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Klaus im Glück

Hans Dominik: Klaus im Glück - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleKlaus im Glück
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun1.-7. Tausend
illustratorWilhelm Kelter
year1951
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201509
projectid748a9bc3
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Ein Palaver

Im Januar 1919 glückte es Klaus nach vielen Bemühungen, das Schweizer Visum für seinen Paß zu bekommen. Lange Wochen blieb er in der Schweiz. Hier war damals viel mehr zu erfahren als in Deutschland. Auch Nachrichten aus Südafrika empfing er hier, und was sie enthielten, gab ihm Anlaß zu langem Nachdenken.

Die Regierung der Südafrikanischen Union begann jetzt einzusehen, daß ihr Vorgehen gegen die deutschen Farmer in Südwest dem Lande schweren Schaden getan hatte. Durch die gewaltsame Brachlegung der weißen Kräfte war die Kolonie wirtschaftlich heruntergekommen. Die Schwarzen waren verwildert, englische Untertanen zeigten wenig Neigung, mit ihrem Kapital dorthin zu gehen und wieder aufzubauen, was zerstört war.

Klaus Kröning horchte, beobachtete und kombinierte. In weiter Ferne wie durch einen Nebel zuerst noch sah er Möglichkeiten, doch noch zu retten, was er schon aufgegeben hatte. Freilich tat schnelles Handeln not. Darüber ließen ihm die Mitteilungen seiner englischen Bekannten keinen Zweifel, daß die Verhandlungen in Paris für Deutschland wenig Gutes versprachen.

Nur die eine Möglichkeit gab's. Das deutsche Eigentum mußte englisch werden, bevor man in Paris den Frieden unterzeichnete. Die deutschen Gesellschaften mußten sich in englische Kompanien verwandeln. Klaus sah einen Weg, das zu erreichen.

Freilich mußte man dazu selbst in Afrika sein. Mußte zuverlässige Afrikaner zu Freunden haben, die man vorschob und als Partner in die neu zu gründenden angloafrikanischen Gesellschaften aufnahm. Alle Verträge mußten in Afrika unter Zuziehung der geschicktesten dortigen Juristen abgefaßt und geschlossen werden.

Eine Möglichkeit war's, wenn auch nur eine schwache. Klaus zog die Bilanz seines Lebens, seiner bisherigen Arbeit. Sein Vermögen hier in Deutschland schrumpfte von Tag zu Tag in dem gleichen Maße mehr zusammen, in dem der Währungsverfall Fortschritte machte. Zu seinem Glück hatte er vor dem Kriege einen Teil seines Vermögens in holländischen Gesellschaften investiert. Nur dieser Umstand hatte ihm die Mittel gerettet, die er für die geplante große Transaktion benötigte. Er raffte sich zusammen. Der Entschluß ist der Vater der Tat! Jenes Wort seines alten Bataillonsführers kam ihm in den Sinn, straffte ihn selber zu neuen Taten.

Anfang April hatte er alle Papiere, die er brauchte. Die Vollmachten seiner deutschen Gesellschaften, die Einreiseerlaubnis der englischen Regierung nach Südwest. In den letzten Tagen des April segelte er mit der »Empereß« von Southampton ab. Nach Süden trug ihn der Kiel, nach seinem geliebten Südwest.

An der Mole von Swakopmund betrat er den afrikanischen Boden. Fünf Jahre war's her, daß er ihn verlassen. Ein Weltgeschehen lag dazwischen. Wie anders war hier alles geworden. Englische Straßennamen und Schilder. Der Union Jack, wo damals die schwarzweißrote Flagge wehte. Swakopmund, die große deutsche Siedlung war eine englische Hafenstadt geworden.

Nur wenige der alten Freunde traf Klaus wieder. Baumeister Jensen und Doktor Härtung, die die Kriegsjahre hinter Stacheldraht verbracht hatten, waren darunter. Die weihte er in seine Pläne ein. Zuerst verstanden sie kaum, was er beabsichtigte, erklärten sein Unterfangen für aussichtslos. Dann begannen sie zu begreifen, stimmten zu, den Versuch zu wagen.

Freilich, man mußte Opfer bringen. Man mußte bindende Vorverträge mit sorgfältig ausgewählten, zuverlässigen Partnern schließen. Die hatten dann das sequestrierte deutsche Eigentum von der südafrikanischen Regierung zu erwerben und en bloc in die zu gründenden englischen Gesellschaften einzubringen, um dafür einen beträchtlichen Teil der neuen Shares zu erhalten.

Die kühne Transaktion wäre vielleicht auch Klaus Kröning mißlungen, wenn ihm nicht die veränderten Verhältnisse dabei zustatten gekommen wären.

Vor zwanzig Jahren hatte das mächtige englische Weltreich die Burenrepubliken in Südafrika besiegt und sich ihr Land als englisches Gebiet einverleibt. Restlos hatten die Buren diesen ersten Krieg verloren. Einen zweiten hatten sie im Weltkriege gewonnen, ohne zu den Waffen zu greifen. Burische Generäle wie Smuts und Herzog, die im ersten Kriege erbittert gegen England gefochten, saßen jetzt in der neuen Regierung. Das mochte noch angehen, denn von jeher war es ja englische Politik, den Gegner von gestern zu versöhnen und zum Freunde von morgen zu machen. Aber die Entwicklung war weit darüber hinaus gegangen. Von Tag zu Tag war das burische Element während des Weltkrieges in Südafrika mächtiger geworden. Eine Konzession nach der anderen wurde ihnen von London gemacht. Als vollkommen gleichberechtigt neben der englischen war die burische Sprache als Statssprak anerkannt worden. In beiden Sprachen mußten alle Behörden und Ämter verhandeln und verkehren.

Nicht mehr Engländer, sondern burische Afrikander waren es, mit denen Klaus bei seinen Transaktionen zu tun hatte. Die suchten Männer, die eine Gewähr dafür gaben, daß sie das verwilderte und menschenleere Land wieder in die Höhe bringen würden. So glückte das Unterfangen. Als Hauptaktionär einer südafrikanischen Landgesellschaft konnte Klaus Kröning die Hand wieder auf seine alten Farmen legen.

Der Tag kam, an dem er wieder in den Hof einritt, von dem er vor fünf Jahren nach Europa gezogen. Herr Schmidt, sein Hauptverwalter, empfing ihn. Den hatten die Engländer vor Jahresfrist aus dem Gefangenenlager entlassen. Mit vieler Mühe und Not war es ihm gelungen, die Reste der Viehbestände zusammenzuholen, die Schwarzen wieder einigermaßen an Arbeit zu gewöhnen.

Schlimm genug sah es immer noch aus. Die Kaffern wußten, daß Schmidt lange Zeit hinter Stacheldraht gefangen saß. Konnten sie noch Respekt vor einem weißen Baas haben, der eingesperrt worden war? Wie eigensinnige, ungezogene Kinder folgerten sie, daß Baas Schmidt allerlei verbrochen haben müsse, denn sonst hätten ihn die anderen weißen Herren doch nicht gefangengesetzt.

Es war ein langer und böser Bericht, den Schmidt an Klaus Kröning in dessen Arbeitszimmer gab. Das Schlimmste daran der Mangel an Autorität.

Klaus klopfte ihm auf die Schulter.

»Kopf hoch, lieber Schmidt! Das werden wir schon kriegen. Der Teufel soll die schwarze Gesellschaft holen, wenn sie nicht Räson annimmt.«

»Sie haben gut reden, Herr Kröning. Von Ihnen wissen die Kaffern nur, daß Sie über das große Wasser fortgefahren sind, ehe der Orlog ins Land kam. Aber die Bande hat gesehen, wie die englischen Soldaten hier auf die Farm kamen und mich gefangen wegbrachten. Das macht einen großen Unterschied.«

Klaus lachte.

»Gewiß, Herr Schmidt, das ist ein Unterschied. Ich gedenke ihn zu benutzen, um die Rotte Korah fest in die Hand zu bekommen.«

Wie ein Lauffeuer hatte sich inzwischen unter den Schwarzen das Gerücht verbreitet, daß der große Baas, der Aubaas, über das große Wasser auf seine Farm zurückgekommen sei. Immer mehr der Schwarzen strömten auf den Hof, schwatzten und schrien. Der Verwalter deutete auf die aufgeregten Gruppen.

»Da sehen Sie, Herr Kröning, wie die Gesellschaft außer Rand und Band ist. So hätten sie sich vor dem Kriege hier auf dem Hofe nie zu benehmen gewagt.«

Klaus schaute ruhig auf das Treiben da vor ihm. Hörte, wie das Wort »Aubaas« immer deutlicher aus dem Lärm emporscholl.

»Lassen Sie, Schmidt! Es sind Kinder, müssen wie Kinder behandelt werden. Und ...« Klaus lachte ... »an ihrem alten Herrn hängen sie trotz allem doch noch.« Er zog die Uhr. »Verkünden Sie, Herr Schmidt, daß der Aubaas in einer halben Stunde ein Palaver mit seinen Leuten zu halten wünscht.«

Der Verwalter erschrak.

»Um Himmels willen, Herr Kröning, tun Sie das nicht. Wenn Sie sich erst selber mit der Gesellschaft in Verhandlungen einlassen, geht der letzte Rest von Autorität flöten.«

Klaus schüttelte den Kopf.

»... Oder die Autorität kommt wieder, Herr Schmidt. Lassen Sie alles vorbereiten. In einer halben Stunde ist Palaver.« – – –

Auf dem Farmhofe stand ein großer, bequemer Klubsessel. Ein etwas kleinerer daneben. Vor dem größeren Sessel ein Tischchen. In weitem Kreise davor etwa hundert Schwarze. In der Mehrzahl Klippkaffern und Ovambos. Die hockten mit untergeschlagenen Beinen auf der Erde. Außerdem etwa ein Dutzend Hereros. Große, ebenmäßige Gestalten mit guter Haltung, die es vorzogen, zu stehen.

Auf den Glockenschlag genau öffnete sich zur angegebenen Zeit die Tür des Farmhauses. Klaus Kröning trat heraus, den Tropenhelm auf dem Haupt und schritt wie ein König auf den großen Klubsessel zu. Ihm zur Seite ging der Verwalter, das dicke Hauptbuch der Farm unter dem linken Arm.

»Morro, Aubaas! Morro, Aubaas!« scholl's aus dem schwarzen Kreise her, sobald sie ihres Herrn ansichtig wurden. Klaus stand vor dem großen Sessel, überblickte die Runde.

»Morro!« kam der Gegengruß von seinen Lippen. Dann ließ er sich nieder. Der Verwalter legte das Buch vor ihn auf den Tisch und nahm selbst auf dem kleinen Sessel Platz. Ein Geschnatter lief durch die schwarzen Reihen. Der Aubaas ist über das große Wasser zurückgekommen, war das Thema, das sie in hundert Variationen wiederholten.

Klaus hob die Hand und gebot Schweigen. Ruhe trat ein.

»Ja, meine Kinder, ich bin über das große Wasser zurückgekommen. Ich konnte nicht früher kommen, weil ich im Orlog in Europa zu tun hatte. Aber jetzt bin ich wieder bei euch. Ich danke euch, daß ihr meine Herden während des Orlog gut gehütet habt ...«

Oje! Das hätte er nicht sagen sollen, dachte Schmidt bei sich. Aus den Reihen der Klippkaffern kam eine Frage.

»Kann der Aubaas über das große Wasser sehen? Woher weiß er, daß wir seine Herden gehütet haben?«

Klaus legte die Hand auf das Hauptbuch.

»Nein, meine Kinder, meine Augen sind schwach geworden. Ich kann nicht mehr über das große Wasser sehen. Aber dafür habe ich das große Buch dagelassen. Das hat alles gesehen. Es hat gesehen, was jeder von euch hier gemacht hat und hat mir alles erzählt.«

»Das große Buch! ... Das große Buch erzählt dem Aubaas alles, was wir gemacht haben«, ging es durch die schwarzen Reihen. Klaus winkte Ruhe.

»Viele von euch, haben meine Herden gut gehütet. Aber einige von euch haben sie schlecht gehütet. Das große Buch hat mir erzählt, daß Rinder von meinen Herden an den Wasserplätzen geschlachtet worden sind.«

Wieder Geschnatter im Kreise. Einer der Ovambos sprach.

»Aubaas, das große Buch lügt. Keiner hat deine Rinder an den Wasserlöchern geschlachtet.« Er sprach die Worte mit der überzeugenden Kraft gekränkter Unschuld. Klaus wandte sich in deutscher Sprache an den Verwalter. Der platzte los.

»Gerade den Kerl da habe ich dabei erwischt, wie er eine trächtige Kuh am Riviere schlachtete.«

Klaus schlug das Hauptbuch auf, blätterte, ließ seine Finger über die Zahlen der Ein- und Ausgaben gleiten, tat, als lese er darin und warf dabei einen schnellen Blick auf einen kleinen Zettel mit allerlei Notizen, den er verborgen in der Hand hielt. Jetzt schaute er den Ovambo scharf an.

»Schweig und höre!« donnerte er ihn an, während er eine andere Stelle des Buches aufschlug. »Höre, was das Buch mir hier von schwarzen Hühnern erzählt ... von Hühnern, die verschwanden. Nur noch Federn ...«

»Ein Schakal hat die Hühner geholt, Aubaas, ein Schakal.«

Klaus schaute angestrengt in das Buch.

»... Nur noch Federn und die abgehackten Köpfe wurden gefunden. He, du Lügner, hacken Schakale den Hühnern die Köpfe ab?«

Der Gescholtene duckte sich unter dem Vorwurf. Das allwissende Buch wurde ihm unheimlich. Klaus ließ die Seiten blätternd durch die Finger gleiten.

»Soll ich euch weitererzählen, was das Buch hier gesehen hat ... viel weiße und rote Leinewand ist verschwunden ... das Buch sah, wie einer zur Nacht Mehl aus dem Magazin holte ... und wie ... jemand den Keller aufbrach und meinen Branntwein stahl ...«

»Hör auf, Aubaas! ... Genug, Aubaas! Verzeih uns, Aubaas! ...« Von allen Seiten hier erklangen die Rufe ... »Es war Orlog, Aubaas. Wir hatten keine Kraft mehr, Aubaas.«

Nach der Vielseitigkeit der Rufe zu schließen, waren sie alle an den Diebstählen beteiligt, hatten alle ausnahmslos ein schlechtes Gewissen.

»Keine Kraft hattet ihr?«

Bei den Kaffern bedeutet Kraft haben soviel wie fett und wohlgenährt sein. Klaus wandte sich an einen der Schreier, der sich durch Wohlbeleibtheit auszeichnete.

»Du hast doch Kraft. Soll ich dir zeigen, wo deine Kraft steckt? Soll ich sie dir wiederabnehmen?«

Erschrocken fuhr der Schwarze zurück und hielt sich den Leib.

»Aubaas, du wirst mir doch nicht den Bauch aufschneiden? ... Das wäre ja grausam.«

Klaus verbiß sich das Lachen.

»Ich brauche dir den Bauch nicht aufzuschneiden, um deine Kraft zu sehen. Aber abtreiben werde ich sie dir, mein Junge.«

Eine kurze Weile dauerte ein allgemeines Geschwätz der Schwarzen an. Klaus erhob sich und sprach mit lauter Stimme.

»Hört, was ich euch jetzt sage. Das, was ihr im Orlog getan habt, das will ich vergessen. Aber jetzt bin ich wieder hier. Wenn ich euch auch nicht sehe, das Buch hier erzählt mir jeden Tag, was jeder von euch tut. Hütet euch, daß es mir nichts Schlechtes erzählt.«

Zufriedenes Schnattern in den Reihen der Schwarzen. Der große Baas wollte vergessen, was sie im Kriege gestohlen und verdorben hatten. Aber es waren Kinder, große schwarze Kinder. Kaum war diese Sorge von ihren Herzen genommen, als sie mit einer Unzahl von Wünschen hervorbrachen, für alles mögliche und unmögliche Bakschisch vom Aubaas begehrten. Klaus schrie dazwischen.

»Ruhe! Haltet die Mäuler! ... Einer nach dem anderen!«

Er winkte einen Herero heran, der vor zehn Jahren als Knabe auf die Farm gekommen und bis jetzt hiergeblieben war.

»Warum schreist du? Was willst du?«

»Damals, Aubaas ... im ersten Jahr, als ich hier war, da haben wir Bäume vom Riviere geholt und hinter dem Hause gepflanzt ...«

Klaus nickte.

»Ich weiß, ihr habt damals Bäume geholt und hier gepflanzt. Nun, und was weiter?«

»Ja, Aubaas, die Bäume sind gewachsen. Jedes Jahr sind sie größer geworden. Immer größer, und ...« er schloß in vorwurfsvollem Ton, »und Herr Schmidt hat nicht ›danke‹ zu mir gesagt.«

»Herr Schmidt hat nicht ›danke‹ gesagt ... nicht ›danke‹ hat Herr Schmidt gesagt«, kam das Echo aus der Reihe der schwarzen Zuhörer. »Danke sagen« bedeutet Bakschisch geben in ihrer Sprache.

Klaus zwang sich, ernst zu bleiben. Sprach dann.

»Höre mal zu, mein Junge. Als du damals die Bäume holtest, warst du noch klein. Ein ganz kleiner Boy warst du damals. So klein bist du gewesen ...«

Klaus deutete mit der Hand an, wie klein der Hererojunge damals gewesen sein mochte.

»So klein ist er gewesen ... so klein ist er damals gewesen«, kam das schwarze Echo.

»Und sieh mal, nun bist du auf der Farm geblieben und bist gewachsen. Wie die Bäume hinter dem Hause bist du gewachsen. Jedes Jahr bist du ein Stück größer geworden. So groß bist du jetzt ...«

Mit einer Handbewegung zeigte Klaus Kröning die Größe des Herero.

Wie der Chor in der antiken Tragödie begleitete die schwarze Zuhörerschaft den Dialog.

»So groß ist er geworden ... wie die Bäume ist er gewachsen ... so groß ist er jetzt.«

»Und siehst du, mein Junge, daß du hier all die Jahre hindurch so schön gewachsen bist ... das ist das ›Danke‹ von Herrn Schmidt für das Bäumepflanzen.«

»Oje, oje! ... Oje, oje!« kam es lachend von der schwarzen Seite. Den hatte der Aubaas gut abgeführt. Der bekam keinen Bakschisch mehr. Mit ganzem Herzen standen sie bei diesem Disput auf der Seite ihres Aubaas. Mit verdutzter Miene trat der Herero in den Kreis zurück. Auch den anderen waren durch diese Abfuhr die besonderen Bakschischwünsche vergangen. Klaus fühlte, daß er seine Leute wieder in der Hand hatte und beschloß, das Eisen zu schmieden, solange es warm war.

Unter anderem hatte ihm der Verwalter auch erzählt, daß die Schwarzen jetzt mit der Verpflegung Schwierigkeiten machten. Seit jeher bekamen sie einen Teil ihres Lohnes in Naturalien. Nach der Anzahl der beschäftigten Köpfe wurden Rinder geschlachtet und jeden Abend die Fleischportionen ausgegeben. Vor dem Kriege war das reibungslos gegangen. Seitdem schien der Teufel in die Schwarzen gefahren zu sein. Plötzlich wollten sie alle Lendenstücke oder alle ein Herz oder eine Leber haben, und die Verwalter konnten es keinem recht machen. Klaus blickte auf die Uhr, ließ sich dann wieder im Sessel nieder.

»Habt ihr sonst noch Wünsche?«

Da brach's von allen Seiten los.

»Ja, Aubaas, ja. Die Verwalter geben uns nicht das richtige Fleisch.«

Klaus schmunzelte.

»So, so. Habt ihr schon mal eine Kuh mit drei Lebern gesehen?«

»Nein, Aubaas, nein.«

»... Oder habt ihr schon mal eine Kuh mit fünf Lenden gesehen?«

»Nein, Aubaas, nein.«

»Na, wie sollen die Verwalter denn dann jeden von euch Leber oder Lendenstück geben?«

»Oje, oje! ... Oje, oje!« Sie kratzten sich die wolligen Schädel und schauten sich verdutzt an. Was der Baas da eben gesagt hatte, war zweifellos richtig.

Klaus sprach weiter.

»Ihr wißt, daß wir seit dem Orlog eine neue Regierung haben. Die neue Regierung erlaubt, daß ich euch kein Fleisch, sondern Geld gebe ...«

»Oje! ... Oje, oje!« Wieder allgemeines Köpfekratzen.

»... Für das Geld könnt ihr euch dann bei den Verwaltern euer Fleisch kaufen. Jeder, soviel er will und was er will ... zu den Preisen, die ich festsetzen werde.«

»Oje, oje!« Sie schüttelten die Köpfe zu dem Vorschlag.

»Es wird nicht gehen, Aubaas. Wir werden keine Kraft haben, wenn wir das Fleisch für Geld kaufen müssen.«

Klaus lachte.

»Überlegt's euch bis morgen, ob ihr das Fleisch nehmen wollt, was die Verwalter euch geben, oder ob ihr lieber Geld nehmen wollt.«

»Kein Geld, Aubaas, kein Geld ... Fleisch! ... Das Fleisch, was die Verwalter uns geben.«

Klaus war zufrieden. Er hatte auf der ganzen Linie gesiegt, und er beschloß, das Palaver mit einem großen Schlußeffekt zu enden.

»Gut, meine Kinder, dann soll's so bleiben, wie es war. Und zur Feier meiner Rückkehr schenke ich euch für heute abend noch einen Extraochsen. Ihr könnt ihn euch selber im Kraal aussuchen. Ihr werdet schon einen finden, der Kraft hat, ohne daß ihr ihm vorher den Bauch aufzuschneiden braucht.«

Ein endloser Lärm begleitete die letzten Worte Klaus Krönings. Sie tanzten und schrien wild durcheinander.

»... der Baas schenkt uns einen Ochsen ... einen Ochsen mit viel Kraft schenkt uns der große Baas ...«

Klaus erhob sich und ging mit dem Verwalter ins Haus zurück. Das Palaver war zu Ende.

Bis tief in die Nacht hinein dröhnten durch das afrikanische Veldt die monotonen Gesänge, in denen die Schwarzen ihren großen Baas priesen, während sie sich mit Ochsenfleisch bis zum Rande vollstopften.

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