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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

Nachdem Kenelm Oxford verlassen hatte, durchwanderte er mehrere Tage lang das Land, ohne ein bestimmtes Ziel im Auge zu haben und ohne ein bemerkenswerthes Abenteuer zu erleben. Endlich ertappte er sich darauf, unwillkürlich wieder den Rückweg eingeschlagen zu haben. Ein unwiderstehlicher magnetischer Zug brachte ihn wieder nach den grasreichen Wiesen und dem schäumenden Flüßchen von Moleswick zurück.

»Es muß«, dachte er bei sich, »eine geistige wie eine optische Täuschung geben. Bei dieser letzteren bilden wir uns ein, ein Gespenst gesehen zu haben. Wenn wir es nicht wagen, der Erscheinung scharf ins Gesicht zu sehen, nicht wagen, sie zu berühren, wenn wir abergläubisch vor ihr davonlaufen – was geschieht? Wir werden bis zu unserer Todesstunde 331 glauben, daß es keine Sinnestäuschung, sondern ein Gespenst war, und so werden wir vielleicht unser Leben lang an einer fixen Idee laboriren. Aber wenn wir dem Phantom männlich entgegentreten, unsere Hand ausstrecken, um es zu packen, siehe da, so verflüchtigt es sich zu einem Luftgebilde, unsere Augentäuschung hat ein Ende und wir werden nie wieder von Geistern heimgesucht werden. Ebenso muß es mit meiner Geistestäuschung sein. Ich sehe ein mir ganz neues Bild; es scheint mir auf den ersten Blick mit einem übernatürlichen Reiz ausgestattet. Wie ein unvernünftiger Feigling laufe ich davor weg. Es fährt fort mich zu verfolgen; ich kann seine Erscheinung nicht los werden; es verfolgt mich bei Tage gleichermaßen in den Wohnungen der Menschen und in der Einsamkeit der Natur; es sucht mich nachts in meinen Träumen heim. Ich fange an mir zu sagen, dies muß ein wirklicher Gast aus einer andern Welt, es muß Liebe sein, die Liebe, von der ich in den Dichtern lese, wie ich in ihnen von Zauberei und Geistern lese. Offenbar muß ich dieser Erscheinung nahe treten, wie der Naturforscher Sir David Brewster der schwarzen Katze nahe trat, von der er uns erzählt, daß eine Dame seiner Bekanntschaft sie unablässig auf dem Kaminteppich sitzen sah, bis sie in eine andere Welt kam, in welcher, 332 soviel man weiß, schwarze Katzen keinen Zutritt finden. Je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger erscheint es mir möglich, daß ich mich wirklich in ein wildes, halberzogenes, anormales Geschöpf verliebt haben sollte, nur weil ihr Bild mich verfolgt. Ich kann mich daher diesem Geschöpf mit vollkommener Sicherheit nähern; in dem Maße, wie ich sie mehr sehen werde, wird die Illusion schwinden. Ich will männlich nach Moleswick zurückkehren.«

So sprach Kenelm zu seinem Ich und sein Ich antwortete:

»Geh, denn du kannst nicht anders. Glaubst du, daß Daces einem Netze entgehen kann, das einen Roach gefangen hat? Nein.

Kommen muß der vorbestimmte Tag,

wo die Natur Dich überwinden wird, deren Stimme niemand ungestraft überhört. Besser, du fügst dich jetzt und mit gutem Humor, als daß du widerstehst, bis du dein fünfzigstes Jahr erreicht hast und dann eine vernünftige Wahl, nicht zu deiner persönlichen Genugthuung, triffst.«

Darauf antwortete Kenelm seinem Ich wieder entrüstet: »Bah, du Plappermaul, du weißt nicht, wovon du sprichst, mein alter ego. Es handelt sich hier nicht um eine Frage der Natur, sondern um eine 333 Frage des Uebernatürlichen, um eine Illusion, ein Phantom.«

So fuhren Kenelm und sein Ich fort sich zu streiten, und je mehr sie sich stritten, desto näher kamen sie der Stelle, wo die verhängnißvolle Erscheinung der ersten Liebe Kenelm entgegengetreten war und wo er sie geflohen hatte. 334

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