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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Kenelm hätte Oxford noch denselben Abend erreichen können, denn er war ein rascher und unermüdlicher Fußgänger; aber er machte bald, nachdem der Mond aufgegangen war, Halt und legte sich unter einen frisch gemähten Heuschober nicht weit von der Landstraße zur Ruhe nieder.

Er schlief nicht. Den Kopf nachdenklich auf die Hand gestützt, dachte er bei sich:

»Schon lange wundere ich mich über nichts mehr. Jetzt aber frage ich mich verwundert: Kann dies Liebe sein, wirklich Liebe, nicht mißzudeutende Liebe? Bah, es ist unmöglich, das ist gewiß die letzte Person auf der Welt, in die ich mich verlieben könnte. Laß uns die Sache einmal erörtern, du, mein Ich, und ich. Zuerst das Gesicht! Was ist ein Gesicht? In wenigen 313 Jahren kann das schönste Gesicht sehr häßlich sein. Man nehme zum Beispiel die Mediceische Venus; man belebe sie und sehe sie nach zehn Jahren wieder. Was wird man finden? Einen Chignon, schwarze oder künstlich weiße Vorderzähne, einen unreinen Teint und ein Doppelkinn; solche angenehme Fülle artet immer zu einem Doppelkinn aus. Mit dem Gesicht wäre es also nichts. Welcher Mann von Verstand, welcher Schüler Welby's des Realisten kann sich in ein Gesicht verlieben? Und selbst wenn ich einfältig genug sein wollte, das zu thun, so sind ja hübsche Gesichter so gewöhnlich wie Gänseblümchen. Cecilia Travers hat regelmäßigere Züge, Jessie Wiles ein schöneres Colorit und ich habe mich in beide nicht im mindesten verliebt. Dagegen kannst du nichts einwenden, mein Ich! Nun denn also der Geist! Wahrhaftig, ein schöner Geist. Ein Geschöpf, dessen Lieblingsgesellschaft Schmetterlinge bilden und das mir erzählt, Schmetterlinge seien die Seelen ungetaufter Kinder – welch ein Stoff zu einem Artikel für den ›Londoner‹ über die Bildung junger Mädchen! Welch ein Mädchen für Fräulein Garrett und Fräulein Emily Faithful! Lassen wir also den Geist, wie wir es mit dem Gesicht gethan haben, beiseite. Was bleibt da noch übrig? Das französische Ideal einer glücklichen Ehe. Harmonie der Herkunft, 314 des Vermögens, des Geschmacks, der Lebensgewohnheiten? Noch schlimmer. Antworte aufrichtig, mein Ich, fühlst du dich nicht niedergeschmettert?«

Darauf erwiderte das Ich: O du Narr! Warum fühltest du dich in ihrer Gegenwart so unaussprechlich glücklich? Warum erscheint dir beim Verlassen dieser Gegenwart die Pflicht so bitter? Warum richtest du an mich diese albernen, pedantischen Fragen bei dem Lichte jenes Mondes, der plötzlich aufgehört hat für deine Gedanken ein astronomischer Körper zu sein und in deinen Herzensträumen für immer mit Romantik und Poesie und erster Liebe unzertrennlich verknüpft ist? Warum lenkst du nicht, anstatt diese kalte Scheibe anzustarren, deine Schritte rasch zu einem gemüthlichen Wirthshause, zu einem guten Abendessen in Oxford? Kenelm, mein Freund, du bist ins Netz gegangen; da hilft kein Verhüllen der Thatsache, du bist verliebt!«

»Ich will mich hängen lassen, wenn ich verliebt bin«, erwiderte das andere Ich, und damit legte Kenelm sich sein Ränzel als Kopfkissen zurecht, kehrte seine Augen von dem Monde weg und – konnte doch nicht schlafen. Lily's Gesicht drängte sich noch immer vor sein inneres Auge, Lily's Stimme klang ihm noch immer in den Ohren.

O lieber Leser, verlangst Du etwa von mir, 315 daß ich Dir sage, wie Lily aussah? War sie dunkel, war sie blond, war sie hochgewachsen, war sie klein? Niemals sollst Du diese Geheimnisse von mir erfahren. Stelle Dir das Wesen vor, zu welchem sich Dein ganzes Selbst, Körper und Geist und Seele unwiderstehlich hingezogen fühlten wie die Magnetnadel zu dem Nordpol. Laß sie hochgewachsen oder klein, dunkel oder blond sein, sie ist die, welche plötzlich von allen Weibern das eine Weib für Dich geworden ist.

War es möglich, daß der grausame Götterknabe, der seine Pfeile auf dem Schleifstein des menschlichen Herzens schärft, den Augenblick gefunden hatte, sich für die Vernachlässigung seiner Altäre und die Verhöhnung seiner Macht zu rächen? Muß der gefürchtete fahrende Ritter, der Held dieser Erzählung, trotz der drei Fische in seinem gefeiten Wappenschilde, doch endlich sein Wappen verschleiern, seine Kniee beugen und sich selbst gestehen: Auch meine Königin ist gekommen? 316

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