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Klaus im Glück

Hans Dominik: Klaus im Glück - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleKlaus im Glück
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun1.-7. Tausend
illustratorWilhelm Kelter
year1951
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201509
projectid748a9bc3
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Diamanten in der Retorte

Klaus trat in Grothes Laboratorium. Der Chemiker stand vor einem Tisch, auf dem mit endlosen Zahlen bedeckte Bogen lagen. Es waren die Protokolle über Hunderte von Versuchen, die er in den letzten Monaten ausgeführt hatte.

»Nun, lieber Freund, ist der Kohinoor fertig?«

Grothe schüttelte den Kopf.

»Ganz so schnell geht es nicht, Herr Kröning. Aber wir sind ein gutes Stück weitergekommen. Haben Sie ein Stündchen Zeit?«

Klaus lachte und ließ sich auf einen Stuhl nieder. »Ihre ›Stündchen‹ kenne ich, Herr Grothe. Es wird wohl ein halber Tag daraus werden.«

Grothe griff eine der schweren stählernen Preßformen, füllte sie mit dem geheimnisvollen Pulver, schob einen elektrischen Heizmantel darüber und stellte das Ganze in die Presse.

Die Ölpumpe begann zu arbeiten, der Zeiger des Manometers hub an, über die Skala zu klettern. Knirschend drang der Chromstahlstempel in die Form hinein, preßte das Pulver darin zu einem massiven Block.

Jetzt war der höchste Druck erreicht, zitternd blieb der Zeiger des Manometers stehen.

»Der Druck ist da, Herr Kröning. Ein Druck von 20 000 Atmosphären ...« Grothe schaltete die elektrische Heizung ein. »Jetzt noch die richtige Temperatur und ... Sie werden sehen. Bei 400 Grad setzt die Reaktion ein.« – – –

Minuten verstrichen und ballten sich zu Viertelstunden. – Da plötzlich ein Ruck in der Presse. Der Zeiger sprang um einige Skalenteile weiter, das Sicherheitsventil der Presse schleuderte ein paar Tropfen Öl aus. Der Chemiker schaltete den Heizstrom aus.

»Die Reaktion ist eingetreten. Der Kohlenstoff hat sich frei gemacht ... Wir müssen warten, bis die Form sich verkühlt hat.« –

Eine halbe Stunde verstrich und noch eine viertel danach. Klaus wurde ungeduldig.

»Ist's endlich soweit?«

»Wir können es wagen.«

Grothe ließ den Druck von der Presse. Der Stempel ging nach oben. Mit einem Tuch griff er die immer noch heiße Form und zog sie aus der Presse heraus.

Eine Kreissäge heulte auf und zerschnitt kreischend die schwere Stahlwand der Form. In zwei Hälften fiel sie auseinander. Ließ ihren Inhalt erkennen. Eine glasige lavaartige Fläche, noch beizenden Geruch ausstoßend.

Klaus schüttelte den Kopf.

»Na, lieber Grothe, offen gesagt, das Resultat hätte ich mir etwas anders vorgestellt. Das sieht nicht gerade nach Kohinoor und Cullinan aus.«

Der Chemiker gab keine Antwort. Schweigend füllte er eine Quarzschale mit Königswasser und warf die zerschnittene Form hinein, schob das Ganze unter den Abzug des Giftschrankes.

Brodelnd und schäumend stieg die starke Säure in dem Gefäß und stieß schwere, rotbraune Gasschwaden aus. Grothe stand neben dem Schrank. Die Augen dicht an die starke Spiegelscheibe gepreßt, versuchte er zu beobachten, was da drinnen vorging. –

Allmählich ließ die Reaktion nach. Nur noch schwach kochte die Flüssigkeit. Der Zylinder, von der scharfen Säure zerfressen, war in einzelne Brocken zerfallen.

Schweigend winkte Grothe Klaus zu sich heran, deutete auf die Schale hinter dem Glase.

Klaus kniff die Augen zusammen, um besser zu sehen. Täuschten ihn seine Sinne, oder sah er dort wirklich kleine, wasserhelle Stellen in der zerfallenden Preßmasse. Wie klares Glas schien es in den dunklen Körper eingesprengt zu sein.

Grothe griff die Schale, goß die verbrauchte Säure ab, gab noch einmal frische darauf. Wieder begann es zu wogen und zu qualmen, bis der ganze Schrank mit rostbraunen Schwaden erfüllt war. Der Chemiker ließ den Ventilator gehen, um die giftigen Stickoxyde in die Esse fortzudrücken. – – –

Noch eine Stunde verstrich, während Klaus vor Ungeduld fieberte. Dann hatte die Säure ihr Werk vollendet. Unter der Wasserleitung schüttete Grothe den Inhalt der Schale in ein feines Platinsieb, ließ Wasser darüber laufen, bis die letzten Spuren der Säure fortgewaschen waren, breitete das, was übrigblieb, dann auf einer Porzellanplatte aus.

Stumm saßen die beiden sich gegenüber. Erst nach Minuten brach Grothe das Schweigen.

»Nun, Herr Kröning, was meinen Sie?«

Noch immer fand Klaus keine Antwort. Mit einer Pinzette griff er einzelne der kleinen, wasserhellen Steine, die da vor ihm lagen, nahm die Lupe zur Hand, um sie schärfer zu betrachten.

»Nun, was sagen Sie?« kam zum zweiten Male die Frage Grothes.

Klaus schüttelte den Kopf. Noch immer verschlug es ihm die Sprache. Seine Gedanken jagten sich, überstürzten sich. Waren diese gläsernen Brocken da vor ihm wirklich Diamanten ... dann ...

Stockend kamen die Worte von seinen Lippen.

»Reine Oktaeder sind es, Herr Grothe. Unverkennbar ist die Kristallform. Oktaeder ... beinahe Erbsengröße haben die Kristalle. Aber es sind doch ... es können doch keine Diamanten sein ... unmöglich, Herr Grothe!«

Der deutete auf den Apparatentisch.

»Bitte, Herr Kröning, prüfen Sie selbst. Härte ... Lichtbrechungsvermögen ... alles, was Sie dafür brauchen, steht dort ...«

Die Stunden verstrichen. Raum und Zeit vergaß Klaus, während er diese zauberhaften Splitter prüfte, die Grothe da mit der Säure aus der Preßform herausgeätzt hatte.

Die letzte Probe jetzt noch. Kaum noch nötig nach dem, was er bereits geprüft und gefunden – die Verbrennung einiger dieser Steine in reinem Sauerstoff – das Verbrennungsprodukt reine Kohlensäure. Die letzte Spur eines Zweifels war behoben. Nur reiner, kristallisierter Kohlenstoff, echter Diamant konnte es sein, was hier vor ihm lag.

Er ließ sich in einen Sessel fallen.

»Ziehen wir das Fazit, Herr Grothe. Es ist Ihnen gelungen, den Kohlenstoff zur Kristallisation zu zwingen, aber die Steine sind vorläufig noch klein.«

Grothe strich sich über die Stirn.

»Groß oder klein, Herr Kröning, das ist mir vorläufig ganz nebensächlich. Die Hauptsache für mich ist, daß meine Theorie stimmt ...« Er deutete mit der Hand auf die Steinchen. »Da liegt der Beweis dafür, daß sie stimmt. Wir können den Kohlenstoff bei seinem Freiwerden durch hohen Druck und geeignete Temperatur zur Kristallisation zwingen. Das war's, was ich immer behauptete ... was ich jetzt bewiesen habe.«

»Ich gebe es unumwunden zu, Herr Grothe, Sie haben den Beweis geliefert. Aber diese synthetischen Steine sind noch recht klein. Glauben Sie, daß Ihnen auch größere gelingen können?«

Grothe nickte.

»Das ist lediglich eine Geldfrage. Bedenken Sie, daß wir diese Steine hier in einer Preßform von wenigen Kubikzentimetern Inhalt hergestellt haben. In größeren Formen mit größerem Rauminhalt werden auch die Kristalle beträchtlich größer werden. Ich kann Ihnen zwar keinen Kohinor oder gar Cullinan in sichere Aussicht stellen. Aber ich glaube, daß wir bei weiteren Versuchen mit entsprechend größeren Pressen und Preßformen in absehbarer Zeit Kristalle von wenigstens einem Karat schaffen werden.«

Klaus überlegte eine Weile. Dann fragte er.

»Sie meinen, daß es mit den jetzigen Mitteln wenig Zweck hat, noch weiter zu experimentieren?«

Grothe schüttelte den Kopf.

»Im Gegenteil, Herr Kröning. Auch mit den jetzigen Mitteln will ich die Versuche fortsetzen. Die Reaktion geht mir jetzt noch zu stürmisch vonstatten. Ich denke an Möglichkeiten, sie zu verlangsamen. Wenn der Kohlenstoff nicht, wie jetzt, in Bruchteilen einer Sekunde frei wird, sondern allmählich im Laufe von Minuten oder Stunden, wäre es nach meiner Meinung recht wohl möglich, daß auch in diesen kleinen Formen viel größere Kristalle wüchsen.

Viel Arbeit wird das noch kosten. Ich sehe endlose Versuchsreihen vor mir. Vielleicht werde ich sogar genötigt sein, von einer ganz anderen Kohlenstoffverbindung auszugehen. Doch daran, daß wir auch dies Ziel erreichen, zweifle ich nicht.«

Klaus erhob sich.

»Gut, Herr Grothe, arbeiten Sie weiter und halten mich auf dem laufenden. Vor allen Dingen: kein Wort an irgend jemand über das, was hier bereits geschaffen wurde. Noch viel weniger über das, was Sie zu erreichen hoffen.« – – –

Dann saß Klaus allein in seinem Zimmer, und jetzt erst zog er wirklich das Fazit dessen, was er eben gesehen und erlebt hatte.

Es war also doch möglich, auch den Diamanten synthetisch herzustellen. Was man seit Moissan hundertmal versucht hatte, was bisher niemals gelingen wollte, hier war's geglückt.

Die praktische Bedeutung dieser Erfindung? – Vorläufig war's jedenfalls noch viel billiger und einfacher, die Steine aus dem Wüstensand aufzulesen, als sie mit den umständlichen und kostspieligen Mitteln des Laboratoriums herzustellen.

Aber wenn es morgen oder übermorgen gelang, auch größere Kristalle von Haselnußgröße – von Walnußgröße in der Retorte wachsen zu lassen – was dann?

Schon wenn das, was er hier eben gesehen, bekannt wurde, mußte es eine schwere Erschütterung des Diamantenmarktes, aller Diamantenpapiere zur Folge haben. Seine Gedanken liefen rückwärts zu jenen Jahren, in denen die synthetischen Rubine und Saphire aufkamen. Zuerst erschien auch das nur eine interessante wissenschaftliche Spielerei. Erbsengroße Steinchen mit unkontrollierbaren Einschlüssen und Trübungen, die den Vergleich mit den Natursteinen auch nicht im entferntesten aushalten konnten. Doch während die Juweliere noch die Köpfe schüttelten, glückten den Chemikern schon die nächsten Würfe. Ehe man sich's recht versah, waren große synthetische Steine von reinstem Wasser auf dem Markte, und die Preise der Natursteine stürzten unaufhaltsam.

Klaus zog das Fazit aus der Lage. Vom nächsten Tage an begann er seine Diamantenaktien zu veräußern. Er vermied jede Überstürzung, jede Beunruhigung des Marktes. An den Börsen in Kapstadt und Johannisburg brachten seine Bankiers die Shares in kleinen Posten zum Verkauf.

Monate verstrichen darüber. Als wieder eine Regenzeit in das Veldt kam, besaß Klaus keine Diamantenaktien mehr. In den Banken von Süd-Afrika, England und Amsterdam standen dafür gute Pfunde, Dollars und Gulden auf der Kreditseite seines Kontos.

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