelte den Kopf.

»Beim fünfundvierzigsten Meter? ... Dreiundvierzig haben wir jetzt, das wäre in vierundzwanzig Stunden spätestens.«

»Spätestens!« wiederholte Klaus dessen letztes Wort.

Ein Summen und Pfeifen ließ sie aufhorchen. Aus dem Bohrrohr kam ein Ton, als ob eine mächtige Orgelpfeife angeblasen würde. Ein tiefes Summen erst ... ein Poltern und Sprudeln dann. Eine Staubwolke brach aus dem Rohrmund. Wild tanzte das Bohrgestänge auf und nieder. Brocken flogen empor, in gelblich-lehmigem Schwall ergoß sich's aus der Röhre.

Im Augenblick waren die deutschen Monteure auf ihrem Posten. Das Gestänge mit der Bohrkrone wurde herausgewunden. In breitem Schwall folgte ihm das Wasser. Nicht mehr lehmig jetzt, sondern klar und frisch.

In vierundvierzig Meter Tiefe waren sie bei der ersten Bohrung auf eine starke artesische Quelle gestoßen. Das Lebenselement für die Bergwerksanlagen, die hier entstehen sollten, war sichergestellt.

Überall im regenarmen Südwest war ja die Wasserfrage die wichtigste. Auf seinen Farmen hatte Klaus sie durch die Anlage großer Staubecken gelöst. Dort hinderten starke Dämme das Wasser in den Rivieren am Abströmen, hielten es über die Zeit der Dürre in Form großer künstlicher Seen im Lande zurück.

Wo aber Menschenkunst nicht eingriff, da verschwand das köstliche Element nach der Regenzeit, zog sich tief und immer tiefer unter den trockenen Sand der Flußbetten zurück. Durch primitive Anlagen von Wasserlöchern hatten sich die Eingeborenen geholfen, bevor die Weißen in das Land kamen.

Erst die europäische Technik brachte andere, bessere Mittel. Vielfach stand das Grundwasser in größerer Tiefe unter wasserundurchlässigen Schichten unter einem starken hydraulischen Druck. Glückte es, solche Wasseradern anzubohren, dann sprudelte es mit Gewalt aus dem Brunnenrohr. Aber es war nicht leicht, solche Stellen zu finden. An einem Punkte konnte man hundert Meter tief bohren und blieb doch immer in trockenem Fels, während ein zweites Rohr nur wenig entfernt davon angesetzt, unter Umständen nach dreißig oder vierzig Metern eine reiche Wasserader anschlug.

Alle Wissenschaft der Geologen versagte hier. Nur die geheimnisvolle Fähigkeit der Rutengänger vermochte dieser Schwierigkeiten Herr zu werden. Trotz aller anfänglichen Anfeindungen durch die offizielle Wissenschaft hatte man doch schon während des Hererokrieges deutsche Rutengänger nach Südwest gerufen, und nach ihren Angaben waren an vielen Plätzen ergiebige Brunnen erbohrt worden. Auch Klaus hatte sich damals mit der Rute versucht, hatte gefunden, daß sie in seiner Hand über Wasseradern lebendig wurde. Jetzt hatte diese Kunst ihm geholfen, das flüssige Element für seine neuen Hüttenwerke zu erschließen.

Dem ersten Brunnen folgten schnell andere. Hütten für die schwarzen Arbeiter, Häuser für weiße Bergleute und Hütteningenieure wuchsen aus dem Boden. Tag und Nacht dröhnte in dem stillen Tal, das so lange in unendlicher Einsamkeit gelegen, der Schlag der Hämmer, das Kreischen der Sägen, das Rasseln der Maschinen.

Die Fundamente eines vieltausendpferdigen Kraftwerkes wurden gelegt. Elektrische Leitungen streckten sich vom Talgrunde her über die Berglehnen bis zu den Gipfeln.

Überall an den Hängen fraßen sich die Bohrmaschinen knirschend in die Erzadern ein, schwere Explosionen zerrissen den Leib der zinnhaltigen Berge. Auf Drahtseilbahnen wanderte das geschossene Erz zur Talsohle zu der neuen Brecherei und Separation.

Wie riesenhafte Ungeheuer einer sagenhaften Vorzeit kauerten dort die großen Steinbrecher. In unermüdlichem Spiel gingen ihre stählernen Backen hin und her, zerkauten und zerbrachen mit dumpfem, grimmigem Grollen die schweren Blöcke, lieferten feines Geröll in die Separation. Hier schwemmte strömendes Wasser das leichte, taube Gestein mit sich fort. Übrigblieb schweres, wertvolles Erz, das in Kübeln und Loren zu den Ofenbatterien hinwanderte.

Viele Monate verstrichen, bis alles fertig wurde und in Betrieb kam. Bis die starken Motortraktoren, die tagein, tagaus das Treiböl für das neue Kraftwerk heranbrachten, mit silberweißen Zinnbarren schwer beladen wieder zurückfahren konnten. Monate, in denen Klaus hier ständig in dem neuen Unternehmen steckte, keine Zeit fand, auf seine Farmen zu kommen. – – –

Endlich nach vielen, vielen Wochen gab's einen freien Sonntag für ihn. Er benutzte ihn, auf seinem Hof nach dem Rechten zu sehen, die Zeitungen aus Johannisburg und Kapstadt zu lesen, die sich inzwischen auf seinem Schreibtisch zu Bergen gestapelt hatten.

Jetzt endlich fand er Gelegenheit, sie zu überfliegen. Was stand dort? Sein Blick stutzte, blieb auf den Überschriften haften ...

Neue große Diamantenfunde in dem Grenzgebiet zwischen der Kapkolonie und Transvaal ... Diamanten, wo man sie vorher nie gesehen, nie vermutet ... die Größe der Funde noch nicht abzusehen ... die südafrikanische Regierung gibt das ganze Gebiet für die Ausbeutung frei ...

Klaus ließ das Blatt sinken. War auch nur die Hälfte von dem wahr, was er hier gedruckt las, so würde das Syndikat einen schweren Schlag auszuhalten haben. Einen Schlag, den es vielleicht nicht parieren konnte. – – –

Die nächsten Wochen bestätigten die ersten Alarmnachrichten in vollem Maße. Neue Siedlungen schossen aus dem Boden. Tausende von Glücksjägern hatten sich auf den neuentdeckten, diamanthaltigen Grund gestürzt, hatten Claims belegt und begannen die Felder abzuernten, ohne sich um das Syndikat zu kümmern. Immer neue Nachrichten, unübersehbar die Größe der märchenhaften Funde.

Die schwere Erschütterung des Marktes, die Klaus in früheren Jahren so oft befürchtet, jetzt war sie da, drohte sich zu einer Panik auszuwachsen. Nicht die synthetischen Künste der Chemiker, sondern dieser plötzliche, allzu reichliche Segen von guten, natürlichen Steinen zerrüttete den Markt. An den Börsen von Johannisburg und Kapstadt folgte ein schwarzer Tag dem anderen. In jähem Sturz gingen alle Diamantenpapiere nach unten und brachten auch andere Werte ins Wanken.

In den Bankbüros der Südafrikanischen Union aber hub ein neues Raunen an ... Klaus Kröning, der reiche Kröning ... Klaus im Glück, der hat's vorher gewußt. Der hat seine Shares rechtzeitig abgestoßen, sein Vermögen in Sicherheit gebracht ...

Gute Freunde suchten ihn auf und steckten ihm, was in den Offices der Broker und Jobber hinter seinem Rücken gesprochen wurde.

Klaus lachte.

»Laßt sie reden. An der Börse geht's noch immer nach dem Satz, daß den letzten die Hunde beißen. Man muß es vermeiden, der letzte zu sein. Das Syndikat wird sich auch eines Tages mit den neuen Feldinhabern einigen und dann ... dann werde ich vielleicht wieder Shares kaufen, wenn ...«

Die warteten nicht ab, was er etwa noch weiter sagen wollte. Auf schnellsten Wegen eilten sie nach Johannisburg und Kapstadt, um aus dem bloßen Gerücht, daß Klaus wieder kaufen wolle, Geld zu machen. Der blickte ihnen nach, bis die Staubwolken ihrer Wagen am Horizont verschwanden.

Kaufen!? ... Wenn die wüßten, was in seinem Hause hier in Retorten und Pressen schimmernd und flimmernd entstand, sie würden sich den Kauf wohl zehnmal überlegen.

Er bestieg den eigenen Wagen und fuhr nach den Bergen, um die Inbetriebsetzung einer neuen Ofenbatterie anzusehen.

Polternd fielen Erze und Zuschläge in die Ofenwannen, brausend spielten die lichtblauen Flammen der Ölbrenner darüber hin. In roter Glut strahlten die Wannen.

Klaus blickte in die ziehenden Flammengase. Auf und nieder wogten die Dampfschleier. Das Bild seiner Zukunft glaubte er darin zu erblicken. Ein langes, arbeitsreiches und gesegnetes Leben hier in diesem schönen Lande, das ihm eine zweite Heimat geworden war.

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