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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Gleich beim Eintritt in die Hauptstraße der hübschen Stadt leuchtete einem der Name Somers, wie er in großen goldenen Lettern über der Thür eines sehr stattlichen Ladens prangte, entgegen. In den beiden mit Spiegelscheiben versehenen Schaufenstern waren in dem einen verschiedene Artikel: feine Schreibmaterialien, Stickmuster und so weiter geschmackvoll ausgelegt; vor dem andern lagen in nicht weniger geschmackvoller Anordnung verschiedene Exemplare feiner Korbflechterei.

Kenelm überschritt die Schwelle und erkannte hinter dem Ladentisch, schön wie immer, aber mit einem ruhigeren Gesichtsausdruck und mit einer volleren und matronenhafteren Gestalt, seine alte Freundin Jessie. Vor ihr standen zwei oder drei Kunden, die sie abwechselnd bediente. Während eine schöne junge Dame, 268 welche saß, mit lauter, aber munterer und angenehmer Stimme sagte: »Kümmern Sie sich nicht um mich, Frau Somers, ich kann warten«, warf Jessie einen raschen Blick nach dem Fremden hinüber, aber zu rasch, um sein Gesicht zu erkennen, das er auch abwandte, indem er sich sofort an eine Besichtigung der Körbe machte.

Nach Verlauf weniger Minuten waren die übrigen Kunden bedient und hatten den Laden verlassen. Da ließ sich die Stimme der Dame wieder vernehmen: »Nun, Frau Somers, möchte ich Ihre Bilderbücher und Spielsachen sehen. Ich gebe heute Nachmittag eine Kindergesellschaft und möchte die Kleinen gern so glücklich wie möglich machen.«

»Irgendwo auf diesem Planeten, oder bevor meine Monade auf denselben herabgewirbelt wurde, muß ich diese Stimme gehört haben«, murmelte Kenelm vor sich hin. Während Jessie ihre Spielsachen und Bilderbücher herbeiholte, sagte sie zu ihm: »Es thut mir leid, Sie warten lassen zu müssen, mein Herr; aber wenn Sie der Körbe wegen kommen, so kann ich meinen Mann rufen.«

»Thun Sie das«, sagte Kenelm.

»William, William«, rief Frau Somers, und nach wenigen Augenblicken, während deren er sich seine Jacke 269 hatte anziehen können, trat William Somers aus dem hinter dem Laden liegenden Wohnzimmer hervor.

Aus seinem Gesicht waren die alten Spuren des Leidens verschwunden, aber es war noch immer etwas bleich und hatte denselben feinen, geistigen Ausdruck.

»Wie sehr haben Sie sich in Ihrer Kunst vervollkommnet«, sagte Kenelm herzlich.

William fuhr zusammen und erkannte Kenelm sofort. Er stürzte auf ihn zu, ergriff seine ausgestreckte Hand mit seinen beiden Händen und rief mit einer halb lachenden, halb weinenden Stimme: »Jessie, Jessie, er ist es, er, für den wir jeden Abend beten. Gott segne Sie! Gott segne Sie und mache Sie so glücklich, wie er Ihnen gestattete, mich zu machen!«

Noch bevor er diese Anrede zu Ende gestammelt hatte, stand Jessie neben ihrem Mann und fügte in leiserem, aber zitterndem Ton mit dem Ausdruck tiefer Empfindung hinzu: »Und mich auch!«

»Mit Ihrer Erlaubniß, Will«, sagte Kenelm und drückte dabei auf Jessie's weiße Stirn einen Kuß, der nicht freundlicher oder kälter hätte sein können, wenn es der Kuß ihres Großvaters gewesen wäre. Inzwischen war die Dame geräuschlos und unbemerkt aufgestanden, hatte sich an Kenelm herangeschlichen und blickte ihm jetzt voll ins Gesicht.

270 »Sie haben noch eine Freundin hier, mein Herr, die auch Ursache hat, Ihnen zu danken.«

»Mir kam Ihre Stimme bekannt vor«, sagte Kenelm, den die Sache interessirte. »Aber verzeihen Sie mir, ich kann mich Ihrer Züge nicht mehr erinnern. Wo haben wir uns schon getroffen?«

»Reichen Sie mir Ihren Arm, wenn wir fortgehen, und ich will mich Ihnen wieder in Erinnerung bringen. Aber nein, ich darf Sie jetzt nicht von hier forttreiben, ich will in einer halben Stunde wieder vorsprechen. Frau Somers, legen Sie bis dahin die Sachen zusammen, die ich ausgesucht habe. Ich will sie mit nach Hause nehmen, wenn ich aus dem Pfarrhause zurückkomme, wo ich meinen Ponywagen gelassen habe.«

Darauf ging sie, zum Abschied nickend und mit einem Lächeln gegen Kenelm, der nicht wußte, was er aus der Sache machen sollte, fort.

»Wer ist denn die Dame, Will?«

»Eine Frau Braefield, die erst seit kurzem hergezogen ist.«

»Das ist wohl natürlich, Will«, sagte Jessie lächelnd, »denn sie ist erst seit sechs Monaten verheirathet.«

»Und wie hieß sie, ehe sie sich verheirathete?«

»Das weiß ich wahrhaftig nicht, Herr Chillingly. 271 Wir sind erst vor drei Monaten hierher gekommen und sie ist eine vortreffliche Kundin. Jedermann hat sie gern. Herr Braefield ist ein sehr reicher Londoner Kaufmann und sie bewohnen das schönste Haus hier und sehen sehr viel Gesellschaft.«

»Nun, jetzt bin ich noch nicht klüger als vorher«, sagte Kenelm. »Das geht Leuten, die sich aufs Fragen legen, meistens so.«

»Und wie haben Sie uns aufgefunden, Herr Chillingly?« fragte Jessie. »O ich kann es mir denken«, fügte sie lächelnd mit einem verschmitzten Blicke hinzu. »Sie haben natürlich Fräulein Travers gesehen und sie hat es Ihnen gesagt.«

»So ist's. Von ihr erfuhr ich Ihren Wohnungswechsel, und da nahm ich mir vor, Sie zu besuchen und mich dem Baby vorstellen zu lassen, einem Jungen, wie ich höre? Sieht er Ihnen ähnlich, Will?«

»Nein, Herr Chillingly, er ist das getreue Ebenbild Jessie's.«

»Unsinn, Will, er ist ganz Du selbst bis auf die kleinen Hände.«

»Und wie haben Sie Ihre gute Mutter verlassen, Will?«

»O, Herr Chillingly«, rief Jessie in einem vorwurfsvollen Ton, »denken Sie, wir hätten es übers 272 Herz bringen können, die Mutter in ihrer Einsamkeit und mit ihrem Rheumatismus zu verlassen? Sie wartet jetzt das Baby; das thut sie immer, wenn ich im Laden beschäftigt bin.«

Nun folgte Kenelm dem jungen Paar ins Wohnzimmer, wo sie die alte Frau Somers am Fenster sitzen, in der Bibel lesend und das Baby, das ruhig in seiner Wiege schlief, schaukelnd fanden.

»Will«, sagte Kenelm, indem er sein dunkles Gesicht über das Kind hinbeugte, »ich will Ihnen ein hübsches Wort eines deutschen Dichters sagen:

Glücklicher Säugling! Dir ist ein unendlicher Raum noch die Wiege,
Werde Mann und dir wird eng die unendliche Welt.«

»Das halte ich nicht für richtig, Herr Chillingly«, sagte Will, »denn ein glückliches Daheim ist eine Welt, die für jeden Menschen weit genug ist.«

Thränen traten in Jessie's Augen; sie neigte sich vornüber und küßte, nicht das Baby, sondern die Wiege. »Will hat sie gemacht«, fügte sie erröthend hinzu.

Die Zeit verfloß Kenelm rasch im Gespräch mit Will und der alten Mutter, denn Jessie wurde bald wieder nach dem Laden abgerufen, und Kenelm erschrak, als die ihm bewilligte halbe Stunde vorüber war und 273 Jessie ihren Kopf durch die Thür steckte und sagte: »Frau Braefield wartet auf Sie.«

»Adieu, Will, ich werde bald wieder zu Ihnen kommen; ich habe einen Auftrag von meiner Mutter, ich weiß nicht wie viele Proben Ihrer Geschicklichkeit von Ihnen zu kaufen.« 274

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