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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Am nächsten Morgen erschien Kenelm beim Frühstück zur Ueberraschung der übrigen Gesellschaft in den groben Kleidern, in welchen er zuerst die Bekanntschaft seines Wirthes gemacht hatte. Er vermied es, Cecilia anzusehen, als er seine bevorstehende Abreise anzeigte. Aber als er sein Auge auf Frau Campion ruhen ließ, bemerkte er, daß ihr Gesicht plötzlich einen heiteren Ausdruck annahm, und hörte sie leise seufzen. Ein trübes Lächeln umspielte seine Lippen.

Travers gab sich die größte Mühe, ihn zu bewegen, noch etwas länger zu weilen, aber Kenelm blieb fest.

»Der Sommer vergeht«, sagte er, »und ich habe noch einen weiten Weg zurückzulegen, ehe die Blumen welken und der erste Schnee fällt. In drei Tagen werde ich auf fremdem Boden schlafen.«

147 »Sie reisen also ins Ausland?« fragte Frau Campion.

»Ja.«

»Das ist ja ein sehr plötzlicher Entschluß, Herr Chillingly. Neulich sprachen Sie noch von Ihrer Absicht, die schottischen Seen zu besuchen.«

»Das ist wahr, aber bei näherem Nachdenken ist mir eingefallen, daß es an den Seen von Ferientouristen wimmeln wird, von denen ich wahrscheinlich viele kennen werde. Im Auslande werde ich frei sein, denn mich wird niemand kennen.«

»Sie werden aber doch zur Jagdzeit wieder zurück sein?« sagte Travers.

»Ich glaube nicht; ich jage keine Füchse.«

»Auf alle Fälle werden wir uns wahrscheinlich in London treffen«, sagte Travers wieder. »Ich denke, nach einem so langen Landleben wird der Aufenthalt während einiger Saisons in dem Getümmel der Hauptstadt eine heilsame Veränderung für Körper und Geist sein, und es ist Zeit, daß Cecilia bei Hofe vorgestellt und ihre Hoftoilette in den Spalten der Morning Post speciell erwähnt wird.«

Cecilia war anscheinend hinter der Theemaschine zu sehr beschäftigt, um von dieser Erwähnung ihres Debüts Notiz zu nehmen.

148 »Ich werde Sie entsetzlich entbehren« rief Travers einige Augenblicke später und mit herzlicher Emphase. »Ich versichere Ihnen, Sie haben mich ganz aus meinem Schlendrian aufgerüttelt. Ihre wunderlichen Anschauungen und Aussprüche werden mir noch lange, nachdem Sie fort sind, in den Ohren klingen.«

In diesem Augenblick hörte man hinter der Theemaschine das Rauschen eines Kleides, wie wenn ein weibliches Wesen sich plötzlich bewege.

»Cissy«, sagte Frau Campion, »bekommen wir heute noch Thee?«

»Ich bitte um Verzeihung«, antwortete eine Stimme hinter der Theemaschine. »Ich höre Pompey auf dem Rasen winseln. Er kann nicht herein; ich komme gleich wieder.«

Cecilia stand auf und ging hinaus. Frau Campion nahm ihren Platz hinter der Theemaschine ein.

»Es ist wirklich albern von Cecilia, in diesen häßlichen Hund so verliebt zu sein«, sagte Travers ungeduldig.

»Seine Häßlichkeit ist seine Schönheit«, erwiderte Frau Campion lachend. »Herr Belvoir hat ihn für sie in Schottland ausgesucht, weil er den längsten Rücken und die kürzesten Beine hat, die nur an einem Hunde aufzutreiben waren.«

149 »Ah, George hat ihn ihr geschenkt, das hatte ich vergessen«, sagte Travers wohlgefällig lächelnd.

Nach einigen Minuten kehrte Cecilia mit dem Terrier zurück und schien durch die Wiedererlangung dieser Zierde der Gesellschaft ihre gute Laune wiedergewonnen zu haben. Sie sprach sehr rasch und munter und mit gerötheten Wangen, wie ein durch seine eigene überströmende Lustigkeit aufgeregtes Mädchen.

Als aber eine halbe Stunde später Kenelm von ihr und Frau Campion unter dem Portal des Hauses Abschied nahm, war die Röthe von ihren Wangen geschwunden, ihre Lippen waren dicht zusammengepreßt und ihre Abschiedsworte waren kaum vernehmbar. Als dann seine Gestalt neben der ihres Vaters, der seinen Gast bis an das Pförtnerhäuschen begleitete, rasch über den Rasen dahinschritt und unter den jenseits desselben liegenden Bäumen verschwand, schlang Frau Campion mütterlich ihren Arm um sie und küßte sie.

Cecilia schauerte fröstelnd zusammen und blickte ihre Freundin lächelnd an, aber mit einem Lächeln, hinter dem sich ein Strom von Thränen verbarg.

»Ich danke Ihnen, liebe Freundin«, sagte sie ergeben, entschlüpfte dann nach dem Blumengarten und 150 verweilte eine Zeit lang an dem Gitter, welches Kenelm am vorigen Abend für sie geöffnet hatte. Dann stieg sie mit matten Schritten die grüne Anhöhe hinauf, auf der die Ruine stand. 151

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