Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel.

Kenelm Chillingly hatte bei der Schilderung seiner gesellschaftlichen Stellung nicht übertrieben, als er sich einen Löwen der fashionablen Welt nannte. Es wäre unmöglich, die Zahl der dreieckigen Billets, mit welchen er von seiten der schönen, für jede Berühmtheit schwärmenden Damen überschüttet wurde, oder der sorgfältig versiegelten Briefe schöner, anonymer Damen, welche ihn fragten, ob er ein Herz habe und sich um die und die Stunde und an der und der Stelle im Park einstellen wolle, aufzuzählen. Es würde schwer sein zu sagen, was in Kenelm Chillingly's Wesen ihn namentlich bei dem schönen Geschlechte so beliebt machte, wenn es nicht war, daß er in dem Ruf stand, einmal anders als alle anderen Leute und ferner vollkommen 217 gleichgültig gegen jeden Ruf überhaupt zu sein. Er härte, wenn es ihm darum zu thun gewesen wäre, leicht den Beweis liefern können, daß der allgemein verbreitete, wenn auch nicht näher begründete Glaube an seine Talente nicht ganz ungerechtfertigt sei. Denn die Artikel, welche er während seiner Reise ins Ausland an den »Londoner« geschickt hatte und welche ihm seine Reisekosten bestritten hatten, trugen in Ton und Behandlung jene Art von Originalität, welche selten verfehlt, die Neugierde der Leser in Betreff der Person des Verfassers zu erregen, und allgemeineren Beifall erntet, als sie vielleicht verdient.

Aber Mivers war seiner übernommenen Verpflichtung, das Incognito des Autors streng zu wahren, treu geblieben und Kenelm hegte eine gleich tiefe Verachtung für seine Artikel und für die Leser, welche dieselben lobten.

Grade wie die Misanthropie bei einigen Menschen aus getäuschtem Wohlwollen hervorgeht, so gibt es gewisse Naturen, und Kenelm Chillingly gehörte vielleicht zu ihnen, bei welchen der Indifferentismus die Frucht eines getäuschten Ernstes der Lebensauffassung ist.

Er hatte sich viel Vergnügen von der Erneuerung der Bekanntschaft mit seinem alten Lehrer, Herrn 218 Welby, und von der Auffrischung seines Geschmacks für Metaphysik, Casuistik und Kritik versprochen. Aber dieser vollendete Bekenner des Realismus hatte der Philosophie ganz und gar den Rücken gekehrt und genoß jetzt lebenslängliche Ferien in der Bekleidung eines öffentlichen Amtes. Ein Minister, zu Gunsten dessen, als derselbe auf der Seite der Opposition stand, Herr Welby den Einfall gehabt hatte, einige sehr geschickte Artikel in einem bedeutenden Blatt zu schreiben, hatte, als er ans Ruder kam, dem Realisten eins jener wenigen guten Dinge verehrt, welche der ministeriellen Patronage noch verblieben sind, eine etwa zwölfhundert Pfund jährlich einbringende Stelle. Während Welby's Vormittage so durch Routinearbeiten ausgefüllt waren, brachte er seine Abende im Genuß angenehmer Geselligkeit zu.

» Inveni portum«, sagte er zu Kenelm; »ich quäle mich jetzt nicht mehr mit der Ergründung dunkler Materien. Aber essen Sie morgen tête-à-tête mit mir. Meine Frau ist mit unserm jüngsten Kinde in St. Leonards, um die Seeluft zu genießen.«

Kenelm nahm die Einladung an.

Das Diner würde einen Brillat Savarin befriedigt haben; es war tadellos, und der Rothwein war jener köstliche Nektar, Lafitte von 1848.

219 »Ich theile diesen Genuß nie mit mehr als einem Freunde zur Zeit«, sagte Welby.

Kenelm bemühte sich, seinen Wirth zu einer Discussion über gewisse neue, nach rein realistischen Principien geschriebene Werke zu veranlassen. »Je realistischer diese Werke zu sein den Anspruch machen, desto weniger real sind sie«, sagte Kenelm. »Ich bin halb geneigt zu glauben, daß die ganze Schule, welche Sie so systematisch zu gründen bemüht gewesen sind, auf einer falschen Auffassung beruht und daß Realismus in der Kunst etwas Unmögliches ist.«

»Ich glaube, Sie haben Recht. Mein Uebergang zu dieser Schule war ernst gemeint, weil ich gegen Anhänger der idealistischen Schule leidenschaftlich erbittert war, und wenn man es mit einer Sache ernst nimmt, geht man in der Regel von einer falschen Auffassung aus, besonders wenn man leidenschaftlich erregt ist. Ich meinte es weder im Ernst, noch war ich leidenschaftlich erregt, als ich jene Artikel schrieb, denen ich meine jetzige Stelle verdanke.« Bei diesen Worten streckte Herr Welby seine Beine behaglich von sich, führte das Glas an seinen Mund und athmete das Bouquet des Weines wollüstig ein.

»Sie betrüben mich«, erwiderte Kenelm. »Es ist melancholisch, zu finden, daß ein Lehrer, der in unserer 220 Jugend auf die Bildung unseres Geistes Einfluß geübt hat, sich über seine eigenen Lehren lustig macht.«

Welby zuckte die Achseln. »Das Leben besteht aus einem Prozeß abwechselnden Lernens und Verlernens; aber es ist oft weiser, zu verlernen, als zu lernen. Uebrigens kümmere ich mich, nachdem ich aufgehört habe ein Kritiker zu sein, wenig darum, ob ich Recht oder Unrecht hatte, als ich jene Rolle spielte; jetzt, wo ich Beamter bin, glaube ich Recht zu haben. Laß die Welt ihren Gang gehen, wenn sie uns nur auf sich leben läßt. Ich trinke meinen Wein bis auf die Neige und beschränke meine Hoffnungen auf die kurze Spanne des Lebens. Verwerfen Sie den Realismus in der Kunst, wenn es Ihnen beliebt, und lassen Sie ihn für das Verhalten im Leben gelten. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich behaglich; nachdem mein Geist seine Schuhe ausgetreten hat, genießt er jetzt den Luxus der Pantoffeln. Wer kann den Realismus des Comforts leugnen?«

Als Kenelm wieder in seinen Brougham stieg, fragte er sich: »Hat ein Mann das Recht, einen seltenen Geist und eine seltene Gelehrsamkeit dazu zu verwenden, die junge Generation aus den sicheren alten Bahnen zu scheuchen, die sie sich selbst überlassen wandeln würde, aus den alten, von romantischen Flüssen 221 und schattigen Bäumen begrenzten Wegen, und sie in neue, auf weiten Sandflächen liegende Wege zu leiten um ihr dann, wenn sie sich die Füße wund gelaufen hat und erschöpft ist, zu sagen, daß er sich den Teufel darum schere, ob sie sich ihre Schuhe auf dem rechten oder unrechten Wege ausgetreten haben, denn er habe das summum bonum der Philosophie in dem Behagen bequemer Pantoffeln erreicht?«

Noch ehe er sich diese Frage beantworten konnte, hielt sein Brougham vor der Thür des Ministers, welchen Welby mitgeholfen hatte ans Ruder zu bringen.

An jenem Abend drängte sich in den Salons des hochgestellten Mannes die fashionable Welt. Es war grade ein sehr kritischer Moment für den Minister. Das Schicksal seines Kabinets hing von dem Ergebniß eines Antrags ab, der in der nächsten Woche im Unterhause gestellt werden sollte. Der große Mann stand am Eingange seiner Salons, um seine Gäste zu empfangen, und unter diesen Gästen befanden sich die Urheber des feindlichen Antrags und die Führer der Opposition. Er empfing sie mit demselben anmuthigen Lächeln wie seine theuersten Freunde und zuverlässigsten Anhänger.

»Ich vermuthe, daß das Realismus ist«, dachte Kenelm bei sich; »aber es ist weder Wahrheit noch 222 Comfort.« In der Nähe der Thür an die Wand gelehnt, betrachtete er mit ernstem Interesse die frappante Physiognomie seines ausgezeichneten Wirthes. Hinter jenem höflichen Lächeln und jenen höflichen Manieren entdeckte er die Spuren der Sorge. Der Ausdruck des Auges war abwesend, die Wangen hatten etwas Gekniffenes, die Stirn war gefurcht. Dann wandte Kenelm seine Blicke von dem Gesicht des Ministers ab und ließ sie über die lebhaften Physiognomien der auf den gewöhnlichen Wegen des Lebens einherwandelnden Müßiggänger schweifen. Der Ausdruck ihrer Augen hatte nichts Abwesendes, ihre Stirn war nicht gefurcht; ihre Geister schienen sich in dem Austausch von Nichtigkeiten völlig behaglich zu fühlen. Viele von ihnen hatten wohl ein Interesse an dem bevorstehenden Kampf, aber es war ein Interesse, wie es Leute, die kleine Summen gewettet, am Derby-Tag nehmen, groß genug, um dem Wettrennen einen gewissen Reiz zu verleihen, aber nicht groß genug, um den Gewinn zu einer großen Freude oder den Verlust zu einer schweren Pein zu machen.

»Unser Wirth sieht krank aus«, sagte Mivers zu Kenelm. »Ich entdecke bei ihm Spuren einer unterdrückten Gicht. Sie kennen meinen Aphorismus: Es gibt nichts, was der Gicht so förderlich 223 wäre wie der Ehrgeiz, namentlich parlamentarischer Ehrgeiz.«

»Sie gehören nicht zu jenen Freunden, die mich auf meinem Lebenswege an dieser Quelle der Krankheit zu schöpfen zwingen möchten; erlauben Sie mir, Ihnen dafür zu danken.«

»Ihr Dank kommt an den unrechten Mann. Ich rathe Ihnen sehr entschieden, eine politische Carrière zu ergreifen.«

»Trotz der Gicht?«

»Trotz der Gicht. Wenn Sie die Welt nehmen könnten, wie ich es thue, so würde mein Rath vielleicht anders lauten. Aber Ihr Geist laborirt an einer Ueberfülle von Zweifeln und phantastischen Grillen, und es bleibt Ihnen nichts zu thun übrig, als diesen Zweifeln und Grillen im thätigen Leben Luft zu machen.«

»Sie haben mit dazu beigetragen, daß ich das geworden bin, was ich bin, ein Müßiggänger, und sind mit verantwortlich für meine Zweifel und phantastischen Grillen. Auf Ihre Empfehlung wurde ich Herrn Welby zur Erziehung übergeben und zwar in jenem kritischen Alter, in welchem die Biegung des Schößlings über die künftige Gestalt des Baumes entscheidet.«

»Und ich bin stolz auf diesen Rath. Ich will 224 Ihnen die Gründe, aus denen ich denselben seinerzeit gab, wiederholen. Es ist ein unberechenbarer Vortheil für einen jungen Mann, beim Eintritt ins Leben in die neuen Ideen, welche mehr oder weniger Einfluß auf seine Generation üben werden, völlig eingeweiht zu sein. Welby war der fähigste Repräsentant dieser Ideen. Man muß es als eine ganz besonders glückliche Chance betrachten, wenn der Verbreiter neuer Ideen etwas mehr als ein reiner Buchgelehrter, wenn er durch und durch ein Weltmann und das ist, was wir mit besonderem Nachdruck praktisch nennen. Ja, Sie schulden mir Dank dafür, daß ich Ihnen einen solchen Lehrer verschaffte und Sie vor sentimentalem Geschwätz, vor der Poesie Wordsworth's und dem muskulösen Christenthum des Vetters John bewahrte.«

»Das, wovor Sie mich bewahrt zu haben glaubten, hat mir vielleicht besser gethan, als Alles, wozu Sie mich bestimmten. Ich fürchte, daß, wenn es der Erziehung gelingt, einen alten Kopf auf junge Schultern zu setzen, diese Combination der Gesundheit nicht zuträglich ist; sie macht das Blut stocken und verlangsamt den Puls. Indessen darf ich nicht undankbar sein, Sie meinten es gut. Ja, Welby scheint mir allerdings praktisch zu sein; er hat keine 225 Ueberzeugungen und hat eine Anstellung bekommen. Aber unser Wirth scheint mir doch auch praktisch zu sein; er hat eine viel höhere Stelle als Welby und ist doch sicherlich nicht ohne Ueberzeugungen. Wie?«

»Er ist zu einer Zeit geboren, wo die neuen Ideen sich noch nicht praktisch geltend zu machen angefangen hatten; aber in dem Maße, wie sie das gethan haben, hat er seine Ueberzeugungen natürlich fahren lassen. Ich glaube nicht, daß er jetzt noch an Vieles glaubt, ausgenommen an die beiden Sätze: daß, wenn er sich zu den neuen Ideen bekennt, er Macht besitzen und behaupten wird und, wenn er sich nicht zu ihnen bekennt, von Macht keine Rede sein kann; und ferner, daß, wenn die neuen Ideen sich zu behaupten bestimmt sind, er der beste Mann ist, dieselben sicher zu leiten – Glauben genug für einen Minister. Kein weiser Minister sollte mehr davon haben!«

»Glaubt er nicht, daß der Antrag, den er nächste Woche zu bekämpfen haben wird, schlecht ist?«

»Schlecht? Natürlich, in seinen Folgen, denn wenn derselbe durchgeht, so wird er ihn stürzen; an und für sich hält er den Antrag sicherlich für gut, denn er würde ihn selbst stellen, wenn er noch in der Opposition wäre.«

»Ich sehe, daß Pope's Definition noch immer 226 wahr ist: Die Parteien sind der Wahnsinn der Vielen zum Vortheil der Wenigen.«

»Nein, sie ist nicht wahr. Wahnsinn ist in seiner Anwendung auf die Vielen ein falscher Ausdruck. Die Vielen sind bei ganz gutem Verstande; sie kennen ihre Zwecke und sie bedienen sich der Intelligenz der Wenigen, um ihre Zwecke zu erreichen. In jeder Partei sind es die Vielen, welche die Wenigen, die nominell ihre Führer sind, controliren. Ein Mann wird Premierminister, weil er den Vielen seiner Partei am geeignetsten scheint, ihre Ansichten zur Geltung zu bringen. Wenn er sich herausnimmt, von diesen Ansichten abzuweichen, so stellen sie ihn an einen moralischen Pranger und bewerfen ihn mit ihren schmuzigsten Steinen und ihren verfaultesten Eiern.«

»Die Definition mußte also umgekehrt lauten? Parteien wären vielmehr der Wahnsinn der Wenigen zum Vortheil der Vielen?«

»Das ist unzweifelhaft die correctere von beiden Definitionen.«

»Lassen Sie mich also mir meinen gesunden Verstand bewahren und es ablehnen, einer der Wenigen zu sein.«

Kenelm verließ seinen Vetter, trat in eins der weniger vollen Zimmer und sah hier Cecilia Travers 227 in einer Nische mit Lady Glenalvon sitzen. Er trat an sie heran und ließ sich, als Lady Glenalvon nach einem kurzen Austausch gewöhnlicher Höflichkeitsphrasen aufstand, um die Frau eines Gesandten anzureden, auf dem von ihr verlassenen Stuhl nieder.

Es war ihm eine Erquickung für Auge und Ohr, Cecilia's reine Stirn zu betrachten und ihre sanfte Stimme zu hören, in deren Ton nichts Künstliches war und die keinem cynischen Witzworte zum Ausdruck verhalf.

»Finden Sie es nicht sonderbar«, sagte Kenelm, »daß wir Engländer alle unsere Gewohnheiten so gestalten, daß dadurch selbst das, was wir Vergnügen nennen, so wenig vergnüglich wie möglich wird? Wir stehen jetzt im Beginn des Juni, dem Anfange der schönen Jahreszeit, wo jeder Tag auf dem Lande ein Genuß für Auge und Ohr ist, und da sagen wir: Jetzt beginnt die Saison für die heißen Räume. Wir allein von allen civilisirten Nationen bringen unsern Sommer in einer Hauptstadt zu und sitzen fest auf dem Lande, wenn die Bäume ihres Blätterschmucks entkleidet und die Teiche gefroren sind.«

»Das ist gewiß verkehrt; aber ich liebe den Aufenthalt auf dem Lande in allen Jahreszeiten, selbst im Winter.«

228 »Vorausgesetzt, daß sich in dem Landhause eine Menge von Londonern zusammengefunden hat?«

»Nein, das halte ich vielmehr für eine Schattenseite. Ich brauche nie Gesellschaft, wenn ich auf dem Lande bin.«

»Es ist ja wahr. Ich hätte daran denken sollen, daß Sie anders sind als die jungen Mädchen im Allgemeinen und daß Sie sich in der Gesellschaft von Büchern wohl fühlen. Bücher sind auf dem Lande immer mittheilsamer als in der Stadt, oder vielmehr, wir hören ihnen auf dem Lande mit weniger zerstreuter Aufmerksamkeit zu. Sieh da! Ist das da drüben nicht der schöne Backenbart von George Belvoir? Wer ist die Dame, die sich auf seinen Arm stützt?«

»Wissen Sie nicht? Lady Emily Belvoir, seine Frau.«

»O ja! Man hat mir erzählt, daß er geheirathet hat. Sie ist eine schöne Frau. Sie wird den Familiendiamanten gut stehen. Liest sie Blaubücher?«

»Ich will sie fragen, wenn Sie es wünschen!«

»Nein, es ist kaum der Mühe werth. Während meiner Reise im Auslande habe ich nur selten englische Zeitungen gesehen. Ich erfuhr jedoch, daß George bei der Parlamentswahl gesiegt habe. Hat er schon einmal im Parlament gesprochen?«

229 »Ja; er hat in dieser Session die Antwort auf die Adresse beantragt, und der Ton und Geschmack seiner Rede wurden sehr gelobt. Einige Wochen später hat er wieder gesprochen, aber, wie es scheint, leider mit weniger gutem Erfolge.«

»Hat man ihn ausgehustet?«

»Etwas der Art.«

»Wird ihm gut thun; er wird sich von dem Aushusten erholen und wird meine Prophezeiung seines Erfolgs wahr machen.«

»Sind Sie jetzt mit George Belvoir fertig? Dann möchte ich Sie fragen, ob Sie Will Somers und Jessie Wiles ganz vergessen haben?«

»Die sollte ich vergessen haben! Nein.«

»Aber Sie haben sich nie wieder nach ihnen erkundigt.«

»Ich habe es als ausgemacht angenommen, daß sie so glücklich wie möglich sind. Bitte, bestätigen Sie mir, daß dem so ist.«

»Ich hoffe, sie sind es jetzt; aber es hat ihnen nicht an Kummer gefehlt und sie haben Graveleigh verlassen.«

»Kummer? Sie haben Graveleigh verlassen? Sie machen mich unruhig. Bitte, erklären Sie sich näher!«

»Es war noch nicht drei Monate nach ihrer 230 Verheirathung und ihrer Installirung in dem Häuschen, das sie Ihnen verdanken, verflossen, als der arme Will von einem rheumatischen Fieber befallen wurde. Wochenlang mußte er das Bett hüten und war, als er endlich wieder aufstehen durfte, so schwach, daß er noch unfähig war, irgend etwas zu arbeiten. Während seiner Krankheit stand Jessie nicht der Sinn danach und sie hatte auch wenig Zeit, sich um den Laden zu bekümmern. Natürlich gab ich oder vielmehr mein guter Vater ihnen alle nöthige Unterstützung; aber –«

»Ich verstehe; sie waren zu Almosenempfängern geworden. Pfui über mich, daß ich nicht an die Pflichten gedacht habe, die ich gegen das von mir zusammengebrachte Paar hatte. Aber bitte, fahren Sie fort.«

»Sie wissen, daß, kurz ehe Sie uns verließen, meinem Vater die Proposition gemacht wurde, seinen Landbesitz in Graveleigh gegen andere ihm wünschenswerthere Ländereien zu vertauschen?«

»Ich erinnere mich. Er acceptirte die Proposition.«

»Ja; Hauptmann Stavers, der neue Grundherr von Graveleigh, scheint ein sehr übler Mensch zu sein, und wiewohl er die Somers nicht aus ihrem 231 Häuschen vertreiben konnte, solange sie ihre Miethe bezahlten – und wir sorgten dafür, daß sie das thaten – etablirte er doch aus einem nichtswürdigen Groll einen Concurrenzladen in einem seiner andern Häuschen im Dorfe und so wurde es für das arme junge Paar unmöglich, sich in Graveleigh seinen Unterhalt zu verdienen.«

»Welche Entschuldigung für seinen Groll gegen ein so harmloses junges Paar hatte denn Kapitän Stavers oder erfand er?«

Cecilia senkte die Blicke und erröthete. »Sein Motiv war der Wunsch, sich an Jessie zu rächen.«

»Ah, ich verstehe.«

»Aber sie haben jetzt das Dorf verlassen und sind glücklich anderswo etablirt. Will hat seine Gesundheit wiedererlangt und es geht ihnen gut, viel besser, als es ihnen je in Graveleigh hätte gehen können.«

»Waren Sie bei ihrem Umzuge ihre Wohlthäterin, Fräulein Travers?« fragte Kenelm in einem zärtlicheren Ton und mit sanfterem Blick, als er je zuvor der Erbin gezeigt hatte.

»Nein, nicht mir haben sie zu danken, nicht mich zu segnen.«

»Wem denn? Ihrem Vater?«

232 »Nein, fragen Sie mich nicht weiter. Ich darf es nicht sagen. Sie wissen es selbst nicht, glauben vielmehr, Sie seien es, dem sie zu danken haben.«

»Mir? Soll ich denn ewig mir selbst zum Trotz ein Scheinwesen sein? Mein verehrtes Fräulein Travers, es ist von der größten Wichtigkeit für meine Ehre, dieses leichtgläubige Paar zu enttäuschen; wo kann ich dasselbe finden?«

»Ich darf es nicht sagen, aber ich will ihren geheimen Wohlthäter um Erlaubniß bitten und Ihnen ihre Adresse schicken.«

In diesem Augenblick fühlte sich Kenelm an seinem Arm berührt und eine Stimme flüsterte ihm zu: »Darf ich Sie bitten, mich Fräulein Travers vorzustellen?«

»Fräulein Travers«, sagte Kenelm, »ich bitte Sie, meinen Vetter, Herrn Chillingly Gordon, in die Liste Ihrer Bekannten einzureihen.«

Während Gordon an Cecilia die conventionellen Phrasen richtete, mit welchen Bekanntschaften in Londoner Salons zu beginnen pflegen, stand Kenelm auf ein Zeichen von Lady Glenalvon, die eben wieder ins Zimmer getreten war, von seinem Stuhl auf und ging zu der Marquise.

»Ist der junge Mann, den Sie da in der 233 Unterhaltung mit Fräulein Travers verlassen haben, nicht Ihr talentvoller Vetter Gordon?«

»Jawohl.«

»Sie hört ihm mit großer Aufmerksamkeit zu. Wie sich seine Züge beleben, wenn er spricht! Er ist dann wirklich schön.«

»Ja, ich könnte ihn mir als einen gefährlichen Bewerber vorstellen. Er hat Witz, Lebhaftigkeit und Kühnheit. Er könnte sich in ein großes Vermögen stark verlieben und zu der Besitzerin mit einem für einen Chillingly ganz ungewöhnlichen Feuer reden. Indessen geht mich das ja nichts an.«

»Es sollte Sie aber etwas angehen.«

»Wehe, wehe! über das ›es sollte aber‹! Welch' ein tief kummervoller Sinn liegt in diesen Worten! Wie glücklich würde unser Leben, wie groß würden unsere Handlungen, wie rein unsere Seelen sein, wenn Alles bei uns so stände, wie es stehen sollte!« 234

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.