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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Die Kinder waren gekommen, einige dreißig an der Zahl, hübsche, frische Kinder, glücklich in dem heitern Sonnenschein auf dem blumigen Rasen und des Festes froh, welches unter einem an Kastanienbäumen befestigten Zeltdache vor sich ging, das sich über einem Rasenteppiche ausbreitete.

Auch Kenelm that dem Bankett alle Ehre an und war mit Erfolg bemüht, die allgemeine Heiterkeit noch zu erhöhen; denn so oft er sprach, hörten die Kinder eifrig zu, und wenn er fertig war, lachten sie aus vollem Halse.

»Das schöne Gesicht, das ich Ihnen versprochen habe«, flüsterte Frau Braefield, »ist noch nicht hier. Ich habe ein kleines Billet von der jungen Dame, in 282 welchem sie mir schreibt, daß Frau Cameron sich diesen Morgen nicht ganz wohl befunden, aber sich hinreichend wieder zu erholen hoffe, um später am Nachmittage zu kommen.«

»Bitte, wer ist Frau Cameron?«

»Ah, ich vergaß, daß Sie hier fremd sind. Frau Cameron ist die Tante, bei welcher Lily wohnt.«

Die Kinder hatten jetzt ihr Festmahl beendet und machten sich daran, in einem zum Croquetspiel geebneten Baumgang bei dem Klange einer von dem alten Großvater eines der Kinder gespielten Violine zu tanzen.

Während Frau Braefield damit beschäftigt war, den Tanz zu ordnen, ergriff Kenelm die Gelegenheit, einer jungen Nymphe im Alter von zwölf Jahren, die bei dem Bankett neben ihm gesessen und eine so lebhafte Neigung zu ihm gefaßt hatte, daß er zu fürchten begann, sie möchte geloben, ihn nie wieder aus den Augen zu lassen, zu entfliehen und sich unbemerkt zu empfehlen.

Es gibt Zeiten, wo uns die Heiterkeit Anderer nur traurig macht, namentlich die Heiterkeit lebhafter Kinder, die einen peinlichen Gegensatz zu unserer eigenen ernsten Stimmung bildet. Durch ein dichtes Gebüsch schlüpfend, in welchem zwar die Syringen verblüht waren, der Goldregen aber noch hier und da in der Pracht seiner Blüten prangte, gelangte 283 Kenelm zu einer Blumennische, welche seinen Schritten Halt gebot und ihn zur Ruhe einlud. Die Nische wurde durch ein leichtes kreisförmiges Gitterwerk gebildet, an welchem sich mit Blüten übergossene Rosenbüsche in dichtem Laubwerk emporrankten. In der Mitte der Nische erklang das silberhelle Gemurmel einer kleinen Fontaine, im Hintergrunde erhoben sich, Alles überragend, die Wipfel stattlicher Bäume, auf welchen das Sonnenlicht spielte, welche aber den Horizont ringsum verdeckten, grade wie im Leben die großen beherrschenden Leidenschaften: Liebe, Ehrgeiz, Verlangen nach Macht, nach Gold, nach Ruhm oder Wissen, den stolzen Hintergrund für die kurzlebigen Blumen unserer Jugend bilden, unsere Augen von dem Lächeln ihrer Blütenpracht ablenken, den Glanz herrlicher Sonnenstrahlen aufsaugen und doch unsern Blick von der Sphäre ausschließen, die sich hinter und über ihnen ausbreitet.

Kenelm warf sich auf den Rasen neben der Fontaine. Aus der Ferne drang das Rufen und Lachen der Kinder bei ihren Spielen und ihrem Tanze an sein Ohr. In der Entfernung machte ihn ihre Freude nicht traurig, er fragte sich verwundert warum und versuchte es, in sinnender Träumerei sich dieses Warum zu erklären.

284 »Der Dichter«, das waren seine träumerischen Gedanken, »sagt uns, daß die Ferne der Aussicht einen Zauber verleiht, und vergleicht mit dem Zauber der Ferne die Illusion der Hoffnung. Aber der Dichter faßt sein eigenes Bild zu eng. Die Ferne verleiht nicht nur dem, was unser Auge, sondern auch dem, was unser Ohr berührt, einen Zauber, und nicht diesen Sinnen allein; die Erinnerung nicht weniger als die Hoffnung verdankt ihren Reiz der Ferne.

Ich kann mich selbst nicht wieder in meine Kindheit versetzen, wenn ich dort mitten unter jenen lärmenden Kindern bin. Aber wenn ihr Lärm hier gedämpft zu mir dringt und ich sicher bin, daß die kleinen Kobolde mich, dem Himmel sei Dank, nicht erreichen können, da träume ich mich leicht in meine Kindheit und in die Sehnsucht nach den verlorenen Spielplätzen der Schule zurück. So muß es auch sicherlich mit dem Kummer sein. Welcher Unterschied zwischen dem furchtbaren Schmerz um einen eben dahingegangenen Geliebten und der sanften Wehmuth, mit der wir eines vor Jahren gestorbenen Freundes gedenken! So ist es auch mit der Poesie. Wie nothwendig muß sie, wenn sie die großen Erregungen der Tragödie hervorbringen will, in dem Maße, wie diese Erregungen uns erheben und die Vorgänge der 285 Tragödie uns rühren sollen, die Schauspieler in eine weite Ferne von uns rücken! Man stelle sich unser Entsetzen vor, wenn ein Dichter sich einfallen lassen wollte, einen gescheidten Herrn, mit dem wir noch gestern zu Mittag aßen und von dem man entdeckt hätte, daß er seinen Vater getödtet und seine Mutter geheirathet habe, auf die Bühne zu bringen! Aber wenn Oedipus in verhängnißvollem Irrthum diese Thaten verübt, ist niemand entsetzt.

Und«, fuhr Kenelm in seinem Selbstgespräch fort, indem er sich noch tiefer in die Irrgänge metaphysischer Kritik verlor, »selbst wo der Dichter mit Personen und Dingen zu thun hat, die uns täglich vor Augen sind, selbst da muß er sie, wenn er ihnen poetischen Reiz verleihen will, in eine gewisse moralische oder psychologische Ferne rücken; je näher sie uns in ihren äußeren Verhältnissen stehen, desto ferner müssen sie uns durch gewisse innere Besonderheiten treten. Werther und Clarissa Harlowe werden als Zeitgenossen ihres dichterischen Schöpfers und mit der minutiösen Genauigkeit eines scheinbaren Realismus geschildert. Und doch sind sie durch ihre Eigenthümlichkeiten und ihre Schicksale zugleich unserm täglichen Leben entrückt. Wir wissen, daß, während Werther und Clarissa uns so nahe stehen, daß wir mit ihnen 286 wie mit Freunden und Verwandten vertraulich verkehren, sie uns doch durch die poetische und ideale Seite ihrer Natur so fern stehen, als gehörten sie dem Zeitalter des Homer an, und das ist es, was grade dem Schmerze, welchen ihr Schicksal uns bereitet, einen besondern Reiz verleiht. Und so, denke ich mir, muß es auch in der Liebe sein. Wenn unsere Liebe eine verklärte sein soll, so muß sie einem Wesen gelten, das unserm gewohnten Selbst moralisch fern steht, das in Eigenschaften von uns abweicht, welche wir, wie nahe wir auch sonst diesem Wesen stehen mögen, niemals erreichen, niemals mit unsern eigenen Eigenschaften verschmelzen können, kurz, in dem Geliebten muß immer etwas sein, was für uns ein Ideal, ein Mysterium, ein sonnenbeglänzter, in die Wolken ragender Gipfel bleibt.«

Jetzt versank unser sinnender Freund allmälig in eine reine Träumerei. Schläfrig schloß er die Augen, nicht schlafend, aber auch nicht mehr ganz wachend, wie wir bisweilen an schönen Sommertagen, wenn wir auf dem Grase liegen, unsere Augen schließen und doch unbestimmt ein goldenes Licht erkennen, das unsere schläfrigen Augenlider badet, und in diesem Licht Bilder gehen und kommen wie Träume, obgleich wir wissen, daß wir nicht träumen. 287

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