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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Band

Fünftes Kapitel.

Cecilia warf Kenelm, als sie beide aus dem Farrenkrautgebüsch auf den offenen Rasen hinaustraten, einen verstohlenen Blick zu. Sein Gesicht gefiel ihr. Sie meinte unter dem kalten und traurigen Ernst seines Ausdrucks verborgen eine große Milde zu entdecken und wollte, indem sie sein beharrliches Schweigen dem peinlichen Gefühl der unangenehmen Situation zuschrieb, in welche ihn die plötzliche Vernichtung seines Incognito gebracht hatte, mit weiblichem Takt ihn von seiner vermeintlichen Verlegenheit befreien.

»Sie haben sich eine höchst angenehme Art, das Land bei diesem köstlichen Wetter kennen zu lernen, gewählt, Herr Chillingly. Solche Fußtouren sind etwas sehr Gewöhnliches bei den Studenten während der langen Sommerferien, nicht wahr?«

2 »Jawohl, etwas sehr Gewöhnliches, aber gewöhnlich marschiren sie in Haufen wie wilde Hunde oder australische Dingos. Nur gezähmte Hunde marschiren allein auf der Landstraße und dann werden sie, wenn sie sich nicht sehr ruhig benehmen, zehn gegen eins als tolle Hunde gesteinigt.«

»Ich fürchte aber, nach dem, was ich höre, daß Sie sich auf Ihrer Wanderung nicht sehr ruhig verhalten haben.«

»Sie haben ganz Recht, Fräulein Travers, und ich bin auch, wenn nicht ein toller, doch ein trübseliger Hund. Aber verzeihen Sie, wir nähern uns dem Zelt; die Musik fängt eben wieder an und ich bin leider kein tanzender Hund.«

Er ließ Cecilia's Arm los und verneigte sich.

»Dann lassen Sie uns ein wenig hier sitzen«, sagte sie, indem sie auf eine Gartenbank deutete. »Ich bin für den nächsten Tanz nicht engagirt, und da ich ein wenig ermüdet bin, wird mir eine kleine Rast gut sein.«

Kenelm seufzte und setzte sich mit der Miene eines Märtyrers, der sich auf die Folterbank spannen läßt, neben das hübscheste Mädchen in der Grafschaft.

»Sie waren mit Herrn Belvoir auf der Universität zusammen?«

»Jawohl.«

3 »Galt er dort für gescheidt?«

»Ich zweifle nicht daran.«

»Sie wissen, er bewirbt sich um einen Parlamentssitz in unserer Grafschaft bei der nächsten Wahl. Mein Vater interessirt sich lebhaft für seinen Erfolg und glaubt, er werde ein nützliches Mitglied des Parlaments werden.«

»Davon bin ich überzeugt. Während der ersten fünf Jahre wird man von ihm sagen, er sei bemüht, sich zu poussiren, sei eingebildet und mache viel Lärm; Leute seines Alters werden ihn verhöhnen und bei großen Gelegenheiten überhusten; während der folgenden fünf Jahre wird er für ein verständiges Mitglied von Ausschüssen und einen nothwendigen Theilnehmer an Debatten gelten; am Schluß dieser Jahre wird er ein Unterstaatssecretär und noch fünf Jahre später wird er Minister und Repräsentant einflußreicher Ansichten sein; sein Privatcharakter wird untadelig sein und seine Frau wird in allen großen Gesellschaften die Familiendiamanten tragen. Sie wird sich für Politik und Theologie interessiren, und wenn sie vor ihm stirbt, wird ihr Gatte seinen Sinn für eheliches Glück dadurch bekunden, daß er sich eine zweite Frau nimmt, die ebenso geeignet ist, die Familiendiamanten zu tragen und die Familienwürde aufrecht zu erhalten.«

4 Trotz ihres Lachens fühlte sich Cecilia von einer gewissen Scheu vor der Stimme und dem Wesen ergriffen, mit welchem Kenelm diese Orakelsprüche vernehmen ließ, und die ganze Prophezeiung stimmte merkwürdig mit ihren eigenen Eindrücken von dem Manne überein, dessen Zukunft Kenelm so skizzirt hatte.

»Sind Sie ein Wahrsager, Herr Chillingly?« fragte sie etwas stotternd nach einer Pause.

»Ein so guter als irgend einer, dessen Hand Sie mit einem Schilling bestechen könnten.«

»Wollen Sie mir wahrsagen?«

»Nein, Damen sage ich niemals wahr, weil Ihr Geschlecht leichtgläubig ist und eine Dame das, was ich ihr sage, für wahr halten möchte. Und wenn wir glauben, daß unser Schicksal so oder so voraus bestimmt sei, so sind wir nur zu geneigt, unser Leben so zu gestalten, daß unser Glaube gerechtfertigt erscheine. Wenn Lady Macbeth den Hexen nicht geglaubt hätte, so würde sie ihren Herrn und Ehegemahl nie dahin gebracht haben, Duncan zu ermorden.«

»Wie! Können Sie mir kein heitereres Loos wahrsagen als das, mit welchem Ihr tragisches Beispiel mich zu bedrohen scheint?«

»Die Zukunft ist niemals heiter für die, welche die ernste Seite des Lebens ins Auge fassen. Grey ist 5 ein zu großer Dichter, um von der heutigen Generation gelesen zu werden, sonst würde ich Sie auf seine Zeilen in der Ode auf Eton-College verweisen.«

Sieh' nur, wie Alles um uns her
Der Diener harrt des Menschenlooses
Und schwarzes Unglücks Jammerzugs.

Inzwischen ist es doch schon etwas, sich der Gegenwart zu erfreuen. Wir sind jung, wir hören der Musik zu, keine Wolke trübt den gestirnten Himmel, unser Gewissen ist rein, unsere Herzen sind unbekümmert; warum an die Zukunft denken und nach einem gesicherten Glück verlangen? Werden wir je glücklicher sein, als wir es in diesem Augenblick sind?«

Bei diesen Worten trat Herr Travers heran. »In einigen Minuten werden wir zu Abend essen«, sagte er, »und bevor wir uns aus dem Gesicht verlieren, Herr Chillingly, möchte ich Sie gern noch mit der Wahrheit des Satzes durchdringen, daß eine Freundschaft der anderen werth ist. Ich habe mich Ihrem Wunsche gefügt und jetzt müssen Sie sich auch dem meinigen fügen. Kommen Sie auf einige Tage zum Besuch zu uns und seien Sie Zeuge der Ausführung Ihrer wohlwollenden Absichten.«

Kenelm schwieg einen Augenblick. Warum sollte er jetzt, wo er entdeckt war, nicht einige Tage bei 6 seinen Standesgenossen zubringen? Wirkliches Leben und Scheinwesen konnten ja bei Grundeigenthümern so gut wie bei Pachtern studirt werden; überdies hatte er an Travers Gefallen gefunden. Dieser anmuthige ci-devant-Wildair mit der schlanken Gestalt und dem zarten Gesicht war sehr verschieden von dem gewöhnlichen Schlage ländlicher Grundherren. Nach einer kurzen Pause sagte Kenelm offen:

»Ich nehme Ihre Einladung an. Würde es Ihnen Mitte nächster Woche passen?«

»Je eher je lieber. Warum nicht morgen?«

»Für morgen bin ich bereits zu einer Excursion mit Herrn Bowles engagirt, die mich vielleicht zwei oder drei Tage in Anspruch nehmen wird, und inzwischen muß ich mir andere Kleider als diese, in denen ich ein Scheinwesen bin, von Hause kommen lassen.«

»Sie sind jeden Tag willkommen.«

»Einverstanden.«

»Einverstanden! Und horch! Da läutet es auch schon zum Abendessen!«

»Abendessen!« sagte Kenelm, indem er Cecilia seinen Arm reichte. »Abendessen ist ein wahrhaft interessantes, wahrhaft poetisches Wort. Es erinnert uns an die Feste der Alten, an das augusteische Zeitalter, an Horaz und Mäcenas; an die einzige elegante, aber 7 nur zu rasch dahingeschwundene Periode der modernen Geschichte; an die adligen und witzigen Köpfe von Paris, als Paris noch witzige und adlige Köpfe hatte; an Molière und den warmherzigen Herzog, der das Urbild des Molière'schen Misanthropen gewesen sein soll; an Madame de Sévigné und den Racine, welchem diese unnachahmliche Briefschreiberin die Eigenschaften eines Dichters bestritt; an Swift und Bolingbroke, an Johnson, Goldsmith und Garrick. Epochen charakterisiren sich durch ihre Mahlzeiten. Ich ehre den, der das goldene Zeitalter der Abendessen wiederherstellt!«

Bei diesen Worten klärte sich sein Gesicht auf. 8

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