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Kindergeschichten

Richard Dehmel: Kindergeschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorRichard Dehmel
titleKindergeschichten
publisherRichard Dehmel
editorKarl Plenzat
yearo.J.
illustratorHans Michael Bungter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160314
projectid673c07c7
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Der Allerseelenspiegel.

Eine Traumgeschichte.

 

Es fing schon an dunkel zu werden, und Lieselotte saß noch immer ganz alleine in dem großen Hause, in dem es so schaurig nach Essig roch und weißen Blumen. Denn vorgestern Nacht war der Großvater gestorben, und jetzt waren alle hinaus nach dem Friedhof, um ihn begraben zu helfen; darum saß sie allein.

Sie fürchtete sich aber gar nicht. Denn sie war schon fast sieben Jahre alt, und der Großvater hatte immer gesagt, wer sich fürchtet, der kommt nicht in'n Himmel.

Bloß hungern tat sie ein bißchen. Aber von Tante Agatens Topfkuchen, der in der dunklen Stube stand, mochte sie lieber nichts nehmen heute, weil alles so sehr nach Essig roch. Also sah sie zum Fenster hinaus.

Sie traute sich aber nicht aufzumachen, weil sonst auch der schöne Blumengeruch mit wegging. Darum legte sie nur das Kinn auf das Fensterbrett, und sah hinunter über den Fluß, und drüben den schwarzen Bergwald hinauf, wo oben der runde Mond schön glänzte, ganz still wie ein Spiegel.

Wenn er nun auf einmal herunterrollte! den hohen Berg und ins Wasser. Denn Großvater hatte immer gesagt, es sei gar kein Spiegel; es sei eine schwere steinerne Kugel, viel schwerer als ein Zentner.

Die würde dann also alles totschlagen, die Bäume, die Schiffe und die Häuser und Großvaters Lehnstuhl, in dem sie saß. Und Lieselotte machte die Augen zu, weil sie sich doch nicht fürchten wollte.

Denn er konnte ja garnicht hinunterrollen. Er war ja festgebunden am Himmel, vom lieben Gott, mit unsichtbaren Ketten.

Wenn er nun aber doch herunterrollte? – Da faltete sie die Hände zusammen, und machte die Augen noch fester zu, und betete heimlich ein Lied, das der Großvater ihr gedichtet hatte:

Ich heiße Lieselotte,
ich will zum lieben Gotte.
Ach, Mondchen, leuchte mir empor
und öffne mir das Himmelstor,
ich bin so sehr alleine!

Ich will dir auch was schenken:
lila Bulabenken.
Die wachsen hinter Wundertal
alle hundert Jahre mal;
such, dann sind sie deine!

Und als sie das gebetet hatte, kam ihr der Mond auf einmal so wunderlich vor, daß sie die Augen garnicht mehr aufmachen mochte, wie im Traum. Ganz hell und offen stand der goldne Kreis da oben, daß man nur einfach hineinzugehen brauchte, dann war man im Himmel.

Bloß großen Hunger mußte er auch wohl haben, noch größeren als sie selber. Denn solchen großen dunklen Mund, wie er in seinem blanken Gesichte jetzt machte, hatte sie nie im Leben gesehen.

Aber von Tante Agatens Topfkuchen konnte sie ihm doch wirklich nichts bringen, da waren ja nicht einmal Mandeln drin. Also nahm sie ihr neues Handkörbchen mit, das silberne, und ging durch den Garten die Gasse hinunter, wo der Konditor Friedrich Zerwes wohnte, und kaufte zwei Stückchen frische Nußtorte; davon wollte sie ihm eins abgeben.

Als sie nun immer weiter wanderte, über die Brücke den Berg hinauf, kam sie auch an dem Friedhof vorbei, in dem der Großvater begraben lag; dicht neben Mutterchen, hatte Vater gesagt. Und auch ihr Schwesterchen Lieselore lag da; das hatte sie aber nicht mehr gekannt. Und als sie durch das dunkle Gittertor sah, da brannten lauter Lichter auf all den Gräbern, und weiße Blumen blühten dazwischen, denn es war Allerseelentag.

Da wollte sie schnell noch erst nachsehen, ob Großvaters Seele wirklich noch lebte; denn neulich hatte er ihr erzählt, daß man die Seele nicht mitbegraben könne. Aber da suchten schon so viele fremde Leute nach Seelen, daß sie sich zwischen den tausend Lichtern verirrte, und als sie endlich müde beiseite ging, da war auch der Mond oben weggegangen, und keiner kümmerte sich um ihn.

So stand sie traurig mit ihrem Körbchen im Dunkeln, da wo die Gräber der Armenkinder sind, und wollte fast schon zu weinen anfangen, so sehr alleine war ihr zumute.

Auf einmal regte sich etwas hinter ihr, und als sie erschrak und sich umdrehte, kam zwischen den Gräbern ein kleines Mädchen auf sie zu, mit einem geflickten Röckchen an und einer lila Schürze darüber. Das hatte solche goldige Augen, daß Lieselotte im stillen dachte: noch schöner als mein silbernes Körbchen!

Das arme Mädchen aber sprach leise: »Ich habe nichts weiter für mein Schwesterchen« – und dabei holte es unter der Schürze einen kleinen kreisrunden Spiegel hervor und stellte ihn auf ein kahles Grab.

Da wollte doch Lieselotte sie trösten und streichelte freundlich den kleinen Hügel und kniete wie sie vor dem Spiegelchen nieder. Als sie nun aber hineinblickte, so siehe, da waren die tausend Lichter des ganzen Friedhofs darin zu sehen, und alle die weißen Blumen dazwischen, daß ihr das Körbchen fast hinfiel vor Staunen, und war ein Glanz und eine Herrlichkeit.

Das arme Mädchen aber lächelte nur und nickte Lieselotten still zu; und ganz glückselig zeigten sich beide, wie reich nun das Grab des Schwesterchens war, viel reicher als irgend ein anderes.

Und manchmal kamen auch fremde Leute vorbei; die merkten, wie sehr sie sich zusammen freuten, und wollten nun sehen, warum und wieso, und bückten sich neugierig über das Hügelchen.

Aber mit ihren dicken Köpfen, sobald sie dem Spiegel zu nahe kamen, sahen sie nichts als ihr eigenes Gesicht, als ob sie selbst da im Grabe säßen, bis an den Hals. Da kriegten sie Furcht vor dem armen Mädchen, und alle liefen rasch wieder weg.

Bloß Lieselotte, die sich niemals fürchtete, blieb wie im Himmel neben ihr stehen und strich ihr das Röckchen glatt und sagte: »Wie wird sich nun aber dein Schwesterchen freuen, daß alle Seelen vom ganzen Friedhof in ihrem Spiegel beisammen sind! Mein Großvater ist auch darunter und Mutterchen!«

Dann machte sie heimlich ihr silbernes Körbchen auf und wollte die Nußtorte mit ihr teilen, und dabei fragte sie: »wie heißt du denn?«

Ich heiße Lieselore,
ich komm vom Himmelstore.
Ich sah mein Schwesterchen hier stehn,
es wollte in den Mond hingehn,
es stand so sehr alleine.

Es wollte dem Mond was schenken:
lila Bulabenken.
Komm, Schwesterchen, nach Wundertal,
in den Allerseelensaal,
sieh, nun sind sie deine!

Und während sie das sagte, war sie aufgestanden und hatte ihr lila Schürzchen abgebunden und schwenkte es hoch im Kreise mit beiden Händen über sich. Und plötzlich war sie gar kein kleines Mädchen mehr, sondern eine große lila Blume; die neigte sich tief zu Lieselotte hernieder und nahm sie mit den Blättern zu sich hoch und setzte sie sanft in ihren Blütenschoß.

Und als nun Lieselotte nach dem Spiegelchen sah, da wurde es größer und immer größer, viel größer als der Mond vorhin, und stand weit offen wie ein goldner Saal, und drinnen bewegten sich leuchtende Säulen, die waren durchsichtig wie Lichter im Wasser, viel tausend tausend und immer mehr, als ob sie miteinander tanzten. Und plötzlich schrie sie laut auf vor Schreck und mußte weinen vor Seligkeit; denn ganz weit hinten kam auch ihr Mutterchen her und leuchtete heller als alle die andern.

Und als sie die Augen noch weiter aufmachte, stand Vater im Mondenschein neben Großvaters Lehnstuhl, und Tante Agate wischte die Tränchen vom Fensterbrett, und alle lobten die kleine Lieselotte, wie schön sie alleine zuhause geblieben war, und daß sie sich garnicht gefürchtet hatte.

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