Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

Kenelm trat ein. Die jungen Vettern wurden einander vorgestellt, reichten sich die Hände, traten einen Schritt zurück und betrachteten einander. Man kann sich kaum einen größeren Contrast vorstellen, als ihn die beiden Chillinglys, diese Vertreter der aufstrebenden Generation, in ihrer äußeren Erscheinung bildeten. Jeder von ihnen empfand schweigend diesen Contrast. Jeder fühlte, daß dieser Contrast einen Antagonismus in sich schließe und daß, wenn sie sich beide in derselben Arena begegnen sollten, sie das nur als kämpfende Nebenbuhler thun könnten. Und doch empfand jeder mit einer geheimnißvollen Intuition einen gewissen Respekt vor dem anderen, jeder errieth bei dem anderen eine Fähigkeit, der er nicht gerecht zu werden im Stande sei, gegen welche aber seine eigene Fähigkeit 189 sich gedrängt fühlen würde, zu streiten. So würden sich vielleicht ein Vollbluts-Jagdhund und eine Halbbluts-Dogge einander ansehen. Der Zuschauer konnte kaum darüber im Zweifel sein, welcher von beiden das edlere Thier sei; aber er würde vielleicht unschlüssig gewesen sein, wenn es sich darum gehandelt hätte, darauf zu wetten, wer von beiden bei dem tödtlichen Kampfe Sieger bleiben würde. Inzwischen beschnüffelten sich der Vollbluts-Jagdhund und die Halbbluts-Dogge unter höflichen Begrüßungen. Gordon ließ sich zuerst vernehmen.

»Ich habe lange gewünscht, Sie persönlich kennen zu lernen«, sagte er, indem er in Stimme und Wesen jenen Ton seiner Ergebenheit anzuschlagen wußte, welche das wohlerzogene jüngere Mitglied einer Familie dem künftigen Haupt seines Hauses schuldig ist. »Ich begreife nicht, daß ich Ihnen gestern Abend nicht bei Lady Beaumanoir begegnet bin, wo Mivers Sie, wie er mir sagt, getroffen hat, aber ich bin früh fortgegangen.«

In diesem Augenblick ging Mivers seinen Gästen voran ins Frühstückszimmer, wo sie Platz nahmen. Hier übernahm alsbald der Wirth die Hauptkosten der Unterhaltung, indem er gewandt und lebhaft die Hauptinteressen des Tages, den neuesten Skandal, die neueste literarische Erscheinung, die Reform der Armee, die 190 Reform der Wettrennen, den kritischen Zustand Spaniens und das Debut einer italienischen Sängerin Revue passiren ließ. Er schien ein verkörpertes Journal, Leitartikel, Berichte über Gerichtsverhandlungen, auswärtige Correspondenz, Hofberichte, bis herab zu den Todes-, Geburts- und Heirathsanzeigen mit einbegriffen, zu sein. Gordon unterbrach diesen Erguß von Zeit zu Zeit durch kurze scharfe Bemerkungen, welche von seiner eigenen Kenntniß der behandelten Gegenstände und von der Gewohnheit Zeugniß ablegten, alle mit den Zwecken und Geschäften der Menschen zusammenhängenden Gegenstände aus einem höheren, seinem Wesen gemäßen Gesichtspunkte und durch das Medium jenes blauen Glases zu betrachten, welches Sommerlandschaften einen winterlichen Charakter verleiht. Kenelm sagte wenig, hörte aber aufmerksam zu. Die Unterhaltung verlor ihren discursiven Charakter, um längere Zeit bei einer bedeutenden politischen Persönlichkeit, dem vornehmsten und berühmtesten Mitgliede der Partei zu verweilen, welcher Mivers nicht anzugehören – er gehörte nur seiner eigenen Partei an – aber nahe zu stehen erklärte. Mivers sprach von diesem Führer mit dem Ausdruck des tiefsten Mißtrauens und in einem Geiste allgemeiner Geringschätzung. Gordon stimmte diesem Mißtrauen 191 und dieser Geringschätzung bei, fügte jedoch hinzu: »Aber er ist Herr der Situation und muß für jetzt natürlich durch Dick und Dünn gehalten werden.«

»Ja, für jetzt hat man keine andere Wahl«, erwiderte Mivers. »Aber Sie werden im ›Londoner‹ nächstens kurz vor Schluß der Session einige geschickt geschriebene Artikel finden, die ihm dadurch, daß sie ihn in verkehrter Weise loben, großen Schaden thun und die jetzt schon vorhandene, aber noch unterdrückte Besorgniß bedeutender Candidaten für seinen Posten noch steigern werden.«

Hier fragte Kenelm in schüchternem Ton, warum Gordon der Ansicht sei, daß ein Minister, den er für so vertrauensunwürdig und gefährlich halte, für jetzt durch Dick und Dünn gehalten werden müsse.

»Weil für jetzt die mit der Verpflichtung auf diese Unterstützung gewählten Mitglieder ihren Sitz verlieren würden, wenn sie das nicht thäten. Wenn der Teufel kutschirt, muß man schon folgen, wohin erfährt.«

»Wenn der Teufel kutschirt«, erwiderte Kenelm, »würde ich es für richtiger gehalten haben, auf einen Platz auf dem Wagen zu verzichten; vielleicht könnte man sich außerhalb des Wagens nützlich machen und helfen, den Hemmschuh anzulegen.«

192 »Gut bemerkt, Kenelm«, sagte Mivers; »aber von der Metapher abgesehen, hat Gordon Recht; ein junger Politiker muß mit seiner Partei gehen, ein alter Journalist wie ich ist schon unabhängiger. Solange der Journalist jedermann tadelt, wird er immer Leser genug finden.«

Kenelm erwiderte nichts und Gordon lenkte das Gespräch von politischen Persönlichkeiten auf politische Maßregeln. Er sprach über einige dem Parlamente vorliegende Bills sehr verständig und entwickelte bei der Aufdeckung ihrer Mängel und dem Nachweis ihrer Gefahren eine große Kenntniß der betreffenden Gegenstände und eine große kritische Schärfe.

Kenelm war frappirt von der Klarheit und Schärfe dieses kalten Verstandes und fand selbst, daß das Unterhaus ein geeigneter Platz für die Entwickelung dieses Geistes sein würde.

»Aber würden Sie nicht genöthigt sein, diese Bills zu vertheidigen, wenn Sie Mitglied für Saxboro' wären?« fragte Mivers.

»Bevor ich Ihre Frage beantworte, antworten Sie mir auf Folgendes: Müssen nicht die Bills trotz ihrer Gefährlichkeit durchgehen? Ist nicht das Publikum entschlossen, sie durchgehen zu sehen?«

»Ohne Zweifel.«

193 »Dann kann also das Mitglied für Saxboro' unmöglich stark genug sein, um sich dem Willen des Publikums zu widersetzen.«

»Der Fortschritt des Zeitalters!« sagte Kenelm nachdenklich vor sich hin. »Glauben Sie, daß die Klasse der Gentlemen noch lange existiren wird?«

»Was verstehen Sie unter Gentlemen? Die Geburtsaristokratie? Die Gentilhommes?«

»Nein; ich glaube, kein Gesetz kann einem Manne seine Vorfahren nehmen und eine Klasse von Männern guter Abkunft ist nicht auszurotten. Aber eine Klasse, die nur aus Männern von guter Abkunft, ohne Pflichten, ohne Verantwortlichkeit und ohne das Gefühl für das, was Leute von guter Herkunft ihrer persönlichen Ehre und ihrem Lande schuldig sind, besteht, ist für eine Nation kein Segen. Es ist ein Unglück, welches Staatsmänner von demokratischen Ueberzeugungen anerkennen sollten, daß die Klasse der Leute von guter Herkunft nicht vernichtet werden kann, sie muß bestehen bleiben, wie sie in Rom bestehen blieb und wie sie in Frankreich nach allen Versuchen, sie auszurotten, noch heute als die gefährlichste Klasse von Bürgern besteht, die sie immer sein wird, wenn man sie der Attribute beraubt, welche sie zu der nützlichsten Klasse machten. Ich rede nicht von dieser Klasse, ich rede von jenem 194 unclassificirbaren, England eigenthümlichen Stande, welcher sich ohne Zweifel ursprünglich nach dem idealen Maßstab der Ehre und Wahrhaftigkeit bildete, von dem man annahm, daß er von den Gentilhommes oder Leuten von guter Familie aufrecht erhalten werde, welcher jetzt aber weder eines Stammbaums noch eines Grundbesitzes mehr bedarf, um seinen Mitgliedern die Bezeichnung von Gentlemen zu verschaffen; und wenn ich einen Gentleman sagen höre, daß er keine andere Wahl hat, als, gleichviel mit welcher Gefahr für sein Vaterland, anders zu handeln, als zu denken, so glaube ich vorauszusehen, daß im Fortschritt der Zeit die Klasse der Gentlemen bald von einer höheren Entwickelung der Gattung werde beiseite geschoben werden.«

Mit diesen Worten stand Kenelm auf und würde sich verabschiedet haben, wenn nicht Gordon seine Hand ergriffen und ihn zurückgehalten hätte.

»Mein lieber Vetter, wenn ich Sie so nennen darf«, sagte er in der ihm eigenen offenen Weise, die zu dem kühnen Ausdruck seines Gesichts und dem klaren Ton seiner Stimme gut paßte, »ich gehöre zu denen, welche infolge eines zu weit getriebenen Widerwillens gegen Sentimentalität und Salbaderei oft bei solchen, welche sie nicht genau kennen, eine schlechtere 195 Meinung von sich hervorrufen, als sie verdienen. Es kann gewiß geschehen, daß einem Manne, der mit seiner Partei geht, die Maßregeln, die er zu unterstützen sich verpflichtet fühlt, mißfallen und daß er das unter Freunden und Verwandten offen ausspricht; darum braucht aber der Mann noch nicht aller Loyalität und Ehre bar zu sein, und ich hoffe zuversichtlich, daß Sie, wenn Sie mich besser kennen, es nicht für wahrscheinlich halten würden, daß ich mich der Klasse von Gentlemen, der wir beide angehören, unwürdig zeigen könnte.«

»Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen unartig erschienen bin«, antwortete Kenelm, »schreiben Sie das meiner Unkenntniß der Bedingungen des öffentlichen Lebens zu. Ich mußte glauben, daß, wenn ein Politiker eine Sache für schlecht hält, er sie nicht als eine gute unterstützen dürfe. Aber ich habe mich darin vermuthlich geirrt.«

»Vollständig geirrt und zwar aus folgendem Grunde«, sagte Mivers. »Früher gab es in der Politik eine directe Wahl zwischen gut und schlecht. Davon kann jetzt selten mehr die Rede sein. Hochgebildete Männer, welche zwischen der Annahme oder der Verwerfung einer von sehr ungebildeten constituirenden Körperschaften ihrer Wahl aufgedrängten Maßregel 196 zu wählen haben, sind genöthigt, ein Uebel gegen das andere, das Uebel der Annahme gegen das Uebel der Verwerfung abzuwägen; und wenn sie sich zu der ersteren entschließen, so thun sie das, weil sie dieselbe für das geringere Uebel halten.«

»Ihre Erklärung ist vortrefflich«, sagte Gordon, »und ich begnüge mich damit, meine Entschuldigung für das, was mein Vetter als Unaufrichtigkeit betrachtet, auf Ihre Erklärung zu gründen.«

»Das gehört vermuthlich auch zum realen Leben«, sagte Kenelm mit seinem schwermüthigen Lächeln.

»Gewiß thut es das«, erwiderte Mivers.

»Jeder Tag meines Lebens«, seufzte Kenelm, »bestärkt mich mehr in der Ueberzeugung, daß das reale Leben nichts ist als eine Phantasmagorie. Wie absurd ist es von den Philosophen, die Existenz von Erscheinungen zu leugnen! Als was für Erscheinungen müssen wir Lebenden den Geistern vorkommen!

›Die Geister der Weisen sitzen in den Wolken und spotten unser.‹« 197

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.