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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

»Sie sehen, es ist uns bestimmt, uns wieder zu treffen«, sagte Kenelm, indem er sich neben dem wandernden Troubadour bequem hinstreckte und Tom bedeutete, dasselbe zu thun. »Aber Sie scheinen mit dem Talent des Versemachens auch das des Zeichnens zu verbinden! Skizziren Sie nach dem, was Sie Natur nennen?«

»Nach dem, was ich Natur nenne? Ja! Bisweilen.«

»Und finden Sie nicht im Zeichnen wie im Versemachen die Wahrheit, die ich Ihnen schon früher in Ihre widerstrebenden Ohren zu schreien hatte, nämlich daß die Natur keine andere Stimme hat als die, welche der Mensch ihr aus seinem Geiste einhaucht? Ich möchte wetten, daß die Skizze, mit welcher Sie eben jetzt beschäftigt sind, eher ein Versuch ist, sie einen Ihrer 35 Gedanken verkörpern zu lassen, als ihre Umrisse so darzustellen, wie sie jedem andern Beobachter erscheinen. Erlauben Sie mir, selbst zu urtheilen.« Und er beugte sich über das Skizzenbuch. Es ist oft schwer für einen, der nicht Künstler oder Kenner ist, zu beurtheilen, ob eine mit Bleistift hingeworfene Skizze von der Hand eines Künstlers von Beruf oder eines reinen Liebhabers ist. Kenelm war weder Künstler noch Kenner; aber die bloße Bleistiftzeichnung erschien ihm als etwas, was jeder Mensch mit einem guten Auge, der eine Anzahl von Lectionen bei einem guten Zeichnenlehrer genommen habe, müsse machen können. Indessen genügte es ihm, daß die Zeichnung eine Illustration seiner eigenen Theorie lieferte.

»Ich hatte Recht«, rief er triumphirend. »Von dieser Anhöhe aus bietet sich meinem Auge eine schöne Aussicht der Stadt, ihrer Wiesen und ihres Flusses, die durch den Sonnenuntergang zu einem harmonischen Ganzen verschmolzen werden; denn der Sonnenuntergang verbindet wie Vergoldung widerstreitende Farben und mildert sie in dieser Verbindung. Aber von dieser Aussicht finde ich nichts in Ihrer Skizze. Was ich sehe, ist für mich geheimnißvoll.«

»Die Aussicht, von der Sie reden«, sagte der Troubadour, »ist ohne Zweifel sehr schön; aber sie 36 wiederzugeben wäre die Sache eines Turner oder Claude Lorrain. Meine Kräfte reichen für eine solche Landschaft nicht aus.«

»Ich sehe auf Ihrer Skizze nur eine Gestalt, ein Kind.«

»Still. Da steht sie. Still, während ich hier die letzten Striche mache.«

Kenelm strengte seine Augen an und sah in weiter Entfernung ein einsames kleines Mädchen, welches einen Gegenstand – Kenelm konnte nicht unterscheiden, was es war – in die Luft warf und ihn beim Herabfallen wieder auffing. Sie schien am äußersten Rande des vor ihm liegenden Hügellandes, vor einem Hintergrunde von rosigen Wolken, die sich um die untergehende Sonne gesammelt hatten, zu stehen; darunter in wirren Umrissen die große Stadt. Auf der Skizze erschienen diese Umrisse noch unendlich verwirrter, da sie nur durch einige kühne Striche angedeutet waren; aber die Gestalt, das Gesicht des Kindes waren deutlich und lieblich. Seine Einsamkeit war mit einer unaussprechlich tiefen Empfindung ausgedrückt; in seinem fröhlichen Spiel und seinen aufgeschlagenen Augen lag eine Fülle ruhiger Heiterkeit.

»Aber wie können Sie«, fragte Kenelm, als der Troubadour seinen letzten Strich gemacht, seine 37 Zeichnung noch einmal betrachtet, dann sein Skizzenbuch schweigend geschlossen und sich mit heiterem Lächeln umgewandt hatte, »wie können Sie in dieser Entfernung das Gesicht des Mädchens unterscheiden? Wie können Sie unterscheiden, daß der dunkle Gegenstand, den sie eben in die Höhe geworfen und wieder aufgefangen hat, ein aus Blumen bestehender Ball ist? Kennen Sie das Kind?«

»Ich habe es früher noch nie gesehen, aber während ich hier saß, schweifte es hier allein um mich herum und flocht Kränze aus wild wachsenden Blumen, die es an den Hecken drüben neben der Landstraße gepflückt hatte, und sang dabei hübsche Kinderlieder. Sie können sich leicht vorstellen, daß mich das Kind, als ich es so singen hörte, interessirte; als es mir nahe kam, redete ich es an und wir wurden bald gute Freunde. Sie erzählte mir, sie sei eine Waise und werde von einem sehr alten, entfernten Verwandten erzogen, der früher ein kleines Geschäft gehabt habe und jetzt in einem dichtbewohnten Gäßchen im Herzen der Stadt wohne. Er sei sehr gut gegen sie, und da er selbst durch Alter oder Krankheit genöthigt sei, das Haus zu hüten, so schicke er sie an Sommertagen in die Felder hinaus, um zu spielen. Sie habe keine Gespielen ihres Alters. Sie sagte, sie möge die anderen 38 kleinen Mädchen in ihrem Gäßchen nicht leiden, und das einzige kleine Mädchen in der Schule, das ihr gefalle, sei vornehmer als sie und dürfe nicht mit ihr spielen; so spiele sie allein. Und so lange die Sonne scheine und die Blumen blühten, sagte sie, brauche sie nie andere Gesellschaft.«

»Tom, hören Sie das? Da Sie in Luscombe wohnen werden, so müssen Sie um meinetwillen das Mädchen herausfinden und gut gegen dasselbe sein.«

Tom legte, ohne eine andere Antwort zu geben, seine große Hand auf die Kenelm's, sah aber den Troubadour scharf an, fühlte sich durch den natürlichen Reiz seiner Stimme und seines Gesichts angezogen und glitt näher an ihn heran.

Der Troubadour fuhr fort: »Während das Kind mit mir sprach, nahm ich ihr die Blumenkränze mechanisch aus der Hand und drückte sie, ohne daran zu denken, was ich that, zu einem Ball zusammen. Plötzlich sah sie, was ich gethan hatte; aber anstatt mich dafür zu schelten, daß ich ihre hübschen Kränze verdorben habe, was ich reichlich verdient hatte, war sie entzückt zu finden, daß ich ihr durch das Zusammenballen ein neues Spielzeug verschafft habe. Sie lief mit dem Ball davon und warf ihn fortwährend empor, bis sie von ihrer Freude aufgeregt auf den Gipfel 39 des Hügels gelangte, wo ich dann meine Skizze zu machen anfing.«

»Sieht das reizende Gesicht, das Sie da gezeichnet haben, ihr ähnlich?«

»Nein, nur theilweise. Ich dachte beim Zeichnen an ein anderes Gesicht; aber auch dem sieht es nicht ganz ähnlich; es ist in Wahrheit eins jener Flickwerke, die wir Phantasieköpfe nennen, und ich beabsichtigte damit eine andere Darstellung eines Gedankens, den ich eben in Reime gebracht hatte, als mir das Kind in den Weg kam.«

»Dürfen wir die Reime hören?«

»Ich fürchte, es würde, wenn nicht Sie, doch Ihren Freund langweilen.«

»Ich bin vom Gegentheil überzeugt. Tom, singen Sie?«

»Nun, ich habe früher gesungen«, sagte Tom, indem er den Kopf blöde hängen ließ. »Und ich möchte den Herrn gern singen hören.«

»Aber ich kann diese eben von mir gemachten Verse nicht gut genug auswendig, um sie zu singen; es ist schon viel, wenn ich mich ihrer gut genug erinnere, um sie zu recitiren.« Hier machte der Troubadour eine kurze Pause, wie um sich zu besinnen, und sprach dann die folgenden Verse in dem anmuthig klaren Ton und 40 mit der seltenen Reinheit der Aussprache, welche seinen Vortrag sowohl beim Sprechen wie beim Singen charakterisirten, und verlieh ihnen einen rührenden und mannichfachen Ausdruck, den Niemand beim bloßen Lesen darin gefunden haben würde.

Das Blumenmädchen am Kreuzwege.

An dem schmuzigen Kreuzweg auf den vollen Gassen
Steht das kleine Mädchen, Sträuß' im Korbe, voll von Moose,
Bietet allen ihre Blumen an gelassen,
Reseda den Alten,
Jungen nur die Rose.
Doch verschmäht's das Alter,
Jugend auch die Rose,
Drängend eilt die Menge,
Weg von Blum' und Moose.
Einer ist zu ernst, zu lustig ist ein Andrer,
Dieser hat 'nen Garten, jener keinen Pfennig;
Mai ist's, Blumen findet am Wege jeder Wandrer,
Und was leicht zu haben, reizt die Menschen wenig.
Schlecht verkauft in London
Blumen man auf Moosen,
Alter nicht und Jugend
Wollen Sträuß' und Rosen.

41 Als der Troubadour mit seiner Declamation zu Ende war, hielt er nicht inne, wie um Beifall einzusammeln, und sah nicht bescheiden zu Boden, wie die meisten Leute, die ihre eigenen Verse recitiren, sondern fuhr, da er viel höher von seiner Kunst als von seinen Zuhörern dachte, in einem etwas trostlosen Ton ohne Ziererei, zu Kenelm gewandt, rasch fort:

»Ich sehe mit großem Bedauern, daß meine Skizze mehr werth ist als meine Reime. Können Sie auch nur verstehen, was ich mit den Versen meine?«

Kenelm wandte sich an Tom und fragte diesen: »Verstehen Sie es?« und fuhr, als dieser flüsternd erwiderte: »Nein«, fort: »Ich vermuthe, daß unser Freund unter seinem Blumenmädchen nicht nur Poesie im Allgemeinen, sondern eine Poesie wie die seinige, die heutzutage durchaus nicht Mode ist, verstanden wissen will. Ich aber gebe seinem Gedicht noch einen weiteren Sinn und verstehe unter seinem Blumenmädchen jedes Abbild natürlicher Wahrheit oder Schönheit, für welches, wenn wir das künstliche Leben großer Städte lieben, auch nur einen Heller zu geben wir viel zu beschäftigt sind.«

»Fassen Sie es auf, wie Sie wollen«, sagte der Troubadour lächelnd mit einem Seufzer, »aber ich habe das, was ich meinte, nicht halb so gut in 42 Worten ausgedrückt, wie ich es in meiner Skizze gethan habe.«

»So? Und wie das?« fragte Kenelm.

»Das Abbild meines Gedankens auf meiner Skizze, sei es nun Poesie oder wie Sie es sonst nennen wollen, steht nicht verloren im Gedränge der Straße. Das Kind steht auf dem Gipfel des grünen Hügels, die Stadt im wirren Durcheinander zu seinen Füßen, und spielt, ohne an die Vorübergehenden und ihre Pfennige zu denken, mit den von ihm gepflückten Blumen, die es aber spielend himmelwärts wirft und denen es mit himmelwärts gerichteten Blicken folgt.«

»Gut«, murmelte Kenelm, »gut«, und fügte dann nach einer langen Pause in noch leiserem Gemurmel hinzu: »Verzeihen Sie mir meine Bemerkung von neulich über die Besingung eines Beefsteaks. Aber gestehen Sie, daß ich darin Recht habe: was Sie eine Skizze nach der Natur nennen, ist nur eine Skizze Ihres eigenen Gedankens.« 43

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