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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Am nächsten Morgen traf Kenelm in Oxford ein – » verum secretumque Mouscion«.

Wenn es auf diesem geschäftigen Eilande einen Platz gibt, der geeignet scheint, die Jugend von der Liebe abzuziehen und der Gelehrsamkeit, dem Ritualismus mittelalterlicher Vorstellungen und jener Art von poetischer Empfindung und poetischem Fanatismus in die Arme zu führen, welche ein Mivers und ein Welby, welche jeder Advocat der realistischen Schule verachten würde, so ist dieser Platz sicherlich Oxford, aus welchem gleichwohl große Denker und große Männer der That hervorgegangen sind.

Die Ferien hatten noch nicht begonnen, standen aber nahe bevor. Kenelm glaubte die bedeutendsten 317 Männer der Universität an ihrem langsameren Gang und zerstreuteren Gesichtsausdruck erkennen zu können.

Unter den Professoren befand sich der ausgezeichnete Verfasser jenes Buches, welches auf Kenelm in seiner ersten Jünglingszeit einen so bezaubernden Eindruck gemacht hatte, und welcher selbst den Zauber eines noch stärkeren Geistes auf sich hatte wirken lassen. Der ehrwürdige Decimus Roach war von jeher ein ehrfurchtsvoller Bewunderer von John Henry Newman gewesen, ich meine, ein Bewunderer des reinen und erhabenen Charakters des Mannes, ganz abgesehen von der Sympathie für seine Doctrinen. Aber obgleich Roach ein unbekehrter Protestant des orthodoxen und zwar hochkirchlichen Glaubens blieb, gab es doch einen Glaubensartikel, an dem er mit dem Autor der »Apologie« festhielt. Er zählte den Cölibat zu den dem Himmel theuersten Tugenden. In jener beredten Abhandlung »Die Annäherung an die Engel« hatte er behauptet, daß der Zustand des ehelosen Glückes nicht nur eine strenge Verpflichtung für jedes Mitglied einer christlichen Priesterschaft sei, sondern auch der Annahme jedes gewissenhaften Laien empfohlen werden müsse.

Es war der Wunsch, mit diesem ausgezeichneten Theologen zu conferiren, was Kenelm veranlaßt hatte, seine Schritte nach Oxford zu lenken.

318 Herr Roach war ein Freund Welby's, in dessen Hause Kenelm als Zögling ihn ein- oder zweimal getroffen hatte und noch mehr von seiner Unterhaltung als von seiner Abhandlung entzückt gewesen war. Kenelm besuchte Herrn Roach, der ihn sehr freundlich empfing und, da er weder Lehrer an einem College noch Examinator war, seine Zeit Kenelm zur Verfügung stellte, ihn durch die verschiedenen Colleges und durch die Bodleianische Bibliothek führte, ihn einlud, an dem Mittagsessen der Lehrer und Schüler in seinem College Theil zu nehmen, und ihn nach Tische in seine Wohnung mitnahm und ihm eine vortreffliche Flasche Chateau Margaux vorsetzte.

Herr Roach war ein stattlicher Fünfziger und ein hübscher Mann, auch hielt er sich offenbar dafür, denn er trug sein Haar hinten lang herabhängend und in der Mitte gescheitelt, was Männer, die von ihrer persönlichen Erscheinung bescheiden denken, nicht zu thun pflegen.

Kenelm brauchte seinen Wirth nicht lange über den Gegenstand auszuholen, über welchen dieser tiefe Denker soviel nachgedacht hatte.

»Sie können sich kaum einen Begriff von der außerordentlichen Bewunderung machen«, sagte Kenelm, »mit welcher ich Ihr schönes Werk: Annäherung an die 319 Engel, studirt habe. Es hat in den Jahren zwischen der Knaben- und Jünglingszeit einen großen Eindruck auf mich gemacht. Aber seit kurzem haben meinen Geist einige Zweifel über die allgemeine Anwendbarkeit Ihrer Doctrinen beschlichen.«

»Wirklich?« sagte Herr Roach mit dem Ausdruck des Interesses.

»Und ich komme zu Ihnen, um mir die Lösung dieser Zweifel von Ihnen zu erbitten.«

Herr Roach wandte sich ab und schob Kenelm die Flasche zu.

»Ich bin ganz bereit zuzugeben«, nahm der Erbe der Chillinglys wieder auf, »daß eine Priesterschaft von allen Sorgen einer Familie unberührt und von allen fleischlichen Neigungen rein bleiben sollte«

»Hm, hm«, knurrte Herr Roach, indem er das eine Bein über das andere schlug und es streichelte.

»Ich gehe noch weiter«, fuhr Kenelm fort, »ich nehme mit Ihnen an, daß der Beichtstuhl sowohl in seinen ermahnenden wie in seinen aufheiternden Wirkungen die ganze Wichtigkeit hat, welche die Katholiken ihm beilegen, daß derselbe von der protestantischen Kirche nicht minder in Ehren gehalten werden sollte, und finde, daß der Beichtvater keine bessere Hälfte 320 haben sollte, gegen die er in den Verdacht gerathen könnte, wenn auch nur in einem unbewachten Augenblick, sich eine Andeutung über die Schwächen einer ihrer Bekannten zu erlauben.«

»Ich habe dieses Argument etwas zu sehr auf die Spitze getrieben«, murmelte Roach.

»Durchaus nicht. Der Cölibat des Beichtvaters steht oder fällt mit dem Beichtstuhl. Ihr daraus entnommenes Argument ist unanfechtbar. Aber wenn es sich um den Laien handelt, glaube ich einen Unterschied zu entdecken.«

Herr Roach schüttelte den Kopf und erwiderte derb: »Nein, wenn der Cölibat eine Verpflichtung für die einen ist, so ist er es auch für die andern – ich sage: wenn –«

»Erlauben Sie mir dieser Behauptung zu widersprechen. Fürchten Sie nicht, daß ich Ihren Verstand durch die Plattheit des landläufigen Einwandes beleidigen werde, daß, wenn der Cölibat allgemein wäre, das menschliche Geschlecht in wenigen Jahren aussterben würde. Wie Sie zur Widerlegung dieses Trugschlusses richtig bemerkt haben, ist es die Pflicht jeder menschlichen Seele, die höchste Vollkommenheit des geistlichen Zustandes für sich selbst anzustreben und die Sorge für das menschliche Geschlecht dem Schöpfer 321 zu überlassen. Wenn der Cölibat nothwendig zur geistigen Vollkommenheit ist, wie können wir wissen, ob es nicht der Zweck und Beschluß des Allweisen ist, daß das menschliche Geschlecht, wenn es diese Vollkommenheit erreicht hat, von der Erde verschwinde? Der allgemeine Cölibat würde auf diese Weise die Euthanasie der Menschheit sein. Wenn andererseits der Schöpfer beschlossen haben sollte, daß das menschliche Geschlecht, nachdem es diese höchste, aber unfruchtbare Blüte der Vollkommenheit erreicht hat, nichtsdestoweniger fortfahren solle zu wachsen und sich auf Erden zu vermehren – haben Sie diese Möglichkeit nicht siegreich in dem Ausruf ausgesprochen: Anmaßender Sterblicher! Wie kannst Du es wagen, die Hülfsquellen des Allmächtigen zu beschränken? Würde es nicht leicht für ihn sein, in einer andern dem Kummer, der Sünde und der Leidenschaft nicht ausgesetzten Weise die Generationen fortzupflanzen, wie es bei der Fortpflanzung der vegetabilischen Welt geschieht? Darf man annehmen, daß die Engel, die unsterblichen Genossen des Himmels, sich nicht stündlich an Zahl vermehren und in alle Ewigkeit ihre Schaaren ausbreiten? Und doch gibt es im Himmel keine Ehe. Allem diesem, wie Sie es in Worte gekleidet haben, welche mein Gedächtniß mir nur 322 unvollkommen wiederzugeben gestattet, allem diesem stimme ich ohne Zögern bei.«

Herr Roach stand auf, holte eine andere Flasche Chateau Margaux aus seinem Flaschenkeller herbei, füllte Kenelm's Glas, setzte sich wieder, schlug das andere Bein über und streichelte es.

»Aber«, nahm Kenelm wieder auf, »mein Bedenken ist folgendes.«

»Nun«, rief Herr Roach, »lassen Sie Ihre Bedenken hören.«

»Erstens: Ist der Cölibat wesentlich für den Zustand hoher geistlicher Vollendung? Und zweitens, wenn er das wäre, sind Sterbliche nach ihrer jetzigen Beschaffenheit dieser hohen Vollendung fähig?«

»Sehr gut eingewandt«, sagte Herr Roach, und erhob sein Glas mit heitrerer Miene, als er bisher gezeigt hatte.

»Sie sehen«, sagte Kenelm, »wir sind hier wie bei andern philosophischen Fragen genöthigt, unsere Zuflucht zu der inductiven Methode zu nehmen und unsere Theorien den uns bekannten Thatsachen zu entlehnen. Wenn wir nun um uns blicken, finden wir da, daß alte Jungfern und alte Junggesellen geistlich so viel entwickelter sind als verheirathete Leute? Bringen sie wie ein indischer Derwisch Ihre Zeit mit reiner 323 Betrachtung der göttlichen Vollkommenheit und Seligkeit zu? Sind sie nicht ganz ebenso weltlich in ihrer Art wie Leute, die zu wiederholten Malen verheirathet waren, und sind sie nicht im Allgemeinen noch selbstsüchtiger, frivoler und bösartiger? Ich will mich gewiß nicht unwohlwollend über alte Jungfern und Junggesellen aussprechen. Ich habe drei Tanten, welche alte Jungfern und schöne Exemplare der Gattung sind; aber ich bin überzeugt, sie würden alle drei angenehmere Gesellschafterinnen und ganz ebenso geistlich begabt geworden sein, wenn sie sich glücklich verheirathet hätten und ihre Kinder statt ihrer Schooßhunde liebkosten. So habe ich auch einen alten unverheiratheten Vetter, Chillingly Mivers, den Sie kennen und der ein so gescheidter Mann ist, wie es nur einen geben kann. Aber, du lieber Himmel! was sein Versenktsein in geistliche Betrachtungen anlangt, so könnte er den irdischen Dingen nicht mehr ergeben sein, wenn er so viele Weiber wie Salomo und so viele Kinder wie Priamus hätte. Endlich, ist nicht die Hälfte aller Mißverständnisse in der Welt aus einer Scheidung der geistlichen und der moralischen Natur der Menschen entstanden? Nähert sich nicht doch am Ende der Mensch am sichersten durch sein Verkehren mit seinen Nebenmenschen den Engeln? Und ist nicht das 324 moralische System ein sehr musculöses? Erfordert es nicht zur Erlangung gesunder Kraft viele und anhaltende Uebung, und findet es nicht diese Uebung auf dem natürlichsten Wege, durch die Familienbeziehungen, mit allen den durch dieselben gegebenen Kämpfen mit dem Leben, welche die Sorge für die Familie nothwendig macht? Ich richte diese Fragen an Sie mit dem demüthigsten Mißtrauen in ihre Berechtigung. Ich bin auf Antworten von Ihnen gefaßt, welche meine Bedenken gründlich widerlegen werden, und es wird mich unendlich freuen, wenn dem so ist; denn was der ganzen Controverse zu Grunde liegt, das ist die Leidenschaft der Liebe. Und die Liebe muß eine sehr beunruhigende und störende Erregung sein und hat viele Helden und Weise zu merkwürdigen Schwächen und Thorheiten verleitet.«

»Sachte, sachte, Herr Chillingly, übertreiben Sie nicht. Liebe ist ohne Zweifel – ahem! – eine beunruhigende Leidenschaft. Aber jede Erregung, welche das Leben aus einem stagnirenden Teich in einen frischen, munter dahinfließenden Strom verwandelt, ist für den Teich beunruhigend. Nicht nur die Liebe und die ihr verwandten Leidenschaften, wie zum Beispiel der Ehrgeiz, sondern auch die Uebung unserer Denkkraft, 325 welche beständig unsere Ideen verändert, wirkt sehr beunruhigend. Die Liebe hat ihre guten Seiten so gut wie ihre schlechten, Herr Chillingly. Reichen Sie mir die Flasche.«

Kenelm schob die Flasche hin und sagte: »Ja, ja, Sie haben ganz Recht, das Argument des Gegners stark hervor zu heben, bevor Sie es vernichten, das thun alle guten Rhetoren. Verzeihen Sie mir, wenn ich diesen Kunstgriff Ihrer Argumentation durchschaue. Nehmen Sie an, daß ich Alles weiß, was zu Gunsten der euphemistisch Liebe genannten Verleugnung des gesunden Menschenverstandes gesagt werden kann, und gehen Sie sofort zur Vernichtung des Arguments über.«

Zögernd erwiderte der ehrwürdige Decimus Roach: »Die Vernichtung des Arguments? Hm! Die Leidenschaften sind der menschlichen Natur als ein untrennbarer Theil derselben eingepflanzt und sind nicht so leicht zu zerstören, wie Sie anzunehmen scheinen. Von einem Manne von guter Erziehung und gesunden Prinzipien rationell und moralisch aufgefaßt, ist die Liebe – ist sie –«

»Ist sie was?« fragte Kenelm.

»Ist sie ein –« stotterte der ehrwürdige Decimus, »ein – nicht zu verachtendes Ding. Wie die Sonne 326 ist sie der große Colorist des Lebens, Herr Chillingly. Und Sie haben vollkommen Recht, das moralische System erfordert tägliche Uebung. Was aber kann diese Uebung einem einsamen Manne gewähren, wenn er das praktische Alter erreicht hat, in welchem er nicht mehr sechs Stunden hintereinander dasitzen und über das göttliche Wesen nachdenken kann und Rheumatismus oder andere Leiden ihm das Reisen in die Wüsten von Afrika als Missionär verbieten? In diesem Alter macht die Natur, welche ihre Stimme vernehmlich zu erheben weiß, ihre Rechte geltend, Herr Chillingly. Eine mit uns sympathisirende weibliche Genossin an unserer Seite, unschuldige kleine Kinder, die uns auf die Kniee klettern, das ist ein liebliches, bezauberndes Bild. Wer könnte Barbar genug sein, dieses Bild auszutilgen, wer fanatisch genug, dasselbe mit dem Bilde eines St.-Simon zu übermalen, der einsam auf einer Säule sitzt! Trinken Sie noch ein Glas Wein! Sie trinken nicht genug, Herr Chillingly.«

»Ich habe genug getrunken, um mir einzubilden, ich sähe doppelt«, erwiderte Kenelm mit verdrossenem Ton. »Ich hatte mir eingebildet, vor mir säße der strenge Gegner des Wahnsinns der Liebe und des Elends der Ehe. Und jetzt ist es mir, als hörte ich 327 einem sentimentalen Winseler zu, der die Plattheiten vorbringt, welche der andere Decimus Roach bereits widerlegt hatte. Sicherlich sehe ich entweder doppelt oder Sie machen sich über meinen Appell an Ihre Weisheit lustig.«

»Nicht so, Herr Chillingly, aber die Sache ist, daß ich, als ich jenes Buch, von dem Sie reden, schrieb, jung war, und die Jugend ist enthusiastisch und einseitig. Jetzt aber erkenne ich, bei übrigens gleicher Verachtung gegen die Excesse, zu welchen die Liebe schwache Geister treiben kann, ihre wohlthätigen Wirkungen an, wenn sie, wie ich schon vorhin bemerkte, rationell aufgefaßt wird, rationell aufgefaßt, mein junger Freund. In jener Periode des Lebens, wo das Urtheil gereift ist, kann die besänftigende Gesellschaft eines liebenswürdigen Weibes nur erheiternd auf das Gemüth wirken und vor jenem Rauhfrost schützen, welcher die Einsamkeit erkältend bedroht und sich um so empfindlicher fühlbar macht, je älter man wird. Kurz, Herr Chillingly, nachdem ich mich überzeugt habe, daß die Ansicht, die ich einst allzuvoreilig ausgesprochen habe, irrig war, bin ich es der Wahrheit, bin ich es der Menschheit schuldig, meine Bekehrung der Welt zu verkünden. Und ich stehe im Begriff, im nächsten Monat in eine 328 eheliche Verbindung mit einer jungen Dame zu treten, welche –«

»Nicht weiter, nicht weiter, Herr Roach, der Gegenstand muß peinlich für Sie sein. Lassen wir ihn fallen.«

»Der Gegenstand ist mir durchaus nicht peinlich«, erwiderte Herr Roach mit Wärme. »Ich sehe der Erfüllung meiner Pflicht mit einem Vergnügen entgegen, welches ein gut geschulter Geist immer bei der Zurücknahme einer trügerischen Doctrin empfinden sollte. Aber Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu glauben, daß ich diesen von mir beabsichtigten Schritt nicht zu meiner persönlichen Genugthuung unternehme. Nein, Herr Chillingly, der Werth meines Beispiels für Andere verleiht meinen Motiven ihre Reinheit und erhebt meine Seele.«

Nach diesem edlen Schlußsatz wurde der Gang der Unterhaltung matter. Wirth und Gast fühlten beide, daß sie von einander genug gehabt hatten. Kenelm erhob sich bald, um fortzugehen.

Als Herr Roach an der Thür von ihm Abschied nahm, sagte er noch mit Nachdruck:

»Nicht zu meiner persönlichen Genugthuung – vergessen Sie das nicht. Wo Sie immer in der Welt meine Bekehrung werden erörtern hören, sagen 329 Sie, daß Sie aus meinem eigenen Munde die Worte gehört haben: Nicht zu meiner persönlichen Genugthuung. Nein! Meine freundliche Empfehlung an Welby; als verheiratheter Mann und Vater wird er mich verstehen.« 330

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