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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Es trifft sich oft, daß wir in einem kleinen, auf dem Lande zusammenlebenden Kreise oder an einem ruhigen Badeorte oder in einer kleinen Stadt des Continents vertraute Freundschaften schließen, welche in dem gewaltigen Strudel des Londoner Lebens zu entfernten Bekanntschaften werden, ohne daß einen von beiden Theilen die Schuld dieser Entfremdung träfe. So war es mit Leopold Travers und Kenelm Chillingly. Travers hatte, wie wir gesehen haben, ungemein viel Geschmack an der Unterhaltung des jungen Fremden gefunden, die einen so gewaltigen Contrast zu dem alltäglichen ländlichen Verkehr bildete, auf welchen sein reger Geist sich seit Jahren beschränkt gesehen hatte. Aber als er, ein Jahr bevor er wieder mit Kenelm zusammentraf, zum ersten Mal wieder nach 235 London gekommen war, hatte er alte Freundschaften mit früheren Berufsgenossen erneuert, mit Offizieren des Regiments, dem er einst zur Zierde gereicht hatte, von denen einige noch unverheirathet, einige wenige gleich ihm Wittwer, andere endlich, ehedem seine Rivalen in der Mode, noch immer elegante Müßiggänger waren. In einer großen Hauptstadt kommt es selten vor, daß wir mit Männern einer andern Generation auf vertrautem Fuße stehen, außer wenn das Interesse für Kunst und Wissenschaft oder gemeinschaftliche Sympathien im politischen Parteikampfe das verknüpfende Band bilden. So kam es, daß Travers und Kenelm, seit sie sich zuerst bei den Beaumanoirs getroffen, sehr wenig vertrauten Verkehr mit einander gepflogen hatten. Dann und wann trafen sie sich auf einer Londoner rout und begrüßten sich kopfnickend. Aber ihre Lebensgewohnheiten waren verschieden. Weder verkehrten sie vertraulich in denselben Häusern, noch frequentirten sie dieselben Clubs. Kenelm's hauptsächlichste Körperbewegung bestand noch immer in langen frühen Wanderungen durch ländliche Vorstädte, die Leopold's in einem späten Ritt im Hyde-Park. Leopold war bei weitem mehr als Kenelm dem Vergnügen ergeben. Nachdem er sich erst einmal wieder an das hauptstädtische Leben gewöhnt hatte, fand er mit seinem von Haus aus 236 lebhaften, feurigen und geselligen Temperament auch bald wieder, wie in früheren Tagen, Geschmack an den leichteren Amusements, welche dieses Leben ihm bot.

Wäre der Verkehr zwischen den beiden Männern noch so offen vertraulich gewesen wie in Neesdale-Park, so würde Kenelm Cecilia viel öfter in ihrem eigenen Hause gesehen haben, und aus der Bewunderung und Achtung, welche sie ihm bereits einflößte, würden sich vielleicht viel wärmere Gefühle entwickelt haben, wenn er so zu einem klareren Verständniß ihres sanften und echt weiblichen Herzens und ihrer zärtlichen Voreingenommenheit für ihn gelangt wäre. Er hatte in seinem Brief an Sir Peter etwas unbestimmt gesagt, daß es ihm bisweilen vorkomme, als ob seine Gleichgültigkeit gegen Liebe und Ehrgeiz daher rühre, daß ihm in beiden Beziehungen ein unerreichbares Ideal vorschwebe. Wenn er diese Voraussetzung auf die Probe stellte, so mußte er sich ehrlicher Weise bekennen, daß er kein Ideal eines Weibes in sich trage, mit welchem sich die reale Cecilia Travers im Widerspruch befunden hätte. Im Gegentheil, je mehr er über die charakteristischen Eigenschaften Cecilia's nachdachte, desto mehr schien sie jedem Ideal, das ihm in dem Dämmerlicht träumerischen Sinnens vorgeschwebt hatte, zu entsprechen, und doch wußte er, daß er nicht in sie verliebt 237 sei, daß sein Herz mit seiner Vernunft nicht im Einklang stehe. Und mit tiefer Trauer resignirte er in der Ueberzeugung, daß nirgends auf diesem Planeten, dessen Bewohnern mit ihrem Treiben er sich so fremd fühlte, seiner die lächelnde Gespielin, die ernste Genossin harre.

In dem Maße, wie sich diese Ueberzeugung in ihm befestigte, steigerte sich in ihm der Ueberdruß an dem künstlichen Leben der Hauptstadt und aller seiner Zwecke und Vergnügungen und erwachte in ihm wieder eine tiefe Sehnsucht nach der Zigeunerfreiheit und den gesunden Aufregungen seiner Fußwanderungen. Oft gedachte er mit Neid des wandernden Troubadours und fragte sich, ob er, wenn er wieder dieselbe Gegend durchstreifte, auch diesem umherschweifenden Sänger wieder begegnen würde. 238

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