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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Aus diesem halb träumenden, halb wachen Zustande wurde Kenelm widerstrebend langsam aufgerüttelt. Es wurde ihm sanft auf die Wange geklopft, dann wieder etwas weniger sanft; er öffnete seine Augen und sein Blick fiel zuerst auf zwei kleine Rosenknöspchen, welche, nachdem sie sein Gesicht berührt hatten, auf seine Brust gefallen waren, und als er dann aufschaute, sah er vor sich, in einer Oeffnung des durch das Spalier gebildeten Kreises, das lachende Gesicht eines kleinen Mädchens. In ihrer erhobenen Hand hielt sie noch eine Rosenknospe, aber hinter dem Kinde stand, ihm über die Schulter blickend und seinen drohenden Arm zurückhaltend, mit einem ebenso unschuldigen, aber noch viel lieblicheren Gesicht ein ganz junges Mädchen, umrahmt von den Knospen, welche 288 das Gitterwerk umkränzten. Wie gut das Gesicht den Blumen stand! Es schien ihr Feengeist zu sein.

Kenelm fuhr zusammen und sprang auf. Das Kind, ebendasselbe, vor dem er sich so ungalanter Weise geflüchtet hatte, kam durch ein Pförtchen im Gitter auf ihn zugelaufen. Seine Begleiterin verschwand.

»Bist Du es«, fragte Kenelm, »die mich so grausam beworfen hat? Du undankbares Geschöpf! Habe ich Dir nicht die besten Erdbeeren und alle meine Sahne dazu gegeben?«

»Aber warum sind Sie fortgelaufen und haben sich versteckt, während Sie mit mir tanzen sollten?« erwiderte das kleine Fräulein, indem es mit dem Instinkt seines Geschlechtes jeder Antwort auf den verdienten Vorwurf aus dem Wege ging.

»Ich bin nicht fortgelaufen und es ist klar, daß ich mich nicht versteckt habe, da Du mich so leicht aufgefunden hast. Aber wer war die junge Dame? Ich habe sie im Verdacht, mich auch beworfen zu haben, denn sie scheint fortgelaufen zu sein, um sich zu verstecken.«

»Nein. Sie hat Sie nicht beworfen, sie wollte mich zurückhalten, und Sie hätten noch eine Rose ins Gesicht bekommen, eine noch viel größere, wenn sie 289 nicht meinen Arm festgehalten hätte. Kennen Sie sie nicht? Kennen Sie Lily nicht?«

»Nein. Das ist also Lily; Du sollst mich ihr vorstellen.«

Jetzt waren sie durch das kleine, dem Fußsteig, durch welchen Kenelm hereingekommen war, gegenüber liegende Pförtchen, welches direct auf den Rasen führte, aus der Blumennische herausgetreten. In einiger Entfernung davon waren die Kinder gruppirt, einige lagen im Grase, andere gingen in den Tanzpausen auf und ab.

Auf dem zwischen den Kindergruppen und dem Gitterwerk liegenden Rasen ging Lily raschen Schrittes allein einher. Das Kind lief von Kenelm fort und eilte seiner Freundin nach, die es bald eingeholt hatte, aber nicht zum Stillstehen zu bringen vermochte. Lily stand nicht eher still, als bis sie den Rasentanzplatz erreicht hatte, wo alle Kinder sich um sie schaarten und ihre zarte Gestalt vor Kenelm's Augen verbargen.

Noch ehe er den Platz erreicht hatte, begegnete ihm Frau Braefield.

»Lily ist da!«

»Ich weiß es – ich habe sie gesehen.«

»Ist sie nicht schön?«

290 »Ich muß sie mehr sehen, bevor ich Ihre Frage kritisch beantworten kann; aber darf ich, ehe Sie mich vorstellen, fragen, wer Lily ist?«

Frau Braefield hielt einen Augenblick inne, bevor sie antwortete, und doch war die Antwort kurz genug, um keiner langen Erwägung zu bedürfen. »Sie ist ein Fräulein Mordannt, eine Waise, und wohnt, wie ich Ihnen schon früher sagte, bei ihrer Tante Frau Cameron, einer Wittwe. Sie haben die hübscheste Villa, die man sehen kann am Ufer des Flusses oder vielmehr Flüßchens, etwa eine Meile von hier. Frau Cameron ist eine sehr gute, einfache Frau. Was Lily betrifft, so kann ich ihre Schönheit noch mit gutem Gewissen preisen; denn bis jetzt ist sie ein reines Kind und ihr Geist völlig unentwickelt.«

»Sind Sie schon je einem Manne, geschweige einem Weibe begegnet, dessen Geist entwickelt war?« murmelte Kenelm. »So viel weiß ich gewiß, daß der meinige nicht entwickelt ist und es auf Erden niemals werden wird.«

Frau Braefield hörte diese leise hingeworfene Bemerkung nicht. Sie sah sich nach Lily um, und da sie ihrer endlich ansichtig wurde, als die Kinder, die sie umgaben, sich wieder zerstreuten, um den Tanz von neuem zu beginnen, nahm sie Kenelm's Arm, führte 291 ihn zu der jungen Dame und stellte beide einander förmlich vor, so förmlich, wie es auf jenem sonnenbeschienenen Rasen inmitten des sommerlichen Jubels und des Gelächters der Kinder möglich war. Auf einem solchen Schauplatz und unter solchen Umständen kann sich Förmlichkeit nicht lange behaupten. Ich weiß nicht, wie es geschah, aber nach Verlauf weniger Minuten hatten Kenelm und Lily aufgehört für einander Fremde zu sein.

Sie setzten sich fernab von den übrigen Festgenossen auf eine von Lindenbäumen überschattete Bank; er hörte ihr mit gesenktem Haupte, sie ihm mit rasch wechselnden, bald auf den Boden gehefteten, bald zum Himmel gerichteten Blicken zu. Sie sprach offen, heiter, gleich dem Gemurmel eines munter rauschenden Baches mit seiner lieblichen Silberstimme und dem Lächeln seiner kräuselnden Wellen.

Den Förmlichkeiten eines feinen geselligen Verkehrs gemäß hätte der Mann reden und das Mädchen zuhören müssen; aber ich gebe die Thatsachen ehrlich, wie sie waren. Lily wußte von den Förmlichkeiten des Salonlebens nicht mehr, als eine eben ihrem Neste entflogene Lerche von dem Singlehrer und dem Käfig weiß. Sie war noch ganz Kind. Frau Braefield hatte Recht, ihr Geist war noch völlig unentwickelt.

292 Worüber sie in ihrer ersten Unterhaltung sprach und was den meditirenden Kenelm so stumm und mit so gespannter Aufmerksamkeit aufhorchen machen konnte, das weiß ich nicht, könnte es wenigstens nicht zu Papier bringen. Ich fürchte, es war sehr egoistisches Geplauder, wie Kinder gewöhnlich reden; von sich und ihrer Tante, von ihrem Hause und ihren Freundinnen. Alle ihre Freundinnen schienen Kinder wie sie selbst, nur noch jünger, und Clemmy von allen die beste Freundin.

Clemmy war eben die, welche eine Neigung zu Kenelm gefaßt hatte. Aber mitten in diesem unbefangenen Geplauder kamen Blitze eines raschen Verständnisses, Proben einer lebhaften Phantasie, ja selbst einer Poesie des Ausdrucks und der Empfindung zum Vorschein. Es war das Geplauder eines Kindes, aber gewiß keines albernen Kindes.

Sobald der Tanz vorüber war, schaarten sich die Kleinen wieder um Lily. Offenbar war sie der auserkorene Liebling aller, und da ihre Freundin jetzt nicht mehr tanzen mochte, wurden neue Spiele vorgeschlagen und Lily wurde zum Wettlaufen mit fortgeschleppt.

»Es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Chillingly«, sagte jetzt eine offene, angenehme 293 Stimme und ein wohlgekleideter hübscher Mann streckte Kenelm seine Hand entgegen.

»Mein Mann«, sagte Frau Braefield mit einem gewissen Stolz.

Mit Herzlichkeit erwiderte Kenelm die Höflichkeiten des Herrn vom Hause, der eben von seinem Comptoir zurückgekehrt war und dort alle Sorgen zurückgelassen hatte. Man brauchte ihn nur anzusehen, um gewiß zu sein, daß es ihm gut gehe und daß er es verdiene. In seinem Gesichte sprach sich scharfer Verstand, Gutmüthigkeit und vor allem ein energisches Temperament aus. Er hatte eine breite, faltenlose Stirn, lebhafte braune Augen, einen entschlossenen Zug um den Mund; eine glückliche Zufriedenheit mit sich, seinem Hause und der Welt im Allgemeinen strahlte aus seinem herzlichen Lächeln und klang aus seiner metallenen Stimme heraus.

»Sie bleiben doch natürlich und essen mit uns«, sagte Frau Braefield; »und wenn Sie nicht dringende Veranlassung haben, heute Abend wieder nach London zu gehen, so übernachten Sie hier.«

Kenelm zauderte.

»Bleiben Sie doch wenigstens bis morgen«, sagte Frau Braefield. Kenelm zauderte noch immer und während des Zauderns ruhte sein Auge auf Lily, die 294 sich eben, auf den Arm einer Dame von mittleren Jahren gestützt, der Wirthin näherte, offenbar, um Abschied zu nehmen.

»Ich kann einer so verführerischen Einladung nicht widerstehen«, sagte Kenelm und trat dabei ein wenig beiseite, um Lily und ihrer Begleiterin Platz zu machen.

»Vielen Dank für den angenehmen Tag«, sagte Frau Cameron zu der Wirthin, »Lily hat sich köstlich amüsirt; ich bedaure nur, daß wir nicht früher haben kommen können.«

»Wenn Sie nach Hause gehen«, sagte Herr Braefield, »so lassen Sie mich Sie begleiten. Ich möchte Ihren Gärtner gern wegen seiner Stiefmütterchen sprechen, sie sind viel schöner als meine.«

»Darf ich dann vielleicht auch mitgehen?« fragte Kenelm Lily. »Von allen Blumen liebe ich keine so sehr wie Stiefmütterchen.«

Kurz nachher ging Kenelm an Lily's Seite längs des Ufers eines kleinen Nebenflusses der Themse hin. Frau Cameron und Herr Braefield gingen voran, denn auf dem schmalen Wege konnten nur zwei Personen nebeneinander gehen.

Plötzlich sprang Lily davon, gelockt von einem seltenen Schmetterling – ich glaube, er heißt der Kaiser von Marokko – der seine gelben Flügel auf wilden 295 Schilfhalmen wiegte. Es gelang ihr, diesen Wanderer in ihrem Strohhut zu fangen, indem sie ihren Schleier darüber breitete. Nach diesem Fang kehrte sie mit ernster Miene an Kenelm's Seite zurück.

»Sammeln Sie Insekten?« fragte unser Philosoph so überrascht, wie er es seiner Natur nach überhaupt sein konnte.

»Nur Schmetterlinge«, antwortete Lily; »das sind aber keine Insekten, wissen Sie, das sind Seelen.«

»Embleme von Seelen, meinen Sie, wenigstens stellten die Griechen sie in ihrer anmuthigen Weise so dar.«

»Nein, wirkliche Seelen, die Seelen kleiner Kinder, welche ungetauft in ihrer Wiege sterben; und wenn man sich ihrer annimmt und sie nicht von Vögeln aufgefressen werden und ein Jahr leben, verwandeln sie sich in Feen.«

»Es ist eine sehr poetische Idee, Fräulein Mordannt, die sich auf einen ebenso rationellen Beweis gründet wie andere Behauptungen von der Metamorphose eines Geschöpfes in das andere. Vielleicht vermögen Sie, was die Philosophen nicht vermögen, mir zu sagen, wie Sie gelernt haben, daß eine neue Idee eine unbestreitbare Thatsache sei?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte Lily sehr betroffen, 296 »vielleicht habe ich es aus einem Buche gelernt oder vielleicht hat es mir geträumt.«

»Sie hätten mir keine weisere Antwort geben können, wenn Sie ein Philosoph wären. Aber Sie sagten, daß Sie sich der Schmetterlinge annehmen – wie machen Sie das? Pfählen Sie sie auf Nadeln, die Sie in einen Glaskasten stecken?«

»Sie pfählen! Wie können Sie so grausam reden! Sie verdienen von den Feen gekniffen zu werden.«

»Ich fürchte«, dachte Kenelm mitleidig, »daß meine Begleiterin keinen bildsamen Geist hat, daß sie das ist, was man euphemistisch ein unschuldiges Kind nennt.«

Er schüttelte den Kopf und schwieg.

Lily nahm wieder auf:

»Ich will Ihnen meine Schmetterlinge zeigen, wenn wir nach unserm Hause kommen; sie scheinen so glücklich. Ich bin überzeugt, daß einige von ihnen mich kennen; sie fressen mir aus der Hand. Seit ich sie vorigen Sommer zu sammeln angefangen habe, ist mir erst einer gestorben.«

»Dann haben Sie sie also ein Jahr gehabt – da müßten sie ja zu Feen werden.«

»Ich glaube auch, daß viele von ihnen das geworden sind. Ich lasse natürlich alle die, welche zwölf Monate bei mir gewesen sind, frei, im Käfig werden 297 sie nicht zu Feen, wissen Sie. Jetzt habe ich nur noch die, welche ich in diesem Jahre oder im vorigen Herbste gefangen habe; die hübschesten findet man erst im Herbst.«

Dabei beugte das Mädchen ihren unbedeckten Kopf über den Strohhut, den ihre Flechten beschatteten, und flüsterte dem Gefangenen zärtliche Worte zu. Dann wieder blickte sie auf, sah umher, stand plötzlich still und rief:

»Wie können Leute in der Stadt leben? Wie können Leute sagen, daß sie sich auf dem Lande je langweilen? Sehen Sie«, fuhr sie feierlich und ernst fort, »sehen Sie jene hohe Fichte mit ihren langen, das Wasser streifenden Zweigen; sehen Sie, wie sie, wenn der Wind in ihre Zweige fährt, ihren Schatten verändert und wie der Schatten das Spiel des Sonnenlichts auf dem Teich verschieden gestaltet.

Wiegt, Fichten, eure Wipfel,
Wie jede Pflanze sich in Ehrfurcht wiegt.

Welcher Austausch von Harmonien muß zwischen der Natur und einem Dichter stattfinden!«

Kenelm war betroffen. Das wäre ein unschuldiges Kind? Das wäre ein Mädchen, das keinen bildsamen Geist hat? In ihrer Gegenwart konnte er nicht cynisch sein, konnte er nicht von der Natur wie von einem 298 Mechanismus, einem Humbug reden, wie er es dem Troubadour gegenüber gethan hatte. Ernsthaft antwortete er:

»Der Schöpfer hat das ganze Universum mit einer Sprache ausgestattet, aber es gibt wenige Herzen, welche diese Sprache zu verdolmetschen im Stande sind. Glücklich die, welchen sie keine fremde, mühsam und unvollkommen erlernte Zunge, sondern eine angeborene Sprache ist, die sie unbewußt von der großen Mutter erlernt haben. Für sie mag der Schmetterlingsflügel wohl eine Feenseele in den Himmel emportragen.«

Als er das sagte, wandte sich Lily um und sah ihm zum ersten Mal in seine dunklen sanften Augen, dann legte sie instinctiv ihre leichte Hand auf seinen Arm und sagte mit leiser Stimme: »Reden Sie weiter, reden Sie noch mehr so; ich höre Ihnen gern zu.«

Aber Kenelm redete nicht weiter. Sie waren eben an dem Gitter des Gartens von Frau Cameron's Landhaus angelangt und die Vorangegangenen standen an der Pforte still und gingen mit ihnen zusammen dem Hause zu.

Es war ein langes, niedriges, unregelmäßig gebautes Landhaus, ohne Anspruch auf architektonische Schönheit, aber außerordentlich malerisch. Der im 299 Verhältniß zu dem Hause große Blumengarten mit Beeten, auf welchen die Blumen mit dem feinsten Geschmack zusammengestellt waren, erstreckte sich in sanfter Neigung bis zu dem Rasenufer des Flüßchens, das sich hier zu einem seeartigen Bassin ausbreitete, welches an beiden Seiten durch Wehre eingeengt war, über welche sich das Wasser mit sanftem Rauschen ergoß. Am Ufer stand eine aus Baumästen gezimmerte Bank, welche die herabhängenden Zweige einer großen Trauerweide halb überschatteten.

Das Innere des Hauses stimmte zu dem Aeußern. Alles war landhausartig, aber von einer nicht zu verkennenden Feinheit des Geschmacks, selbst die kleine, mit Pompejanischen Frescomalereien geschmückte Eingangshalle.

»Kommen Sie, sich meinen Schmetterlingskäfig anzusehen«, flüsterte Lily Kenelm zu.

Kenelm folgte ihr durch die in den Garten führende Glasthür und hier befand sich an dem einen Ende eines kleinen Treib- oder vielmehr Kalthauses die Wohnung dieser sonderbaren Lieblinge. Sie war von der Größe eines kleinen Zimmers; drei Seiten desselben wurden von feinem Drahtwerk gebildet, das hier und da von Draperien aus Mull oder andern leichten Stoffen überhangen und in Zwischenräumen 300 bald von innen, bald von außen mit seinen Schlingpflanzen bewachsen war; in der Mitte befand sich eine ganz kleine Cisterne, aus der ein sprühender Wasserstrahl aufsprang. Vorsichtig hob Lily eine in dem Gitterwerk angebrachte Thür in die Höhe und schlüpfte hinein, indem sie die Thür rasch wieder hinter sich herabfallen ließ. Ihr Erscheinen brachte eine Menge leichter Flügel in Bewegung, einige umflatterten sie, andere kühnere ließen sich auf ihrem Haar oder ihrem Kleide nieder. Es schien Kenelm, daß es keine leere Prahlerei gewesen sei, als sie behauptete, daß einige dieser Geschöpfe sie kennten. Sie befreite den Kaiser von Marokko aus ihrem Hut; er umkreiste sie furchtlos und verschwand dann unter den Blättern der Schlingpflanzen. Lily öffnete die Thür wieder und kam heraus.

»Ich habe einmal von einem Philosophen gehört, der eine Wespe gezähmt hatte«, sagte Kenelm, »aber noch nie von einer Dame, die Schmetterlinge gezähmt hätte.«

»Nein«, sagte Lily stolz, »ich glaube, ich bin die erste, die das versucht hat. Ich glaube, ich würde es gar nicht versucht haben, wenn ich gewußt hätte, daß es schon anderen vor mir gelungen sei. Auch mir ist es noch nicht völlig gelungen. Aber gleichviel, wenn sie mich auch nicht lieben, so liebe ich sie doch.«

301 Sie gingen wieder in den Salon und Frau Cameron fragte Kenelm:

»Kennen Sie diese Gegend gut, Herr Chillingly?«

»Die Gegend ist mir ganz neu und erscheint mir ländlicher als viele von London entferntere Districte.«

»Das ist das Schöne in den meisten unserer in der Nähe der Hauptstadt gelegenen Grafschaften«, sagte Herr Braefield; »man entgeht in ihnen dem Rauch und der Stickluft der Fabrikstädte und der wissenschaftliche Betrieb des Ackerbaus hat ihre belaubten Hecken noch nicht zerstört. Unsere Heckenwege sind noch immer mit Winden und Geißblatt geschmückt, wie zu der Zeit, wo Isaak Walton durch sie hinschlenderte, um in jenem Flüßchen zu angeln!«

»Sagt die Ueberlieferung daß er in jenem Flüßchen angelte? Ich hatte geglaubt, daß er mehr nach der andern Seite von London hin zu wandern pflegte.«

»Das ist möglich; ich weiß nicht viel von Walton oder seiner Kunst, aber jenseits jenes Wehres steht ein alter Pavillon, auf welchem sich der Name Isaak Walton eingeschnitten findet, ob von seiner eigenen oder einer fremden Hand, wer kann das wissen? – Ist Herr Melville kürzlich hier gewesen, Frau Cameron?«

302 »Nein, seit mehreren Monaten nicht.«

»Er hat einen glänzenden Succeß in diesem Jahre gehabt. Wir dürfen hoffen, daß sein Genie endlich von der Welt anerkannt wird. Ich wollte sein Bild kaufen, aber ich kam zu spät; ein Herr aus Manchester war mir zuvorgekommen.«

»Wer ist Herr Melville? Ein Verwandter von Ihnen?« flüsterte Kenelm Lily zu.

»Verwandter? Das weiß ich kaum. Aber ich glaube es, weil er mein Vormund ist. Aber wenn er mein nächster Verwandter wäre, könnte ich ihn nicht mehr lieben, als ich es thue«, sagte Lily feurig, mit gerötheten Wangen und Thränen in den Augen.

»Und er ist ein Künstler, ein Maler?« fragte Kenelm.

»O ja; niemand malt so schöne Bilder, niemand ist so klug und so gut.«

Kenelm suchte sich zu erinnern, ob er je den Namen Melville als den eines Malers gehört habe, aber vergebens. Indessen wußte Kenelm wenig von Malern, sie kamen ihm nicht leicht vor und er mußte sich zu seiner Schande gestehen, daß es vielleicht manchen lebenden Maler von großem Ruf gebe, dessen Name und Werke ihm unbekannt seien.

Er sah sich an den Wänden um. Lily glaubte 303 seinen Blick zu verstehen. »Hier sind keine Bilder von ihm«, sagte sie, »aber ich habe eins in meinem Zimmer, das ich Ihnen zeigen will, wenn Sie wieder zu uns kommen.«

»Und nun«, sagte Herr Braefield aufstehend, »habe ich noch ein Wort mit Ihrem Gärtner zu reden und muß dann nach Hause. Wir essen hier früher zu Mittag als in London, Herr Chillingly.«

Als die beiden Herren, nachdem sie sich verabschiedet hatten, wieder in die Vorhalle traten, folgte ihnen Lily und sagte zu Kenelm: »Wann wollen Sie morgen kommen, das Bild zu sehen?«

Kenelm wandte den Kopf ab und antwortete dann nicht mit seiner gewohnten Höflichkeit, sondern kurz und brüsk:

»Ich fürchte, ich kann morgen nicht kommen. Ich werde schon mit Sonnenaufgang aufbrechen müssen.«

Lily erwiderte nichts, sondern kehrte in das Zimmer zurück.

Herr Braefield fand den Gärtner beim Begießen eines Blumenbeetes, conferirte mit ihm über die Stiefmütterchen und folgte dann Kenelm, der einige Schritte vor dem Gartengitter auf ihn gewartet hatte.

»Ein hübsches kleines Landhaus«, sagte Herr 304 Braefield mit einer Art von vornehmem Mitleid, wie es dem Eigenthümer von Braefieldville wohl anstand; »ein wunderlicher Bau.«

»Ja, wunderlich«, wiederholte Kenelm zerstreut.

»Das ist immer so bei den Häusern, die sich allmälig vergrößert haben. Ich erinnere mich von meiner verstorbenen Mutter gehört zu haben, daß, als Melville oder Frau Cameron es zuerst kaufte, es nicht viel mehr als ein bloßes Arbeiterhäuschen mit einem dazu gehörigen Felde war; zwei oder drei Jahre später wurden ein paar Zimmer hinzugebaut und ein Stückchen von dem Felde zum Garten genommen, und dann entstand im Lauf der Jahre allmälig der ganze jetzt von der Familie bewohnte Theil, während das ursprüngliche Häuschen nur noch als Spülkammer und Waschhaus benutzt wurde; das ganze Feld aber wurde zum Garten gemacht, wie Sie ihn jetzt sehen. Ob das nun mit dem Gelde Melville's oder mit dem der Tante geschehen ist, das weiß ich nicht. Wahrscheinlich mit dem der Tante. Ich sehe nicht ein, was Melville für ein Interesse an dem Hause haben kann. Ich glaube nicht, daß er oft hingeht, es ist nicht seine regelmäßige Wohnung.«

»Herr Melville ist, wie ich höre, ein Maler und, wie es scheint, ein sehr beliebter.«

305 »Ich glaube, er hatte bis zu diesem Jahre wenig Succeß. Aber Sie haben doch gewiß seine Bilder auf der Ausstellung gesehen?«

»Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich gar nicht auf der Ausstellung gewesen bin.«

»Das überrascht mich. Melville hatte drei Bilder dort, die alle drei sehr gut waren; aber das eine, das ich zu kaufen wünschte, machte viel mehr Aufsehen als die übrigen und hat ihn plötzlich aus einem obscuren zu einem berühmten Künstler gemacht.«

»Er scheint ein Verwandter von Fräulein Mordannt zu sein, aber ein so entfernter, daß sie mir nicht einmal sagen konnte, in welchem Grade er mit ihr verwandt sei.«

»Das weiß ich auch nicht; ich weiß nur, daß er ihr Vormund ist. Die Verwandtschaft, wenn überhaupt eine solche besteht, muß, wie Sie sagen, eine sehr entfernte sein; denn Melville ist von niedriger Herkunft, während jedermann sehen kann, daß Frau Cameron eine durch und durch feine Dame ist, und Lily Mordannt ist ihr Schwesterkind. Ich habe meine Mutter sagen hören, daß es Melville war, der noch als sehr junger Mann das Landhaus, vielleicht mit Frau Cameron's Geld, unter der Angabe kaufte, daß es für eine verwittwete Dame sei, deren Mann sie in sehr 306 bescheidenen Verhältnissen zurückgelassen habe. Und als Frau Cameron nun mit Lily, die damals noch ein ganz kleines Kind war, eintraf, war sie in tiefer Trauer und selbst noch eine sehr junge und hübsche Frau. Wenn Melville sie damals häufig besucht hätte, so würde natürlich darüber geschwatzt worden sein; aber er kam nur sehr selten, und wenn er kam, so wohnte er in einem Cromwell-Lodge genannten Landhäuschen an der andern Seite des Baches. Dann und wann brachte er noch einen Mitbewohner von Cromwell-Lodge, ich glaube, auch einen jungen Künstler, zum Angeln mit. So war durchaus keine Veranlassung zu Gerede und es kann nichts Tadelloseres geben als das Leben der armen Frau Cameron. Meine Mutter, die damals in Braefildville wohnte, gewann beide, Lily und ihre Tante sehr lieb, und als das Häuschen allmälig zu einer Art von gentilem Landsitz wurde, folgten die wenigen guten Familien der Gegend dem Beispiele meiner Mutter und waren sehr freundlich gegen Frau Cameron, sodaß sie jetzt ganz zu der guten Gesellschaft hier gehört und sehr beliebt ist.«

»Und Herr Melville, kommt er auch jetzt noch sehr selten her?«

»Soviel ich weiß, ist er, seit ich Braefieldville bezogen habe, noch gar nicht hier gewesen. Braefieldville 307 war meiner Mutter für ihre Lebenszeit überlassen und ich war, solange sie es bewohnte, nicht viel dort. Ich war damals ein jüngerer Associé unserer Firma und leitete das Zweiggeschäft in New-York, sodaß ich nur etwa einmal im Jahr zu meiner Erholung nach England herüberkam. Als meine Mutter starb, gab es viel zu ordnen, bevor ich mich definitiv in England niederlassen konnte, und Braefieldville bezog ich erst nach meiner Verheirathung. Ich sah Melville zum ersten Male vor einigen Jahren, als ich Frau Cameron besuchte, aber unter uns, er ist kein Mann, dessen intime Bekanntschaft man suchen würde. Meine Mutter sagte mir, er sei ein träger, ausschweifender Mensch und ich habe ihn auch von Andern als sehr unsolid bezeichnen hören. Herr . . ., der große Maler, sagte mir, er sei ein loser Vogel, und ich glaube, seine Lebensgewohnheiten standen seinem Fortkommen im Wege, bis er in diesem Jahr ein Bild gemalt hat, das ihn, vielleicht durch einen glücklichen Zufall, mit einem Male auf einen grünen Zweig gebracht hat. Aber ist nicht Fräulein Lily ein reizendes Mädchen? Nur schade, daß ihre Erziehung so vernachlässigt ist.«

»Ist sie das?«

»Haben Sie das noch nicht gemerkt? Sie hat nicht einmal Musikunterricht gehabt, obgleich sie, wie meine 308 Frau sagt, ein gutes Gehör hat und ganz niedlich singt. Was ihre Lectüre betrifft, so glaube ich nicht, daß sie irgend etwas Anderes gelesen hat als Märchen und Poesie und dergleichen albernes Zeug. Indessen ist sie noch sehr jung, und jetzt, wo ihr Vormund seine Bilder verkaufen kann, ist zu hoffen, daß er sich auch mehr um sein Mündel bekümmern wird. Maler und Schauspieler sind in ihrem Privatleben nicht so regelmäßig wie wir gewöhnlichen Menschen, und man muß in seinem Urtheil über sie sehr nachsichtig sein; aber doch muß Jeder seine Pflicht thun. Darin stimmen Sie mir gewiß bei?«

»Gewiß«, sagte Kenelm mit einem Nachdruck, der den Kaufmann betroffen machte. »Sie sprechen da einen vortrefflichen Grundsatz aus; es scheint ein Gemeinplatz und doch, wie oft frappirt er uns, wenn er uns lebhaft vor die Seele geführt wird, als neu. Eine Pflicht kann ein sehr schweres, sehr unangenehmes Ding sein und ist uns sonderbarer Weise oft ein unsichtbares Ding. Sie ist gegenwärtig, dicht vor uns und doch sehen wir sie nicht; plötzlich ruft uns jemand das Wort Pflicht ins Ohr und da steht sie vor uns wie ein grimmiger Riese. Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie verlasse; ich kann nicht zu Tische bleiben, die Pflicht ruft mich 309 anderswohin. Entschuldigen Sie mich bei Ihrer Frau Gemahlin.«

Noch ehe Herr Braefield sich von seinem Erstaunen erholen konnte, war Kenelm über einen Zauntritt gesprungen und davongegangen. 310

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