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Kindergeschichten

Richard Dehmel: Kindergeschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorRichard Dehmel
titleKindergeschichten
publisherRichard Dehmel
editorKarl Plenzat
yearo.J.
illustratorHans Michael Bungter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160314
projectid673c07c7
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Die Pfauenfeder.

Jetzt will ich euch aber eine ganz, ganz wahre Geschichte erzählen; die fängt auf einem Heuwagen an und hört im obersten Himmel auf.

Der Heuwagen nämlich kam von der Wiese; und oben drauf, da saß der kleine Richard, mitten zwischen dem frischen Heu, das süßer roch als Tee und Honigkuchen, und hatte eine grüne Samtmütze auf mit einer herrlichen Pfauenfeder dran. Die hatte seine liebe Mutter ihm selbst genäht, und deshalb und weil sie gar so herrlich grün und blau und goldbunt aussah, war ihm seine Mütze schrecklich lieb.

Auf einmal, als er in dem süßen Heu schon beinah einschlafen wollte, kam hui ein Wind übers Feld, nahm ihm die Mütze mir nichts, dir nichts aus den Locken und warf sie auf die Erde.

Der kleine Richard, der immer schon ein großer Wildfang war, bekam erst einen mächtigen Schreck, dann sprang er schnurstracks seiner lieben Mütze nach, bautz von dem hohen Wagen herunter.

Eine Weile lang sah er nichts als schwarze Nacht und hörte immerfort den Himmel brausen. Die Erde fühlte er überhaupt nicht mehr, bloß einen furchtbaren Druck im Kopf, der garnicht aufhören wollte, als ob ein hohles Faß mit ihm durch einen dunklen Keller rollte, und seine Beine lagen ganz weit weg von ihm.

Endlich wurde es wieder etwas heller; viel tausend silberne Sterne tanzten durch die schwarze Nacht. Und zwischen den Sternen sah er eine Pfauenfeder fliegen, und sah sie größer und immer größer werden, und immer grüner, blauer und goldbunter funkeln, wie eine große goldbunte Schaukel. Und plötzlich saß auf dieser großen Schaukel seine liebe Mutter, und hatte hellblaue Engelsflügel an, und flocht sich ihre langen schönen Haare und schwebte immer höher vor ihm her.

Da fing der wilde Richard an zu weinen, weil seine liebe Mutter ihn garnicht dabei ansehen wollte; und so sehr weh war ihm ums Herz, daß er die kleinen Arme hochheben mußte, immer höher, bis über die silbernen Sterne hoch – und da auf einmal wurde der ganze Himmel hell, denn seine liebe Mutter hatte ihn angesehen, so tief ins Herz, daß er die Augen zumachen mußte.

Und wie er sie schüchtern wieder aufmachte, da hatte die Mutter ihn auf dem Schoß und streichelte seine heißen Locken und sagte weinend: »Du böser, böser Junge du!«

Im Grase aber, neben ihr, lag seine schöne Samtmütze mitsamt der Pfauenfeder; und als er nun verwundert darnach langte, da sah die liebe Mutter gleich wieder ebenso selig aus, wie oben über den Sternen, und küßte ihn. Und seht ihr, da merkte der kleine Richard, daß er vom Heuwagen 'runtergefallen und dann im obersten Himmel war, und daß der auf der Erde liegt.

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