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Kenilworth - Erster Teil

Walter Scott: Kenilworth - Erster Teil - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleKenilworth - Erster Teil
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWalter Scott's Romane
volumeBand 11
translatorErich Walter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid4817397f
created20061023
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Erstes Kapitel.

Ein Erzähler hat das Vorrecht, den Anfang seiner Geschichte in ein Gasthaus zu verlegen – denn dort ist der Sammelplatz aller Reisenden, und dort gibt sich jeder, wie er ist, ohne Umstände und ohne Zwang. Bei einer Geschichte, die in den Tagen des lustigen Altenglands spielt, machte sich das besonders gut; denn damals waren die Gäste nicht bloße Bewohner, sondern Zechkumpane und zeitweilige Gefährten des Wirtes, der gewöhnlich ein mit dem Vorrecht größter Freiheit und Ungezwungenheit einstimmig belehnter Mann von stattlicher Erscheinung, guter Laune und saftigem Humor war. Unter seiner Gönnerschaft und Befürwortung kamen sich die verschiedensten Charaktere bereitwilligst näher, und wenn sie erst ihre paar Humpen wacker geleert hatten, warfen sie in der Regel alle Zurückhaltung ab und stellten sich einander und ihrem Wirte vor mit der Ungezwungenheit alter Bekannten.

Das Städtchen Cumnor, drei bis vier Meilen von Oxford entfernt, konnte sich im achtzehnten Regierungsjahre der Königin Elisabeth eines ausgezeichneten Gasthauses vom alten Schlage rühmen, das unter der Verwaltung von Giles Gosling stand, einem stattlichen und feisten Wirte. Er mochte fünfzig Jahre und wohl noch etwas älter sein, war mäßig in seinen Rechnungen, prompt und pünktlich in seinen finanziellen Verpflichtungen, hatte einen Keller voll trefflicher Getränke, einen schlagfertigen Witz und eine hübsche Tochter.

Seit den Tagen des alten Heinz Baillie, der das Gasthaus »Zum Waffenrock« in Southwark hatte, war noch keiner besser darauf »geeicht« gewesen, den Gästen nach jeder Richtung hin angenehm und gefällig zu sein, als Giles Gosling; und so groß war sein Ruf, daß jeder, Reisende, der in Cumnor war und nicht auf einen Humpen in dem guten Hause »Zum schwarzen Bären« hätte einsprechen wollen, sich ein trauriges Armutszeugnis ausgestellt hätte. Ebenso gut hätte ein Mann vom Lande aus London zurückkommen können, ohne die Königin gesehen zu haben. Die Leute von Cumnor waren stolz auf ihren Wirt und ihr Wirt war stolz auf sein Haus, seinen Wein, seine Tochter und sich selber.

Im Hofe des Gasthauses, das diesen wackeren Mann seinen Wirt nannte, stieg gegen Abend ein Reisender ab, gab sein Pferd, das einen weiten Weg zurückgelegt zu haben schien, dem Stallknecht und stellte einige Fragen, die zu dem folgenden Zwiegespräch zwischen den Myrmidonen des guten »Schwarzen Bären« führte.

»Heda, Kellner Hans!«

»Da bin ich, Stallknecht Willem,« versetzte der Mann vom Faßhahn und trat in seiner losen Jacke, seinen Leinenhosen und der grünen Schürze auf die Türschwelle, von der aus es in einen Keller hinunterzugehen schien.

»Hier ist ein Herr, der fragt, obs bei dir gutes Bier gäbe,« fuhr der Stallknecht fort.

»Ei, das versteht sich,« antwortete der Buffetier, »liegen doch bloß vier englische Meilen zwischen uns und Oxford. Wenn nicht mein Bier gut genug wäre, den Studenten die Köpfe zu erleuchten, so würden sie wahrscheinlich meinem Kopfe mit ihren zinnernen Krügen heimleuchten.«

»Soll das Logik à la Oxford sein?« fragte der Fremde, der jetzt den Zügel seines Pferdes hatte fallen lassen und auf die Wirtshaustür zuging. – Da trat ihm die stattliche Gestalt Giles Goslings selber entgegen.

»Sprecht Ihr von Logik, Herr Gast?« fragte der Wirt. »Ei, da laßt mich Euch einen schönen logischen Schluß zurufen:

»An die Krippe das Pferd
Und den Sekt an den Herd.«

»Amen von ganzem Herzen, mein guter Wirt!« sagte der Gast. »Ein Viertelmaß Eures besten Kanariensektes bringt herbei und leiht mir Euren trefflichen Beistand, es zu leeren!«

»Na, da seid Ihr noch in den Kinderschuhen, Herr Reisender, wenn Ihr Euren Wirt dazu in Anspruch nehmt, Euch bei so einer Lappalie wie einem Viertelmaß beizustehen – wenns wenigstens eine Gallone wäre, dann könntet Ihr vielleicht meine kameradschaftliche Hilfe beanspruchen und Euch schließlich auch einen guten Wirtshausgast nennen.«

»Seid ohne Sorge,« sagte der Gast, »ich will meine Pflicht tun, wie einem Manne geziemt, der bis auf fünf Meilen an Oxford heran ist; denn ich komme nicht vom Felde des Mars, um mich unter den Jüngern der Minerva zu blamieren.«

Als der Wirt dies hörte, hieß er ihn herzlichst willkommen und führte ihn in ein großes, niedriges Zimmer, wo mehrere Männer in verschiedenen Gruppen beieinander saßen. Die einen spielten Karten, die andern plauderten, und wieder andere, die aus Rücksicht auf ihr Geschäft am andern Morgen früh aufstehen mußten, beendeten ihre Abendmahlzeit und regelten mit dem Zimmerkellner die Angelegenheit ihres Nachtquartiers.

Der Fremde erfuhr beim Eintritt die allgemeine oberflächliche Art von Aufmerksamkeit, die bei solchen Anlässen gewöhnlich neuen Ankömmlingen gewidmet wird und diese Musterung führte zu folgendem Ergebnis: Der Gast war einer von jener Art Herren, die ein ganz nettes Aeußere und an sich nicht ungefällige Züge haben, dennoch aber nicht im mindesten hübsch genannt werden konnten – einer von jenen Menschen, von denen man sich – ob das nun am Gesichtsausdruck oder dem Ton der Stimme oder der Art, sich zu geben und zu benehmen, liegen mag – vielmehr im Grunde abgestoßen fühlt.

Der Fremde hatte ein beherztes, selbstbewußtes Auftreten, ohne frech und zudringlich zu sein, und schien voller Eifersucht und Unruhe einen Grad von Aufmerksamkeit und Untergebung für seine Person zu beanspruchen, der ihm vielleicht, wie er fürchtete, nicht gezollt werden möchte, wenn er nicht augenblicklich sein Anrecht darauf geltend machte.

Er war in einen Reitmantel gekleidet, unter dem ein schmuckes, mit Tressen besetztes Wams zum Vorschein kam. Um das Wams trug er einen Gürtel von Büffelleder, in dem ein Schwert und ein Paar Pistolen steckten.

»Ihr reitet wohl gerüstet, Herr,« sagte der Wirt mit einem Blick auf die Waffen, indem er dem Reisenden den bestellten Sekt auf den Tisch setzte.

»Ja, mein Wirt, ich habe gefunden, wie nützlich das in gefahrvollen Zeiten ist, und ich mache es nicht, wie die hohen Herren von heutzutage, daß ich meinen Anhängern den Laufpaß gebe, sobald ich sie nicht mehr brauche.«

»Ei, Herr,« sagte Giles Gosling, »so seid Ihr aus dem Flachlande, dem Lande der Piken und Flinten?«

»Ich war im Hohen und im Flachen, mein Freund, ich war weit und breit, fern und nah; aber ich trinke auf Euer Wohl einen Becher Eures Sektes. Füllt Euch selber einen andern, daß Ihr mir Bescheid tun könnt, und wenn der Wein nicht weit her ist, so müßt Ihr ihn halt trinken, wie er gebraut ist.«

»Wie meint Ihr das?« sagte Giles Gosling, trank den Becher leer und schmatzte mit den Lippen, indem er eine Fratze unsagbaren Behagens schnitt, »so einen Wein haben selbst die »Drei Kraniche« nicht im Keller, das steht fest. Aber wenn Ihr besseren Sekt auf den kanarischen Inseln selber findet, so wollt ich in meinem Leben nichts wieder an die Lippen bringen. Na, haltet ihn doch nur in die Höhe, gegen das Licht, dann seht Ihr die kleinen Perlen in der goldenen Flüssigkeit tanzen wie Staub im Sonnenlicht. Aber ich möchte lieber Wein abziehen für zehn Bauern als für einen Reisenden. – Ich hoffe doch zuversichtlich, der Wein findet bei Euer Ehren Beifall?«

»Er ist rein und angenehm, mein Wirt. Wenn man aber guten Wein kennen lernen will, dann muß man dorthin gehen, wo der Wein wächst. Glaubt mir, der Spanier ist Euch viel zu schlau, als daß er das beste von seinen Trauben hierher schicken sollte. Dieser Tropfen hier, der Euch so ausgezeichnet vorkommt, würde doch nur als Halbblut gelten in Coruna oder zu Porto Santa Maria. Wenn Ihr dem Mysterium der Fässer und Krüge bis auf den Grund kommen wollt, Herr Wirt, dann solltet Ihr auf Reisen gehen.«

»In Wahrheit, Signor Gast,« sagte Giles Gosling »sollte ich nur zu dem Zweck reisen, um mir an dem, was ich zu Hause haben kann, den Geschmack zu verderben, so wäre das wohl ein recht törichtes Beginnen. Ich versichere Euch übrigens, so mancher Hausnarr rümpft die Nase über ein gutes Getränk und ist doch aus dem Küchenrauche von Altengland in seinem Leben nicht herausgekommen. Es lebe mein eigener Herd!«

»Das nenn ich kleinlich denken, mein Wirt,« sprach der Fremdling. – »Zuversichtlich denken nicht alle Leute hier im Städtchen so. Ihr habt hier auch tapfere Kerle, das glaub ich ganz bestimmt, und ein paar mögen wohl bis nach Virginia gereist sein oder haben zum mindesten das Flachland durchzogen. Kommt, helft einmal Euerm Gedächtnis nach! Habt Ihr Freunde im fernen Lande, von denen Ihr gern etwas hörtet?

»Ich nicht,« antwortete der Wirt, »seit der wilde Robin von Drysandford bei der Belagerung von Brill gefallen ist, habe ich keine Freunde mehr in der Welt draußen. Der Teufel mag die Kugel holen, die ihn getroffen hat, – es hat nie einen fröhlicheren Burschen gegeben am Kneiptisch um Mitternacht. Aber er ist nicht mehr, und ich kenne keinen Soldaten und keinen Reisenden vom Soldatenhandwerk, für den ich einen Pfifferling gäbe.«

»Das ist sonderbar, es treibt sich mancher brave englische Bursche draußen herum, und Ihr, ein Mann von hervorragender Stellung, solltet keinen Freund oder Verwandten dabei haben?«

»Wenn Ihr auf Verwandte zu reden kommt,« versetzte Gosling, »so habe ich allerdings so einen Tunichtgut von einem Verwandten, der uns im letzten Regierungsjahr der Königin Maria ausgerissen ist – aber es ist besser, der bleibt verschollen, als daß wir ihn wiederfinden möchten.«

»So solltet Ihr nicht reden, Freund, sofern Ihr in der letzten Zeit nichts Schlimmes mehr von ihm gehört habt. Aus manchem wilden Füllen ist noch ein gutes Pferd geworden. Sagt mir, wie der Mann hieß.«

»Michael Lambourne,« erwiderte der Wirt vom »Schwarzen Bären«, »der Sohn meiner Schwester. Eine Freude ists gerade nicht, des Namens oder der Verwandtschaft sich zu erinnern.«

»Michael Lambourne!« wiederholte der Fremde, der in seinem Gedächtnis nachzusuchen schien, »doch nicht etwa ein Verwandter mit dem Michael Lambourne, dem tapfern Ritter, der sich bei der Belagerung von Venlos so tapfer zeigte, daß Graf Moritz ihm vor versammelter Mannschaft Dank abstattete? Es hieß, er sei ein Engländer, aber nicht von hohem Stande.«

»Das dürfte wohl kaum mein Neffe gewesen sein,« erwiderte Giles Gosling, »der hatte nicht soviel Courage wie ein Huhn – bloß wenn es galt, Unheil zu stiften, da war er bei der Hand.«

»O, es ist mancher erst im Kriege zu einem mutigen Soldaten geworden.«

»Wohl möglich,« sagte der Wirt, »aber meiner Meinung nach hätte unser Michel seinen geringen Vorrat an Courage dort eher noch vollends einbüßen müssen.«

»Der Michael Lambourne, den ich kenne,« fuhr der Fremde fort, »war ein schmucker Bursche, kleidete sich immer sehr sauber und hatte Augen wie ein Falke – zumal auf hübsche Mädels.«

»Unser Michel,« sagte der Wirt, »hatte Augen wie ein Köter, der den Schwanz einzieht, und er hatte einen Kittel an, an dem ein Fetzen immer dem andern Valet sagte.«

»O, im Kriege kommt man leicht zu einer guten Ausrüstung,« meinte der Gast.

»Unser Michel,« erwiderte der Wirt, »hätte sie wohl eher in einem Kleiderladen gestohlen, wenn der Trödler gerade anderswohin gesehen hätte, und was seine Falkenaugen betrifft, von denen Ihr sprecht, die schielten meistens bloß nach meinen silbernen Löffeln. Er ist ein Vierteljahr lang Kellner in diesem gesegneten Hause gewesen, und da war der falschen Rechnungen, Ungezogenheiten, Irrtümern und Schlechtigkeiten kein Ende, und wenn er noch ein Vierteljahr länger hier gewesen wäre, dann hätte ich mein Wirtshauszeichen herunternehmen, die Bude zumachen und den Schlüssel dem Teufel selber abliefern können.«

»Und dennoch wird es Euch leid tun,« fuhr der Fremde fort, »wenn ich Euch sage, daß der arme Michael Lambourne bei Maastricht beim Sturm auf eine Schanze gefallen ist.«

»Das sollte mir leid tun?« entgegnete der Wirt, »die beste Nachricht wäre es, die ich von ihm hören könnte, denn ich hätte dann doch die Gewißheit, daß er nicht mehr an den Galgen kommen würde. Aber laßt das gut sein. Ich glaube nicht, daß sein Ende so rühmlich für seine Angehörigen sein würde. Wenn es so wäre, so würde ich sagen (und er nahm einen neuen Becher Sekt zur Hand), von ganzem Herzen trinke ich auf seine Ruhe in Gott!«

»Still, Mann!« sagte der Reisende, »seid ohne Sorge, Euer Neffe wird Euch noch Ehre machen, besonders wenn es der Michael Lambourne ist, den ich gekannt und fast so lieb gehabt habe wie mich selber. Könnt Ihr mir kein Kennzeichen angeben, nach dem ich beurteilen könnte, ob es derselbe wäre?«

»Meiner Treu, nicht daß ich wüßte,« sagte Giles Gosling. »Höchstens daß unserem Michel der Galgen auf der linken Achsel eingebrannt worden ist, weil er der Dame Snort von Hogsditch einen silbernen Leuchter gestohlen hatte.«

»Nein, Oheim, da lügt Ihr selber wie ein Spitzbub,« sagte der Fremde, warf die Halskrause ab und streifte den Aermel seines Wamses von Hals und Achsel. »Beim hellen Tage! Meine Schulter trägt noch ebensowenig ein Brandmal wie Deine eigene.«

»Was! Michel – Junge! Michel!« rief der Wirt. »Bist Dus denn im Ernst? Das habe ich mir doch bald gedacht, denn ich sagte mir, kein andrer hätte sich halb soviel für Dich interessiert. Aber, Michel, wenn Deine Schulter noch frei ist vom Brandmal, dann bist Du bloß dem Henker Thong Dank schuldig, daß er ein Auge zugedrückt und Dich mit einem kalten Eisen gezeichnet hat.«

»Still, Oheim, laßt Eure Scherze beiseite. Würzt damit Euer saures Bier, und laß uns lieber sehen, was für ein herzliches Willkommen Du einem Verwandten bereitest, der achtzehn Jahre lang sich um die Welt herumgetrieben hat, der die Sonne hat untergehen sehen, wo sie aufgeht, der gereist und gereist ist, bis der Westen gar zum Osten geworden war.«

»Du hast eine den Reisenden eigentümliche Fähigkeit mitgebracht, wie ich sehe, allerdings gerade die, wegen der Du am allerwenigsten hättest wegzureisen brauchen. Ich erinnere mich noch recht wohl, neben Deinen anderen Vorzügen hattest Du auch den, daß man Dir kein Wort glauben konnte.«

»Welch ein ungläubiger Heide, meine Herren!« sagte Lambourne und wandte sich an die, die diesem seltsamen Auftritt zwischen Oheim und Neffen mitansahen, von denen einige als alte Einwohner des Städtchens den wilden Jüngling wohl gekannt hatten. – »Das heiß ich einen nett bewillkommnen. – Aber Onkel, ich komme nicht von den Trebern und nicht vom Schweinetrog, und es kümmert mich herzlich wenig, ob ich Dir willkommen bin oder nicht. Ich habe das bei mir, was mir Willkommen schaffen wird, wohin ich mich auch wenden werde.«

Mit diesen Worten zog er eine gut gefüllte Geldbörse heraus, deren Anblick auf die Gesellschaft Eindruck machte. Einige schüttelten den Kopf und flüsterten untereinander, während ein paar von den weniger bedenklichen Charakteren sich sofort wieder seiner als ihres Schulkameraden oder Mitbürgers erinnern wollten. Dagegen verließen einige würdevolle Personen von gesetztem Aeußern unter Kopfschütteln das Gasthaus, indem sie andeuteten, daß Giles Gosling wohl seinen unsteten, halt- und gottlosen Neffen sich sobald wie möglich wieder vom Halse schaffen müsse, wenn er nicht ruiniert sein wollte.

Gosling schien seinem Wesen nach so ziemlich derselben Meinung zu sein. Dem ehrlichen Manne stach das Gold weit weniger in die Augen, als man sonst bei Leuten seines Berufs zu finden pflegt.

»Vetter Michael,« sagte er, »steck nur Deine Börse wieder ein. Der Sohn meiner Schwester soll in meinem Hause für Abendbrot und Logis nichts zu bezahlen haben, und ich denke mir, Du wirst schwerlich den Wunsch haben, Dich länger an einem Orte aufzuhalten, wo Du nur zu wohl bekannt bist.«

»Was das anbetrifft, Onkel,« sagte der Reisende, »das wird sich nach meinen eigenen Geschäften und meinem Gutdünken richten. Inzwischen will ich diesen wackeren Herren, die nicht zu stolz sind, sich des Michel Lambourne, des ehemaligen Kellnerjungen, zu erinnern, zum Abend Bescheid tun. Wenn Du mich für mein Geld bewirten willst, gut – wenn nicht, so sind es ja nur ein paar Schritte bis zum Hasen mit der Trommel, und ich denke doch, unsere Nachbarn werden sich nicht scheuen, bis dorthin mit mir zu gehen.«

»Nein, Michel,« erwiderte sein Oheim, »achtzehn Jahre sind über Dein Haupt hingegangen, und gewiß haben sich Deine Verhältnisse ein wenig gebessert. Du sollst mein Haus nicht zu dieser Stunde verlassen und sollst haben, was Du vernünftigerweise begehren magst. Aber ich wollte, ich wüßte, daß das viele Geld in Deiner Börse, mit dem Du Dich so groß tust, auch wohl erworben wäre.«

»Ein ungläubiger Thomas, Nachbarn!« sagte Lambourne, und wandte sich abermals an die Umstehenden. »Nach einer Menge von Jahren will er noch auftischen, was sein Neffe auf dem Kerbholz hat. Was das Gold anbetrifft, – ich bin dort gewesen, wo es wächst und für jeden zu haben war, der welches suchte. In der neuen Welt bin ich gewesen, Mann, im Eldorado, wo kleine Rangen mit Diamanten Murmel spielen, und die Landdirnen sich Halsbänder aus Rubinen flechten statt aus Vogelbeeren, wo die Ziegel auf den Dächern aus purem Golde sind und die Pflastersteine aus reinem Silber.«

»Das muß ich sagen, Freund Michel,« sagte der junge Lorenz Goldfaden, der Schnittwarenhändler von Abingdon, – »an solch einer Küste muß sich fein Handel treiben lassen. Was mögen wohl Linnen, Seide und Band einbringen, wo das Gold so wohlfeil ist?«

»O, gar nicht auszurechnen wäre der Profit,« versetzte Lambourne, »besonders wenn ein junger, schmucker Handelsmann sein Päckchen selber trägt. Denn die Damen unter dieser Zone sind bona-robas, und da sie selber ein wenig sonnverbrannt sind, so fangen sie Feuer wie Zunder beim Anblick einer solchen frischen Gesichtsfarbe, wie Du sie hast, und eines solchen ins Rote spielenden Haares.«

»Ich hätte schon Lust, dort Handel zu treiben,« sagte der Krämer schmunzelnd.

»Ei, und das könntest Du auch sehr leicht,« sagte Michael. »Das heißt, wenn Du noch derselbe flotte, lebendige Bursche bist, mit dem zusammen ich den Obstgarten des Abtes geplündert habe. Es ist nichts weiter nötig, als so ein kleiner alchimistischer Kniff, Dein Haus und Deinen Grund und Boden in bares Geld zu verwandeln, und dieses bare Geld in ein großes Schiff mit Segel, Ankern und Takelage und allem, was dazu gehört, dann wird Dein Warenlager gut verstaut, fünfzig tüchtige Kerle unter meinem Kommando werden geheuert, und dann werden die Segel gehißt, und hei! gehts in die neue Welt!«

»Du hast ihm ein Geheimnis verraten, Vetter,« sagte Giles Gosling, »wie er seinen Taler in einen Heller und seine Gewebe in einen bloßen Faden verwandeln kann. Hört Ihr nur nicht auf den Rat eines Narren, Nachbar Goldfaden. Wagt Euch nur nicht auf die See, denn die See ist ein gefräßiges Ungeheuer. Karten und Liebschaften, das könnt Ihr schon ein Weilchen aushalten, und wenns noch so toll ginge, da hat Euer Vater Warenballen genug herangeschafft, daß Ihr nicht so bald ins Spital kommen könnt. Aber das Meer hat eine grundlose Freßsucht – es würde den ganzen Reichtum der Lombardstraße an einem Morgen hinunterschlingen, ebenso leicht, wie ich ein Setzei und ein Gläschen Rotwein verschlucke. Was meines Vetters Eldorado betrifft, so verlaßt Euch nur darauf, er hat es nirgendwo anders als in den Taschen solcher Gimpel gefunden, wie Ihr einer seid. – Aber laßt Euch das nur nicht in die Nase stechen. Wohlgemut ans Werk, denn da kommt das Abendbrot, und ich lade jeden ein, der daran teilnehmen will, zur Feier der Rückkehr meines Neffen. Ich selber nehme bestimmt an, er ist als ein anderer Mensch wiedergekommen. – In der Tat, Vetter, Du bist meiner armen Schwester ähnlich, wie nur je ein Sohn seiner Mutter ähnlich gesehen hat.«

»Aber nicht ganz so dem alten Benedikt Lambourne, ihrem Ehemann,« sagte der Krämer blinzelnd und kichernd. »Besinnst Du Dich noch, Michael, was Du sagtest, als der Schulmeister seinen Bakel über Dir tanzen ließ, weil Du Deinem Vater die Krücken weggenommen hattest? Das ist ein weises Kind, sagtest Du, das seinen Vater kennt. Dr. Bircham mußte lachen, bis ihm die Tränen kamen, und diese seine Tränen haben Dir die Tränen erspart.«

»Na, er hat michs noch lange nachher entgelten lassen,« sagte Lambourne, »und wie geht es dem alten Pädagogen?«

»Tot,« erwiderte Giles Gosling, »schon lange tot.«

»So ist es,« sagte der Gemeindeküster, »ich habe an seinem Totenbett gesessen. Voller Seelenruhe ist er dahingegangen, Morior mortuus sum vel fui mori – das waren seine letzten Worte, und er setzte dann noch hinzu: Nun habe ich mein letztes Verbum konjugiert.«

»Nun, Friede sei mit ihm,« sagte Michel. »Er ist mir nichts schuldig.«

»Nein, gewiß nicht,« versetzte Goldfaden, »und mit jeder Strieme, die er Dir aufgezogen hat, so pflegte er immer zu sagen, hat er dem Henker eine Arbeit erspart.«

»Man möchte meinen,« ,sagte der Küster, »er hätte ihm dann nicht mehr viel zu tun übrig gelassen. Und doch hat der gute Thong, der Henker, keine Sinekure bei unserm Freunde.«

»Voto a dios!« lief Lambourne, dem die Geduld zu reißen schien; er nahm den breiten Schlapphut vom Tische und setzte ihn auf, und unter dem tiefen Schatten nahmen seine Augen und Züge, die von Natur nichts Anheimelndes hatten, so recht das Aussehen eines spanischen Bravos und Abenteurers an. – »Hört, Ihr Herren, – unter Freunden, und wenns durch die Blume gesagt wird, ist schließlich alles nicht so sehr schlimm, und ich habe schon meinem würdigen Oheim und Euch allen gern erlaubt, über die Torheiten meiner Jugendzeit nach Herzenslust herzuziehen. Aber ich trage Schwert und Dolch bei mir, meine guten Freunde, und ich verstehe sie mit Leichtigkeit zu gebrauchen, wenn sich ein Anlaß bietet. Seit ich in spanischen Diensten stehe, habe ich gelernt, im Punkte der Ehre ein wenig empfindlich zu sein, und ich möchte nicht, daß Ihr mich bis zum Aeußersten reiztet.«

»Was würdet Ihr denn tun?« fragte der Küster.

»Na ja doch, Freundchen, was würdet Ihr denn tun?« fragte der Krämer und huschte geschwind an die andere Seite des Tisches.

»Euch die Kehle aufschlitzen, daß Euch Euer Sonntagsgeplärr vergehen sollte, Herr Küster,« sagte Lambourne wild, »und Euch, mein würdiger Krämer in Sammet und Seide würde ich zu einem Eurer Warenballen zusammenhauen.«

»Nur sachte, nur sachte,« fiel der Wirt ein, »hier verbitt ich mir jede Großmäuligkeit. Neffe, es wird Dir am besten anstehen, nicht allzu vorschnell etwas schief zu nehmen. Und Ihr Herren werdet gut tun, daran zu denken, daß Ihr allerdings in einem Gasthause seid, daß Ihr aber doch die Gäste des Wirtes seid und auf die Ehre seiner Familie Rücksicht zu nehmen habt. – Meiner Treu, über Euerm albernen Gezänk vergeß ich alles andere. Und dort sitzt mein stiller Gast, wie ich ihn nenne, denn er wohnt nun seit zwei Tagen bei mir und hat noch nie ein Wort gesprochen, außer wenn er sein Essen bestellt und seine Rechnung bezahlt. – Macht einem nicht mehr Umstände als ein einfacher Bauer – bezahlt seine Zeche wie ein königlicher Prinz, guckt immer nur nach der Summa summarum auf der Rechnung, – und ich weiß noch nicht, an welchem Tage er abreisen wird. O, er ist ein Juwel von einem Gaste! Und doch, ich Rindvieh ich, da habe ich ihn sitzen lassen wie einen Ausgestoßenen, ganz allein in seiner finsteren Ecke da und habe ihn nicht einmal eingeladen, doch wenigstens einen Bissen oder einen Teller Suppe mit uns zu essen. Es wäre schon die rechte Strafe für meine Unhöflichkeit, wenn er nach dem Hasen mit der Trommel ginge, ehe noch die Nacht älter wird.«

Er glättete die weiße Serviette sorgfältig über seinem linken Arme, legte für den Augenblick seine Sammetkappe beiseite und nahm sein bestes Silberfläschchen in die Rechte. So schritt nun der Wirt auf den genannten einsamen Gast zu und lenkte dadurch die Augen der Anwesenden auf ihn.

Er war ein Mann im Alter zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren, ein wenig über Mittelgröße, einfach und anständig gekleidet, aber eine gewisse Nonchalance, die sich fast zur Würde steigerte, ließ erkennen, daß sein Rang höher war, als seine Kleidung auf den ersten Blick vermuten ließ. Seine Miene war ernst und gedankenvoll, er hatte dunkles Haar und dunkle Augen – die Augen blitzten bei jeder augenscheinlichen Erregung in ungewöhnlichem Glanze, hatten aber sonst denselben nachdenklichen, ruhigen Ausdruck wie seine Züge.

Die rege Neugier des Städtchens war geschäftig gewesen, seinen Namen und Stand zu erkunden und was er in Cumnor zu tun habe. Aber nach keiner Seite hin hatte sich etwas Unrechtes wittern lassen, was die Neugierde befriedigt hätte.

Giles Gosling, Gemeindevorstand des Oertchens, und ein treuer, beständiger Anhänger der Königin Elisabeth und der protestantischen Konfession, war zuerst geneigt, seinen Gast für einen Jesuiten oder Seminarpriester zu halten, wie sie Rom und Spanien zu jener Zeit so zahlreich aussandte, die englischen Galgen zu zieren. Aber es war kaum möglich, eine solche Voreingenommenheit gegen einen solchen Gast, der so wenig Umstände verursachte, seine Rechnung so regelmäßig beglich und wie es schien, recht lange im »Schwarzen Bären« zu bleiben gedachte, aufrecht zu halten.

Der ehrliche Giles war also der Ueberzeugung, daß sein Gast kein Römer sei, und ersuchte ihn mit aller gebührlichen Höflichkeit, ihm Bescheid zu tun mit einem kühlenden Schluck und teilzunehmen an einem kleinen Festessen, daß er seinem Neffen zu Ehren seiner Rückkehr und, wie er hoffe, seiner Besserung spendierte. Der Fremde schüttelte zuerst den Kopf, als lehne er die Einladung ab, aber der Wirt drang weiter in ihn.

»Meiner Treu, Herr,« sagte er, »es gehört zu meinem Renommee, daß in meinem Hause alle lustig sein sollen, und wir haben böse Jungen unter uns in Cumnor, (zwar wo wären die nicht?) die es übel auslegen, wenn jemand den Hut über die Stirn zieht, als wenn er an die Vergangenheit dächte, statt sich des heitern Sonnenscheins zu freuen, den Gott uns im süßen Antlitz unsrer Landesherrin, der Königin Elisabeth, gesandt hat – möge der Himmel sie segnen und uns erhalten.«

»Ei, mein Wirt,« antwortete der Fremde, »es ist doch hoffentlich kein Verrat, wenn ein Mann gern seinen eignen Gedanken nachhängt unterm Schatten seines eignen Hutes? Ihr habt zweimal so lange wie ich in der Welt gelebt, und Ihr müßt wissen, es gibt Gedanken, die uns selber zum Trotz verfolgen und denen wir vergebens zurufen: Geht und laßt uns lustig sein.«

»Wir müßten sie in einer prächtigen See von Rotwein ersäufen, mein edler Gast! Entschuldigt meine Freiheit, Herr. Ich bin ein alter Wirt und muß reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Diese sauertöpfische Melancholie steht Euch übel an. Sie paßt nicht zu einem blanken Stiefel, einem feingarnierten Hut, einem schmucken Mantel und einer vollen Börse. Laßt sie fahren, schickt sie denen, die sich die Beine in Heu eingewickelt haben, die einen alten Filzhut über den Schädel ziehen müssen, deren Jacken so dünn sind wie Spinneweben und die nichts in den Taschen haben, um dem bösen Feind Melancholie den Laufpaß zu geben! Lustig, Herr! Allweil fidel! Sonst bei diesem guten Weine werden wir Euch aus den Freuden fröhlicher Gesellschaft verbannen und in den Nebel des Trübsinns und das Land des Unbehagens verstoßen. Hier ist ein Kreis von guten Kerlen, die sich einen Jux machen wollen. Da dürft Ihr nicht zu ihnen so mißmutig hinüberschauen, wie zehn Meilen böser Weg.«

»Wohl gesprochen, mein würdiger Wirt,« sagte der Gast mit schwermütigem Gesicht, – das bei aller Schwermut seinen Zügen etwas sehr Anmutiges gab – »wohl gesprochen, mein jovialer Freund, wer ein Griesgram ist wie ich, soll nicht den Frohsinn derer, die sich glücklich fühlen, stören. Ich will einmal mit Euern Gästen anstoßen, von Herzen gern – bloß daß sie mich nicht für einen Spielverderber halten.«

Mit diesen Worten erhob er sich und trat zu der Gesellschaft, die größtenteils aus Personen bestand, die die Gelegenheit, auf Kosten des Wirts ein frohes Gelage abzuhalten, gern sich zu nutze machten. Sie hatten denn auch, dem Beispiel und den Lehren Michael Lambournes folgend, schon des Guten zu viel getan und begannen auszuarten, was aus dem Ton hervorging, in dem Michael nach seinen alten Bekannten in der Stadt fragte, und aus dem schallenden Gelächter, mit dem jede Antwort aufgenommen wurde.

Giles Gosling selber nahm nicht geringen Anstoß an dieser krakehlenden Fidelitas, zumal er unwillkürlich vor seinem unbekannten Gaste Respekt hatte. Er blieb daher ein paar Schritte vor dem Tische, an dem die polternden Saufgenossen saßen, stehen und sagte, wie um ihre Ausgelassenheit zu entschuldigen:

»Wenn Ihr die Burschen so lärmen hört, möchtet Ihr sie wohl alle für Gesindel halten, das von »Steh und dein Geld her« lebt, und doch könnt Ihr sie morgen als fleißige Handwerker oder Handelsleute bei der Arbeit sehen. Der Krämer da hat den Hut schief auf dem Ohre, er hat das Wams nicht zugeknöpft und den Mantel über die eine Schulter gehängt und spielt sich auf wie ein echter und rechter Schlagetot. Er schwatzt, als wenn er jede Nacht die Heerstraße zwischen Hunslow und London unsicher machte, und dabei liegt er friedlich im Bett, mit einer Kerze zur einen und einer Bibel zur andern Seite, damit ihm die Gespenster nichts anhaben können.«

»Und ist Euer Neffe, Herr Wirt, dieser Michael Lambourne, der der Held des Gelages ist, auch nur so zum Schein ein Wildfang?«

»Ei, da treibt Ihr mich in die Enge,« sagte der Wirt. »Mein Neffe ist mein Neffe, und wenn er auch ein toller Vogel früher gewesen ist, so kann er sich gemausert haben wie andere Leute. Und ich möchte nicht, daß Ihr alles aufs Wort glaubt, was ich von ihm gesagt habe. Ich habe das Vögelchen gleich erkannt und wollte ihm nur erst so ein bißchen das Gefieder zausen. Und nun, mein Herr, bei welchem Namen darf ich meinen würdigen Gast diesen Herren vorstellen?«

»Jenun, mein Wirt,« versetzte der Fremde, »Ihr mögt mich Tressilian nennen.«

»Tressilian?« antwortete der Wirt vom »Schwarzen Bären«. »Ein gar stattlicher Name – und wie mich dünkt, aus kornwallischem Geschlecht. Darf ich sagen, der würdige Herr Tressilian aus Kornwallis?«

»Sagt nichts weiter, als ich Euch erlaubt habe, mein Wirt, so werdet Ihr sicher sein, nichts mehr zu sagen, als was der Wahrheit entspricht.«

Der Wirt ging nicht weiter in seiner Neugierde, sondern stellte Herrn Tressilian der Gesellschaft seines Neffen vor, sie begrüßten ihn, tranken auf sein Wohl und setzten dann ihre Unterhaltung fort, die durch manchen Witz und Trinkspruch unterbrochen wurde.

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