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Kindergeschichten

Richard Dehmel: Kindergeschichten - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorRichard Dehmel
titleKindergeschichten
publisherRichard Dehmel
editorKarl Plenzat
yearo.J.
illustratorHans Michael Bungter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160314
projectid673c07c7
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Die Geschichte vom alten Wodtke und Michel Krist oder der Weg über den Balken.

Eine Geschichte, die wirklich einmal geschehen sein soll.

 

Nämlich, Jungens – die Leute waren schon jahrelang unzufrieden mit dem alten Wodtke, alle Leute in der ganzen Gegend. Er aber saß oben auf seinem Berge, in seinem einsamen Wärterhäuschen, und kümmerte sich nicht darum.

Eigentlich hätte er tun müssen, was die Leute unten im Land verlangten; so wenigstens meinten diese selber, besonders die reichen unter ihnen, denn die hatten ihn angestellt. Er sollte die große Wasserleitung in Ordnung halten, die oben auf dem Berge lag, und deren Röhren hinabliefen in alle Felder und Wiesen und Bauernhöfe, und alle richtig mit Wasser versorgen. Und er hielt sie auch ganz gut in Ordnung; aber wenn einer mal viel Wasser brauchte, da meinte der Nachbar, er kriege zu wenig, oder wenn dieser nun nachbekam, dann schrieen alsbald die anderen Nachbarn, das sei die reine Überschwemmung, und schließlich war's keinem recht gemacht.

Darum hatte der alte Wodtke sich eines Tages anders besonnen, hatte den Leuten den Zutritt versperrt zu seinem amtlichen Gebiet und kümmerte sich um niemandes Wünsche mehr, sondern er saß da hinter seinem Zaun, zwischen den mächtigen Wasserbecken, die in Terrassen übereinander lagen; und auf der obersten Terrasse, mitten im größten der großen Becken, stand wie ein Turm sein steinernes Häuschen, zu dem nur ein langer schmaler Balken über das stille Wasser führte. Von dort aus besah er mit seinem einen Auge – denn auf dem andern war er blind – durch ein Fernrohr die ganze Gegend, die Dörfer und das flache Land, bis dahin, wo die Wälder anfingen und bläulich in den Himmel verschwanden, und ließ zu jedermann soviel Wasser laufen, wie's ihm von oben gut und nötig schien.

Das gab nun zuerst einen wahren Aufstand unter den Leuten ringsherum, obgleich sie im ganzen nicht schlechter versorgt wurden, vielleicht sogar etwas besser als früher; doch weil sie nicht mehr dreinreden durften, fühlte sich jeder zurückgesetzt, und kamen in hellen Haufen herauf und wollten das Wärterhäuschen stürmen. Je näher sie aber an den Zaun kamen, um so stiller und stiller wurden sie. Die großen Wasserbecken, die alle den Himmel spiegelten, lagen da so feierlich, daß sich keiner mehr laut zu reden traute. Bloß etwa ein Dutzend der ärgsten Murrer, die kletterten dennoch über den Zaun und näherten sich dem einsamen Turm.

Der alte Wodtke stand ganz ruhig in seiner weit geöffneten Türe, blickte erst auf die Leute drüben, dann auf den langen Balken vor sich und lachte in seinen grauen Bart; hinter ihm blitzten die hundert Hähne und Drehklinken der Leitungsröhren. Da merkte das Dutzend Störenfriede, daß man nur einzeln hinüberkommen konnte. Und wie der Alte sein eines Auge funkelnd von Mann zu Mann richtete, hatte keiner den Mut dazu. Und plötzlich erhob sich um den Turm ein seltsames Kreischen und Gekrächze, daß jeder verwirrt in den Himmel glotzte; worauf der Alte ihnen den Rücken wandte und schließlich alle froh waren, daß sie zum Zaun zurücklaufen konnten. Dort sagten sie den wartenden, es gehe hier nicht mit rechten Dingen zu, der alte Wodtke habe den Zauberblick und stehe mit höheren Geistern im Bunde; und also zog der ganze Haufen wieder hinunter ins flache Land.

Es gab aber doch verschiedene Schlauköpfe, die an den Geisterspuk nicht recht glaubten und meinten, sie würden den Alten schon unterkriegen. Das waren nämlich die Unzufriedensten. Die schlichen jetzt öfters allein um den Zaun, weil keiner dem andern das Wasser gönnte, und dachte jeder dem alten Bären einen besonderen Vorteil abzuluchsen. Sie hatten auch bald herausgekundschaftet, daß er nachmittags gewöhnlich ein Schläfchen machte, und was es mit dem Gekreisch und Gekrächze für eine einfache Bewandtnis hatte.

Vollkommen einsam nämlich lebte der alte Wodtke nicht, sondern er hatte sich zwei Vögel gezähmt, einen weißen und einen schwarzen, eine Möve und eine Krähe. Die saßen meistens bei ihm im Turm; nur wenn er bei der Arbeit war, oder bei seinem Nachmittagsschläfchen, dann flogen sie über den großen Wasserbecken wie eifrige Wächter hin und her. Sie flogen dann ganz leise und lautlos, immer im Zickzack schwarz und weiß, als ob sie Tod und Leben spielten. Ich habe sie selbst mal so fliegen sehen, als ich vorbeiging und über den Zaun guckte, doch braucht ihr drum nicht etwa zu denken, ich hätte hinüberklettern wollen, denn ich bin mit dem alten Wodtke niemals unzufrieden gewesen.

Die unzufriedenen Schlauköpfe aber, wenn sie sich auch bei Nacht nicht hinauftrauten, weil's ihnen mit den wachsamen Vögeln doch nicht recht geheuer schien, die wollten sich seine Nachmittagsruhe heimtückisch zu Nutze machen und ihn dabei überrumpeln und zwingen.

Wenn dann so einer – ich habe von weitem mal zugesehen und sage euch, es war sehr komisch – vor den langen Balken kam, dann stand er zuerst wie angewurzelt, und sah sich furchtsam um wie ein Dieb. Er faßte sich aber doch ein Herz und setzte einen Fuß vor den andern, bis etwa in die Mitte des Balkens. Wenn er dann aber ins blasse Wasser sah, wo sich tief unten der Himmelskreis spiegelte, und sah sich selbst da im Wasser hängen, den Kopf nach unten, am schmalen Balken, nirgends ein Halt im tiefen Luftraum, und plötzlich kamen die stillen Vögel mit Kreischen und Krächzen herbeigeschossen, ihm immer kreuz und quer um den Kopf, und unten im Himmel ebenso, bis alles ihm drunter und drüber ging und ihm vorm Tod wie vorm Leben schwindelte: da wollte er wohl die Augen schließen, lag aber plumps schon drin im Wasser. Und während er prustend mit Mühe und Not an das Ufer des Beckens zurückschwamm, erschien der alte Wodtke wieder in seiner weit geöffneten Tür und lachte, daß das Echo dröhnte, und streichelte seine beiden Vögel, die sich auf seine Schultern setzten.

Ein einziger hat es einmal versucht, bei Nacht über den Balken zu kommen – das war der dicke Herr Landgendarm. Der hatte eigentlich gar kein Recht, sich um die Wasserleitung zu kümmern, besonders da der alte Wodtke selbst eine Art Polizeiperson war und ohne Aufseher über sich. Aber der dicke Herr Landgendarm hatte die andern immer gefoppt, wenn sie so pudelnaß vom Berge kamen, und wollte den Bauern mal beweisen, daß er der Schlaueste von allen sei, dachte vielleicht auch eine Belohnung zu kriegen, wenn er den alten einäugigen Kerl mal ordentlich bei den Ohren nähme und ihm die Hochmutsmucken austriebe.

Also faßte er den Plan, nicht aufrecht über den Balken zu gehen, sondern rücklings bei Nacht hinüberzurutschen, indem er meinte, dann schliefen die Vögel. Die Vögel schliefen aber nur abwechselnd, und als er mit seinen dicken Beinen in der Mitte des Balkens saß, weckte die Möve den alten Wodtke. Schwapp, kippte er den Balken ein bißchen, und der erschrockene Herr Gendarm, den seine enge Uniform und der schwere Säbel am Schwimmen verhinderten, wäre beinahe elendiglich ertrunken, wenn nicht im letzten Augenblick der alte Wodtke den Hahn gedreht und das Wasser des Beckens hätte ablaufen lassen. Da konnte der zappelnde Reitersmann, naß wie er war, zurückwaten.

Seit der Zeit meinten Sie Leute im Ernst, die Möve und Krähe seien zwei böse Geister, und da begann erst der Schabernack arg zu werden. Wenn der Alte bei seiner Arbeit war, gingen sie hinterrücks an den Zaun und warfen mit Steinen nach seinen Vögeln. Die Vögel konnte zwar keiner treffen, weil sie zu hoch und zu schnell im Zickzack flogen, aber die Steine fielen herunter und schlugen in seine Gartenbeete, die rings um die Wasserbecken lagen. Anfangs nahm er es ruhig hin und warf sie einfach zurück über den Zaun; das machte die Leute aber nicht friedlicher, sondern im Gegenteil nur noch erboster, und sie ließen sich einen Geisterbeschwörer kommen, der ihm die Vögel hinwegfangen sollte. Na! den bespritzte der alte Wodtke so gründlich mit einem kalten Strahl, daß er schleunigst wieder nach Hause reiste, und nun erging es den Bauern schlimm.

Denn der Alte vom Berge – so nannten sie ihn jetzt – war durch die ewige Einsamkeit allmählich menschenfeindlich geworden und beschloß, es ihnen mal einzutränken. Er ließ auf einmal am nächsten Tage so mächtig viel Wasser ins Land laufen, daß nun wirklich eine Überschwemmung entstand, und die dauerte von Ostern bis Pfingsten. Mancher bekam dadurch ein Einsehen, aber gerade die reichsten nicht; denn die meinten, sie hätten den größten Schaden, und warfen ihm Briefe über den Zaun, worin sie drohten, ihn abzusetzen, trotzdem sie ihn lebenslänglich angestellt hatten, worauf er einfach sofort den Haupthahn abstellte und kein Wasser mehr laufen ließ, so Satz eine schreckliche Dürre eintrat. Und niemand wußte mehr aus noch ein; denn in der ganzen Gegend war keiner, der von der Wasserleitung genug verstand, um rasch sein Nachfolger werden zu können.

Da lebte nun dort in einer Hütte ein armer kleiner Hirtenjunge. Seine Eltern stammten aus einer fremden Gegend und hatten deshalb kein eigen Land, und er mußte den Bauern die Schafe hüten. Er war am Heiligabend geboren und letzte Weihnacht zwölf Jahre alt geworden, und mit Namen hieß er Michel Krist. Es konnte ihm eigentlich gleichgültig sein, daß es den Bauern jetzt so schlecht ging, denn er war das Hungern und Dürsten gewohnt, auch wenn sie gute Ernten hatten. Aber es tat ihm trotzdem leid, wenn Menschen und Tiere jammerten, besonders wenn seine Schafe blökten auf den vertrockneten Weidefeldern.

Dem war es nun immer ein Rätsel gewesen, warum sich der alte einäugige Mann so einsam auf seinem Berge hielt, und warum die Leute ihn schimpften und ärgerten, und warum er sie dann noch mehr ärgerte. Denn Michel Krist hatte zwei helle Augen, die in jedermann etwas Gutes entdeckten; und wen er mit diesen Augen anlachte, der mußte unfehlbar mitlachen, selbst wenn man ihm vorher böse sein wollte. Drum hatte er auch vor bösen Geistern nicht die geringste Furcht im Leibe; ihm waren noch niemals welche begegnet, obwohl er sehr oft im Dunkeln allein war, und kannte alle Vögel des Himmels, wie sie bei Tag und Nacht herumfliegen. Und über einen Balken zu gehen, schien ihm erst recht kein gefährliches Kunststück, denn er war von kleinauf barfuß gegangen, und an den breiten Wiesengräben, wo seine Herde am liebsten weidete, lief er tagtäglich zum Zeitvertreib, ohne daß ihm je schwindlig wurde, über die längsten Brückengeländer.

Als die Gräben nun immer mehr austrockneten, kam er zuletzt auf den Gedanken, den Alten vom Berge mal zu besuchen und ihn einfach zu fragen und zu bitten, ob er nicht wieder gut sein wolle. Also begab er sich eines Morgens in aller Frühe auf den Weg, ging aber erst auf einen Acker und grub sich einen Engerling aus, den wollte er der Krähe mitbringen, denn unser kleiner Michel wußte, daß Krähen die Engerlinge gern essen. Und aus einem Gemüsegarten nahm er sich eine recht fette Schnecke mit, die sollte für die Möve sein.

Damit sie ihm nicht die Tasche beschmutzten und unterwegs nicht etwa erstickten, wickelte er die zwei kleinen Tiere säuberlich in ein großes Kohlblatt und trug sie behutsam in der Hand. Natürlich, Jungens, wie ihr euch denken könnt, tat es ihm auch etwas leib um sie, daß sie lebendig aufgefressen werden sollten. Aber der kleine Michel wußte, daß alles Lebendige einmal sterben muß auf Erden: und seine halbverdursteten Schafe und die vielen unzufriedenen Menschen taten ihm doch noch etwas mehr leid als so ein häßlicher Engerling und eine schleimige Gartenschnecke. Und er wollte doch auch den Vögeln was zukommen lassen.

So kam er oben auf dem Berge an und brauchte garnicht erst über den Zaun zu klettern, weil er die Pforte offen fand; denn die hatte neulich der Geisterbeschwörer mit seinen Geheimschlüsseln glücklich aufgekriegt, und der alte Wodtke hatte vergessen, sie nach der Bespritzung wieder zu verriegeln.

Michel Krist sah die beiden Vögel fliegen, und als er an den Balken kam, wickelte er das Kohlblatt auf, nahm den Engerling in die rechte Hand, die Schnecke in die linke und ging mit ausgebreiteten Armen ruhig der Tür des Türmchens zu. Als die Vögel in seinen flachen Händen die fetten Gewürme kribbeln sahen, vergaßen sie ihren Zickzackflug, womit sie den Leuten immer die Köpfe verwirrt hatten, dachten auch nicht an Kreischen und Krächzen, sondern freuten sich über die Leckerbissen, und die Krähe flog rechts, die Möve links neben dem kleinen Michel entlang, bis er auf einmal drüben stillstand und ihnen die kribbligen Dinger reichte. Dann trat er in das Wärterhäuschen.

Der alte Wodtke war gerade dabei, seine Leitungshähne und Klinken zu putzen, und wunderte sich natürlich nicht wenig, als plötzlich der barfuße Junge vor ihm stand, begleitet von seinen zahmen Vögeln. Und ehe er noch den Putzlappen weglegen konnte, gab Michel Krist ihm schon die Hand und sagte dazu mit lachenden Augen: »Guten Morgen, lieber Vater Wodtke!«

Vater Wodtke brummte »Guten Morgen!«, legte den Lappen an seinen Platz, sah sich mit seinem einen Auge den kleinen Michel durch und durch an, griff dann in seinen weißen Bart und fragte etwas weniger brummig: »Mas willst du denn hier oben bei mir?«

Unser Michel hatte den funkelnden Blick mit ruhigem Herzen ausgehalten und gab ganz einfach und wahr zur Antwort: »Ich wollte bloß fragen, warum du böse bist, und warum du von den Menschen nichts wissen willst, und ob du nicht wieder gut sein möchtest?! Ich will dir auch helfen die Hähne putzen.«

Der alte Wodtke lachte grimmig, und sein Blick wurde dunkler, während er sprach: »Sie wollen's nicht besser haben, die Menschen! Wenn's ihnen zu gut geht, werden sie übermütig, genau so wie deine Schafe im Frühling!«

Eine Weile wußte Michel Krist auf diese Worte nichts zu erwidern und ließ den Kopf ein bißchen hängen, dann aber hob er wieder die Stirn und blickte mit seinen zwei hellen Augen den Vater Wodtke groß an und sagte: »Ja, aber, ich lasse doch meine Schafe, wenn sie verbiestert sind, ruhig blöken, und treibe sie nicht weg von mir, und laufe auch nicht weg von ihnen! Laß doch die Menschen zu dir kommen und wehre ihnen nicht zu reden; du kannst ja nachher doch tun, was du willst!« Und dabei mußte er leise lachen.

Und als Vater Wodtke nun mitlachen mußte, nahm Michel Krist ihn wieder beim Arm und fuhr mit rechter Bitte fort: »Und wenn du's ihnen nicht selber gestehen willst, dann laß mich hinuntergehen zu ihnen und ihnen sagen, du bist wieder gut! Ich werd's schon alles so ausrichten, daß sie sich gerne mit dir vertragen – genau so wie meine Schafe mit mir!«

Da mußte der alte Vater Wodtke so furchtbar laut und herzlich lachen, daß seine beiden zahmen Vögel verschüchtert zum kleinen Michel hüpften. Und während er sich heimlich ein Tränchen aus seinem Auge wischte, schrie und schlug er mit der andern Faust an seine größte Leitungsröhre: »Junge, du sollst mein Nachfolger werden!« –

Und Michel Krist ging hinunter ins Land und richtete alles richtig aus. Und Sonntags kam er immer herauf und durfte die Hähne putzen helfen, bis er sich bald auf die Wasserleitung so gut verstand, wie sein Lehrvater selber. Und als der schließlich sterben mußte, zog er wirklich statt seiner hinauf in das Wärterhäuschen, und die Leute sind heut noch zufrieden mit ihm. Den alten einäugigen Wodtke aber, trotzdem sie sich mit ihm versöhnt und ihn in Ehren begraben haben, halten sie doch noch für einen Hexenmeister; und manche behaupten, er lebe noch heimlich.

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