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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Die Gesellschaftsräume waren jetzt nicht überfüllt, aber voll, und selbst in diesem Hause fanden sich selten so viele ausgezeichnete Persönlichkeiten versammelt wie heute. Ein junger Mann, den eine so große Dame wie Lady Glenalvon so auszeichnete, konnte bei allen, denen sie ihn vorstellte, der herzlichsten Aufnahme gewiß sein, bei Ministern und parlamentarischen Parteiführern, bei Leuten, die große Bälle gaben, und bei den Schönheiten des Tages, ja auch bei Schriftstellern und Künstlern, und in Kenelm Chillingly's Erscheinung, in seinem bedeutenden Gesichte und seiner Gestalt, in jenem ruhigen Behagen des Benehmens, das seiner Gleichgültigkeit gegen allen Effect entsprach, lag etwas, was die ihm von der glänzenden Fürstin der Mode 173 bewiesene Gunst zu rechtfertigen schien und ihn zu einem Gegenstande der allgemeinen Aufmerksamkeit machte.

Dieser erste Abend seines Wiedereintritts in die große Welt bezeichnete für ihn einen Erfolg, wie ihn wenige junge Männer seines Alters erreichen. Er machte Aufsehen.

Als die Räume sich eben zu lichten anfingen, flüsterte Lady Glenalvon Kenelm zu:

»Kommen Sie mit mir, da ist eine Person, der ich Sie von neuem vorstellen muß, danken können Sie mir nachher dafür.«

Kenelm folgte der Marquise und stand bald Cecilia Travers gegenüber. Sie lehnte sich auf den Arm ihres Vaters, sah sehr schön aus, und ihre Schönheit wurde noch durch das Erröthen erhöht, welches ihre Wangen überflog, als sich Kenelm Chillingly ihr näherte.

Travers begrüßte ihn mit großer Herzlichkeit, und als Lady Glenalvon ihn bat, sie in das Erfrischungszimmer zu begleiten, hatte Kenelm keine andere Wahl, als Cecilia seinen Arm zu reichen. Kenelm fühlte sich etwas verlegen.

»Sind Sie schon lange in London, Fräulein Travers?«

174 »Seit etwas länger als einer Woche; aber erst gestern haben wir unser Haus bezogen.«

»So? Sind Sie denn die junge Dame, welche –« Er hielt plötzlich inne und der Ausdruck seines Gesichts wurde sanfter und ernster.

»Die junge Dame, welche – was?« fragte Cecilia lächelnd.

»Welche bei Lady Glenalvon zum Besuche war?«

»Ja. Hat sie Ihnen das erzählt?«

»Sie nannte Ihren Namen nicht, ertheilte aber der jungen Dame ein so verdientes Lob, daß ich es hätte errathen müssen.«

Cecilia gab eine nicht recht vernehmbare Antwort, und als sie jetzt das Erfrischungszimmer betraten, schaarten sich andere junge Männer um sie und Lady Glenalvon und Kenelm standen inmitten eines allgemeinen Geplauders schweigend da. Als Travers, nachdem er Kenelm seine Adresse gegeben und ihn dringend aufgefordert hatte, ihn zu besuchen, mit Cecilia fortgegangen war, sagte Kenelm zu Lady Glenalvon nachdenklich: »Das ist also die junge Dame, in der ich meine Zukunft sehen sollte; wußten Sie, daß wir uns schon früher begegnet waren?«

»Jawohl, sie hatte mir erzählt, wo und wann Sie sich getroffen. Ueberdies ist es ja noch nicht zwei Jahre 175 her, daß Sie mir aus dem Hause ihres Vaters schrieben. Haben Sie das schon vergessen?«

»O!« sagte Kenelm in einem so zerstreuten Ton, als ob er träume, »kein Mensch stürzt sich mit offenen Augen in sein Verhängniß; wenn er das thut, ist er blind. Die Liebe ist blind. Man sagt, die Blinden seien sehr glücklich; aber ich habe noch nie einen Blinden getroffen, der nicht, wenn es möglich gewesen wäre, gern seine Sehkraft wiedererlangt hätte.« 176

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