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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Buch.

Erstes Kapitel.

Es sind mehr als anderthalb Jahre vergangen, seit Kenelm England verließ, und der Schauplatz unserer Erzählung ist in diesem Augenblick London, während jener frühen und geselligern Jahreszeit, welche den Osterfeiertagen vorangeht, einer Jahreszeit, in welcher der Reiz geistigen Verkehrs noch nicht in der Treibhausatmosphäre überfüllter Räume erstickt ist, einer Jahreszeit, in welcher die Gesellschaften klein sind und die Unterhaltung sich nicht auf den Austausch von Gemeinplätzen mit dem nächsten Tischnachbar beschränkt, und in welcher man eine Chance hat, seine wärmsten Freunde noch nicht durch die höheren Ansprüche ihrer oberflächlichen Bekannten absorbirt zu sehen.

Es fand eine sogenannte conversazione in dem 152 Hause eines jener whigistischen Edelleute statt, welche noch die anmuthige Kunst besaßen, angenehme Leute zusammenzubringen und um sich die wahre Aristokratie zu versammeln, die neben den Inhabern erblichen Ranges und distinguirter Lebensstellung die Vertreter der Literatur, der Wissenschaft und der Künste in sich schließt – jene Kunst, welche in der vorigen Generation das glückliche Geheimniß der Lansdownes und Hollands war. Lord Beaumanoir war selbst ein heiterer, wohlunterrichteter Mann, ein Kunstkenner und ein angenehmer Causeur. Er hatte eine reizende, ihn und seine Kinder zärtlich liebende Gattin, die aber an dem allgemeinen Beifall so viel Geschmack fand und sich in der fashionablen Welt so beliebt zu machen wußte, als suche sie in den Zerstreuungen derselben eine Zuflucht vor der Langenweile des häuslichen Lebens.

Unter den Gästen der Beaumanoirs befanden sich diesen Abend zwei Männer, die von der übrigen Gesellschaft getrennt in einem kleinen Zimmer saßen und sich vertraulich miteinander unterhielten. Der eine mochte ungefähr vierundfünfzig Jahre alt sein; er war hoch gewachsen, kräftig gebaut, aber nicht corpulent, etwas kahl, mit schwarzen Augenbrauen, dunklen, scharfblickenden Augen und beweglichen Lippen, um welche ein schlaues und bisweilen sarkastisches Lächeln spielte.

153 Herr Gerard Danvers war ein sehr einflußreiches Mitglied des Parlaments. Er hatte in einem für das öffentliche Leben Englands noch jugendlichen Alter bereits hohe Aemter verwaltet, hatte es aber seitdem, theils aus entschiedener Abneigung gegen die Plackereien der Verwaltung, theils aus einem gewissen angeborenen Stolz, der ihn für die Subordination, welche ein Kabinet seinem Chef schuldet, ungeeignet machte, theils endlich aus einer nicht ungewöhnlichen Art epikureischer Philosophie, die, zugleich genußsüchtig und cynisch, die Genüsse des Lebens suchte und von den Ehren desselben sehr gering dachte, beharrlich abgelehnt, wieder ins Amt zu treten, und ließ sich nur bei seltenen Gelegenheiten im Parlamente vernehmen. Bei solchen Gelegenheiten übte er großen Einfluß und wußte durch den gedrungenen Ausdruck seiner Ansichten mehr Stimmen für sich zu gewinnen, als mancher Redner von unendlich viel größerer Beredtsamkeit. Trotz seines Mangels an Ehrgeiz liebte er es, auf seine Art Einfluß zu üben, Einfluß auf die Männer, welche die Macht in Händen hatten, und fand in seiner Neigung zu politischen Intriguen eine Unterhaltung für seinen feinen und thätigen Geist. In diesem Augenblick war er eifrig beschäftigt mit der Herbeiführung einer neuen Combination unter den Führern verschiedener 154 Schattirungen derselben Partei, durch welche einige Veteranen bestimmt werden sollten, sich zurückzuziehen, und einige jüngere Männer in die Administration eintreten sollten. Es war ein liebenswürdiger Zug in seinem Charakter, daß er eine Vorliebe für jüngere Leute hatte und einigen einer späteren Generation als seiner eigenen angehörenden jungen Männern behülflich gewesen war, theils ins Parlament zu gelangen, theils in die Verwaltung einzutreten. Er gab ihnen verständigen Rath, freute sich, wenn sie guten Erfolg hatten, und ermuthigte sie, wenn sie in ihren Bestrebungen scheiterten, immer vorausgesetzt, daß sie das Zeug dazu hatten, ihren Mißerfolg wieder gut zu machen. War das nicht der Fall, so gab er das vertraute Verhältniß mit ihnen ohne Eclat auf, blieb aber auf hinreichend freundschaftlichem Fuß mit ihnen, um ziemlich sicher sein zu können, seinen Einfluß auf ihre Abstimmungen, wenn es ihm wünschenswerth erscheinen sollte, auch ferner geltend zu machen.

Der Herr, mit welchem er sich jetzt unterhielt, war etwa fünfundzwanzig Jahre alt, ein junger Mann, welcher noch nicht im Parlamente saß, aber den lebhaften Wunsch hatte, in dasselbe gewählt zu werden, und der sich einer jener Reputationen erfreute, wie sie ein junger Mensch von der Schule und der Universität 155 mitbringt, die nicht nur auf akademischen Ehren beruhen, sondern sich auf den Eindruck gründen, welchen Talent und Geisteskraft auf die Altersgenossen hervorbringen und welchen ältere Männer als berechtigt anerkennen. Auf der Universität hatte er über das zur Erlangung eines guten Grades Erforderliche hinaus wenig gethan, aber im Universitäts-Debattirclub hatte er sich den Ruf eines außerordentlich schlagfertigen und geschickten Redners erworben. Nach Absolvirung seiner Studien hatte er ein paar politische Artikel in einer Vierteljahrsschrift geschrieben, welche Aufsehen gemacht hatten, und obgleich er keinen eigentlichen Beruf hatte und von einem nur kleinen, wenn auch unabhängigen Einkommen lebte, war er doch in der Gesellschaft als ein Mann, von dem man voraussah, er werde eines Tages eine Stellung erlangen, in welcher er seinen Feinden schaden und seinen Freunden würde nützen können, sehr gut aufgenommen. In dem Gesichte und der Haltung dieses jungen Mannes lag etwas, was das Vertrauen auf sein Talent und seine Zukunft zu rechtfertigen schien. Sein Gesicht war nicht schön, seine Haltung nicht elegant, aber in dem Gesichte sprachen sich Kraft, Energie und Kühnheit aus: eine breite, niedrige Stirn mit sehr markirter Ausbildung jener Organe über den Augenbrauen, welche auf 156 scharfe Auffassung und Urtheil, diese für das tägliche Leben unschätzbaren Eigenschaften, hindeuten; echt englische klare blaue, kleine, etwas tiefliegende, wachsame, scharfsichtige, durchdringende Augen; eine lange, grade, für zweckbewußte Entschlossenheit charakteristische Oberlippe; ein Mund, in welchem ein Kenner von Physiognomien einen gefährlichen Zauber entdeckt haben würde. Sein Lächeln war bezaubernd, aber es hatte etwas Künstliches und brachte Grübchen und weiße, kleine, starke, gesondert stehende Zähne zum Vorschein. Dieses Lächeln würde allen offen und ehrlich erschienen sein, denen es entgangen wäre, daß es mit der brütenden Stirn und den stählernen Augen nicht im Einklang stand, daß es, außer Zusammenhang mit dem übrigen Gesichte, wie ein Zug, der eine einstudirte Rolle spielt, erschien. Der Hinterkopf zeigte jene auf Kampf und Zerstörung deutende Entwickelung, wie sie sich bei Männern zeigt, die ihren Weg im Leben machen. Sie zeigt sich bei allen Gladiatoren und auch bei großen Rednern und Reformatoren, das heißt bei Reformatoren, welche zerstören, aber darum noch nicht wieder aufbauen können. So lag auch in der Haltung des Mannes ein kühnes Selbstvertrauen, das sich aber viel zu einfach und ungeziert kund gab, als daß sein schlimmster Feind es hätte Selbstüberhebung nennen können. 157 Es war die Haltung eines Menschen, der seine persönliche Würde zu behaupten weiß, ohne daß es den Anschein hätte, als sei er besonders darauf bedacht. Niemals war diese Haltung servil gegen Höherstehende, niemals anmaßend gegen Geringe und so wenig von gesuchter Ueberfeinheit, daß sie niemals gemein wurde. Mit einem Wort, es war eine echt populäre Haltung.

Das Zimmer, in welchem diese Herren saßen, war von der Suite von Appartements durch ein kleines Vorzimmer getrennt und diente Lady Beaumanoir zum Boudoir. Es war sehr hübsch, aber einfach mit buntem Kattun drapirt und möblirt. Die Wände zierten Aquarelle und kostbare Porzellangefäße auf phantastischen Consols von parischem Marmor. In einer Ecke neben einer nach Süden gelegenen Glasthür, die auf einen geräumigen, mit einem Glasdach versehenen und mit Blumen gefüllten Balkon hinausging, stand einer jener aus hohem Gitterwerk bestehenden, wenn ich nicht irre, in Wien erfundenen Schirme, an welchen Epheu so gezogen ist, daß sie eine Laube bilden.

Diese so gebildete Nische, die man von dem übrigen Zimmer aus nicht sehen konnte, war der Lieblings-Schreibwinkel der Wirthin. Die beiden von mir geschilderten Herren saßen in der Nähe dieses Schirmes 158 und hatten sicherlich keinen Verdacht, daß sich jemand hinter demselben aufhalten könne.

»Ja«, sagte Herr Danvers, auf einer Ottomane sitzend, die in einer andern Nische des Zimmers stand, »ich glaube, es wird bald ein anderer Parlamentssitz in Saxboro' vacant werden. Milroy will Gouverneur einer Colonie werden, und wenn wir das Kabinet nach meinem Vorschlage zusammensetzen können, wird er die Stelle bekommen. Und so würde Saxboro' eine neue Wahl vorzunehmen haben. Aber, mein lieber Freund, Saxboro' ist ein Platz, um den man mit Liebe werben muß und den man nur durch Geld gewinnen kann. Er verlangt Liberalismus von einem Candidaten, zwei Arten von Liberalismus, die sich selten bei einem Individuum vereinigt finden; den Liberalismus der Ansichten, der bei einem sehr armen Mann nur natürlich ist, und den Liberalismus im Geldausgeben, den man kaum von einem andern als einem sehr reichen Mann verlangen kann. Sie können die Kosten der Wahl in Saxboro' getrost auf dreitausend Pfund für die Erlangung des Sitzes und ferner auf etwa zweitausend Pfund für die Vertheidigung Ihres Sitzes gegen eine Petition wie sie der unterliegende Candidat fast immer an das Parlament richtet, berechnen. Fünftausend Pfund sind eine große Summe und das 159 Schlimmste bei der Sache ist, daß die extremen Ansichten, zu denen ein Mitglied in Saxboro' sich verpflichten muß, ein Hinderniß für eine amtliche Carrière sind. Leidenschaftliche Politiker sind nicht das beste Material, um glückliche Stellensucher daraus zu machen.«

»An die Ansichten würde ich mich nicht allzu sehr stoßen, wohl aber an die Ausgaben. Ich kann keine fünftausend, selbst nicht dreitausend Pfund für diesen Zweck verwenden.«

»Würde Ihnen nicht Sir Peter helfen? Er hat, wie Sie sagen, nur einen einzigen Sohn, und wenn diesem Sohne etwas zustieße, so wären Sie der nächste Erbe.«

»Mein Vater hatte einen Streit mit Sir Peter und erbitterte ihn durch einen unklugen und widerwärtigen Prozeß. Ich glaube kaum, daß ich mich an ihn mit der Bitte um Geld zu dem Zweck wenden könnte, einen durch das Bekennen demokratischer Grundsätze zu erlangenden Sitz im Parlament zu erhalten; denn obgleich ich wenig von seinen politischen Ansichten weiß, nehme ich doch als ausgemacht an, daß ein Landedelmann von alter Familie und einem jährlichen Einkommen von zehntausend Pfund nicht wohl ein Demokrat sein kann.«

»Dann darf ich wohl annehmen, daß, wenn der 160 Tod Ihres Vetters Sie zum Erben der Chillinglys machen sollte, Sie auch kein Demokrat sein würden.«

»Ich weiß nicht, was ich in diesem Fall sein würde. Es gibt Zeiten, wo ein Demokrat von alter Familie und großem Grundbesitz einen sehr hohen Platz in der Aristokratie einnehmen könnte.«

»Hm! Mein lieber Gordon, vous irez loin

»Das hoffe ich. Wenn ich meine Kräfte an denen der anderen Männer unserer Zeit messe, so sehe ich nicht viele, die mich aus dem Felde schlagen könnten.«

»Was für eine Art Mensch ist Ihr Vetter Kenelm? Ich habe ihn nur ein- oder zweimal getroffen, als er noch sehr jung war und bei Welby in London studirte. Die Leute sagten damals von ihm, er sei sehr begabt, auf mich machte er den Eindruck großer Sonderbarkeit.«

»Ich habe ihn nie gesehen, aber nach Allem, was ich höre, wird er, gleichviel ob er begabt oder sonderbar ist, schwerlich etwas leisten; er ist ein Träumer.«

»Schreibt er etwa Gedichte?«

»Das wäre er, glaube ich, im Stande.«

Grade in diesem Augenblick traten mehrere andere Gäste ins Zimmer, unter ihnen eine Dame, deren Erscheinung etwas ungemein Distinguirtes und zugleich Gewinnendes hatte. Sie war von etwas mehr als 161 mittlerer Größe und hatte in ihrem Ausdruck und ihrer Erscheinung eine gewisse undefinirbare Noblesse. Lady Glenalvon war eine der Königinnen der Londoner Welt, und nie war eine Königin dieser Welt königlicher und weniger weltlich. Zugleich mit der Dame trat Herr Chillingly Mivers ein. Gordon und Mivers begrüßten sich mit freundlichem Kopfnicken, worauf der erstere fortschlenderte und sich bald in einer dichten Gruppe von anderen jungen Leuten verlor, bei denen er, da er sich über Dinge, welche sie interessirten, gut und leicht unterhalten konnte, recht beliebt war, obgleich er nicht zu ihren intimen Genossen gehörte. Herr Danvers zog sich in eine Ecke des anstoßenden Vorplatzes zurück, wo er dem französischen Gesandten seine Ansichten über den Zustand Europas und die Reconstruction von Kabinetten im Allgemeinen zum Besten gab.

»Aber«, sagte Lady Glenalvon zu Chillingly Mivers, »sind Sie ganz sicher, daß mein alter junger Freund Kenelm hier ist? Seit Sie mir das gesagt, habe ich mich überall vergebens nach ihm umgesehen. Ich würde ihn so gern wiedersehen.«

»Ich habe ihn sicher vor einer halben Stunde gesehen; bevor ich mich aber von einem Geologen losgemacht hatte, der mich mit einer Abhandlung über 162 das silurische System ennuyirte, war Kenelm verschwunden.«

»Vielleicht war es sein Geist!«

»Nun, gewiß ist, daß wir in dem leichtgläubigsten und abergläubischsten Zeitalter leben, und so Viele erzählen mir, daß sie sich mit den unter dem Tisch sitzenden Geistern Verstorbener unterhalten, daß es anmaßend von mir wäre zu sagen, ich glaube nicht an Geister.«

»Erzählen Sie mir noch eine von den unbegreiflichen Tischrückgeschichten«, sagte Lady Glenalvon. »Hier hinter dem Schirm ist eine reizende, lauschige Nische.«

Aber kaum hatte sie die Nische betreten, als sie mit einem Ausruf des Erstaunens zurückfuhr. Vor dem Tisch in der Nische, das Kinn auf die Hand gestützt und die Blicke in tiefer Träumerei zu Boden gesenkt, saß ein junger Mann. So ruhig saß er da, so still und traurig war der Ausdruck seines Gesichts, so fremd schien er dem buntscheckigen, aber glänzenden Gewimmel, das seine selbstgeschaffene Einsamkeit umdrängte, daß man ihn wohl für einen jener Geister aus einer andern Welt hätte halten können, deren Geheimniß der Eindringling ergründen möchte. Die Gegenwart dieses Eindringlings war er offenbar nicht gewahr geworden. Sobald Lady Glenalvon sich von 163 ihrer Ueberraschung erholt hatte, schlich sie an ihn heran, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach seinen Namen mit leiser, sanfter Stimme aus. Bei diesem Ton blickte Kenelm Chillingly auf.

»Erinnern Sie sich meiner nicht?« fragte Lady Glenalvon. Noch ehe er antworten konnte, redete ihn Mivers, welcher der Marquise in die Nische gefolgt war, mit folgenden Worten an:

»Lieber Kenelm, wie geht es Ihnen? Seit wann sind Sie in London? Warum haben Sie mich nicht besucht und warum in aller Welt verstecken Sie sich hier?«

Kenelm hatte bald die Selbstbeherrschung, die er in Gegenwart Anderer selten für längere Zeit verlor, wiedergewonnen. Er erwiderte die Begrüßung seines Verwandten herzlich und küßte mit der ihm eigenen chevaleresken Grazie die schöne Hand, welche Lady Glenalvon von seiner Schulter zurückzog und ihm zum Händedruck reichte. »Ich sollte mich Ihrer nicht erinnern!« sagte er zu Lady Glenalvon mit dem freundlichsten Ausdruck seiner sanften dunkeln Augen. »Ich bin dem Mittag des Lebens noch nicht so nahe, daß ich den Sonnenschein vergessen könnte, der seinen Morgen erhellte. – Ihre Fragen, lieber Mivers, kann ich leicht beantworten. Ich bin vor vierzehn Tagen 164 wieder in England angekommen, habe mich bis diesen Morgen in Exmundham aufgehalten, habe heute bei Lord Thetford, dessen Bekanntschaft ich im Auslande gemacht, gegessen und habe mich von ihm überreden lassen, mit hierher zu gehen und mich seinen Eltern, Lord und Lady Beaumanoir vorstellen zu lassen. Nachdem ich diese Ceremonie durchgemacht hatte, machte mich der Anblick so vieler fremder Gesichter scheu und befangen. Als ich dieses Zimmer in einem Augenblick, wo es ganz leer war, betrat, beschloß ich, mich hinter dem Schirm als Eremit zu etabliren.«

»Wie! Haben Sie denn beim Eintritt in das Zimmer nicht Ihren Vetter Gordon gesehen?«

»Sie vergessen, lieber Mivers, daß ich ihn nicht einmal von Ansehen kenne. Es war aber wie gesagt, als ich ins Zimmer trat, niemand darin; etwas später müssen einige andere Personen hineingekommen sein, denn ich hörte ein schwaches Gesumme, wie wenn Leute sich flüsternd unterhalten. Indessen habe ich nicht die Rolle eines Lauschers gespielt, wie sie auf der Bühne einer hinter einem Schirme versteckten Person zukommt.«

Das war die reine Wahrheit. Selbst wenn Gordon und Danvers sich lauter unterhalten hätten, würde doch Kenelm zu sehr in seine eigenen Gedanken 165 vertieft gewesen sein, um ein Wort von ihrer Unterhaltung zu hören.

»Sie sollten den jungen Gordon kennen lernen, er ist ein sehr begabter Mensch und hat den Ehrgeiz, ins Parlament zu kommen. Ich hoffe, Sie werden trotz des alten Familienstreites zwischen seinem Bären von Vater und Ihrem guten Papa nichts dagegen haben, ihn zu treffen.«

»Mein Vater ist der nachsichtigste Mensch, er würde es mir aber kaum verzeihen, wenn ich mich weigern wollte, einen Vetter zu treffen, der ihm nie etwas zu Leide gethan hat.«

»Wohl gesprochen! Kommen Sie morgen früh um zehn Uhr mit Gordon, bei mir zu frühstücken. Ich wohne noch in meinem alten Logis.«

Während sich die beiden Verwandten so mit einander unterhielten, hatte sich Lady Glenalvon auf das Kanapee neben Kenelm gesetzt und beobachtete ruhig sein Gesicht. Dann sagte sie: »Mein lieber Herr Mivers, Sie werden noch Gelegenheiten genug haben, Kenelm zu sprechen, gönnen Sie mir jetzt fünf Minuten zu einer Unterhaltung mit ihm.«

»Gnädigste Frau, ich lasse Sie in dieser Einsiedelei allein. Wie werden alle Männer in dieser Gesellschaft den Einsiedler beneiden!« 166

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