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Kidimuti

Paul Scheerbart: Kidimuti - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer alte Orient
authorPaul Scheerbart
year1999
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-88377-589-4
titleKidimuti
pages45-49
created20010721
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Paul Scheerbart

Kidimuti

Assyrische Feldherren-Novellette

Der Feldherr Zirutu war ein Neffe des Königs und der gewandteste Gauner der ganzen assyrischen Armee.

Als die Assyrer bei Is-chupri sehr siegreich gegen die Ägypter kämpften, da sah der Feldherr Zirutu auf seinem Streitwagen ein paar junge Löwen in der Nähe. Und flugs sagte Zirutu zu seinen Getreuen:

»Lassen wir die Feinde für eine Weile in Ruhe. Die werden ja doch geschlagen. Auf! Eilen wir den Löwen nach. Wir wollen sie alle lebendig fangen und dem König nachher beim Abendschmaus zu Füßen legen. Das wird dem König ein viel größeres Vergnügen bereiten als tausend frisch abgehauene Ägypterköpfe.«

Und wie Zirutu gesagt, so geschah's; er trennte sich von der Schlachtlinie mit seinen besten Freunden und jagte den Löwen nach und fing tatsächlich fünf Stück lebendig.

Die Freude des Königs Asarhaddon beim Abendschmause nach geschlagener Schlacht war außerordentlich.

Zirutu bekam ein Ehrenkleid und dreißig Pfund reines Gold. Und danach dachte dieser kühne Feldherr nur noch daran, die sehr aparten Launen seines königlichen Onkels zu befriedigen. Der Onkel war ein großer Weltmann und in Ninive zeit seines Lebens tonangebend in allen Modeangelegenheiten.

Und beim achten Becher sagte der Neffe leutselig zu seinem königlichen Oheim:

»Onkel, deine Tapferkeit in allen Ehren – du schlägst dich wie ein Löwe. Den Ägyptern wird ungemütlich zumute. Das schlimmste ist nur, daß sie uns noch öfters auskneifen werden. Und wir müssen sie verfolgen. Das gibt noch eine Reihe von Schlachttagen – es können noch drei oder vier sein. Hast du nun auch, lieber Onkel, die nötige Schlachtpomade mitgenommen? Denn – bei dem Verfolgen der Feinde werden wir noch manchen Schweißtropfen vergießen. Und die Spuren davon müssen verwischt werden durch unsere neue Schlachtpomade, die wir in Ninive erfunden haben. Sie ist mächtig teuer – diese stark duftende Pomade. Hast du noch genug davon, lieber Asarhaddon?«

Da erwiderte der König mit gerümpfter Nase und runtergezogenen Mundwinkeln:

»Lieber Zirutu, teuer ist ja unsere Schlachtpomade in Ninive. Aber sie gefällt mir nicht mehr. Dieser schlechte Geruch auf den Schlachtfeldern muß durch andere Wohlgerüche übertäubt werden. Diese Pomade ist in Ninive, aber nicht auf einem Schlachtfelde erprobt worden.«

Das letzte hatte der Feldherr Nergal gehört; er stand wartend hinter dem König und sagte, als der ausgeredet hatte:

»Erhabener Herrscher! König der Heerscharen! Mein starker König, vor dem die Feinde fliehen. Die Feinde sind vor dir geflohen. Aber sie sammelten sich im nächsten Dorfe und bereiten einen Nachtangriff auf unser Lager vor.«

»Zu den Streitwagen!« brüllte der König, »wir wollen den Ägyptern zeigen, welche Männer die Mächtigen auf dieser Erde sind.«

Alle Feldherren und Offiziere sprangen auf, fuhren mit den Händen durch die gekräuselten Haare, schmissen die goldenen Trinkbecher den Sklaven zu und griffen nach Schwert und Lanze, Helm und Schild und sprangen bald draußen auf ihre Schlachtwagen.

Und bald dachte kein Mensch mehr in der dunklen Nacht an die Schlachtpomade des Königs. Die Fackeln flackerten, und man stieß in der Dunkelheit abermals auf den Feind. Das ergab ein wüstes Schlachtgetümmel. Die Fackeln mußten sehr bald gelöscht werden, denn die Pfeile der Ägypter trafen viele der assyrischen Krieger und auch zwei Feldherren. Selbst der König erhielt einen Streifschuß am linken Oberarm neben der Goldspange. Die Wunde wurde schnell verbunden.

Aber – das Schlachtgewühl in der Dunkelheit war ganz entsetzlich.

Als der Morgen graute, wandte sich der Feind abermals zur Flucht.

Und unzählige grauenhaft verstümmelte Leichen bedeckten das Schlachtfeld.

Der König hielt sich die Nase zu, sprang wieder auf seinen Streitwagen und raste davon in das nächste Dorf, allwo gleich ein Lager aufgeschlagen wurde.

Der Feldherr Nergal hatte gesehen, daß der König sich die Nase zugehalten hatte. Er rief im Lager seine Sklavin Kidimuti zu sich und erzählte ihr von der Schlachtpomade und fragte sie, ob sie nicht eine bessere, stärker duftende Pomade hätte, die imstande sei, in Wahrheit die üblen Gerüche eines Schlachtfeldes zu übertäuben.

Kidimuti, eine braune, sehr schlanke Schönheit aus dem Innern Arabiens, sagte in ihrer gebrochenen Sprache:

»Hab' viel gehört von Pomade – bei uns zu Hause. Weiß wohl, wo beste Pomade zu finden. Dort – hinter Bergen – wo Sonne aufgeht. Da auf großem, stillem Wasser – in Barke – bei Mondenschein – wenn Flöte zu hören – da kennt man Salben und Pomade und gutes Räucherwerk. Hier nicht. Hier zuviel Wildnis. Werde dir sagen, wenn's so weit ist. Still – auf großem Wasser – in Barke – bei Mondenschein.«

Und dabei sah sie träumerisch in die heiß brennende Sonne. Und Nergal ebenfalls.

Der aber wußte nicht, was Kidimuti meinte; während sie sprach, wurde ihm alles unklar, und er legte sich auf einen Haufen Stroh und wollte einschlafen.

»Kräusle mir die Haare!« sagte er noch – dann war er weg und schlief und träumte von wiehernden Rossen, von klirrenden Schwertern, surrenden Pfeilen und krachenden Lanzen.

Kidimuti aber kräuselte ihrem Herrn Bart- und Haupthaare und sang dazu ein altes arabisches Beduinenlied, das von den Schlachten in der finsteren Wüste handelt – in jener Wüste, in der die Sterne nachts so hell funkeln, daß man sich deutlich sehen kann, auch wenn der Mond nicht scheint.

Und Nergal schnarchte.

Nun gab's aber für das Heer des Königs Asarhaddon nicht drei oder vier Schlachttage, sondern vierzehn Schlachttage hintereinander. Bis vor die Tore von Memphis trieb der König die immer wieder fliehenden Ägypter. Das war ein Laufen und ein Schlagen – ohne Rast – immerzu. Fünfmal verwundete Asarhaddon den Pharao Tarku. Und der war froh, als die Tore von Memphis hinter ihm zugeschlossen wurden.

Bei Memphis sah die Kidimuti den großen Nil, und sie sagte gleich geheimnisvoll zu ihrem Feldherrn:

»Hier Wasser still. Und hier auch duftendes Wasser – sehr viel. Frauen werden fliehen auf dem Wasser. Jetzt sei du Wasserjäger. Laß Frauen in Ruh. Laß sie dir nur Salben und Schlachtpomade geben. Sei zufrieden damit. Kehr' um. Gib an König. Dann macht er dich zum Statthalter in Ägypterland. Und ich bin dein ganz großes Frau.«

Jetzt verstand Nergal.

Und er handelte, wie die Kidimuti gesagt.

Nachts, als der Mond schien, streifte er in Kähnen auf den Wassern des Nils umher und fand eine Barke – mit Frauen.

Die waren froh, als er nur ihre Salben und Pomaden wollte, gaben ihm gleich Nachricht, daß noch fünf andere Barken kommen würden, in denen noch mehr Salben und Pomaden seien.

Kurzum: Nergal brauchte noch zehn andere Kähne, um all die ägyptischen Büchsen und Dosen unterzubringen.

Und als Asarhaddon sich am nächsten Tage frisieren ließ – von zwanzig Sklaven, da kam der Feldherr Nergal – mit seiner Schlachtpomaden-Karawane und sagte nur:

»Hier, Herr, das Bessere, das du wünschest.«

Da wurden alle die Elfenbeintuben und die Hornfässerchen und die Säckchen aus der Haut des Krokodils und die Alabasterdosen und die bunten Glasflaschen – von kundiger Hand geöffnet – und der Geruch geprüft.

Und man fand bald so köstliche Kostbarkeiten, daß der König immer heiterer wurde und seinem Feldherrn Nergal immer mehr Gold und Edelsteine und andere im Krieg erbeutete Sachen schenkte.

Und schließlich bekam Nergal die Stelle eines ägyptischen Statthalters mit Königsgewalt. Und Kidimuti sagte im Mondenschein:

»Alles das wußte die Kidimuti. Sie ist die Frau, die kann schauen in Zukunft. Geheimnisvoll ist Kidimuti wie die Sphinx, die drüben daliegt im Mondenschein zwischen den vielen Pyramiden.«

Zirutu wurde ganz grün vor Neid.

Memphis wurde vierzehn Tage später im Sturm genommen von den Heerscharen des Königs Asarhaddon. Der Pharao Tarku geriet in Gefangenschaft.








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