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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Kenelm Chillingly an Sir Peter Chillingly.

»Lieber Vater!

Ich bin noch am Leben und unverheirathet. Die Vorsehung hat in diesen beiden Beziehungen über mir gewacht, aber ich bin einige Male nur mit genauer Noth davongekommen. Bisher habe ich mir noch nicht viel Weltweisheit auf meinen Reisen erworben. Ich habe mir zwar als Tagelöhner auf dem Lande zwei Schillinge verdient und hätte gewiß noch auf sechs Schillinge mehr Anspruch gehabt, wenn ich mir nicht großmüthigerweise gegen diesen ferneren Anspruch Kost und Logis hätte in Anrechnung bringen lassen. Andererseits habe ich von den fünfzig Pfund, welche die Kosten meiner ersten Erfahrungen decken sollten, 9 fünfundvierzig ausgegeben. Aber ich hoffe, Du sollst durch diese Belegung gewinnen. Mache eine Bestellung bei William Somers, Korbmacher in Graveleigh, auf Pack- und Wildkörbe, wie Du sie gebrauchst, und ich stehe Dir dafür, daß Du unter Hinzurechnung aller Frachtkosten noch zwanzig Procent an diesem Artikel sparen und das Bewußtsein einer guten Handlung mit in den Kauf bekommen wirst. Du weißt aus langer Gewohnheit besser als ich, was eine gute Handlung werth ist. Es wird Dir vermuthlich mehr Vergnügen machen, zu hören, als mir, die Thatsache mitzutheilen, daß ich mich wieder in die Gesellschaft von Herren und Damen habe verlocken lassen und eine Einladung angenommen habe, einige Tage bei Herrn Travers in Neesdale-Park zuzubringen, der Dich seinen alten Freund nennt – ein Ausdruck, der, wie ich als ausgemacht annehme, zu jener Gattung poetischer Uebertreibungen gehört, in welche auch die ›Theurer‹ und ›mein Engel‹ der Ehegatten eingereiht werden müssen. Da ich keine für diesen Besuch passenden Kleider in meinem Ränzel habe, so sei so gut, Jenkes zu sagen, er möge mir unter der Adresse Neesdale-Park bei Beaverston einen Koffer voll solcher Kleider, wie ich sie als Kenelm Chillingly zu tragen pflegte, nachschicken.

10 Ich gehe morgen von hier fort in Begleitung eines Freundes mit Namen Bowles, keines Verwandten des ehrwürdigen Herrn dieses Namens, der die Doctrin vertrat, daß ein Poet uns lieber mit den abgeschmackten Einzelnheiten eines Gegenstandes der Natur peinigen solle, als mit jenem Studium des unbedeutenden, Mensch genannten Geschöpfes in seinem Verhältniß zu seiner Gattung, auf welches Pope das Gebiet seiner untergeordneten Muse beschränkt wissen wollte, und welcher seinen Worten gemäß handelnd einige sehr hübsche Verse schrieb, welchen eine jüngere dichterische Schule sehr viel verdankt. Mein Freund Bowles hat seine Fähigkeiten der Einwirkung auf Menschen erprobt und hat eine gewaltige natürliche Begabung nach dieser Richtung hin, welche nur der geistigen Pflege bedarf, um ihn Jedem gewachsen zu machen. Seine männliche Natur ist diesen Augenblick sehr getrübt durch jene vorüberziehende Wolke, welche man in der conventionellen Sprache eine hoffnungslose Neigung nennt. Aber ich hege die feste Zuversicht, daß im Lauf unserer Excursion, welche wir zu Fuß machen wollen, dieser Dunst durch Bewegung eine feste Gestalt annehmen werde, wie einige altmodische Astronomen behaupteten, daß der Nebelfleck sich zu einem Weltkörper verdichte. Ist es nicht Rochefoucauld, der sagt, 11 daß ein Mensch nie mehr geneigt sei, eine hoffnungsvolle Neigung für jemand zu fassen, als wenn sein Herz durch eine hoffnungslose Neigung zu einem Andern mild gestimmt sei? Möge es noch lange dauern, lieber Vater, bis Du mir zu dem Ersteren zu condoliren oder zu dem Letzteren zu gratuliren hast.

Dein Dich zärtlich liebender Sohn

Kenelm.

Schreibe mir unter der Adresse von Herrn Travers. Herzlichste Grüße für Mama.«

Ich rücke die Antwort auf diesen Brief hier als an der passendsten Stelle sofort ein, wiewohl dieselbe natürlich erst einige Tage nach dem Datum meines nächsten Kapitels in Kenelm's Hände gelangte.

Sir Peter Chillingly an Kenelm Chillingly.

»Mein lieber Sohn!

Gleichzeitig mit diesem Brief expedire ich den Koffer, den Du wünschest, an die von Dir aufgegebene Adresse. Ich erinnere mich Leopold Travers' noch sehr wohl von der Zeit her, wo er bei den Garden stand und ein sehr hübscher und ausgelassener junger Mensch war. Aber er war viel verständiger, als ihm die Leute zutrauten, und frequentirte gebildete Gesellschaften, 12 wenigstens traf ich ihn sehr oft bei meinem Freunde Campion, dessen Haus damals der beliebte Sammelplatz ausgezeichneter Persönlichkeiten war. Er hatte sehr gewinnende Manieren und man mußte sich für ihn interessiren. Es freute mich sehr, als ich später erfuhr, daß er geheirathet habe und ein anderer Mensch geworden sei. Hier will ich die Bemerkung einschalten, daß Männer, die an schlechter Gesellschaft Geschmack gefunden haben, zwar oft heirathen, aber selten infolge dessen andere Menschen werden. Alles in Allem würde es mich sehr freuen zu hören, daß die Erfahrung, welche Dich fünfundvierzig Pfund gekostet hat, Dich überzeugt hat, daß Du etwas Besseres thun könnest, als zwei oder selbst sechs Schillinge als Tagelöhner zu verdienen.

Deine Grüße an Deine Mutter habe ich nicht ausgerichtet. Du hast mich wahrhaftig in eine sehr falsche Stellung zu der zweiten Urheberin Deines excentrischen Daseins gebracht. Ich konnte Dich vor polizeilichen Nachforschungen und öffentlichen Bekanntmachungen mit Beschreibungen Deiner Person nur dadurch retten, daß ich Deine Mutter zu dem Glauben veranlaßte, Du seiest mit dem Herzog von Clairville und seiner Familie ins Ausland gereist. Es ist leicht zu flunkern, aber sehr schwer, die Flunkerei wieder 13 zurückzunehmen. Indessen würde ich Dir sehr dankbar sein, wenn Du mich, sobald Du Dich entschlossen hast, Deine normale Stellung in der Gesellschaft wieder einzunehmen, davon in Kenntniß setzen wolltest. Ich möchte mein Gewissen nicht gern einen Tag länger mit einer Flunkerei belastet wissen, als es unerläßlich ist, um der Nothwendigkeit einer andern Flunkerei vorzubeugen.

Aus dem, was Du über Herrn Bowles' Studium des Menschen und sein angeborenes Talent für diese wissenschaftliche Untersuchung sagst, schließe ich, daß er Metaphysiker von Profession ist, und ich würde gern seine Ansicht über die primäre Basis der Sittlichkeit, einen Gegenstand, über welchen ich in Veranlassung eines Artikels einer wissenschaftlichen Zeitung drei Jahre lang nachgedacht habe, kennen lernen. Aber nachdem ich kürzlich eine von zwei bedeutenden Philosophen darüber geführte Controverse gelesen habe, bei welcher jeder den andern beschuldigt, ihn nicht verstanden zu haben, habe ich für jetzt beschlossen, die Basis auf sich beruhen zu lassen.

Deine Mittheilung, daß Du mit genauer Noth einer Heirath entgangen seiest, hat mich etwas beunruhigt. Solltest Du, um die Erfahrungen, zu deren Erwerb Du Dich auf den Weg gemacht hast, zu 14 erweitern, Dich entschließen, die Wirkung einer Frau Chillingly auf Dein Nervensystem zu erproben, so würde es gut sein, wenn Du mich etwas vorher davon benachrichtigen wolltest, sodaß ich das Gemüth Deiner Mutter rechtzeitig auf dieses Ereigniß vorbereiten könnte. Solche Haushaltungskleinigkeiten gehören in ihr specielles Bereich und sie würde es sehr übel vermerken, wenn eine Frau Chillingly ihr eines schönen Tages unversehens in den Weg käme.

Indessen ist dieser Gegenstand zu ernst, um eine scherzhafte Behandlung selbst von zwei Leuten zu vertragen, die sich so gut wie wir beide auf die geheime Chiffre verstehen, nach welcher die scherzhafte Ausdrucksweise beider ernsthaft in die Ironie übertragen werden muß, welche das Gegentheil von dem meint, was sie sagt. Mein lieber Junge, Du bist sehr jung, Du wanderst in sehr eigenthümlicher Weise umher und wirst ohne Zweifel manchem hübschen Gesicht begegnen, bei dem Du Dir leicht einbilden wirst, Du seiest in dasselbe verliebt. Du wirst mich nicht für einen barbarischen Tyrannen halten, wenn ich Dich bitte, mir auf Deine Ehre zu versprechen, daß Du keiner jungen Dame einen Heirathsantrag machen willst, bevor Du erst zu mir gekommen sein und den Fall meiner Prüfung und Genehmigung unterbreitet haben wirst. Du 15 kennst mich zu gut, um glauben zu können, daß ich Dir unverständigerweise meine Genehmigung vorenthalten könnte, wenn ich mich überzeugt hätte, daß Dein Glück auf dem Spiele stehe. Aber während das, was ein junger Mensch vielleicht für Liebe hält, oft nur einen unbedeutenden Zwischenfall in seinem Leben bildet, ist die Ehe das größte Ereigniß in diesem Leben; wenn sie einerseits sein Glück verbürgen kann, so kann sie andererseits eine Quelle des Elends für ihn werden. Theuerster, bester und sonderbarster aller Söhne, gib mir das Versprechen, um das ich Dich bitte, und Du wirst meine Brust von einem furchtbar beängstigenden Gedanken befreien, welcher jetzt wie ein Alp auf derselben lastet.

Deine Empfehlung eines Korbmachers kommt grade zu rechter Zeit. Alle dergleichen Dinge gehen durch die Hände meines Schulzen, und erst neulich beklagte sich Green über die hohen Preise des Mannes, den er für die Anfertigung von Pack- und Wildkörben benutzt. Green soll an Deinen Schützling schreiben.

Halte mich au fait Deiner Bewegungen, soviel Dein anomaler Charakter es irgend zuläßt, sodaß nichts meine Zuversicht vermindern möge, daß der Mann, der die Ehre gehabt hat, auf den Namen 16 Kenelm getauft zu werden, seinen Namen nicht beschimpfen, sondern sich in einer einem Peter versagten Weise auszeichnen werde.

Dein Dich zärtlich liebender Vater.«         17

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