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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Ein schmucker Ponywagen mit einem ebenso schmucken Kutscher in Livree hielt vor dem Laden.

»Jetzt, Herr Chillingly«, sagte Frau Braefield, »ist die Reihe an mir, mit Ihnen davonzulaufen; steigen Sie ein.«

»Wie!« murmelte Kenelm, indem er sie mit großen Augen ansah. »Ist es möglich?«

»Vollkommen möglich. Steigen Sie ein! – Nach Hause, Kutscher! – Ja, Herr Chillingly, da sind Sie wieder mit dem albernen Geschöpf zusammengetroffen, das Sie einmal mit Schlägen bedrohten; es würde ihr recht geschehen sein. Ich müßte mich eigentlich schämen, mich wieder bei Ihnen in Erinnerung zu bringen, und doch schäme ich mich gar nicht. Ich bin 275 stolz, Ihnen zeigen zu können, daß ich eine solide, respectable Person und, wie mein Mann sagt, eine gute Frau geworden bin.«

»Sie sind erst seit sechs Monaten verheirathet, wie ich höre«, sagte Kenelm trocken. »Ich hoffe, Ihr Mann wird auch nach sechs Jahren dasselbe von Ihnen sagen.«

»Er wird dasselbe auch noch nach sechzig Jahren sagen, wenn wir so lange leben!«

»Wie alt ist er jetzt?«

»Achtunddreißig Jahre.«

»Wenn einem Mann nur noch zwei Jahre an hundert fehlen, so wird er vermuthlich gelernt haben zu wissen, wie es mit ihm steht; aber freilich wird ihm in den meisten Fällen nur noch wenig Kraft übrig geblieben sein, überhaupt noch etwas zu wissen.«

»Spotten Sie nicht, Herr Chillingly, und reden Sie nicht, als machten Sie sich über die Ehe lustig, nachdem Sie eben ein so glückliches junges Paar verlassen haben, wie die Sonne je eins beschienen hat und das – denn Frau Somers hat mir Alles von ihrer Heirath erzählt – sein Glück Ihnen verdankt.«

»Ihr Glück mir! Nicht im mindesten. Ich habe ihnen zu ihrer Verheirathung verholfen und trotz ihrer Verheirathung haben sie einander dazu verholfen, glücklich zu sein.«

276 »Sie selbst sind also noch unverheirathet?«

»Ja, dem Himmel sei Dank!«

»Und sind Sie glücklich?«

»Nein, ich kann mein Ich nicht glücklich machen, mein Ich ist eine unzufriedene Bestie.«

»Warum sagen Sie denn, dem Himmel sei Dank?«

»Weil es doch wenigstens ein Trost ist, denken zu dürfen, daß ich nicht auch noch jemand anders unglücklich mache.«

»Glauben Sie, daß, wenn Sie ein Mädchen liebten, das Sie wieder liebte, Sie sie unglücklich machen würden?«

»Das weiß ich wahrhaftig nicht; aber ich habe noch kein Mädchen gesehen, das ich als mein Weib hätte lieben können. Wir brauchen der Sache daher nicht weiter nachzuforschen. Was ist aus jenem mißhandelten Grauschimmel geworden?«

»Danke, er befand sich, als ich zuletzt von ihm hörte, ganz wohl.«

»Und der Onkel, der Sie mit mir gestraft haben würde, wenn Sie sich nicht so tapfer gewehrt hätten?«

»Er wohnt noch immer, wo er damals wohnte, und hat seine Haushälterin geheirathet. Er hegte delicate Bedenken, diesen Schritt zu thun, bis ich verheirathet und so aus dem Wege sein würde.«

277 Bei diesen Worten fing Frau Braefield an sehr rasch zu reden, wie Frauen es oft thun, wenn sie eine innere Bewegung zu verbergen suchen, und erzählte Kenelm, wie sie sich Wochen lang unglücklich gefühlt, nachdem sie eine Zuflucht bei ihrer Tante gefunden, wie ihr Gewissen ihr geschlagen und wie sie sich bei dem Gedanken an ihre Thorheit und bei der widerwärtigen Erinnerung an Herrn Compton gedemüthigt gefühlt, wie sie sich selbst gelobt habe, sich jetzt überhaupt nicht mehr zu verheirathen! Wie dann Herr Braefield bei einem zufälligen Besuche in der Nachbarschaft sie in der Kirche gesehen habe, wie er darauf bedacht gewesen sei, ihre Bekanntschaft zu machen, und wie sie ihn zuerst nicht habe leiden mögen; wie er aber so gut und freundlich gewesen sei und wie er, als er ihr endlich einen förmlichen Antrag gemacht und sie ihm offen Alles in Betreff ihrer kindischen Flucht und Liebe erzählt, ihr so großmüthig für ihre Aufrichtigkeit gedankt habe, um derentwillen er sie ebenso achten müsse, wie er sie schon vorher geliebt habe. »Und von dem Augenblick an«, rief Frau Braefield leidenschaftlich aus, »flog mein ganzes Herz ihm entgegen. Und jetzt wissen Sie Alles und da sind wir auch schon vor unserm Garten.«

Der Ponywagen fuhr sehr rasch über einen breiten 278 Kiesweg hin, dessen beide Seiten seltenes Immergrün schmückte, und hielt vor einem schönen Hause mit einer Säulenhalle an der Vorderseite und einem langen Treibhaus an der Gartenseite, einem jener Häuser, welche Herren aus der City gehören und oft mit mehr Comfort und Luxus ausgestattet sind als mancher altadlige Landsitz.

Frau Braefield empfand offenbar einigen Stolz, als sie Kenelm durch die schöne, mit Ziegelmosaik ausgelegte und auf Stuccosäulen ruhende Vorhalle in einen sehr geschmackvoll möblirten und auf einen geräumigen Blumengarten gehenden Salon führte.

»Aber wo ist denn Herr Braefield?« fragte Kenelm.

»Der ist mit der Eisenbahn nach seinem Comptoir gefahren; aber er wird lange vor dem Mittagessen wieder hier sein, und natürlich essen Sie mit uns.«

»Sie sind sehr freundlich. Aber –«

»Kein Aber; ich nehme keine Entschuldigungen an. Fürchten Sie nicht, daß Sie nur Hammelcotelettes und Reispudding bekommen, und überdies gebe ich um zwei Uhr eine Kindergesellschaft, wo wir allerlei Spaß haben werden. Sie sind gewiß ein Kinderfreund?«

»Ich glaube nicht. Aber ich habe mir selbst nie über meine Neigungen in dieser Beziehung ganz klar werden können.«

279 »Nun, so sollen Sie heute die reichlichste Gelegenheit dazu haben. Ich verspreche Ihnen den Anblick des lieblichsten Gesichtes, das Sie sich nur vorstellen können, wenn Sie an Ihre künftige Frau denken.«

»Meine künftige Frau ist hoffentlich noch nicht geboren«, sagte Kenelm matt, indem er mit großer Anstrengung ein Gähnen unterdrückte. »Aber auf alle Fälle will ich bis nach zwei Uhr bleiben; denn zwei Uhr bedeutet doch vermuthlich Frühstück.«

Frau Braefield lachte. »Sie haben sich also Ihren guten Appetit bewahrt.«

»Junggesellen erfreuen sich meist eines guten Appetits, wenn sie nicht verliebt sind.«

Frau Braefield verschmähte es, über diese Bemerkung zu lachen, wandte sich von Kenelm weg, legte Hut und Handschuhe ab und fuhr sich mit der Hand leicht über die Stirn, um eine verirrte Locke zurückzustreichen. Sie war nicht halb so hübsch in Frauenkleidern, wie sie in Knabenkleidern gewesen war, auch erschien sie nicht mehr ganz so jung. In allen andern Beziehungen hatte sie merkwürdig gewonnen. In ihren offenen klaren Augen malte sich ein heiterer, sicherer Geist, um ihre halbgeöffneten Lippen spielte ein milderer Ausdruck. Kenelm sah sie mit 280 wohlgefälliger Bewunderung an. Und als sie sich jetzt wieder von dem Spiegel abwandte und seinem Blick begegnete, überflog ihre zarten Wangen ein tieferes Roth und ihre offenen Augen wurden feucht. Sie trat auf ihn zu, ergriff seine Hand mit ihren beiden Händen, drückte sie warm und sagte mit zitternder Stimme:

»O Herr Chillingly, blicken Sie umher in diesem glücklichen, friedlichen Hause! Mein Leben ist so sorgenfrei, ich liebe und ehre meinen Gatten so innig; ich genieße alle die Segnungen, die ich vielleicht so gedankenlos für immer verscherzt hätte; wenn ich Sie nicht getroffen hätte, Herr Chillingly, wäre ich gestraft worden, wie ich es verdiene. Wie oft habe ich an Ihre Worte gedacht, daß Sie stolz auf meine Freundschaft sein würden, wenn wir uns je wieder begegnen sollten. Welche Kraft verliehen mir diese Worte in den Stunden, wo ich mich demüthig selbst anklagte.« Bei diesen Worten versagte ihr die Stimme, wie wenn sie ein Schluchzen unterdrücken wollte. Sie ließ seine Hand los und schlüpfte, bevor er antworten konnte, durch die offene Glasthür in den Garten. 281

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