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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Sir Peter hatte von Kenelm nichts gehört, seit dieser ihn in einem Briefe benachrichtigt hatte, daß er London verlassen habe, um einen wahrscheinlich kurzen Ausflug zu unternehmen, der aber doch einige Wochen dauern könne. Der gute Baronet beschloß daher jetzt selbst nach London zu gehen, um vielleicht Kenelm nach seiner Rückkehr zu treffen oder, falls derselbe noch abwesend sein sollte, wenigstens von Mivers und Anderen zu erfahren, wie weit es dieser sehr excentrische Planet möglich gemacht habe, inmitten der Fixsterne des hauptstädtischen Systems eine unregelmäßige Bahn zu verfolgen.

Er hatte noch andere Gründe, nach London zu gehen. Er wünschte die Bekanntschaft Gordon 335 Chillingly's zu machen, bevor er ihm die zwanzigtausend Pfund einhändigte, welche Kenelm durch jene neue Festsetzung in Betreff der Güter, die vor seiner Abreise nach Moleswick von ihm unterzeichnet worden war, freigemacht hatte. Noch mehr wünschte Sir Peter Cecilia Travers zu sehen, für welche Kenelm's Berichte ein sehr lebhaftes Interesse bei ihm erweckt hatten.

Den Tag nach seiner Ankunft in London frühstückte Sir Peter bei Mivers.

»Sie sind wahrhaftig sehr behaglich eingerichtet«, sagte Sir Peter mit einem Blick auf den wohlbesetzten Tisch und die hübschen Möbel.

»Das ist sehr natürlich, ich habe niemand, der mich in meiner Behaglichkeit stört. Ich bin nicht verheirathet. Nehmen Sie doch etwas von diesem Omelette.«

»Einige Männer versichern nie Behaglichkeit gekannt zu haben, bis sie verheirathet waren, Vetter Mivers.«

» Einige Männer sind reflectirende Körper und begnügen sich mit dem blassen Abglanz der Behaglichkeit, die ihre Frau um ihre eigene Person zu verbreiten weiß. Bei meinem bescheidenen gesicherten Vermögen würde mich eine Frau meiner jetzigen Behaglichkeit in hohem Grade berauben und sich dieselbe aneignen! 336 Statt in diesen hübschen Zimmern würde ich in einem bei Tage von keinem Sonnenstrahl beschienenen, bei Nacht von Katzenmusik erfüllten Loch mit der Aussicht auf einen Hof wohnen müssen, während meine Frau sich in zwei nach Süden gelegenen Salons und vielleicht einem Boudoir mit üppigem Behagen ausbreiten würde. Mein Brougham würde für mich unbenutzbar werden und von dem in seine Crinoline versenkten ›Engel meines häuslichen Herdes‹ und seinem Chignon ganz in Anspruch genommen werden. Nein, wenn ich je heirathe, und ich hüte mich wohl, mich der Höflichkeiten und der Handarbeiten, mit denen mich unverheirathete Damen überschütten, durch die Erklärung, daß ich nie heirathen werde, zu berauben, so wird es erst dann geschehen, wenn die Frauen sich in den vollen Besitz ihrer Rechte gesetzt haben werden; denn erst dann werden die Männer eine Chance haben, auch ihre Rechte geltend zu machen. Dann werde ich, wenn zwei Salons im Hause sind, einen davon für mich nehmen, und wenn nur einer da ist, werden wir losen, wer die Hinterstube haben soll; wenn wir einen Brougham halten, wird er drei Tage in der Woche ausschließlich zu meiner Verfügung stehen; wenn meine Frau zweihundert Pfund jährlich für ihre Toilette beansprucht, muß sie sich mit hundert Pfund begnügen, 337 die andere Hälfte werde ich für meine Garderobe verwenden; wenn ich von Correcturbogen und Druckerjungen bedrängt bin, so fällt die Hälfte dieser Bedrängniß auf sie, während ich meine freie Zeit beim Croquetspiel in Wimbledon zubringe. Ja, wenn die jetzige Zurücksetzung der Frauen erst einmal einer Gleichstellung derselben mit den Männern Platz gemacht haben wird, dann will ich mich gern verheirathen. Und um es meinerseits nicht an Großmuth fehlen zu lassen, werde ich mich nicht widersetzen, wenn meine Frau bei Wahlen zu geistlichen Aemtern oder zum Parlament mitstimmen will. Ich werde ihr auch meine Stimme mit Vergnügen überlassen.«

»Ich fürchte, mein lieber Vetter, Sie haben Kenelm mit ihren egoistischen Ideen über den Ehestand angesteckt. Er scheint nicht geneigt, sich zu verheirathen, wie?«

»Nicht daß ich wüßte.«

»Was für eine Art Mädchen ist Cecilia Travers?«

»Eins jener bedeutenden Mädchen, von denen man nicht zu fürchten braucht, daß sie sich zur Höhe jener schrecklichen Riesenweiber, die man bedeutende Frauen nennt, emporschwingen werden. Eine schöne, wohlerzogene, verständige junge Dame, die dadurch, daß sie eine Erbin ist, nicht verdorben ist, kurz, so 338 recht ein Mädchen, das man sich zur Schwiegertochter ausersehen möchte.«

»Und Sie glauben nicht, daß Kenelm eine Neigung für sie hat?«

»Aufrichtig gesagt, ich glaube es nicht.«

»Hat er denn irgend eine andere Neigung? Es gibt Dinge, in Betreff deren Söhne ihre Väter nicht zu Vertrauten machen. Haben Sie nie gehört, ob Kenelm ein bischen wild gewesen ist?«

»Wild ist er, wie der edle Wilde, der die Wälder durchstreift«, erwiderte Vetter Mivers.

»Sie erschrecken mich.«

»Ehe der edle Wilde den Squaws in den Weg lief und weise genug war, vor ihnen wegzulaufen. Kenelm ist eben jetzt irgendwohin davongelaufen.«

»Ja, er hat mir nicht gesagt wohin, und in seiner Wohnung wissen sie es auch nicht. Auf seinem Schreibtisch liegt eine Masse von Billetts, aber niemand weiß, wohin sie geschickt werden sollen. Im Ganzen hat er sich aber eine Stellung in der Londoner Gesellschaft verschafft, wie?«

»Gewiß! Er ist mehr umworben und mehr besprochen worden als die meisten jungen Männer. Das ist bei Sonderlingen gewöhnlich der Fall!«

»Finden Sie nicht, daß er mehr als gewöhnliche 339 Talente hat? Glauben Sie nicht, daß er eine Rolle in der Welt spielen und jene Schuld an die Literatur oder die politischen Interessen seines Landes abtragen wird, welche ich und meine Vorgänger, die anderen Sir Peters, leider nicht bezahlt haben und um derentwillen ich seine Geburt freudig begrüßte und ihm den Namen Kenelm gab?«

»Darüber habe ich wahrhaftig keine Vermuthung«, antwortete Mivers, der jetzt mit seinem Frühstück fertig war, sich auf einen Lehnstuhl gesetzt und eine seiner famosen Trabucos angezündet hatte. »Wenn ihn ein großer Vermögensverlust beträfe und er für sein tägliches Brod arbeiten müßte, oder wenn sonst ein schreckliches Unglück sein Nervensystem plötzlich erschütterte, dann würde ich es für sehr möglich halten, daß er die trägen Wasser des Lebensstromes, der die Menschen von der Wiege bis zum Grabe trägt, gewaltsam aufspritzen machte. Aber Sie sehen, er bedarf, wie er selbst sehr richtig sagt, der beiden Antriebe zu entschiedenem Handeln, der Armuth und der Eitelkeit.«

»Es hat aber doch sicherlich große Männer gegeben, die weder arm noch eitel waren?«

»Das bezweifle ich; aber die Eitelkeit, die ich für ein beherrschendes Motiv erkläre, tritt unter den verschiedensten Gestalten auf; nennen Sie es Ehrgeiz, 340 nennen Sie es Ruhmsucht, das Wesen bleibt immer dasselbe: der Wunsch nach Beifall, der sich in einem unruhig aufgeregten Handeln bethätigt.«

»Das Streben nach abstracter Wahrheit kann aber ohne den Wunsch nach Beifall bestehen.«

»Sicherlich. Ein Naturforscher auf einer wüsten Insel kann sich damit unterhalten, über den Unterschied von Licht und Wärme nachzudenken. Aber wenn er nach seiner Rückkehr in die Welt das Ergebniß seines Nachdenkens veröffentlicht, so kommt die Eitelkeit ins Spiel und er verlangt nach Beifall.«

»Unsinn, Vetter Mivers; er kann vielmehr wünschen, der Menschheit zu nützen und wohlzuthun. Sie werden doch nicht leugnen wollen, daß es etwas wie Menschenliebe gibt?«

»Ich leugne nicht, daß es etwas wie Humbug gibt. Und so oft mir ein Mensch vorkommt, der die Stirn hat, mir zu sagen, er gebe sich für einen philanthropischen Zweck ohne die geringste Aussicht auf Anerkennung oder Geldgewinn große Mühe und mache sich viele Umstände, so weiß ich, daß ich einen Humbug vor mir habe und zwar einen gefährlichen Humbug, einen Schwindler, einen Patron, der die Taschen voll von spitzbübischen Prospecten und Ausrufen an Subscribenten hat.«

341 »Bah, bah, verschonen Sie mich doch mit Ihrem affectirten Egoismus! Sie sind kein hartherziger Mensch! Sie müssen die Menschheit lieben, Sie müssen sich für die Wohlfahrt der Nachwelt interessiren.«

»Die Menschheit lieben, mich für die Nachwelt interessiren? Gott stehe mir bei, Vetter Peter, Sie haben doch hoffentlich keine Prospecte in der Tasche, keine Pläne zum Austrocknen der pontinischen Sümpfe aus reiner Liebe zur Menschheit, keine Vorschläge, die Einkommensteuer zu verdoppeln, um einen Reservefonds für die Nachwelt, im Fall unsere Kohlengruben in dreitausend Jahren erschöpft sein sollten, zu bilden? Liebe zur Menschheit! Unsinn! Das kommt davon, wenn man auf dem Lande lebt.«

»Aber Sie lieben doch die Menschheit, Sie denken doch an die kommenden Generationen.«

»Ich? Durchaus nicht. Im Gegentheil, ich hasse vielmehr die Menschheit in ihrer Gesammtheit, die australischen Buschmänner mit einbegriffen, und ich glaube keinem Menschen, der mir sagt, daß es ihm nicht viel unangenehmer wäre, wenn seine Schlachterrechnung erhöht würde, als wenn zehn Millionen Menschen in beträchtlicher Entfernung, sagen wir in Abissynien, von einem Erdbeben verschlungen würden. Und was die Nachwelt betrifft, wer möchte sich wohl 342 einen Gichtanfall oder einen tic douloureux auf einen Monat gefallen lassen, damit die Nachwelt im Jahre des Heils 4000 sich eines vollkommenen Canalisationssystems erfreue?«

Sir Peter, der erst kürzlich an einem sehr heftigen Anfall von Neuralgie gelitten hatte, schüttelte den Kopf, war aber zu gewissenhaft, um nicht zu schweigen.

»Um auf etwas Anderes zu kommen«, sagte Mivers, indem er seine Cigarre, die er während der Kundgebung seiner liebenswürdigen Ansichten beiseite gelegt hatte, wieder anzündete, »ich glaube, Sie würden gut thun, während Ihres Aufenthalts in London Ihren alten Freund Travers aufzusuchen und sich Cecilia vorstellen zu lassen. Wenn Sie eine ebenso vortheilhafte Meinung von ihr gewinnen wie ich, so könnten Sie ja Vater und Tochter einladen, Sie in Exmundham zu besuchen. Mädchen beschäftigen sich in Gedanken mehr mit einem Mann, wenn sie die Stätte kennen lernen, die er ihnen als Heim bieten kann, und Exmundham ist ein für Mädchen anziehender Platz, malerisch und romantisch.«

»Das ist ein vortrefflicher Gedanke«, rief Sir Peter freudig aus. »Ich möchte aber auch die Bekanntschaft Chillingly-Gordon's machen. Geben Sie mir seine Adresse.«

343 »Seine Karte liegt da auf dem Kaminsims, nehmen Sie sie. Sie finden ihn täglich bis zwei Uhr zu Hause. Er ist zu verständig, um seine Nachmittage damit zu vergeuden, daß er mit jungen Damen im Hyde-Park spazieren reitet.«

»Sagen Sie mir Ihre aufrichtige Meinung über diesen jungen Verwandten. Kenelm sagt mir, er sei begabt und ehrgeizig.«

»Kenelm hat Recht. Er ist kein Mensch, der sich damit abgibt, dummes Zeug über Liebe zur Menschheit und Nachwelt zu reden. Er ist ein Kind unserer Tage, mit großen, scharfen, weitgeöffneten Augen, die nur auf solche Theile der Menschheit blicken, welche ihm nützlich sein können, und sich ihre Sehkraft nicht damit verderben, durch Ferngläser zu gucken, um vielleicht einen Blick in die Zukunft zu thun. In Gordon steckt ein künftiger Schatzkanzler, vielleicht ein Premierminister.«

»Und der Sohn des alten Gordon ist ein fähigerer Mensch als mein Sohn, als der Namensvetter Kenelm Digby's?« sagte Sir Peter seufzend.

»Das habe ich nicht gesagt. Ich bin gescheidter als Chillingly Gordon und der Beweis ist, daß ich zu gescheidt bin, um zu wünschen, Premierminister zu sein – ein sehr unangenehmes Amt, das schwere Arbeit, 344 unregelmäßige Eßstunden, viel schlechte Behandlung und permanente Unverdaulichkeit mit sich bringt.«

Sir Peter ging etwas niedergeschlagen fort. Er fand Chillingly Gordon in seinem Logis in Jermyn-Street zu Hause. Obgleich durch Alles, was er über ihn gehört hatte, gegen ihn eingenommen, fand sich Sir Peter doch bald günstig für ihn gestimmt. Gordon zeigte ihm gegenüber ein offenes, weltmännisches Wesen und war viel zu taktvoll, um Gesinnungen Ausdruck zu geben, die bei einem Landedelmann vom alten Stil und einem Verwandten, der ihm in seiner Carrière möglicherweise von Nutzen sein konnte, leicht hätten Anstoß erregen können. Er berührte den unglücklichen, von seinem Vater begonnenen Streit kurz und mit dem Ausdruck wahren Bedauerns, sprach mit herzlicher Anerkennung von Kenelm und mit feiner Gutmüthigkeit von Mivers, als einem Mann, der, um das Epigramm auf Karl II. zu parodiren, »niemals etwas Freundliches sagt und nie etwas Hartes thut«.

Dann lenkte er das Gespräch auf ländliche Interessen und die Aussichten der Landwirthschaft, ließ sich von Sir Peter erzählen, daß einer seiner Zwecke bei seinem Besuche in London der Wunsch sei, eine patentirte Wasserschnecke zu besichtigen, die ihm sehr nützlich für seinen schlecht mit Wasser versorgten 345 Pachthof sein könnte, setzte den Baronet durch die Entfaltung einiger Kenntnisse in der praktischen Mechanik in Erstaunen, bestand darauf, ihn bei der Besichtigung der Wasserschnecke in die City zu begleiten, und erklärte sich mit einem Kaufe einverstanden, zeigte ihm dann eine neue amerikanische Mähmaschine und ging nicht von Sir Peter, bis er ihm versprochen hatte, mit ihm im Garrick-Club zu Mittag zu essen, eine Einladung, die Sir Peter besonders angenehm war, da er sehr neugierig war, einige der neuerdings berühmt gewordenen Mitglieder dieses geselligen Clubs zu sehen.

Nachdem Sir Peter von dem jungen Gordon Abschied genommen, ging er zu Leopold Travers und beschäftigte sich auf dem Wege in Gedanken in wohlwollender Weise mit seinem jungen Verwandten.

»Mivers und Kenelm«, dachte er bei sich »hatten mich ungünstig gegen diesen jungen Menschen gestimmt; sie schilderten ihn als weltlich, selbstsüchtig und so weiter. Aber Mivers hat so cynische Ansichten über Charaktere und Kenelm ist zu excentrisch, um einen verständigen Weltmann billig zu beurtheilen. Auf keinen Fall sieht es einem Egoisten ähnlich, sich so viele Umstände zu machen und so höflich gegen einen alten Kerl wie mich zu sein. Ein junger lebenslustiger Mensch muß seinen Tag angenehmer zu verbringen 346 wissen, als mit der Besichtigung von Wasserschnecken und Mähmaschinen. Sie geben zu, daß er gescheidt ist, ja, das ist er entschieden und nicht unangenehm gescheidt, praktisch.«

Sir Peter fand Travers im Eßzimmer mit seiner Tochter, Frau Campion und Lady Glenalvon.

Travers war einer jener wenigen Männer im besten Mannesalter, die öfter in ihrem Salon als in ihrem Arbeitszimmer anzutreffen sind; er liebte weibliche Gesellschaft, und vielleicht war es diese Vorliebe, welche dazu beitrug, ihm die Anmuth der Wohlerzogenheit und gewinnender Manieren zu erhalten.

Die beiden Männer hatten sich seit vielen Jahren nicht gesehen, nicht seitdem Travers als Löwe des Tages den Höhepunkt seiner Laufbahn erreicht hatte und Sir Peter einer jener angenehmen humoristischen Causeurs gewesen war, welche an jeder Tafel zu den beliebten und vielumworbenen Gästen gehören.

Sir Peter war ursprünglich ein gemäßigter Whig gewesen, weil sein Vater vor ihm derselben Richtung angehört hatte, war aber dieser Partei mit dem Herzog von Richmond, Stanley, dem späteren Lord Derby, und Andern untreu geworden, als es ihm schien, daß diese Partei aufgehört habe, gemäßigt zu sein.

Leopold Travers war als junger Offizier bei den 347 Garden ein Hoch-Tory gewesen, trat aber bei der Aufhebung der Korngesetze auf Sir Robert Peel's Seite, blieb Peelit, nachdem die Masse der Tories sich der Leitung ihres früheren Chefs entzogen hatte, und ging jetzt mit den Peeliten, wohin immer der Fortschritt der Zeit ihre Schritte, den Whigs voran und den Tories zum Trotz, lenken mochte.

Indessen handelt es sich in diesem Augenblick nicht um die politische Richtung der beiden Männer. Wie gesagt, sie hatten sich seit vielen Jahren nicht gesehen. Travers hatte sich sehr wenig verändert. Sir Peter erkannte ihn sofort wieder. Sir Peter aber hatte sich sehr verändert und es dauerte eine Weile, bis Travers, als er seinen Namen hörte, sich überzeugte, daß es der richtige Sir Peter sei, und mit ausgestreckter Hand auf ihn zuging. Travers' Haarfarbe war noch unverändert wie die eleganten Formen seiner Gestalt und er war noch mit derselben peinlichen Sorgfalt gekleidet wie in seinen Dandytagen. Sir Peter, der früher sehr mager gewesen war, blonde Locken und träumerische, blaue Augen gehabt, hatte sich jetzt ein Bäuchlein zugelegt, war sehr grau geworden und trug seit langer Zeit eine Brille; auch sein Anzug war sehr altmodisch und von einem Schneider auf dem Lande gemacht. Er machte ebenso sehr den 348 Eindruck eines Gentlemans wie Travers, sah, wenn man den Unterschied der Jahre berücksichtigte, vielleicht ebenso gesund aus und versprach ein ebenso hohes Alter zu erreichen. Aber der Unterschied zwischen beiden bestand darin, daß der eine ein nervöses, der andere ein lymphatisches Temperament hatte. Travers hatte weniger Gehirn als Sir Peter, hatte aber sein Gehirn unausgesetzt in Thätigkeit erhalten. Sir Peter hatte sein Gehirn durch die Liebhaberei an alten Büchern und das Vergnügen an müßiger Träumerei verwöhnt. Deshalb sah Travers noch jung, frisch, den Forderungen seiner Zeit und Allem gewachsen aus, während Sir Peter beim Eintritt in den Salon wie eine Art Rip van Winkle, der eine ganze Generation verschlafen hat und seine Umgebung mit noch schläfrigen Augen betrachtet, erschien. Aber doch würde man bei Sir Peter in jenen seltenen Augenblicken, wo er ganz aufgeweckt war, eine Glut des Herzens, ja selbst eine Kraft des Gedankens gefunden haben, die den Eigenschaften, welche wir bei der Jugend am meisten lieben und bewundern, viel näher kamen, als die Frische des Wesens, die charakteristisch für Leopold Travers war.

»Mein lieber Sir Peter, sind Sie es? Wie freue ich mich, Sie wiederzusehen!« sagte Travers. »Wie ewig lange haben wir uns nicht gesehen, und wie gütig 349 waren Sie damals gegen mich albernen Geck! Aber lassen wir das Vergangene vergangen sein und beschäftigen wir uns mit der Gegenwart. Erlauben Sie mir zunächst, Ihnen meine geschätzte Freundin, Frau Campion, deren ausgezeichneten Gatten Sie gekannt haben, vorzustellen. Ach, wie angenehme Stunden haben wir in seinem Hause zugebracht! Und hier die junge Dame, bei der sie Mutterstelle vertritt, ist meine Tochter Cecilia. Lady Glenalvon, die Freundin Ihrer Frau, brauche ich Ihnen nicht vorzustellen; über sie hat die Zeit keine Gewalt.«

Sir Peter nahm seine Brille ab, deren er sich eigentlich nur zum Lesen kleiner Schrift bediente, und betrachtete sich aufmerksam die drei Damen, vor deren jeder er sich verneigte. Aber während seine Augen noch auf Cecilia ruhten, trat Lady Glenalvon, wie es ihr vermöge ihres Ranges und ihrer alten Bekanntschaft zustand, zuerst von den dreien auf ihn zu und begrüßte ihn.

»Ach mein lieber Sir Peter, die Zeit verschont keinen von uns, aber was schadet das, wenn sie nur angenehme Erinnerungen zurückläßt. Bei Ihrem Anblick kehrt mir meine Jugend wieder, meine Jugendfreundin, Karoline Brotherton, jetzt Lady Chillingly, unsere Spaziergänge als Mädchen, auf welchen wir 350 uns von Balltoiletten unterhielten und von künftigen Ehemännern träumten. Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir, erzählen Sie mir von Karolinen.«

Obgleich Sir Peter wenig von Karolinen zu berichten hatte, was irgend jemand außer ihm selbst interressiren konnte, setzte er sich gleichwohl zu Lady Glenalvon und erstattete pflichtmäßig den schmeichelhaftesten Bericht über seine bessere Hälfte, den ihm Erfahrung oder Erfindung eingaben. Während der ganzen Zeit jedoch waren seine Gedanken bei Kenelm und seine Augen auf Cecilia gerichtet.

Cecilia nahm eine Handarbeit wieder auf, deren Bestimmung geheimnißvoll war; vielleicht war es eine Stickerei für einen Klavierstuhl, vielleicht waren es ein Paar Pantoffeln für ihren Vater, der sie aber, da er sehr eitel auf seine Füße war und wußte, daß sie am besten in einfachem Maroquin aussahen, gewiß nie tragen würde. Sie schien durch ihre Beschäftigung absorbirt, aber ihre Augen und ihre Gedanken waren – warum, werden meine schönen Leserinnen schon errathen – liebevoll auf Sir Peter gerichtet. Sie fand, er habe ein höchst liebenswürdiges, intelligentes, wohlwollendes Gesicht. Sie bewunderte selbst seinen altmodischen Ueberrock, sein hohes Halstuch und seine Beinkleider mit Strippen. Sie verehrte seine grauen, ungefärbten 351 Haare. Sie bemühte sich, eine große Aehnlichkeit zwischen diesem blauäugigen, wohlbeleibten, ältlichen Herrn von heller Complexion und dem magern, schwarzäugigen, schwermüthigen, vornehm aussehenden Kenelm herauszufinden, und es gelang ihr, was keinem Andern gelungen sein würde. Sie fing an Sir Peter zu lieben, obgleich er noch kein Wort mit ihr gesprochen hatte.

Ah, darüber ein Wort an Euch, meine jungen Leser! Du, mein junger Freund, der Du ein Mädchen zu heirathen wünschest, das Dich zärtlich und für immer lieben und eine vortreffliche, tüchtige Frau für Dich werden soll, beachte wohl, wie sie sich gegen Deine Eltern benimmt, wie sie mit unaussprechlicher Zärtlichkeit, mit selbstloser Verehrung an ihnen hängt; und solltest Du diese Zärtlichkeit, diese Verehrung nur schwach erkennen, so beachte, wie sie bei einer kleinen Differenz zwischen Dir und Deinen Eltern Dich mit zauberischer Gewalt wieder dahin bringen wird, Deinen Vater und Deine Mutter zu ehren, selbst wenn sie ihr nicht besonders sympathisch sind. Nun, wenn Du ein solches Mädchen zum Weibe bekommst, so denke, daß Du einen Schatz gewonnen, dem der Himmel die beiden schönsten Eigenschaften verliehen hat: tiefes Liebesbedürfniß und starkes Pflichtgefühl.

Was ich aber, meine schöne Leserin, von dem 352 einen Geschlechte sage, das gilt auch von dem andern, wenn auch in geringerem Grade, weil ein Mädchen, das sich verheirathet, ein Mitglied der Familie ihres Mannes, der Mann aber kein Mitglied der Familie seiner Frau wird. Aber doch mißtraue ich der Innigkeit der Liebe eines Mannes für ein Mädchen, wenn er nicht einen hohen Grad von Zärtlichkeit und im Falle entstehender Differenzen von Nachsicht für ihre Eltern hat. Aber die Frau muß dieselben nicht so in den Vordergrund treten lassen, daß der Mann glauben könnte, er werde zurückgesetzt. Verzeihe diese unerträglich lange Abschweifung, lieber Leser, die aber nicht ganz Abschweifung ist, denn es ist wesentlich für meine Erzählung, daß Du die Gattung von Mädchen, deren Personification Cecilia Travers ist, genau kennst.

»Was ist aus Kenelm geworden?« fragte Lady Glenalvon.

»Ich wollte, ich könnte es Ihnen sagen«, erwiderte Sir Peter. »Er schrieb mir, daß er sich zu Streifereien im frischen Wald und Wiesengrün, vielleicht für einige Wochen, aufmache. Seitdem habe ich nichts wieder von ihm gehört.«

»Sie machen mich ängstlich«, sagte Lady Glenalvon; »ich hoffe, es ist ihm nichts zugestoßen; er wird doch nicht krank geworden sein?«

353 Ceilia hielt in ihrer Arbeit inne und blickte ernst auf.

»Beruhigen Sie sich«, sagte Travers lachend; »ich weiß ein Geheimniß. Er hat den Champion Englands gefordert und ist aufs Land gegangen, sich trainiren zu lassen.«

»Sehr wahrscheinlich«, sagte Sir Peter ruhig; »das würde mich nicht im mindesten überraschen; würden Sie sich darüber wundern, Fräulein Travers?«

»Ich halte es für wahrscheinlicher, daß Herr Chillingly Andern etwas Gutes erweist, was er verborgen zu halten wünscht.«

Sir Peter war von dieser Antwort angenehm berührt und rückte seinen Stuhl näher an Cecilia heran.

Lady Glenalvon, die mit großem Vergnügen die beiden sich nähern sah, stand bald auf und verabschiedete sich.

Sir Peter blieb fast eine Stunde, während welcher er sich hauptsächlich mit Cecilia unterhielt, die sich außerordentlich leicht den Weg zu seinem Herzen bahnte; und er verließ das Haus nicht, ohne ihrem Vater, Frau Campion und ihr selbst das Versprechen abgenommen zu haben, ihn gegen Ende der Londoner Saison, welche nahe bevorstand, auf eine Woche in Exmundham zu besuchen.

354 Nachdem Sir Peter dieses Versprechen erhalten hatte, ging er fort und zehn Minuten später trat Herr Chillingly Gordon in den Salon. Er stand bereits bei Travers auf dem Besuchsfuß, Travers hatte Geschmack an ihm gefunden. Frau Campion fand, er sei ein außerordentlich wohlunterrichteter, ungezierter junger Mann und den meisten jungen Leuten weit überlegen. Cecilia war von einer herzlichen Höflichkeit gegen Kenelm's Vetter.

Es war ein sehr glücklicher Tag für Sir Peter. Er amüsirte sich gut bei dem Diner im Garrick-Club, wo er einige alte Bekannte traf und einigen neuen Berühmtheiten vorgestellt wurde. Er bemerkte, daß Gordon gut mit diesen Notabilitäten stand. Obgleich er selbst sich noch nicht ausgezeichnet hatte, behandelten sie ihn doch mit einem gewissen Respekt und mit offenbarer Zuneigung. Der bedeutendste dieser Männer, der wenigstens, welcher sich des am festesten begründeten Rufs erfreute, sagte Sir Peter ins Ohr: »Sie können auf Ihren Neffen Gordon stolz sein.«

»Er ist nicht mein Neffe, nur der Sohn eines sehr entfernten Vetters.«

»Das thut mir leid. Aber er wird über seine ganze Familie, auch über die entferntesten Verwandten Glanz verbreiten. Ein gescheidter Mensch, der sich 355 dabei beliebt zu machen weiß, von seltener Combinationsgabe. Der wird es sicherlich weit bringen.«

Sir Peter fühlte, wie sich ihm die Kehle zusammenschnürte. »O wenn ein so bedeutender Mann so von Kenelm gesprochen hätte!«

Aber er war zu edel gesinnt, als daß er diesem halb neidischen Gefühle länger als einen Augenblick Raum gegeben hätte. Warum sollte er nicht stolz sein auf irgend ein Mitglied der Familie, welches der herkömmlichen Obscurität des Chillingly'schen Geschlechts ein Ende machen könnte?

Und wie aufmerksam war der junge Mann gegen ihn! Am nächsten Tage besichtigte er mit ihm die neuesten Erwerbungen des britischen Museums und verschiedene andere Ausstellungen und ging abends mit ihm in das Prince-of-Wales-Theater, wo Sir Peter von einer vortrefflichen kleinen Komödie von Robertson, in der Marie Wilton vortrefflich spielte, ganz entzückt war.

Als Gordon ihn am darauffolgenden Tage in seinem Hotel besuchte, erleichterte er sein Herz und machte ihm sofort die Mittheilung, mit der er bisher gezögert hatte.

»Gordon, mein Junge, ich habe eine Schuld gegen Dich und bin jetzt, Dank Kenelm, in den Stand gesetzt, sie abzutragen.«

356 Gordon war überrascht, fuhr ein wenig zusammen, sagte aber nichts.

»Ich habe Deinem Vater kurz nach Kenelm's Geburt gesagt, daß ich mein Londoner Haus aufgeben und jährlich tausend Pfund sparen und für Dich beiseite legen wolle, um Dich für die Dir entgangene Chance, im Fall ich kinderlos gestorben wäre, Exmundham zu erben, zu entschädigen. Nun, Dein Vater schien nicht viel auf dieses Versprechen zu geben und prozessirte mit mir über gewisse, mir ganz unbestreitbar zustehende Rechte. Wie ein so gescheidter Mann einen solchen Mißgriff begehen konnte, würde mir unbegreiflich sein, wenn ich mich nicht seines streitsüchtigen Temperaments erinnerte. Das Temperament ist ein Ding, das oft den Sieg über die Gescheidtheit davonträgt, ein uncontrolirbares Ding, das man nachsichtig beurtheilen muß. Da ich selbst durchaus nicht streitsüchtiger Natur bin – die Chillinglys sind ein friedfertiges Geschlecht – so hatte ich nicht die gehörige Nachsicht für die so verschiedene und für einen Chillingly so abnorme Natur Deines Vaters. Die Sprache und der Ton seines Briefes in dieser Angelegenheit verdrossen mich. Ich sah nicht ein, warum ich einer solchen Behandlung gegenüber mir die Gêne einer jährlichen Ersparniß von tausend Pfund auferlegen sollte. 357 Es bot sich die Gelegenheit, ein für den Besitzer von Exmundham höchst wünschenswerthes Stück Land zu kaufen. Ich kaufte es mit geliehenem Gelde, und obgleich ich mein Haus in London aufgab, konnte ich doch die tausend Pfund nicht zurücklegen.«

»Mein lieber Sir Peter, ich habe es immer bedauert, daß mein armer Vater sich, vielleicht aus einer zu zärtlichen Sorge für mein vermeintliches Interesse, zu diesem unglücklichen und erfolglosen Prozeß hatte verleiten lassen, nach dessen Anstellung niemand glauben konnte, daß Sie noch an die Ausführung einer etwa gehegten großmüthigen Absicht denken würden. Ich war dankbar überrascht, als ich von Kenelm und Ihnen so freundlich und herzlich in die Familie aufgenommen wurde. Lassen Sie, bitte, jeden Gedanken an diese Geldangelegenheit fahren; die Idee der Entschädigung eines sehr entfernten Verwandten für den Verlust von Aussichten, zu denen er gar nicht berechtigt war, ist wenigstens in meinen Augen zu absurd, als daß ich ihr je hätte Raum geben sollen.«

»Aber ich bin absurd genug, ihr Raum zu geben, obgleich Du Dich in einer sehr uneigennützigen Weise darüber aussprichst. Um zur Sache zu kommen. Kenelm ist mündig und wir haben die Beschränkungen eines freien Verfügungsrechtes aufgehoben. Das Gut 358 bleibt natürlich nach wie vor zu Kenelm's absolut freier Verfügung, und wir müssen es als ausgemacht betrachten, daß er sich verheirathen wird. Was aber auch Kenelm später mit seinem Eigenthum thun möge, für Dich ist es gleichgültig und kann nicht in Betracht kommen. Selbst der Titel stirbt mit Kenelm aus, wenn er keinen Sohn hat. Inzwischen sind durch die Aufhebung der Beschränkungen meines Verfügungsrechtes über das Gut Summen frei geworden, welche mich, wie gesagt, in den Stand setzen, eine Schuld abzutragen, die wir, wie Kenelm freudig anerkennt, gegen Dich haben. Zwanzigtausend Pfund stehen augenblicklich bei meinem Banquier mit der Bestimmung, an den Deinigen abgeschrieben zu werden; wenn Du inzwischen bei meinem Solicitor Herrn Vining in Lincolnsinn vorsprechen willst, so kannst Du bei ihm die neue Acte einsehen und ihm Deine Quittung über die zwanzigtausend Pfund geben, für welche er meine Anweisung in Händen hat. Nichts da, nichts da! Ich will kein Wort hören, keinen Dank; er gebührt mir nicht.«

Gordon aber, der während dieser kleinen Rede verschiedene Ausrufe gethan, welche Sir Peter nicht beachtet hatte, ergriff jetzt dessen Hand und preßte sie trotz alles Widerstrebens Sir Peter's an seine Lippen. »Ich muß Ihnen danken, ich muß meinen Gefühlen 359 Luft machen«, rief Gordon. »Diese schon an und für sich große Summe bedeutet für mich viel mehr, als Sie sich vorstellen können, sie eröffnet mir eine Carrière, sie sichert mir meine Zukunft.«

»Das höre ich von Kenelm; er sagte mir, diese Summe würde Dir jetzt nützlicher sein als der zehnfache Betrag in zwanzig Jahren.«

»Das wird sie, das wird sie. Und Kenelm ist mit diesem Opfer einverstanden?«

»Einverstanden? Er dringt darauf!«

Gordon wandte sich ab und Sir Peter fuhr fort: »Du willst ins Parlament – ein sehr natürlicher Ehrgeiz für einen begabten jungen Menschen. Ich maße mir nicht an, Dir Deine politische Richtung vorzuschreiben. Ich höre, Du bist ein sogenannter Liberaler; ich denke, ein Mann kann liberal sein, ohne zu den Jakobinern zu gehören.«

»Das will ich hoffen. Ich meinerseits bin nichts weniger als ein zu gewaltthätigen Maßregeln geneigter Mensch.«

»Gewaltthätig, nein! Wer hat je von einem gewaltthätigen Chillingly gehört! Aber ich habe heute in der Zeitung eine vor einer großen Volksversammlung gehaltene Rede gelesen, in welcher sich der Redner ganz ruhig und gelassen und unter Protest gegen jede 360 Gewaltthätigkeit für die Vertheilung alles Grundbesitzes und alles Kapitals anderer Leute unter die arbeitenden Klassen ausspricht, in der vermuthlich sehr richtigen Voraussicht aber, daß die zu Beraubenden sich das nicht ruhig gefallen lassen, sondern sich zur Wehr setzen würden, Wehe! über sie ruft und erklärt, in einem solchen Falle seien sie es, die sich der Gewaltthätigkeit schuldig machten, und sie hätten sich selbst die Folgen zuzuschreiben, wenn sie sich seinen und seiner Freunde bescheidenen Vorschlägen widersetzten. Das gehört vermuthlich auch zu den neuen Ideen, mit welchen Kenelm vertrauter ist als ich. Gehörst Du auch zu den Anhängern dieser neuen Ideen?«

»Gewiß nicht, ich verachte diese Narren.«

»Und Du wirst nicht auf revolutionäre Maßregeln dringen, wenn Du ins Parlament kommst?«

»Mein lieber Sir Peter, ich fürchte, Sie sind sehr schlecht über meine Ansichten berichtet, wenn Sie eine solche Frage thun. Hören Sie!« Und damit ging Gordon zu sehr geschickten und sehr subtilen Erörterungen über, durch die er sich zu nichts verpflichtete, was über die Weisheit einer richtigen Leitung der öffentlichen Meinung hinausging; worin diese richtige Leitung zu bestehen habe, darauf ging er nicht näher ein, das überließ er Sir Peter zu errathen. Sir Peter 361 errieth, wie Gordon es beabsichtigt hatte, daß die richtige Leitung eben die sei, die er, Sir Peter, für die richtige halte, und damit war er befriedigt.

Nachdem dieses Thema erschöpft war, sagte Gordon mit dem Ausdruck tiefer Empfindung: »Darf ich Sie bitten, das Maß der Güte, mit der Sie mich überschüttet haben, voll zu machen? Ich habe Exmundham nie gesehen und die Heimstätte des Geschlechts, dem ich entsprungen bin, ist vom höchsten Interesse für mich. Wollen Sie mir erlauben, einige Tage bei Ihnen zuzubringen und mich unter dem Schatten Ihrer Bäume von einem Mann in der Politik unterweisen zu lassen, der offenbar tief über dieselbe nachgedacht hat?«

»Tief? Nein! Ein wenig, ein wenig, als reiner Zuschauer«, sagte Sir Peter bescheiden, aber sehr geschmeichelt. »Mit dem größten Vergnügen, mein lieber Junge, Du sollst herzlich willkommen sein. Beiläufig, Travers und seine Tochter haben mir ihren Besuch in etwa vierzehn Tagen zugesagt, da solltest Du auch kommen.«

Das Gesicht des jungen Mannes überflog eine plötzliche Röthe. »O wie gern!« rief er. »Ich kenne Herrn Travers nur oberflächlich, aber ich habe ihn so gern und Frau Campion ist eine so wohlunterrichtete Dame.«

362 »Und was sagen Sie von dem Mädchen?«

»Das Mädchen, Fräulein Travers? O, sie ist in ihrer Art charmant. Aber ich spreche mit jungen Damen nicht mehr, als ich grade muß.«

»Darin bist Du also wie Dein Vetter Kenelm?«

»Ich wünschte, ich gliche ihm in anderen Dingen.«

»O nein, ein solcher Sonderling in einer Familie ist grade genug. Aber wenn ich Dich auch nicht in einen Kenelm verwandelt sehen möchte, so möchte ich doch auch das vollendetste Muster eines Sohnes, das die Welt aufzuweisen hat, nicht gegen einen andern Sohn vertauschen.« Nach diesem Ausbruch väterlicher Liebe drückte Sir Peter Gordon die Hand und ging zu Mivers, der ihn zum Luncheon erwartete und ihn dann an die Station begleiten wollte. Sir Peter wollte mit dem Nachmittagszuge nach Exmundham zurückkehren.

Als Gordon allein war, überließ er sich einem jener wonnigen Ausblicke in die Zukunft, welche zu den glücklichsten Augenblicken so ehrgeiziger junger Menschen, wie er einer war, gehören. Die Summe, welche Sir Peter zu seiner Verfügung stellte, würde ihm den Eintritt ins Parlament sichern. Er rechnete zuversichtlich auf baldige parlamentarische Erfolge und gründete darauf noch andere Hoffnungen. Nach solchen 363 Erfolgen durfte er sicher auf eine glänzende Heirath rechnen, welche sein Vermögen vermehren und seine Stellung befestigen würde. Er hatte schon früher seine Blicke auf Cecilia Travers gerichtet, nicht, wie ich anerkennen will, aus rein gewinnsüchtigen Absichten, aber gewiß nicht in dem ungestümen Drange jugendlicher Liebe. Sie schien ihm in ihrer Erscheinung, ihrer Erziehung, ihrem würdevollen und doch freundlichen Wesen ganz zur Frau eines hervorragenden Staatsmannes zu passen. Er schätzte sie, er hatte sie gern und ihr Vermögen würde seiner Stellung die wünschenswerthe Solidität verleihen. Er hatte eben nur jene Art von verständiger Neigung für Cecilia, welche weise Männer wie Lord Bacon und Montaigne anderen weisen Männern, die sich eine Frau suchen, empfehlen. Welche Gelegenheit, in ihr eine ähnliche, vielleicht wärmere Neigung zu erwecken, würde ihm nicht der Besuch in Exmundham bieten! Er hatte bei seinem letzten Besuch im Travers'schen Hause erfahren, daß Travers und seine Tochter dorthin gehen würden, und daher sein Ausbruch von Familiengefühl, der ihm seine Einladung verschafft hatte.

Aber er begriff, daß er vorsichtig sein müsse, daß er nicht vorzeitig Travers' Argwohn erregen dürfe. Er war bis jetzt noch keine Partie, die dem Squire 364 für seine Erbtochter conveniren konnte. Und obgleich er nichts von Sir Peter's Absichten auf diese junge Dame wußte, war er doch viel zu vorsichtig, um seine eigenen Absichten einem Verwandten anzuvertrauen, an dessen Discretion er stark zweifelte. Es genügte ihm für jetzt, daß ihm eine Bahn für die Entfaltung seiner energischen Entschlossenheit eröffnet war. Mit gesenktem Kopf ging er bald rascher, bald langsamer ruhelos im Zimmer auf und ab und erwog sinnend, aber heiter die Hindernisse auf seiner Bahn und vergegenwärtigte sich das Ziel derselben.

Inzwischen fand Sir Peter bei Mivers ein sehr gutes Frühstück für sich bereit, das er ganz allein verzehren mußte, denn sein Wirth hatte das Princip, sich niemals durch die Zwischenmahlzeit sein Diner zu verderben und sein erstes Frühstück zu insultiren. Mivers saß an seinem Schreibtisch und schrieb kurze Billets geschäftlichen oder geselligen Inhalts, während Sir Peter dem Lammbraten, den Cotelettes und dem gerösteten Hühnerfleisch alle Ehre anthat.

Als aber Sir Peter nach einem flüchtigen Bericht über seinen Besuch bei Travers, seine Bewunderung für Cecilia und die Geschicklichkeit, mit welcher er, des Winkes seines alten Vetters eingedenk, die Familie zu einem mehrtägigen Besuch nach Exmundham eingeladen 365 habe, hinzufügte: »Und beiläufig, ich habe auch den jungen Gordon für dieselbe Zeit eingeladen«, blickte Mivers plötzlich mit in die Höhe gezogenen Augenbrauen von seiner Beschäftigung auf und fragte erstaunt:

»Für dieselbe Zeit, wo Travers und seine Tochter kommen, haben Sie ihn eingeladen? Ich meinte, Sie wünschten, Kenelm möchte Cecilia heirathen? Ich habe mich also geirrt, Sie meinten Gordon!«

»Gordon?« rief Sir Peter, indem er Messer und Gabel hinlegte. »Unsinn! Sie glauben doch nicht, daß Fräulein Travers ihn Kenelm vorzieht, oder daß er die Anmaßung hat, sich einzubilden, daß ihr Vater seine Bewerbung gutheißen würde?«

»Ich erlaube mir keine derartige Vermuthung. Ich begnüge mich damit, zu denken, daß Gordon gescheidt, anschmiegend und jung ist, und Sie haben ihm da eine sehr gute Chance, seine Verhältnisse zu verbessern, entgegengebracht. Indessen ist das nicht meine Sache, und obgleich ich im Ganzen Kenelm lieber habe als Gordon, habe ich doch Gordon sehr gern und verfolge seine Carrière mit einem Interesse, welches ich daran, was wohl Kenelm's Carrière sein wird – wahrscheinlich gar keine Carrière – zu nehmen nicht behaupten kann.«

»Mivers, Sie machen sich ein Vergnügen daraus, 366 mich zu reizen. Sie sagen mir so unangenehme Dinge. Aber erstens sprach Gordon eher geringschätzig von Fräulein Travers –«

»So? Das ist ein schlechtes Zeichen«, murmelte Mivers. Sir Peter hörte es nicht und fuhr fort:

»Und überdies weiß ich ziemlich gewiß, daß das liebe Kind bereits eine Neigung für Kenelm gefaßt hat, die keinen Nebenbuhler aufkommen läßt. Indessen werde ich mir Ihren Wink gesagt sein lassen und scharf aufpassen, und wenn ich merken sollte, daß der junge Mann Cecilia zu stark die Cour macht, werde ich seinem Besuch kurz ein Ende machen.«

»Mischen Sie sich nicht in die Sache, das thut nicht gut. Ehen werden im Himmel geschlossen. Und der Wille des Himmels wird geschehen. Wenn ich mich hier losmachen kann, komme ich auf ein paar Tage zu Ihnen. Vielleicht könnten Sie dann auch Lady Glenalvon einladen. Ich habe sie sehr gern und sie hat Kenelm gern. Sind Sie fertig? Ich sehe, der Wagen steht vor der Thür und wir müssen noch Ihren Reisesack aus Ihrem Hotel abholen.«

Während Mivers das sagte, siegelte er ruhig seine Billets, klingelte dann seinem Diener, gab demselben die für die Besorgung der Billets nöthigen Ordres und ging mit Sir Peter fort. Er sagte kein Wort mehr 367 von Gordon und Sir Peter scheute sich, ihm etwas von den zwanzigtausend Pfund zu erzählen. Chillingly Mivers war vielleicht der letzte Mensch, gegen den Sir Peter sich versucht gefühlt hätte, sich eines Actes der Großmuth zu rühmen. Mivers that vielleicht nicht selten eine großmüthige Handlung, wenn es nur nicht bekannt wurde; aber die Großmuth Anderer verhöhnte er immer.

Ende des zweiten Bandes.

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