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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

»Ich freue mich, Sie in dieser Welt noch einmal zu sehen«, sagte Lady Glenalvon, »und ich hoffe zuversichtlich, daß Sie sich jetzt darauf vorbereitet haben, die Rolle in derselben zu spielen, die keine gemeine sein kann, wenn Sie Ihren Talenten und Ihrer Natur Gerechtigkeit widerfahren lassen wollen.«

»Wenn Sie ins Theater gehen«, erwiderte Kenelm, »und eines jener Stücke sehen, die jetzt Mode zu sein scheinen, was möchten Sie da lieber sein, ein Schauspieler oder ein Zuschauer?«

»Mein lieber junger Freund«, entgegnete Lady Glenalvon, »Ihre Frage macht mich traurig. Wenn ich mich auch«, fuhr sie nach einer Pause fort, »eines von der Bühne hergenommenen Bildes bediente, als ich die Hoffnung aussprach, daß Sie keine gemeine 167 Rolle in der Welt spielen würden, so ist doch die Welt in Wahrheit keine Bühne. Das Leben hat keinen Raum für Zuschauer. Seien Sie offen gegen mich, wie ich es von Ihnen gewohnt war. Ihr Gesicht hat noch immer seinen alten melancholischen Ausdruck. Sind Sie nicht glücklich?«

»Glücklich, soweit sterbliche Menschen es sein können, darf ich mich wohl nennen; ich glaube nicht, daß ich unglücklich bin. Wenn mein Temperament melancholisch ist, so hat doch die Melancholie ihren eigenen Reiz. Milton zeigt uns, daß das Leben von seiner Penserososeite ebenso viele Reize bietet wie von seiner Allegroseite.«

»Kenelm«, sagte Lady Glenalvon, »Sie haben meinem armen Sohne das Leben gerettet, und als er mir später genommen wurde, war mir, als habe er Sie meiner Obhut empfohlen. Und als Sie dann im Alter von sechzehn Jahren, also fast noch ein Knabe, dem aber schon ein männliches Herz im Busen schlug, nach London kamen, habe ich es da nicht versucht, Ihnen fast eine Mutter zu sein? Und haben Sie mir da nicht oft gesagt, daß Sie mir die Geheimnisse Ihres Herzens besser anvertrauen könnten als irgend jemand anders?«

»Sie waren mir«, sagte Kenelm gerührt, »jener 168 unschätzbare schützende Genius, den ein junger Mensch an der Schwelle des Lebens bisweilen findet: eine sanfte, kluge Frau, die ihm freundliche Zuneigung entgegenbringt, die ihn durch den Anblick ihrer Reinheit vor allen gröberen Irrthümern bewahrt, die ihn durch die unaussprechliche Hoheit der Seele, wie sie sich nur bei den edelsten Frauen findet, über niedrige Neigungen und Ziele erhebt. Ich will auch jetzt wieder mein Herz vor Ihnen ausschütten. Ich fürchte, es sieht darin wunderlicher aus als je. Es fühlt sich noch immer den für mein Alter und meine Stellung natürlichen Genossenschaften und Lebensaufgaben fremd. Ich bin jedoch bemüht gewesen, meine Natur für die praktischen Zwecke des Lebens durch Reisen und Abenteuer, namentlich unter roheren Menschen, als wir sie in Salons treffen, zu stählen und abzuhärten. Jetzt kehre ich gehorsam gegen die Wünsche meines lieben Vaters in diese Kreise zurück, in welche ich als Knabe unter Ihren Auspicien eintrat und die mir schon damals so leer und künstlich vorkamen. Sie möchten, daß ich in diesen Kreisen eine Rolle spiele. Meine Antwort ist kurz. Ich habe Alles aufgeboten, eine treibende Kraft in mir in Bewegung zu setzen, es hat mir aber nicht gelingen wollen. Ich sehe nichts, das zu erstreben oder zu gewinnen mir der Mühe werth 169 scheint. Die Zeit, in der wir leben, erscheint mir wie Hamlet ›aus den Fugen‹ und ich bin nicht wie Hamlet geboren, sie einzurichten‹. Ach! wenn ich doch die Gesellschaft durch die Brillengläser betrachten könnte, durch welche der arme Hidalgo in ›Gil Blas‹ seinen mageren Tisch betrachtete, Brillengläser, durch welche Kirschen so groß wie Pfirsiche und Meisen so groß wie Truthähne erscheinen! Die Einbildungskraft, die zum Ehrgeiz unerläßlich ist, ist ein gewaltiges Vergrößerungsglas.«

»Ich habe mehr als einen jetzt sehr bedeutenden und sehr thätigen Mann gekannt, der sich in Ihrem Alter den praktischen Bestrebungen Anderer ebenso fremd fühlte.«

»Und was söhnte diese Männer mit diesen Bestrebungen aus?«

»Jene Einschränkung des Sinnes für die eigene Persönlichkeit, jene Verschmelzung des eigenen Ichs mit anderen Existenzen, welche Häuslichkeit und Ehe mit sich bringt.«

»Ich habe nichts gegen Häuslichkeit, aber viel gegen die Ehe.«

»Verlassen Sie sich darauf, es gibt für einen Mann ohne Frau keine Häuslichkeit.«

170 »Das klingt sehr hübsch, aber wenn es wahr ist, verzichte ich auf die Häuslichkeit.«

»Wollen Sie ernsthaft behaupten, nimmer ein Mädchen zu sehen, welches Sie zärtlich genug lieben könnten, um es zu Ihrer Frau zu machen, und nimmer ein Haus zu betreten, welches Sie mit einer Regung des Neides angesichts des darin waltenden ehelichen Glücks verlassen würden?«

»Ich versichere Ihnen ganz ernsthaft, daß ich nie ein solches Mädchen sehe und nie ein solches Haus betrete.«

»Dann haben Sie nur Geduld; auch Ihre Zeit wird kommen, und ich hoffe, sie ist nahe. Hören Sie mir zu. Erst gestern empfand ich ein unaussprechliches Verlangen, Sie wiederzusehen, mir Ihre Adresse zu verschaffen, um Ihnen schreiben zu können. Denn es war gestern, daß eine gewisse junge Dame nach achttägigem Besuch mein Haus verließ und ich mir sagte, dieses Mädchen würde eine vortreffliche Frau sein und vor allem genau die Frau, wie sie für Kenelm Chillingly passen würde.«

»Kenelm Chillingly freut sich sehr zu hören, daß diese junge Dame Ihr Haus verlassen hat.«

»Aber sie hat London noch nicht verlassen, sie ist heute Abend hier. Sie war nur so lang bei mir 171 zum Besuch, bis Ihr Vater nach London kam und das Haus, welches er für die Saison gemiethet hat, frei wurde. Und das war gestern.«

»Zu meinem Glück. Denn nun kann ich Sie doch ohne Gefahr besuchen.«

»Sind Sie nicht einmal neugierig genug, um wenigstens wissen zu wollen, wer das junge Mädchen ist, das mir so passend für Sie scheint?«

»Es regt sich gar keine Neugierde in mir, wohl aber ein unbestimmtes Gefühl der Besorgniß.«

»Nun, ich kann mich nicht behaglich mit Ihnen unterhalten, solange Sie in dieser gereizten Stimmung sind, und es ist Zeit, diese Einsiedelei zu verlassen. Kommen Sie! Unter den vielen Leuten hier sind manche, mit denen Sie alte Bekanntschaften erneuern sollten, und manche, mit denen ich Sie bekannt machen möchte.«

»Gnädige Frau, ich bin bereit, Ihnen überallhin zu folgen, wohin Sie mich zu geleiten geruhen wollen, außer an Hymen's Altar!« 172

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