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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

Etwa eine Woche nachdem Kenelm Cecilia wieder getroffen hatte, saß er um jene dritte Nachmittagsstunde, deren Verwendung städtischen Müßiggängern immer am schwierigsten wird, in seinem Zimmer mit Lord Thetford. Unter den jungen Männern seines Alters und Standes, mit welchen Kenelm in der fashionablen Welt verkehrte, war dieser junge Erbe der Beaumanoirs vielleicht derjenige, auf den er am meisten hielt, den er am meisten sah. Und obgleich Lord Thetford mit dem directen Verlaufe meiner Erzählung nichts zu thun hat, lohnt es sich doch der Mühe, einige Augenblicke bei der Skizzirung eines der Besten zu verweilen, welche die letzte Generation hervorgebracht hat und die berufen sind, eine Rolle zu übernehmen, 239 welche junge Männer wie Lord Thetford, Dank gewissen Zufälligkeiten der Geburt und des Vermögens, auf jener Bühne spielen müssen, deren Vorhang noch nicht aufgezogen ist.

Bestimmt, das Haupt einer Familie zu werden, welche mit fürstlichem Reichthume und einem historischen Namen einen feurigen, wiewohl durchaus ehrenwerthen politischen Ehrgeiz verband, hatte Lord Thetford eine sorgfältige Erziehung genossen, die ihn insbesondere auch in die neuen Ideen seiner Zeit einweihte. Sein Vater hatte, wiewohl ein Mann von nicht gewöhnlichen Talenten, doch niemals einen Antheil am öffentlichen Leben genommen; er wünschte aber, daß sein ältester Sohn das thun möge. Die Beaumanoirs waren Whigs seit der Zeit Wilhelm's III. Sie hatten seit jener Zeit die guten und die bösen Tage einer Partei getheilt, von welcher kein Politiker, gleichviel ob er ihr angehört oder nicht, wenn er die Extreme in der Regierung eines Staates fürchtet, der von so überwiegend künstlichem Gefüge ist, daß das Vorherrschen eines Extrems in einer der beiden Schalen für das Gleichgewicht verhängnißvoll werden würde, wünschen kann, daß sie aufhöre oder schwach werde, solange eine constitutionelle Monarchie in England existirt. Von dem Regierungsantritt Georg's I. 240 an bis zum Tode Georg's IV. waren die Beaumanoirs im Aufsteigen begriffen. Wenn man ihre Galerie von Familienportraits besucht, muß man die Bedeutung eines Hauses bewundern, welches während eines Zeitraums von weniger als einem Jahrhundert so viele Männer für den Staatsdienst oder für den Schmuck des Hofes, so viele Minister, Gesandte, Generale, Oberkammerherren und Stallmeister lieferte. Als der jüngere Pitt die großen Whigfamilien schlug, sanken die Beaumanoirs zu verhältnißmäßiger Unbedeutendheit herab; mit dem Regierungsantritt Wilhelm's IV. tauchten sie wieder auf und brachten abermals Bollwerke des Staats und Zierden der Krone hervor. Der jetzige Lord Beaumanoir hatte, wiewohl er sich wenig mit Politik befaßte, doch wenigstens hohe Hofämter inne gehabt und war selbstverständlich Lord-Lieutenant seiner Grafschaft und Ritter des Hosenbandordens. Er war ein Mann, den die Führer seiner Partei bei kritischen Fragen zu Rathe zu ziehen sich gewöhnt hatten. Er pflegte seine Ansichten vertraulich und bescheiden mitzutheilen und nahm es nie übel, wenn sie verworfen wurden. Er lebte der Ueberzeugung, daß eine Zeit kommen werde, wo das Haupt der Beaumanoirs auf dem Kampfplatze in die Schranken hinabsteigen und Mann gegen Mann mit jedem 241 Hodge oder Hobson für die Sache seines Landes und zum Besten der Whigs werde kämpfen müssen. Zu träge oder zu alt, um das selbst zu thun, sagte er zu seinem Sohn: Du mußt das thun; ohne Anstrengung meinerseits kann die Sache wohl noch, solange ich lebe, so fortgehen. Du mußt Dich anstrengen, daß es auch noch für Deine Lebenszeit dauere.

Lord Thetford befolgte freudig die väterliche Mahnung. Er bezwang seine natürlichen Neigungen, welche seinem künstlerischem Geschmack und männlichen Uebungen huldigten. Er war ein großer Freund der Musik und Malerei, ein feiner Dilettant, der für einen Kenner in beiden Künsten galt; er war ein leidenschaftlicher Verehrer körperlicher Uebungen, namentlich der Jagd. Er ließ sich aber durch diese Neigungen nicht von der ernstesten Aufmerksamkeit auf die Geschäfte des Unterhauses abziehen. Er war Mitglied von Ausschüssen, führte den Vorsitz bei öffentlichen Versammlungen über Gesundheitsfragen oder Pläne zu socialen Verbesserungen und entledigte sich seiner Obliegenheiten bei solchen Gelegenheiten sehr gut. Er hatte sich noch an keiner Debatte im Parlament betheiligt, denn er saß erst zwei Jahre darin und befolgte den weisen Rath seines Vaters, erst im dritten Jahre zu reden. Aber er war nicht ohne Einfluß auf die guten 242 Familien entstammenden jüngeren Mitglieder der Partei und war aus jenem Stoff gemacht, aus welchem, wenn er gereift ist, die Säulen eines Kabinets geformt werden. In seinem Herzen war er überzeugt, daß seine Partei zu weit und zu rasch gehe, aber er ging getrosten Muthes mit dieser Partei und würde sich nicht von ihr getrennt haben, auch wenn sie direct auf den Erebus losgesteuert wäre. Aber er würde es vorgezogen haben, sie eine andere Richtung einschlagen zu sehen. Im Uebrigen war er ein angenehmer, frisch blickender junger Bursche von lebhaftem Naturell, der in Momenten der Muße von öffentlichen Geschäften langweilige Jagdpartien wie Sonnenschein belebte und heiße Ballsäle wie ein kühler Wind erfrischte.

»Mein lieber Freund«, sagte Lord Thetford, als er seine Cigarre beiseite warf, »ich begreife vollkommen, daß Sie sich langweilen, Sie haben nichts zu thun!«

»Was kann ich thun?«

»Arbeiten.«

»Arbeiten?«

»Ja. Sie sind begabt genug, um sich bewußt zu sein, daß Sie einen Geist haben, und der Geist ist der ruhelose Bewohner des Körpers; er verlangt nach 243 irgend welcher Beschäftigung und zwar nach einer regelmäßigen; er bedarf zur Erhaltung seiner Gesundheit täglicher Uebung. Gewähren Sie die Ihrem Geiste?«

»Das weiß ich wahrhaftig nicht; aber mein Geist macht sich immer mit einem oder dem andern Gegenstande zu thun.«

»In einer fortwährend abspringenden Weise – ohne festen Zweck.«

»Das ist wahr.«

»Schreiben Sie ein Buch; dabei wird Ihr Geist die erforderliche regelmäßige Uebung bekommen.«

»Nun, mein Geist schreibt fortwährend ein Buch, wenn er auch vielleicht keins veröffentlichen wird, notirt sich fortwährend Eindrücke oder erfindet Vorfälle oder erforscht Charaktere, und unter uns, ich glaube, ich langweile mich nicht mehr so sehr wie früher. Andere Leute langweilen mich jetzt noch mehr als früher.«

»Weil Sie sich nicht entschließen können, im Verein mit Anderen auf einen bestimmten Zweck hinzuarbeiten. Treten Sie ins Parlament, schließen Sie sich einer Partei an und Sie haben einen solchen Zweck.«

»Können Sie ernsthaft behaupten, daß Sie im Unterhause nicht gelangweilt werden?«

244 »Von den Rednern sehr oft, aber von dem Kampf zwischen den Rednern nicht. Das Leben im Unterhause hat etwas eigenthümlich Aufregendes, von dem man sich außerhalb desselben kaum einen Begriff macht; Sie können sich aber den Reiz desselben vorstellen, wenn Sie beobachten, wie Männer, die früher in dem dichtesten Gewühl der parlamentarischen Kämpfe gestanden haben, sich verlassen und vergessen fühlen, wenn sie ihren Sitz verlieren, und es schmerzlich empfinden, wenn der Zufall der Geburt sie in die reinere Atmosphäre des Oberhauses versetzt. Versuchen Sie es einmal mit diesem Leben, Chillingly.«

»Ich würde es vielleicht thun, wenn ich ein Ultraradicaler, ein Republikaner, ein Communist oder ein Socialist wäre und alles Bestehende umstürzen möchte, denn dann würde es sich wenigstens um einen sehr ernsten Kampf handeln!«

»Könnten Sie es aber nicht ebenso ernst mit dem Kampf gegen jene revolutionären Herren im Parlament nehmen?«

»Nehmen Sie und Ihre Führer es mit dem Kampf gegen jene Herren ernst? Es kommt mir nicht so vor.«

Thetford schwieg einen Augenblick und sagte dann: »Nun, wenn Sie an dem Ernst der Principien meiner 245 Partei zweifeln, so gehen Sie mit der andern Partei. Ich meinestheils und viele von unserer Partei würden es mit Vergnügen sehen, wenn die Conservativen stärker wären.«

»Das bezweifle ich nicht. Kein verständiger Mensch läßt sich gern von einer hinter ihm her drängenden Menge willenlos forttreiben, und die Menge wird weniger ungestüm, wenn sie eine starke Macht sich gegenüber sieht. Aber es scheint mir, daß der Conservatismus für jetzt nur sein kann, was er eben ist: eine Partei, die sich zum Widerstande, aber nicht zu neuen schöpferischen Constructionen vereinigen kann. Wir leben in einem Zeitalter, wo der Prozeß der Auflösung blindlings vor sich geht, wie wenn er von einer blinden Nemesis ins Werk gesetzt wäre. Neue Ideen stürzen sich in tosendem Wogendrange gegen die Ideen heran, welche frühere Denker als feste Dämme und Wellenbrecher betrachtet hatten, und die neuen Ideen sind so wandelbar und so schwankend wie die Ideen, welche vor zehn Jahren für neu galten und heute veraltet sind. Und mit einer Art von Fatalismus sehen wir Staatsmänner sich diesen aufeinanderfolgenden Experimenten, die ein Hohn auf alle Erfahrung sind, fügen und achselzuckend zu einander sagen: Bismillah, es muß so sein! Das Land will es 246 so, und wenn es auch dabei zu Grunde gehen sollte. Ich bin nicht sicher, daß das Land nicht um so rascher zu Grunde gehen wird, wenn Sie nur das conservative Element stark genug machen können, um es mit der Gewißheit, es wieder niederwerfen zu können, ans Ruder zu bringen. Ach, ich bin leider ein zu leidenschaftsloser Zuschauer, um mich zu einem Parteigänger zu eignen; ich wollte, ich wäre es nicht. Wenden Sie sich an meinen Vetter Gordon.«

»Ja, Chillingly Gordon ist ein Mann der Zukunft und besitzt den ganzen Ernst, den Sie bei den Parteien und bei sich selbst vermissen.«

»Sie nennen ihn ernst?«

»Gewiß! Höchst ernst in der Verfolgung eines Zweckes, der Beförderung Chillingly Gordon's. Wenn er ins Unterhaus kommt und dort Succeß hat, so hoffe ich nie unter seiner Führung zu stehen, denn wenn er das Christenthum seiner Beförderung hinderlich fände, würde er einen Antrag auf Abschaffung desselben stellen.«

»Würde er in einem solchen Falle noch Ihr Führer bleiben können?«

»Mein lieber Kenelm, Sie wissen nicht, was es mit dem Parteigeist auf sich hat und wie leicht 247 derselbe Entschuldigung für Alles findet, was der Führer der Partei thut. Natürlich würde Gordon, wenn er einen Antrag auf Abschaffung des Christenthums einbrächte, das auf den Grund hin thun, daß diese Abschaffung gut für die Christen sei, und seine Anhänger würden diese erleuchtete Auffassung mit Jubel begrüßen.«

»Ach«, sagte Kenelm mit einem Seufzer, »ich gestehe, daß ich der stumpfsinnigste Dummkopf bin; denn anstatt mir das Feld der Parteipolitik verlockend erscheinen zu lassen, versetzt mich Ihre Darstellung in ein albernes Erstaunen darüber, daß Sie sich nicht so rasch wie möglich davonmachen, da doch die Ehre nur durch die Flucht gerettet werden kann.«

»Bah, mein lieber Chillingly, wir können der Zeit, in der wir leben, nicht entfliehen; wir müssen ihre Bedingungen acceptiren und das Beste daraus zu machen suchen, und wenn das Unterhaus nichts Anderes ist, so ist es doch eine famose Debattirgesellschaft und ein ausgezeichneter Club. Denken Sie darüber nach; ich muß Sie jetzt verlassen. Ich will nach der Ausstellung, mir ein Bild anzusehen, das im ›Londoner‹ höchst grausam kritisirt worden, das aber, wie man mir von competenter Seite versichert, eine sehr tüchtige Arbeit ist. Ich kann es nicht leiden, wenn 248 ein Mann von ganz gewiß eifersüchtigen Rivalen, welche die Journale beherrschen, schnöde heruntergemacht wird, und so will ich mir selbst ein Urtheil über das Gemälde bilden. Wenn es wirklich so gut ist, wie man mir sagt, so werde ich mit allen Leuten, die mir begegnen, darüber reden und in Kunstangelegenheiten gilt mein Wort, glaube ich, etwas. Beschäftigen Sie sich ernst mit der Kunst, mein lieber Kenelm. Die Erziehung eines Gentleman kann nicht für vollständig gelten, wenn er nicht ein gutes Bild von einem schlechten zu unterscheiden weiß. Nach der Ausstellung werde ich vor der Hauptdebatte dieser Session, die heute Abend beginnt, noch eben Zeit zu einem Ritt um den Park haben.«

Leichten Schrittes verließ der junge Mann das Zimmer und summte, als er die Treppe hinabstieg, eine Arie aus »Figaro«. Vom Fenster aus beobachtete ihn Kenelm, wie er sich mit leichter Grazie in den Sattel schwang und rasch die Straße hinunterritt, in Gestalt, Gesicht und Haltung ein wahres Muster junger, hochgeborener, wohlerzogener Männlichkeit. »Die Venetianer«, murmelte Kenelm vor sich hin, »ließen Marino Faliero köpfen, weil er gegen seinen eigenen Stand, die Adligen, conspirirt hatte. Die Venetianer liebten ihre Institutionen und glaubten an dieselben. 249 Existirt eine solche Liebe und ein solcher Glaube in England?«

Während er so mit sich selbst sprach, hörte er ein schrilles Quieken und sah, wie ein herumziehender Mann vor seinem Fenster die Bühne aufstellte, auf welcher Punch sich über die Gesetze und die sittlichen Grundsätze der Welt lustig macht, »den Büttel tödtet und dem Teufel Trotz bietet«. 250

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