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Kindergeschichten

Louise Anklam: Kindergeschichten - Kapitel 8
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typenarrative
authorLouise Anklam
titleKindergeschichten
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag
illustratorO. Gebhardt
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Das Stiefmütterchen

Das zehnjährige Gretchen hatte vor einigen Tagen sein liebes Mütterchen verloren; es fühlte sich nun gar so einsam und weinte bitterlich.

»Wer wird mich nun so lieb haben wie mein herziges Mütterchen?« jammerte die Kleine, und immer wieder füllten sich die sonst so lachenden, blauen Äuglein mit Tränen.

Der Vater, welcher selbst so schwer durch den Tod der über alles geliebten Gattin litt, suchte wohl das arme Kind mit zärtlichen Worten zu trösten; aber selbst die innigste Vaterliebe vermag nicht einen so großen Schmerz zu lindern, wenn sich die treuen Mutteraugen für immer geschlossen haben. Gretchens Mama war so freundlich und sanft gewesen und hatte ihr einziges Kind unendlich lieb gehabt.

Wenn Gretchen aus der Schule gekommen war, hatte sie sogleich alle Zimmer nach der geliebten Mutter durchsucht, falls diese ihr nicht, wie so oft, selbst die Tür geöffnet und ihr heimkehrendes Töchterchen mit einem herzlichen Kuß begrüßt hatte. Wie so ganz anders, wie öde war es jetzt im Hause! –Die Tante, welche vorläufig noch die Stelle der Verstorbenen vertreten wollte, war ihr so fremd; sie war so ganz anders, als die liebe, heitere Mama.

Doch allmählich lindert die Zeit auch die tiefsten Schmerzen, und auch unser Gretchen wurde wieder froher. Wenn sie auch ihr liebes Mütterchen nicht vergessen hatte, so hatte sie sich doch darin gefunden, daß es bei dem lieben Gott im Himmel war, wo sie es einst wiedersehen würde.

So waren zwei Jahre dahingegangen, und Gretchen war nun schon zwölf Jahre alt, und recht groß und verständig für ihr Alter.

Im Hause aber blieb der Verlust der treuen, sorgsamen Hausfrau sehr fühlbar, und der arme Vater vermißte das liebevolle Walten der verlorenen Gattin schmerzlich. Da er diese so innig geliebt hatte, so kämpfte er schwer, bis der Gedanke in ihm reifte, sich eine zweite Frau zu nehmen. –Sah er doch auch, wie seinem Töchterchen zu sehr die leitende Hand einer Mutter fehlte. Obgleich er bis jetzt noch nie darüber gesprochen hatte, so ist es doch im Leben einmal so, daß fremde Menschen alles ahnen und besprechen, ehe es noch zur Gewißheit wird. Man hatte bemerkt, daß der Herr Amtsrichter häufiger wie sonst im Hause seines Vorgesetzten, des Landgerichtsdirektors Steinau, verkehrte, und allerlei Vermutungen darüber angestellt, bis man zuletzt einig war, daß die Nichte des Direktors, eine elternlose Waise, es war, um derentwillen Gretchens Vater so oft in dessen Familie gesehen wurde. –Und noch, bevor etwas entschieden war, hatte das ahnungslose Gretchen davon gehört.

»Eine Stiefmutter sollst du armes Kind nun bekommen!« hatte die alte Wirtschafterin eines Tages zu ihr gesagt. »Ach, du lieber Gott, deine gute Mama würde sich im Grabe herumdrehen, wenn sie wissen könnte, wie bald sie dein Vater vergessen hat.«

Und wie es gar häufig in solchen Fällen vorkommt, wurden noch allerlei unfreundliche Bemerkungen über die zukünftige Stiefmutter gemacht, welche das Herz des unschuldigen Kindes mit Bitterkeit und Angst erfüllten.

Als es denn auch wirklich so weit gekommen war, rief der Vater Gretchen eines Tages in sein Zimmer, und sie zärtlich küssend, sagte er freundlich zu ihr: »Mein liebes Kind, wir beide sind durch den Tod deiner vortrefflichen Mutter so vereinsamt. Nie werden wir sie vergessen, und ihr Andenken wird stets unserem Herzen über alles teuer bleiben; aber so wie bisher, kann es nicht weitergehen. Du bist in dem Alter, in welchem das Vorbild und die Erziehung einer Mutter durchaus nötig sind. Unserem Hause fehlt überall das Auge der sorgenden Hausfrau, und daher habe ich mich bemüht, die rechte Wahl zu treffen, um dir eine zweite Mutter zu geben. Ich habe versprochen, dich dieser heute zuzuführen, und ich hoffe, daß du ihr Herz durch Liebe und Vertrauen zu gewinnen suchen und ihr bald so nahe wie eine Tochter stehen wirst. Deine zukünftige Mutter hat ihre Eltern früh verloren und weiß daher, was der Verlust eines Mutterherzens bedeutet; sie wird dir mit offenen Armen entgegenkommen.«

Gretchen hatte, während der Vater sprach, den Blick zu Boden gesenkt und mit Tränen im Auge zugehört. Der Vater fand es nur natürlich, daß sie bei der Erinnerung an die heimgegangene Mutter weinte, und ahnte daher die wahre Ursache ihrer Tränen nicht. Auch ihr Schweigen und schnelles Entfernen schob er diesem Grunde zu. Nicht im geringsten dachte er daran, daß diese Mitteilung ihr so tiefen Schmerz bereitete, daß sie in ihrem Stübchen in Tränen zerfloß. Trauer und Bitterkeit erfüllten ihr junges Herz, und sie nahm sich vor, derjenigen mit Kälte und Zurückhaltung zu begegnen, welche ihre Mutter werden sollte.

Das kleine Gretchen war bisher ein sehr vernünftiges und warmherziges Kind und dem Vater stets eine aufmerksame, gute Tochter gewesen. Er kam daher auch gar nicht auf die Vermutung, daß solche Gefühle das Herz der kleinen Waise jetzt erfüllten.

Traurig und mit bange klopfendem Herzen ging sie neben dem Vater her, als dieser sie am Nachmittag in das Haus des Direktors führte, und ihre Angst und Traurigkeit verließ sie auch nicht bei dem warmen, herzlichen Empfang der gefürchteten, zukünftigen Mama. »Habe mich lieb, mein teures Kind, ich will dir eine gute Mutter werden«, bat diese innig. Kalt reichte Gretchen der so freundlichen Dame die Hand, ließ sich umarmen und küssen und erwiderte nichts auf die zärtlichsten Worte, die aus einem treuen und liebevollen Herzen kamen.

Mit tiefer Betrübnis bemerkte diese die Scheu und Zurückhaltung der Kleinen und vermutete ganz richtig, daß dies wohl von dem Vorurteil und von den Einflüsterungen anderer gegen eine Stiefmutter käme. Trotzdem hoffte sie die Liebe des Kindes durch Güte und Freundlichkeit sich bald zu erwerben. –So leicht war dies jedoch nicht; das Gerede der Leute und alles, was Gretchen auch wohl über eine böse Stiefmutter gelesen hatte, konnte sie nicht so schnell vergessen.

Als bald darauf die Hochzeit gefeiert wurde und die junge Frau ihren Einzug hielt, wurde es so ganz anders in dem vernachlässigten Haushalt. Dankbar empfand der Vater das sorgsame, freundliche Walten der Gattin, auch daß diese mit unermüdlicher Geduld dahin strebte, sich das Vertrauen und die Zuneigung seines Töchterchens zu gewinnen. Trotzdem das kleine, törichte Mädchen hartnäckig an seinem Vorurteil festhielt, ließ die gute Frau in ihrem edlen Streben doch nicht nach.

Als Gretchen bald darauf ihren Geburtstag feierte, hatte die Mama schon früh am Morgen einen reizenden Geburtstagstisch mit frischen Blumen und mit allem, was das Herz der Kleinen erfreuen konnte, geschmückt. Auch einen großen Kuchen hatte sie gebacken und sie mit so inniger Liebe an ihr Herz gedrückt, wie es eine rechte Mutter nicht herzlicher tun kann. Der Vater war tief gerührt, daß sein geliebtes Töchterchen nun wieder von sorgender Mutterliebe umgeben war, und dankte Gott, daß er so glücklich in seiner Wahl gewesen.

Auch Gretchen hatte heute zum erstenmal ein dankbares Gefühl und war sich bewußt, solche Güte nicht verdient zu haben. Gewiß hätte sie nun auch den Wert ihrer zweiten Mutter erkennen gelernt, wenn nicht wieder böse Menschen die guten Keime erstickt hätten.

Die alten Dienstmädchen, welche noch im Hause geblieben waren und denen es früher in der Freiheit viel besser gefallen hatte, sagten achselzuckend, als Gretchen ihnen ihren schönen Geburtstagstisch zeigte: »Damit will sie sich nur zeigen; dein Vater soll denken, wunder was sie getan, und er muß doch das Geld dazu geben. Vielleicht ist es ihr auch schon leid, daß es so viel gekostet. Die Stiefmütter kennt man schon, die gönnen den Stiefkindern niemals etwas.«

Obgleich diese boshaften und ungerechten Bemerkungen der Dienstboten dem guten Herzen Gretchens wehe taten, so gewannen doch dadurch wieder Zweifel an der Aufrichtigkeit der Mutter die Oberhand, und sie blieb auch fernerhin gegen deren Güte und Geduld blind.

Ms der Vater nun sah, daß Gretchen dabei blieb, jede Annäherung der Mutter zurückzuweisen, wurde er ernstlich böse, rief sie in sein Zimmer und sagte strenge: »Meine Geduld ist jetzt zu Ende, nur zu lange habe ich es ruhig angesehen, wie du die Güte deiner so guten Mutter mit dem schwärzesten Undank lohnst. Wenn du dich nicht ändern und zur besseren Einsicht kommen willst, bin ich gezwungen, mich von dir zu trennen und dich in eine Pension zu bringen. Lange genug habe ich mich über dein unverantwortliches Betragen geärgert und hätte dir dies schon längst gesagt, wenn nicht deine Mutter stets für dich eingetreten wäre. Wenn du mir jedoch versprichst, ihr fortan eine gute, dankbare Tochter zu werden, so soll alles auch jetzt noch vergeben und vergessen sein.«

Als Gretchen hierauf aber trotzig schwieg, rief der Vater mit lauter Stimme: »Zwinge mich nicht, dir meine Liebe zu entziehen, du weißt, wie sehr ich dich geliebt habe, aber solcher Trotz und Undank verdient Strafe.« Der Vater hatte bisher nie Grund gehabt, seinem Liebling so gegenüberzutreten, daher empfand Gretchen jetzt dessen Strenge doppelt schmerzlich. –Leider aber suchte sie den Grund nicht in ihrem Betragen, sondern sie häufte alle Schuld auf die zweite Gattin ihres Vaters.

Unter bitteren Tränen antwortete sie endlich: »Ja, lieber Papa, bringe mich fort, es macht mir so großen Kummer, dich zu betrüben, aber ich kann nicht anders werden. –Nein, nein, gewiß nicht!« rief sie mit lautem, verzweifeltem Schluchzen.

Der betrübte Vater sah nun wohl ein, daß ihm jetzt nichts anderes übrig blieb, als sich von seinem einzigen Kinde zu trennen und es fremder Obhut zu übergeben, wie sehr er auch dabei litt.

Als er hierauf seiner Gattin diesen Entschluß mitteilte, war diese sehr unglücklich darüber. –»Bringe sie dann doch lieber zu deiner Schwester Marie,« sagte sie, »die ist reich und hat keine Kinder, und wird unser Gretchen gewiß gern einige Zeit bei sich aufnehmen. Ich hoffe, daß wir uns nicht allzulange werden von ihr trennen müssen. Vielleicht wirst du in nächster Zeit versetzt, und wenn wir dann in eine andere Stadt kommen, hört das böse Geschwätz der Leute auf, dadurch wird sicher alles anders werden. Das Kind hat ein gutes, warmes Herz, und ich hoffe zuversichtlich, daß es mir doch gelingen wird, mir ihre Liebe zu gewinnen. Es ist zu traurig, daß das Vorurteil gegen eine Stiefmutter sooft die Herzen trennt. Ich bin sehr betrübt darüber, daß die arme Kleine nun das Elternhaus verlassen soll. Bitte, bringe sie zu deiner Schwester«, bat sie noch einmal so rührend und besorgt um des Kindes Wohl.

Der Vater erfüllte auch sogleich die Bitte der Gattin, schrieb an seine Schwester und fragte, ob sie geneigt wäre, seine Tochter einige Zeit bei sich aufzunehmen.

Sehr bald traf die Antwort der jungen Frau ein, welche in freundlichster Weise versicherte, wie sehr sie sich freue, das holde Kind bald um sich zu haben, und wie treu sie Mutterstelle an ihm vertreten wolle.

Gretchen dachte sich das Leben im Hause der reichen Tante sehr schön und freute sich, dorthin zu kommen, obgleich ihr die Trennung von dem geliebten Vater recht schwer wurde.

Die Tante war sehr entzückt über das Nichtchen, das sie lange nicht gesehen und das so groß und lieblich geworden war.

Die junge Witwe war reich und machte ein großes Haus. Daher nahmen sie die Geselligkeit, die Theaterbesuche und sonstige Vergnügungen so in Anspruch, daß ihr keine Zeit blieb, sich um den Haushalt und um andere Angelegenheiten zu kümmern. Weil sie selbst kinderlos war und niemals Kinder um sich gehabt hatte, verstand sie auch nicht, diese zu leiten. Was es bedeutet, treu Mutterpflichten zu erfüllen, dafür hatte sie kein Verständnis. Trotzdem sie Gretchen mit Näschereien und allerlei schönen Sachen beschenkte, so fühlte sich diese doch gar bald einsam und verlassen, da sich sonst keiner um sie kümmerte. Es war daher auch ganz erklärlich, daß sich das Kind bei allem Glanz, der es umgab, nicht heimisch fühlte. Sie sehnte sich nach dem Vater und kam so ganz unbewußt auf den Gedanken, wieviel besser und angenehmer der Haushalt daheim bei aller Sparsamkeit unter der sicheren Leitung der Stiefmutter war. Obgleich sie solche Gedanken immer wieder unterdrückte, so mußte sie doch fortwährend nach Hause denken, und in der Erinnerung fand sie ihre Stiefmutter gar nicht mehr so schlecht. –Die herzlichen Briefe derselben las sie schon nicht mehr so gleichgültig wie die ersten, die sie kaum einer flüchtigen Durchsicht gewürdigt hatte. Obgleich sie in ihren Briefen nie eine Klage aussprach, so merkten ihre Eltern doch, daß sich ihr Töchterchen nicht wohl und glücklich fühlte.

»Wir wollen sie doch zurückholen«, bat die Mama, »ich werde mir noch einmal rechte Mühe geben, vielleicht ist sie jetzt zugänglicher geworden.« Doch der Vater wußte wohl, daß es noch nicht ratsam sei, sie schon nach Hause kommen zu lassen. Obwohl er sich sehr nach seinem Gretchen bangte, so sagte er doch tröstend zu seiner Gattin: »Ich glaube, sie ist schon auf dem besten Wege, deinen Wert zu erkennen, allein zu früh dürfen wir uns nicht erweichen lassen. Vielleicht können wir zu Weihnachten den Versuch damit wagen, bis dahin aber wollen wir sie noch sich selbst überlassen.« Darin hatte der Vater auch wohl recht, allein wie sooft im Leben, sollte es auch hier ganz anders kommen.

Nach einigen Wochen war plötzlich in der Stadt, in der die Tante wohnte, das Scharlachfieber ausgebrochen, und viele Kinder aus Gretchens Schule waren daran erkrankt. Auch Gretchen sollte davon nicht verschont bleiben. Eines Tages klagte auch sie über Kopf- und Halsschmerzen und mußte zu Bett gebracht werden. Die Tante geriet darüber in große Angst und Aufregung, und gab sogleich Befehl, Gretchens Bett in das abseits liegende Zimmer zu bringen, damit sie selbst die Ansteckung nicht zu fürchten brauche. Das kleine Dienstmädchen, welches noch zur Aushilfe im Hause war, mußte allein die Pflege Gretchens übernehmen und jede Berührung mit den anderen vermeiden. –So glaubte die Tante sowohl für das kranke Kind, wie auch für die eigene Sicherheit gesorgt zu haben. –Daß die junge, unerfahrene Person es mit der Pflege nicht so gewissenhaft nahm, war natürlich. –Diese benutzte ihre Freiheit, da sich niemand um sie kümmerte, um sich zu amüsieren. Sie lief fast immer draußen umher, während das arme Gretchen kränker und kränker wurde. Obwohl der herzugezogene Arzt die aufmerksamste Pflege verordnete, war die kleine Kranke oft fast verschmachtet, und niemand war da, der ihr einmal zu trinken gegeben hätte. –Weinend und jammernd verlangte sie nach Vater und Mutter. –»Mein Mütterchen ist so gut,« sagte das verlassene Kind bitterlich weinend, »sie würde mich pflegen und mich nicht so allein lassen wie die Tante.« –Diese hatte sich aus Furcht vor Ansteckung noch nie bei dem ihr anvertrauten Kinde sehen lassen und hatte den Worten des Mädchens, welches ihr alle Abend durchs Fenster Bericht von dem Befinden der Nichte erstatten mußte, mehr geglaubt, als dem Arzt. –Es wäre nicht so schlimm, hatte das leichtfertige Ding gesagt, Gretchen wäre nur so ungeduldig. –Daher schrieb denn die Tante den Eltern nur, die Kleine sei leicht am Scharlachfieber erkrankt. Doch jene wußten, welch eine heimtückische Krankheit das war und gerieten durch diese Nachricht in große Angst und Aufregung.

»Lieber Albert,« sagte die besorgte Mutter, »ich werde keinen Augenblick ruhig sein können, ehe ich das arme Kind selbst pflegen kann. Bitte, erlaube, daß ich sogleich mit dem nächsten Zuge zu unserem Töchterchen reise.«

»Du bist eine edle, gute Seele, meine liebe Martha,« sagte, durch so viel selbstverleugnende Liebe gerührt, der Gatte, »reise in Gottes Namen! Es wird mich sehr beruhigen, wenn ich das kranke Kind in deiner treuen Obhut und Pflege weiß. –Meine Schwester ist stets eine egoistische Natur gewesen, sie denkt immer zuerst an sich, und ich fürchte, daß sie sich nicht viel um die arme Kleine kümmern wird.«

In größter Eile packte nun die Mutter die nötigsten Sachen ein und reiste mit dem nächsten Zuge ab. –Erst spät am Abend kam sie an und fuhr mit einer Droschke nach der ziemlich weit vom Bahnhof gelegenen Wohnung der Schwägerin. Dort fand sie die Tür verschlossen und alles finster. Auf ihr wiederholtes Klingeln kam endlich schwerfällig die alte Köchin herbei, um zu öffnen. –Auf die Frage nach der Dame des Hauses, erklärte diese, die gnädige Frau sei ins Theater gefahren, über Gretchens Befinden konnte sie keine Auskunft geben, sie zeigte nur der sehr erschrockenen Mutter die Tür des Krankenzimmers. Hier sah es nun gar traurig aus. –Die kleine Patientin lag mit brennend heißem Kopfe in den heftigsten Fieberphantasien, jammerte und weinte immerwährend. –Herzzerreißend war es anzuhören, wie sie flehentlich die Mutter bat, ihr zu verzeihen, sie wolle auch nie wieder den Leuten glauben, daß sie eine böse Stiefmutter sei.

Obgleich die Mutter das Kind mit den zärtlichsten Worten beruhigte, so hatte das Fieber einen so hohen Grad erreicht, daß die Kranke immer laut schrie: »Mütterchen, komm, keiner kümmert sich um mich, niemand gibt mir zu trinken, und ich verbrenne vor Durst.«

Mit aller Gewalt vermochte die Mutter Gretchen kaum im Bett zu halten, durchaus wollte sie aufstehen und nach Hause laufen.

So phantasierte und fieberte das Kind die ganze Nacht. –Trotzdem die Mutter von der langen Reise ermüdet war, verließ sie das arme Töchterchen doch keinen Augenblick. –Der Arzt machte am Morgen ein sehr bedenkliches Gesicht und verhehlte nicht, daß die größte Gefahr vorhanden sei. Dieser Ausspruch erhöhte die Angst der armen Mutter, die nicht von dem Lager des geliebten Kindes wich. Endlich schien es auch, als fühle die Kleine das Walten der Liebe. Sie wurde ruhiger, und bald umschwebten sie im Traume freundliche Bilder, sie schien wieder daheim ein glückliches Kind zu sein. Bald wurde Gretchen ganz ruhig und verfiel in einen festen Schlaf.

Der Tod wich noch einmal von dieser jungen Menschenknospe, und der Arzt sagte erfreut: »Die Krisis ist vorüber, das Kind ist gerettet. Ihre aufopfernde Pflege, gnädige Frau, hat Wunder dabei getan.«

Mit Freudentränen dankte Frau Martha dem lieben Gott für das teure Leben und gelobte ihm, mit Muttertreue darüber zu wachen, und in dieses junge Herz den Keim zu allem Edlen und Guten zu legen. Wußte sie doch, daß ihr jetzt das Herz des Kindes warm entgegenschlug, und das beglückte sie über alles.

Sogleich teilte sie die frohe Nachricht von des Kindes Besserung dem Gatten mit, der in größter Sorge um sein einziges Töchterchen lebte. »Mit Gottes Hilfe«, schrieb sie, »gelingt es mir wohl, bald unser Kind heimzubringen, und ich will sie dann so pflegen, daß sie bald die schwere Krankheit ganz überwindet und wieder frisch und blühend wie früher wird.«

Und der Mutter Hoffnung ging rasch in Erfüllung. Eines Morgens schlug Gretchen die Augen hell und klar auf, und als sie die Mutter erkannte, deren Nähe sie so beglückend gefühlt, breitete sie die Arme aus und: »Mein gutes, liebes Mütterchen,« flüsterten noch schwach die bleichen Lippen, »liebst du mich und kannst du mir alles verzeihen?«

Mit Tränen der Rührung und mit zärtlichen Küssen bedeckte die Mutter das bleiche Gesichtchen; wie glücklich war sie, daß ihre Geduld nun so reich belohnt wurde! »Rege dich nicht auf, mein Herzenskind,« bat sie immer wieder, »ich habe nie aufgehört, dich zu lieben, und ich bin dir gewiß nicht böse; du armes Kind hast ja schwer darunter zu leiden gehabt. Verhalte dich nur jetzt recht ruhig, dann wirst du bald so gesund sein, daß wir nach Hause zu dem guten Papa reisen können, der die Zeit nicht erwarten kann, sein liebes Töchterchen wiederzusehen.«

Mit seligem Lächeln lag nun Gretchen still und flüsterte immer wieder: »Mein Mütterchen, mein liebes, liebes Mütterchen!«

Mit welcher Liebe wachte aber auch diese Mutter über das Töchterchen, wie suchte sie, als die Krankheit wohl gehoben, aber Gretchen noch schwach war und das Bett hüten mußte, dieses zu erheitern und zu unterhalten. Täglich sorgte sie für frische Blumen und tat alles, was sie dem geliebten Kinde an den Augen absehen konnte.

»Wie gut hat es der liebe Gott mit mir gemeint, daß er mir wieder ein solches Mütterchen geschenkt«, sagte Gretchen, sich herzlich an die Mama schmiegend.

»Ja, sieh, mein Herzchen,« erwiderte die Mutter, »als der liebe Gott deine gute Mama zu sich in den Himmel rief, da warst du ihre letzte Sorge, und sie bat den lieben Gott, dir wieder ein Herz zu geben, das dich ebenso warm liebt wie sie es getan. Und da hat er mich zu dir geschickt, und nicht wahr, mein süßer Liebling, wir wollen uns stets treu und innig wie Mutter und Tochter lieben?«

»Ja, mein Muttchen,« erwiderte Gretchen, »wie ich meine gute Mama geliebt habe, ebenso will ich dich lieben, und du sollst meine rechte Mutter sein; nie spreche ich das häßliche Wort ›Stiefmutter‹ wieder aus.«

Bald war Gretchen nun so weit hergestellt, daß die Mutter die Heimreise mit ihr antreten und dem glücklichen Vater sein Töchterchen wieder zuführen konnte.

Selig lag Gretchen in den Armen des Vaters und weinte vor Freude und Glück. »Kannst du mir denn auch ganz verzeihen, mein Väterchen?« sagte sie. »Ich weiß jetzt, welch eine gute Mutter du mir gegeben, und ich will euch beide nie wieder betrüben. Wirst du dann auch wieder vergessen können, welchen Kummer ich euch gemacht habe?«

»Du bist genug dadurch gestraft, mein liebes Kind, daß du durch eigene Schuld eine so trübe Zeit bei der Tante hast durchmachen müssen. Wir werden dich nun mit treuer Elternliebe hüten, daß nie wieder ein solch schlimmer Fehler, wie der Undank, in dein Herz einziehen kann. Laß dir das Erlebte eine Lehre für dein ganzes Leben sein.«

Gretchen versprach es und hat Wort gehalten. Sie stand jetzt fest und treu zu ihrer zweiten Mutter, deren Wert sie so lange verkannt hatte.

Es wurde von jetzt an ein so schönes Verhältnis zwischen beiden, daß niemand merkte, daß es nur Gretchens Stiefmütterchen war.

Wenn der liebe Gott einem von euch, meine kleinen Leser, sein liebes Mütterchen nimmt und dann eine zweite Mutter an ihre Stelle tritt, so macht es dieser leicht, euch zu lieben. Kommt ihr mit Liebe und Vertrauen entgegen und hört nicht auf die Reden gewissenloser Menschen.

Ich habe euch diese wahre Geschichte erzählt, damit ihr euch ein warnendes Beispiel an Gretchen nehmt und nicht wie diese erst durch trübe Erfahrung zur Einsicht kommt.

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