Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

Herr Chillingly Mivers gab nie bei sich zu Hause Diners. Wenn er einmal ein Diner gab, so war es in Greenwich oder Richmond. Aber zum Frühstück lud er öfter Gäste ein und diese Frühstücke galten für sehr angenehm. Er bewohnte ein schönes, elegant möblirtes, von dem Geiste der saubersten Ordnung durchwehtes Junggesellenlogis in Grosvenor Street. Ein mit Werken zum Nachschlagen reich ausgestattetes und mit sehr schön gebundenen von den Verfassern geschenkten Exemplaren von Werken der Tagesliteratur geschmücktes Bibliothekzimmer hatte, obgleich es einem Literaten zum Studirzimmer diente, doch nichts von der genialen Unordnung, welche meistens die Studirzimmer von Leuten, deren Beruf sie nöthigt, beständig Bücher und Papiere zur Hand zu haben, charakterisirt. Selbst 177 Schreibgeräth kam nur zum Vorschein, wenn es verlangt wurde. Es lag verborgen in einem großen Cylinderbureau von französischer Arbeit und französischer Politur. In diesem Bureau befanden sich zahlreiche Fächer und geheime Schubladen und ein tiefer Behälter mit einem besondern Patentschloß. In diesem Behälter wurden Artikel, welche zur Veröffentlichung im »Londoner« bestimmt waren, Druckbogen u. s. w. aufbewahrt, in den Fächern steckte die gewöhnliche Correspondenz; in den geheimen Schubfächern lagen vertrauliche Briefe und Skizzen von Biographien bedeutender. in diesem Augenblick noch lebender Männer, welche nur des Todestags dieser Männer harrten, um vervollständigt und veröffentlicht zu werden.

Es gab niemand, der diese Nekrologe mit einer so lebendigen Feder schrieb wie Chillingly Mivers, und ein großer, sehr mannichfaltiger Kreis von Bekannten, mit welchen er auf dem Besuchsfuß stand, machte es ihm möglich, sich bald durch glaubwürdige Berichte, bald durch eigene Beobachtungen über die Symptome eines nahen Todes bei den ausgezeichneten Freunden, deren Diners er sich gefallen ließ und deren matten Puls er instinctiv fühlte, wenn er ihren Händedruck erwiderte, zu unterrichten, sodaß er öfter im Stande war, Tage, Wochen, ja Monate, bevor die 178 Welt durch ihren Tod überrascht wurde, die letzte Hand an ihre Nekrologe zu legen. Die Einrichtung dieses Cylinderbureaus stimmte ganz zu dem Geheimniß, in welches dieser merkwürdige Mann die Erzeugnisse seines Geistes hüllte. In seinem literarischen Leben besaß Mivers kein Ich, hier war er immer das unerforschliche, geheimnißvolle Wir. Er war Ich, wenn man ihm in der Welt begegnete und ihn Mivers nannte.

An die Bibliothek stieß auf der einen Seite ein kleines Eß- oder vielmehr Frühstückszimmer, an dessen Wänden werthvolle Gemälde, Geschenke lebender Maler, hingen. Viele dieser Maler waren von Mivers in seiner Eigenschaft als Wir auch außerhalb des »Londoner« arg mitgenommen worden. Seine beißendsten Kritiken lieferte er für andere geistreiche, von Mitgliedern derselben literarischen Clique geleitete Blätter. Die Maler wußten, wenn sie Herrn Mivers trafen, nicht, wie geringschätzig Wir sie behandelt hatte. Sein Ich war so verbindlich gegen sie, daß sie sich gedrungen fühlten, ihm ihre Dankbarkeit durch Uebersendung einer ihrer Arbeiten zu erkennen zu geben.

An der andern Seite der Bibliothek lag sein Salon, den gleichfalls reiche Geschenke, namentlich von schönen Händen, gestickte Kissen und Tischdecken, kleine Vasen und andere Gegenstände von Sèvres und 179 altem Chelsea und elegante Nippes aller Art schmückten. Beliebte Schriftstellerinnen machten Herrn Mivers stark die Cour, und im Lauf seines Junggesellenlebens hatte er außer beliebten Schriftstellerinnen noch andere weibliche Verehrer gefunden.

Herr Mivers war bereits von seinem frühen Gesundheitsspaziergange zurückgekehrt und saß jetzt an seinem Cylinderbureau mit einem hübschen Mann, der einer der unbarmherzigsten Mitarbeiter des »Londoner« und ein nicht unwichtiges Mitglied jener oligarchischen Clique war, welche unter dem Namen der Geistreichen bekannt war.

»Ach«, sagte Mivers in mattem Ton, »ich kann das Buch nicht einmal durchlesen, es ist so langweilig wie ein Novembertag auf dem Lande. Aber, wie Sie richtig bemerken, der Verfasser gehört zu den Geistreichen und eine Clique würde den Namen der Geistreichen nicht verdienen, wenn sie ihren Mitgliedern nicht die Stange halten wollte. Sehen Sie das Buch selbst durch und, wohl gemerkt, erblicken Sie in der Langenweile desselben grade den Beweis seines Verdienstes. Sagen Sie: Dem gewöhnlichen Schlage von Lesern wird dieses ausgezeichnete Werk vielleicht weniger glänzend erscheinen als die glatte Zierlichkeit eines Autors wie – und dann nennen Sie 180 irgend einen beliebigen Autor – aber gebildete und einsichtige Leser werden finden, daß jede Zeile strotzt von u. s. w. Beiläufig, wenn wir mit der Zeit dazu kommen, die Ausstellung in Burlington zu besprechen, so hat da ein Maler ausgestellt, den wir unter jeder Bedingung todt zu machen suchen müssen. Ich selbst habe seine Bilder nicht gesehen, aber er tritt zum ersten Mal auf und unser Freund, der die Bilder gesehen hat, ist entsetzlich eifersüchtig auf ihn und sagt, daß, wenn nicht die guten Kritiker ihm von vornherein den Garaus machen, der elende Geschmack des Publikums ihn zu einem Genie aufpuffen wird. Ueberdies soll der Patron, wie ich höre, von niedriger Herkunft sein. Hier haben Sie seinen Namen und die Gegenstände seiner Bilder. Denken Sie daran, wenn es soweit ist. Inzwischen versäumen Sie nicht, die Abschlachtung der Bilder durch gelegentliche schnöde Bemerkungen über den Maler vorzubereiten.« Bei diesen Worten nahm Herr Mivers aus seinem Cylinder ein vertrauliches Billet des eifersüchtigen Nebenbuhlers und reichte es seinem mildblickenden Collegen. »Ich fürchte, wir müssen das Geschäft für morgen lassen, ich erwarte zwei junge Vettern zum Frühstück.«

Sobald der mildblickende Mann fortgegangen war, schlenderte Herr Mivers an das Fenster seines Salons 181 und reichte einem Kanarienvogel, den er tags zuvor zum Geschenk erhalten hatte, mit freundlicher Miene ein Stück Zucker. Der Vogel aber in seinem vergoldeten Käfig, der einen Theil des Geschenks bildete, maß ihn argwöhnisch mit den Blicken und lehnte den Zucker ab.

Die Zeit war bis jetzt sehr mild mit Chillingly Mivers verfahren. Er sah kaum einen Tag älter aus, als da er bei Gelegenheit der Geburt seines Verwandten Kenelm dem Leser zum ersten Mal vorgestellt wurde. Er erntete die Früchte seiner weisen Maximen. Ohne Backenbart und unter der sichern Hülle seiner Perrücke zeigte er keine Spur von Grau und erweckte keinen Argwohn, daß er sein Haar färbe. Seine Leidenschaftslosigkeit, sein sorgenfreies Gemüth, sein Geschmack an Vergnügungen und sein sorgfältiges Vermeiden aller Excesse hatten sein Gesicht vor Krähenfüßen bewahrt, ihm die Elasticität seines Körpers und die ungetrübte Klarheit seines eleganten Teints erhalten.

Die Thür öffnete sich und ein wohlgekleideter Kammerdiener, der lange genug mit Mivers gelebt hatte, um ihm sehr ähnlich geworden zu sein, meldete Herrn Chillingly Gordon.

»Guten Morgen!« sagte Mivers. »Ich habe mich 182 sehr gefreut, Sie gestern Abend so lang und so vertraulich mit Danvers sprechen zu sehen. Das ist natürlich nicht unbemerkt geblieben und hat Sie auf Ihrer Laufbahn einen Schritt weiter befördert. Es kann Ihnen nur sehr nützlich sein, wenn man Sie in einem Salon sich vertraulich mit jemand unterhalten sieht, der etwas zu bedeuten hat. Aber darf ich fragen, ob die Unterhaltung an und für sich befriedigend war?«

»Durchaus nicht. Danvers hat meinen Gedanken an Saxboro' mit kaltem Wasser übergossen und hat nicht einmal angedeutet, daß seine Partei mir bei der Bewerbung um irgend einen andern vacanten Parlamentssitz behülflich sein würde.«

»Parteien haben heutzutage über wenige vacante Sitze für junge Männer zu verfügen. Seit die Volksbildung so mächtig fortgeschritten, ist die Schule für Staatsmänner wie die Schule für Schauspieler über Bord geworfen. Das ist ein Unglück und ein Unglück von viel größerer Tragweite für die Zukunft der Nation, als irgend ein Gutes, das man von dem System, welches diese fortschreitende Bildung mit sich gebracht hat, erwarten kann. Doch es nützt nichts, sich über Siege, die man nicht ändern kann, lustig zu machen. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich jeden 183 ehrgeizigen Gedanken an einen Sitz im Parlament verschieben und zunächst Jura studiren.«

»Der Rath ist gut, aber zu unschmackhaft, als daß ich ihn befolgen möchte. Ich bin entschlossen, mir einen Parlamentssitz zu verschaffen, und was man energisch will, das kann man auch.«

»Sind Sie dessen so ganz gewiß?«

»Vollkommen.«

»Nach dem zu urtheilen, was mir Ihre Universitätszeitgenossen von Ihren Reden im Debattirclub erzählen, waren Sie damals kein Ultraradicaler. Aber in Saxboro' hat nur ein Ultraradikaler Chancen.«

»Ich bin in der Politik kein Fanatiker. Es läßt sich für alle Gesichtspunkte viel sagen – caeteris paribus ziehe ich die gewinnende Seite der verlierenden vor. Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg.«

»Ja, aber in der Politik tritt immer eine Reaction ein. Die heute gewinnende Seite kann bald die verlierende werden. Die verlierende Seite repräsentirt eine Minorität, und eine Minorität begreift sicher mehr Intelligenz in sich als eine Majorität; auf die Länge wird sich die Intelligenz immer Bahn brechen, die Majorität für sich gewinnen und sie dann wieder verlieren, weil sie mit der Majorität dumm werden wird.«

184 »Vetter Mivers, zeigt Ihnen nicht die Weltgeschichte, daß ein einzelnes Individuum alle Theorien in Betreff der vergleichsweisen Intelligenz der Wenigen oder der Vielen über den Haufen werfen kann? Nehmen Sie die weisesten Wenigen, die Sie finden können, und ein Genie, das nicht ein Zehntheil der Weisheit dieser Wenigen besitzt, zermalmt sie zu Staub. Und dieses Genie muß sich doch der Vielen, so sehr es sie auch verachtet, zu seinen Zwecken bedienen. Wenn er das gethan hat, beherrscht er sie. Sehen Sie nicht, wie sich in freien Ländern politische Geschicke in individuelle Personificationen auflösen? Bei einer großen Wahl schaaren sich die Wähler um einen Namen. Der Candidat mag sich, soviel er will, in Erörterung politischer Principien ergehen, all sein Reden wird ihm nicht Stimmen genug zu einem Erfolg verschaffen, wenn er nicht erklärt: Ich gehe mit dem Minister Herrn A. oder mit dem Haupt der Opposition, Herrn Z. Es waren nicht die Tories, welche die Whigs schlugen, als Pitt das Parlament auflöste. Es war Pitt, der Fox schlug, mit welchem er in Betreff politischer Principienfragen, wie des Sklavenhandels, der Katholikenemancipation und der Parlamentsreform, sicherlich viel mehr übereinstimmte als mit irgend einem Mitgliede seines Kabinets.«

185 »Nehmen Sie sich in Acht, mein lieber Vetter«, rief Mivers in einem ängstlich besorgten Ton, »werfen Sie sich nicht zu einem Genie auf. Genie ist das Schlimmste, was ein Politiker heutzutage besitzen kann; kein Mensch achtet es und jedermann ist eifersüchtig darauf.«

»Verzeihen Sie, Sie mißverstehen mich. Meine Bemerkung war ganz objectiv und sollte nur eine Erwiderung auf Ihre Argumente sein. Ich ziehe es vor, für jetzt mit den Vielen zu gehen, weil sie die gewinnende Seite bilden. Wenn wir dann eines Genies bedürfen, um die Majorität als die gewinnende Seite dadurch zu behaupten, daß das Genie ihre Anhänger seinem Willen unterwirft, so wird es sicherlich erscheinen. Die Wenigen werden das Genie in unsere Arme treiben, denn die Wenigen sind immer die Feinde des Genies. Die Wenigen sind mißtrauisch und eifersüchtig, nicht die Vielen. Sie haben sich Ihr sonst so klares Urtheil durch Ihre Erfahrungen als Kritiker etwas trüben lassen. Die Kritiker sind die Wenigen. Sie sind unendlich viel gebildeter als die Vielen. Wenn aber ein wahres Genie erscheint und sich geltend macht, beurtheilen es die Kritiker selten so richtig wie die Vielen. Wenn es nicht zu ihrer oligarchischen Clique gehört, so mißhandeln sie es oder machen es schlecht, 186 oder affectiren, keine Notiz von ihm zu nehmen, bis endlich die Zeit kommt, wo auch die Kritiker das Genie, nachdem es die Vielen für sich gewonnen hat, anerkennen. Aber der Unterschied zwischen dem Mann der That und dem Schriftsteller ist der, daß der Schriftsteller selten vor seinem Tode Anerkennung findet, während der Mann der That diese Anerkennung nothwendig noch bei seinen Lebzeiten erzwingen muß. Doch genug von diesen speculativen Betrachtungen; Sie haben mich aufgefordert, Kenelm bei Ihnen zu treffen – kommt er nicht?«

»Ja, aber ich habe ihn erst für zehn Uhr eingeladen. Sie habe ich gebeten, schon um halb zehn Uhr zu kommen, weil ich gern etwas über Danvers und Saxboro' hören und Sie auch ein wenig auf die Bekanntschaft mit Ihrem Vetter vorbereiten wollte. In Betreff seiner muß ich mich jetzt kurz fassen, denn es ist in fünf Minuten zehn und er ist ein Mensch, bei dem man große Pünktlichkeit erwarten kann. Kenelm ist in jeder Weise Ihr Gegenspiel. Ich weiß nicht, ob er begabter oder weniger begabt als Sie ist; es gibt keinen Maßstab, mit dem man Sie beide messen könnte; aber es fehlt ihm an jedem Ehrgeiz und er könnte möglicherweise dem Ihrigen förderlich sein. Er kann mit Sir Peter machen, was er will, 187 und wenn man bedenkt, wie Ihr armer Vater, ein würdiger, aber zanksüchtiger Mann, Sir Peter geplagt und verfolgt hat, weil Kenelm durch seine Geburt Ihren Erbansprüchen auf das Gut in den Weg trat, so muß man es für wahrscheinlich halten, daß Sir Peter einen Groll gegen Sie hegt, obgleich Kenelm ihn solcher Gefühle für unfähig hält, und es wäre gut, wenn Sie diesen Groll des Vaters dadurch neutralisiren könnten, daß sie die Gunst des Sohnes gewännen.«

»Das würde ich gern thun, aber was ist Kenelm's schwache Seite? Die Rennbahn? Die Jagd? Weiber? Poesie? Man kann einen Menschen nur gewinnen, wenn man ihn an seiner schwachen Seite zu fassen versteht.«

»St! Ich sehe ihn kommen. Kenelm's schwache Seite war, als ich ihn vor einigen Jahren öfter sah, und ist, wie ich mir denke, noch heute –«

»Nun, eilen Sie sich, ich höre ihn schon klingeln!«

»Ein leidenschaftliches Verlangen, in dem realen Leben ideale Wahrheiten zu finden.«

»Aha«, sagte Gordon, »wie ich es mir gedacht hatte, ein reiner Träumer.« 188

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.