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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Landleute stehen an Sonntagen später auf als an Wochentagen, und noch kein Laden war geöffnet, als Kenelm Chillingly und Tom Bowles miteinander an einem stillen, milden Sonntagmorgen durch das Dorf zogen. Miteinander gingen sie weiter über das zum Pfarrhaus gehörige Land, wo die Kühe noch schläfrig unter dem Laubdach der Kastanienblätter lagen, und lenkten dann in einen schmalen Hohlweg ein, der sich zwischen stattlichen Hügeln hinzog, die ganz mit Convulvulus, wilden Rosen und Geißblatt überwachsen waren.

Schweigend gingen sie ihres Weges, denn Kenelm hatte nach einigen vergeblichen Versuchen, eine Unterhaltung mit seinem Begleiter anzuknüpfen, den Takt, 18 herauszufinden, daß derselbe nicht in der Stimmung sei, sich zu unterhalten. Und da er selbst zu jenen Menschen gehörte, deren Geist sich leicht der Träumerei überläßt, war es ihm gar nicht unlieb, ungestört seinen Gedanken nachhängen und die stille Lust des Sommermorgens mit seinem frischfunkelnden Thau, dem munteren Gesang seiner ersten Vögel und der heiteren Ruhe seiner klaren frischen Luft ruhig einschlürfen zu können. Nur wo es galt, von mehreren Wegen den nach dem Orte ihrer Bestimmung führenden zu wählen, ging Tom Bowles seinem Begleiter voran und bezeichnete den richtigen Weg durch einen einsilbigen Ausruf oder eine Geste. So wanderten sie stundenlang, bis die Sonne hoch am Himmel stand und ein kleines, am Wege stehendes Wirthshaus in der Nähe eines Dorfes Kenelm den lockenden Gedanken an Ruhe und Erfrischung eingab.

»Tom«, rief er da, indem er sich aus seiner Träumerei aufraffte, »was meinen Sie, wenn wir frühstückten?«

»Ich bin nicht hungrig«, erwiderte Tom mürrisch, »aber wie Sie wollen.«

»Gut, dann wollen wir hier ein wenig rasten. Es wird mir schwer zu glauben, daß Sie nicht hungrig sind, denn Sie sind sehr kräftig und große 19 physische Stärke ist gewöhnlich von zwei Dingen begleitet; das eine ist ein scharfer Appetit und das andere, was Sie vielleicht nicht vermuthen und was nicht so allgemein bekannt ist, ist ein melancholisches Temperament.«

»Wie? Ein was?«

»Eine Neigung zur Melancholie. Sie haben natürlich von Hercules gehört, Sie kennen die Redensart: so stark wie Hercules?«

»Ja, natürlich.«

»Nun, was mich zuerst auf den Zusammenhang zwischen Stärke, Appetit und Melancholie aufmerksam machte, war die Bemerkung eines alten Autors Namens Plutarch, daß Hercules zu den bemerkenswerthesten Beispielen eines melancholischen Temperaments gehöre, welches der Verfasser anzuführen im Stande sei. Das muß also die herkömmliche Vorstellung von Hercules' Constitution gewesen sein, und was den Appetit betrifft, so war Hercules Appetit ein stehender Gegenstand des Scherzes für die komischen Schriftsteller des Alterthums. Als ich diese Bemerkung las, gab sie mir zu denken, da ich selbst melancholisch bin und mich eines außerordentlich guten Appetits erfreue. Und als ich mich nach weiteren Belegen umsah, fand ich, daß die stärksten Männer, die ich kennen lernte, 20 Preisfechter und irische Drescher mit eingeschlossen, das Leben mehr von der traurigen als von der heiteren Seite anzusehen geneigt, kurz melancholisch waren. Aber die Güte der Vorsehung entschädigte sie dadurch, daß sie einen besonderen Genuß an ihren Mahlzeiten fanden, wie Sie und ich es zu thun im Begriff stehen.«

Beim Aussprechen dieser wunderlichen Grille hatte Kenelm Halt gemacht, aber jetzt trat er raschen Schritts in das kleine Wirthshaus und beorderte, nachdem er einen Blick in die Speisekammer geworfen hatte, daß der gesammte Inhalt derselben hinausgebracht und in eine Geißblattlaube gesetzt werde, die er an der Ecke eines Rasenplatzes an der Rückseite des Hauses erspäht hatte. Zu den gewöhnlichen Bestandtheilen eines Frühstücks, Brod und Butter, Eiern, Milch und Thee, gesellten sich noch in Gestalt von Taubenpastete, kaltem Ochsen- und Hammelbraten die Ueberreste eines Festmahls, welches die Mitglieder eines monatlich zusammenkommenden ländlichen Clubs den Tag zuvor gehalten hatten. Tom aß anfänglich wenig, aber Beispiele wirken ansteckend und allmälig wetteiferte er mit seinem Begleiter in der Vertilgung der vor ihnen aufgetischten soliden Speisen. Dann verlangte er Branntwein.

21 »Nein«, sagte Kenelm. »Nein, Tom, Sie haben mir Ihre Freundschaft versprochen und die verträgt sich nicht mit Branntwein. Branntwein ist der schlimmste Feind, den ein Mann wie Sie haben kann, und würde Sie selbst mit mir in Streit gerathen lassen. Wenn Sie eines Anregemittels bedürfen, so erlaube ich Ihnen eine Pfeife. Ich selbst rauche gewöhnlich nicht, aber es hat Momente in meinem Leben gegeben, wo ich eines Besänftigungsmittels bedurfte, und dann fand ich, daß ein Zug aus einer Pfeife Tabak uns beruhigt und beschwichtigt, wie der Kuß eines kleinen Kindes. – Bringen Sie dem Herrn eine Pfeife.«

Tom stöhnte, aber er ließ sich die Pfeife freundlich gefallen und nach wenigen Minuten, während welcher Kenelm ihn in Ruhe ließ, glättete sich eine mürrische Falte zwischen seinen Augenbrauen.

Allmälig empfand er die besänftigenden Einflüsse des Tages und des Ortes, der heiteren Sonnenstrahlen, die durch die Blätter der Laube spielten, des munteren Gesanges der Vögel, bevor sie in die schweigende Ruhe eines Sommermittags versanken. Mit einem schmerzlichen Seufzer stand er endlich auf, als Kenelm sagte: »Wir haben noch weit zu gehen, wir müssen aufbrechen.«

22 Bereits hatte die Wirthin ihm einen Wink gegeben, daß sie und ihre Familie zur Kirche zu gehen und während ihrer Abwesenheit das Haus zu schließen wünschten. Kenelm zog die Börse, aber Tom, bei dem sich wieder eine Wolke auf der Stirn zusammenzog, that dasselbe und Kenelm sah, daß er sich tödtlich beleidigt fühlen würde, wenn er sich als ein Geringerer behandelt sähe. So bezahlte jeder seine Zeche und die beiden Männer setzten ihre Wanderung fort.

Diesmal schlugen sie einen Feldweg ein, der ein kürzerer Richtweg nach der nach Luscombe führenden Straße war, als der Weg, auf dem sie bisher gegangen. Sie marschirten langsam, bis sie an eine ländliche Brücke für Fußgänger gelangten, welche über einen dunklen, nicht lärmenden, sondern leise und sanft dahinfließenden Forellenbach führte, unzweifelhaft denselben Bach, an dessen Ufer Kenelm in einer Entfernung von vielen Meilen sich mit dem Troubadour unterhalten hatte. Grade als sie an die Brücke gelangten, drang aus der Ferne der Klang der Dorfkirchenglocke an ihr Ohr.

»Lassen Sie uns hier eine Weile sitzen und zuhören«, sagte Kenelm, indem er sich auf das Geländer der Brücke setzte. »Ich sehe, Sie haben Ihre Pfeife aus dem Wirthshaus mitgebracht und sich mit Tabak 23 versehen; stopfen Sie Ihre Pfeife wieder und hören Sie zu.«

Tom gehorchte halb lächelnd.

»O Freund«, sagte Kenelm ernst und nach einer langen Pause des Nachdenkens, »fühlen Sie nicht, welch ein Segen es in diesem sterblichen Leben ist, bisweilen daran erinnert zu werden, daß wir eine Seele haben?«

Tom schien betroffen, nahm die Pfeife aus dem Munde und murmelte:

»Wie?«

Kenelm fuhr fort:

»Sie und ich, Tom, sind nicht so gut, wie wir sein sollten, das ist unzweifelhaft, und gute Menschen würden mit Recht sagen, daß wir lieber in jener Kirche selbst sein, als dem Geläute ihrer Glocken zuhören sollten. Das werden Sie unbedingt zugeben, mein Freund, aber doch ist es schon etwas, diese Glocken zu hören und inmitten der Gedanken, welche schon in unserer Kindheit in uns erwachten, als wir zu den Knieen einer Mutter unser Gebet sprachen, zu fühlen, daß wir uns über diese sichtbare Natur, über diese Felder und Wälder und Gewässer erheben, in welchen bei aller ihrer Schönheit Sie und ich etwas vermissen, was bewirkt, daß wir uns darin nicht so glücklich fühlen wie die Kühe auf den Feldern, die Vögel auf 24 den Zweigen und die Fische im Wasser. daß wir uns über diese schöne Natur durch das Bewußtsein einer Fähigkeit erheben, die Ihnen und mir, nicht aber den Kühen, den Vögeln und den Fischen gewährt ist, die Fähigkeit zu begreifen, daß über der Natur ein Gott waltet und daß der Mensch ein Leben nach dem Tode zu erwarten hat. Das sagt der Klang der Glocke Ihnen und mir. Das könnte die Glocke, und wenn sie auch noch tausendmal schöner klänge, den Kühen, Vögeln und Fischen nicht sagen. Verstehen Sie mich, Tom?«

Tom schwieg einen Augenblick und erwiderte dann: »Ich habe früher nie darüber nachgedacht, aber so, wie Sie es sagen, verstehe ich es.«

»Die Natur verleiht keinem lebenden Geschöpf jemals Fähigkeiten, die nicht zu seinem Besten bestimmt wären. Wenn die Natur uns die Fähigkeit verleiht, zu glauben, daß wir einen Schöpfer haben, obgleich wir ihn nie gesehen und für sein Dasein keinen directen Beweis haben, der freundlicher und gütiger und zärtlicher ist als Alles, was wir von Freundlichkeit, Güte und Zärtlichkeit auf Erden kennen, so muß die Fähigkeit, ein solches Wesen zu begreifen, uns zu unserem Besten verliehen sein; es könnte nicht zu unserem Besten sein, wenn es eine Lüge wäre. Und 25 ebenso, wenn die Natur uns die Fähigkeit verliehen hat, die Idee in uns aufzunehmen, daß wir ein zweites Leben nach diesem Leben haben werden, so beweist, gleichviel, ob einige von uns sich weigern, das zu glauben, und dagegen argumentiren, eben die Fähigkeit, die Idee in uns aufzunehmen – denn wenn wir sie nicht in uns aufnähmen, könnten wir nicht gegen sie argumentiren – daß sie uns zu unserm Besten verliehen ist. Und wenn es kein solches Leben nach dem Tode gäbe, so würden wir gelenkt und beeinflußt werden, unser Leben einrichten und unsere Civilisation zur Reife bringen im Dienste einer Lüge, deren Urheber die Natur selbst durch die Verleihung der Fähigkeit, sie zu glauben, wäre. Haben Sie mich verstanden?«

»Ja; es wird mir ein bischen schwer, denn sehen Sie, ich bin kein Kirchenmann, aber ich verstehe.«

»Dann mein Freund, seien Sie eifrig beflissen, denn es bedarf fortwährender eifriger Beflissenheit, seien Sie eifrig beflissen, das, was Sie verstehen, auf Ihren eigenen Fall anzuwenden. Sie sind etwas mehr als Tom Bowles der Schmidt und Pferdedoctor, etwas mehr als das prachtvolle Thier, das von einem rasenden Verlangen nach einer Genossin getrieben wird und das jeden Nebenbuhler zu Boden schlägt. Das thut auch der Stier. Sie sind eine Seele, die mit 26 der Fähigkeit begabt ist, die Idee eines Schöpfers in sich aufzunehmen, der so göttlich, weise, groß und gut ist, daß, wenn er auch bei seinen Handlungen die Richtschnur allgemeiner Gesetze befolgt, er sie doch allen individuellen Fällen anpassen kann, sodaß, wenn Sie an das Leben nach dem Tode denken, an welches zu glauben er Ihnen die Fähigkeit verleiht, Sie überzeugt sein müssen, daß Alles, was Sie jetzt quält, von Ihnen in diesem oder jenem Leben als weise, groß und gut erkannt werden wird. Durchdringen Sie sich mit dieser Wahrheit, Freund, jetzt, ehe die Glocke zu erschallen aufhört, rufen Sie sich es ins Gedächtniß, so oft Sie die Kirchenglocke wieder erklingen hören. Und, Tom, Sie sind eine so edle Natur!«

»Ich – ich? Sie müssen mich nicht necken, nein, das dürfen Sie nicht.«

»Eine so edle Natur, denn Sie können so leidenschaftlich lieben, Sie können so wüthend kämpfen und können doch, sobald Sie überzeugt sind, daß Ihre Liebe den Gegenstand derselben unglücklich machen würde, darauf verzichten, und können doch, wenn in Ihrem Kampfe geschlagen, Ihrem Besieger so völlig verzeihen, daß Sie Freundschaft mit ihm schließen und einsam mit ihm wandern, obgleich Sie wissen, daß Sie nur einen Schritt hinter ihm zurückzubleiben brauchen, um 27 ihm in einem unbewachten Augenblick das Leben zu nehmen, aber lieber, als ihm das Leben nehmen, würden Sie es gegen eine Armee vertheidigen. Halten Sie mich für so stumpfsinnig, daß ich nicht das Alles klar sähe, und ist das nicht ein Beweis einer edlen Natur?«

Tom Bowles verbarg sein Gesicht in den Händen und seine breite Brust wogte gewaltig.

»Nun denn, dieser edlen Natur vertraue ich jetzt. Ich selbst habe noch wenig Gutes in meinem Leben gethan. Vielleicht werde ich nie viel Gutes thun, aber lassen Sie mich glauben, daß ich nicht vergebens für Sie und für die, auf welche Sie in gutem oder schlechtem Sinne wirken können, Ihr Leben durchkreuzt habe. Seien Sie ebenso sanft, wie Sie stark sind; wie Sie eine lieben können, so seien Sie gütig gegen alle; wie Sie so Vieles haben, was Sie groß macht als Mensch, der das größte Werk Gottes auf Erden ist, so lassen Sie alle Ihre Handlungen, Ihre Mannhaftigkeit an die Idee Gottes knüpfen, dem die Stimme der Glocke entgegentönt. O, da schweigt die Glocke, aber nicht Ihr Herz, Tom, das spricht noch.«

Tom weinte wie ein Kind. 28

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