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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwanzigstes Kapitel.

Als Kenelm sich an jenem Abend auf sein Zimmer zurückzog, stand er auf dem Vorplatz dem Portrait gegenüber still, welches Travers in dieses trostlose Exil verbannt hatte. Diese Tochter eines in seinem Aussterben beschimpften Geschlechtes hätte der Ruhm des Hauses werden können, in das sie als junge Frau eingetreten war. Das Gesicht war von einer eigenthümlichen, im eminenten Sinne patricischen Schönheit; in seinem Ausdruck lag eine Milde und Bescheidenheit, wie man sie in den weiblichen Portraits Sir Peter Lely's nicht oft findet, und in den Augen und dem Lächeln sprach sich ein wunderbar unschuldiges Glück aus.

»Welche stumme und doch so eindringliche Predigt«, sagte Kenelm zu dem Bilde gewandt, »gegen den Ehrgeiz, den deine schöne Nachkommin in mir 135 erwecken möchte, bist du, liebliches Bild! Generationen hindurch lebte deine Schönheit auf dieser Leinwand, ein Gegenstand der Freude, der Stolz des Geschlechtes, dem er zur Zierde gereichte. Ein Eigenthümer nach dem andern sagte zu bewundernden Gästen: Ja, ein schönes Portrait von Lely; sie war meine Vorfahrin, eine Fletwode von Fletwode! Jetzt aber bist du, damit Gäste sich nicht erinnern, daß ein Fletwode eine Travers heirathete, ihren Blicken entrückt; selbst Lely's Kunst kann dir keinen Werth verleihen, kann dein unschuldiges Selbst nicht von Schande befreien. Und der letzte der Fletwodes, unstreitig der ehrgeizigste von allen, der am eifrigsten bestrebt war, den alten, hochadligen Namen wiederherzustellen und zu vergolden, stirbt als Verbrecher; die Infamie eines einzigen lebenden Mannes ist so groß, daß sie die Ehre der Todten auslöschen kann.« Er wandte seine Augen von dem Lächeln des Bildes ab, trat in sein Zimmer, setzte sich an den Schreibtisch, nahm Schreibmappe und Briefpapier zur Hand, ergriff die Feder und verfiel, anstatt zu schreiben, in eine tiefe Träumerei. Auf seiner Stirn, die sonst selten gefurcht war, zeigte sich eine leichte Falte. Er war sehr unzufrieden mit sich.

»Kenelm«, sagte er, indem er in gewohnter Weise mit seinem Ich eine Zwiesprache hielt, »es steht dir 136 fürwahr gut an, über die Ehre von Geschlechtern zu moralisiren, die nicht mit dir verwandt sind. Du Sohn Sir Peter Chillingly's, sieh dich in deinem eigenen Hause um. Bist du ganz sicher, daß du nicht durch Wort, Handlung oder Blick etwas gethan hast, das an dem Herde, an welchem Du gastliche Aufnahme gefunden hast, Bekümmerniß hervorrufen könnte? Was hattest du für ein Recht, deinen egoistischen Gefühlen stöhnend Ausdruck zu geben, ohne zu bedenken, daß deine Worte von theilnehmenden Ohren vernommen wurden, und daß solche Worte, wenn sie bei Mondschein von einem Mädchen gehört werden, in dessen Herzen sie mitleidige Rührung erwecken, gefährlich für ihren Seelenfrieden werden können? Schande über dich, Kenelm! Schande! Schande! Der du überdies die Wünsche ihres Vaters kanntest und der du wußtest, daß dir die Entschuldigung des Wunsches, dieses schöne Geschöpf für dich zu gewinnen, nicht zur Seite steht. Was hast du darauf zu sagen, Kenelm? Du schweigst. Sprich dich aus. O, ich habe nichts weiter zu sagen, als daß ich ein eitler Geck war, mir einzubilden, sie könnte eine Neigung zu mir fassen. Nun, vielleicht bin ich ein eitler Geck; ich hoffe es allen Ernstes; und auf alle Fälle war keine Zeit und soll auch ferner keine Zeit sein, großes Unheil anzurichten. Morgen geht's 137 fort, Kenelm, rühre Dich und packe Deinen Koffer, schreibe Deine Briefe und dann lösche das Licht aus, lösche das Licht aus!«

Aber er machte sich nicht sogleich ans Werk, wie er es zu thun mit seinem andern Ich übereingekommen war. Er stand auf, ging ruhelos im Zimmer hin und her und stand nur dann und wann still, um die Bilder an den Wänden zu betrachten. Mehrere der am schlechtesten gemalten Familienportraits waren in dieses von Kenelm bewohnte Zimmer verwiesen, welches, obgleich das größte und älteste Schlafzimmer im Hause, stets einem Junggesellen unter den Gästen zugetheilt wurde, theils weil es ohne Ankleidezimmer, entlegen und nur über die schmale Hintertreppe nach dem Vorplatz, auf welchen Arabella in Ungnade verbannt war, zu erreichen war, theils weil es in dem Rufe stand, Gespenster zu beherbergen; und Damen sind einem solchen Aberglauben mehr unterworfen, als man von Männern wenigstens annimmt. Die Portraits, bei deren Anblick Kenelm jetzt verweilte, rührten aus verschiedenen Zeiten her, von der Regierung Elisabeth's bis zu der Georg's III.; keins derselben war von einem berühmten Künstler gemalt und keins das Bild eines Vorfahren, der einen Namen in der Geschichte hinterlassen hatte, kurz, es waren Portraits, wie man sie oft 138 in den Häusern von Landedelleuten von guter Familie findet. Die meisten dieser Portraits zeigten einen durchgehenden Familientypus in Zügen oder Ausdruck. Diese Züge waren scharf geschnitten und kühn, der Ausdruck offen und ehrlich. Und obgleich keiner dieser verstorbenen Männer berühmt geworden war, hatte doch jeder von ihnen in seiner einfachen Weise sein bescheidenes Theil zu der Entwickelung seiner Zeit beigetragen. Jener Brave, in Halskrause und Brustharnisch, hatte auf eigene Kosten ein Schiff gegen die Armada bemannt; seine Kosten wurden ihm von dem sparsamen Burleigh nie zurückerstattet, was ihn in Verlegenheit brachte und sein Vermögen erheblich verminderte; und er wurde nicht einmal zum Ritter geschlagen. Jener Ehrenmann mit kurzgeschnittenem, aufrechtstehendem Haar, das ihm früher über die Stirn gehangen hatte, der sich mit der einen Hand auf sein Schwert stützte und in der andern ein offenes Buch hielt, hatte als Vertreter seiner Grafschaftsstadt im langen Parlament gesessen, hatte unter Cromwell bei Marston-Moor gefochten und befand sich, als er sich dem Protector bei der Entfernung des »Bauble« widersetzt hatte, unter den Patrioten, die in »Hellhole« eingekerkert wurden. Auch er hatte durch die Ausrüstung zweier Reiter mit ihren Pferden sein Vermögen 139 vermindert, und Hellhole war Alles, was er dafür erhielt. Ein Dritter mit einem schlaueren Gesichtsausdruck und einer großen Perrücke hatte in den ruhigen Zeiten Karl's II. gelebt und war nur ein Friedensrichter gewesen, aber sein lebhafter Blick zeigte, daß er in seinem Berufe sehr thätig gewesen war. Er hatte sein von seinen Vorfahren ererbtes Vermögen weder vermehrt, noch vermindert. Ein Vierter, im Costüm der Zeit Wilhelm's III., hatte sein väterliches Vermögen dadurch etwas vergrößert, daß er ein Advocat geworden war. Er muß guten Erfolg gehabt haben, denn er war als Serjeant at law bezeichnet. Ein Fünfter, ein Lieutenant in der Armee, wurde bei Blenheim getödtet; sein ein Jahr vor seinem Tode gemaltes Portrait war das eines sehr jungen und schönen Mannes. Das Portrait seiner Frau hing im Salon, weil es von Kneller gemalt war. Auch sie war schön und heirathete in zweiter Ehe einen Edelmann, dessen Portrait sich natürlich nicht in der Familiengalerie befand. Hier war eine Lücke in der chronologischen Anordnung, da der Erbe des Lieutenants als Säugling gestorben war; aber aus der Zeit Georg's II. erschien wieder ein Travers als Gouverneur einer westindischen Colonie. Sein Sohn huldigte einer von dem Beruf seines Vaters sehr weit abliegenden Richtung der Zeit. Er erschien auf 140 dem Bilde alt, ehrwürdig und mit weißem Haar, und unter dem Bilde standen die Worte: Anhänger Wesley's. Sein Nachfolger beschloß die Reihenfolge. Er war dargestellt in der Uniform eines Seeoffiziers, das Portrait war in ganzer Figur und mit einem hölzernen Bein. Er war Kapitän in der königlichen Marine und unter dem Bilde stand: Focht unter Nelson bei Trafalgar. Diesem Portrait würde ein würdigerer Platz in einem der Empfangszimmer eingeräumt worden sein, wenn das Gesicht nicht abschreckend häßlich und das Bild selbst eine abscheuliche Schmiererei gewesen wäre.

»Jetzt sehe ich«, sagte Kenelm, plötzlich still stehend, »wie Cecilia Travers dazu gekommen ist, von der Pflicht als einem praktischen Lebensinteresse zu sprechen. Diese Männer einer früheren Zeit scheinen gelebt zu haben, um eine Pflicht zu erfüllen und nicht um dem Fortschritt der Zeit in der Jagd nach Geld zu huldigen, mit Ausnahme vielleicht eines einzigen, der dann sicherlich ein Advocat war. Kenelm, raffe Dich auf und höre auf mich! Was wir auch sein mögen, thätig oder müßig, ist nicht meine Lieblingsmaxime, daß ein guter Mensch durch sein Leben Gutes bewirkt, richtig und wahr? Um aber das zu thun, muß sein Wesen harmonisch und nicht zwiespältig sein. Kenelm, 141 Du träger Hund, Du mußt Deine Sachen zusammenpacken.«

Darauf packte Kenelm seinen Koffer, adressirte denselben nach Exmundham und schrieb die folgenden drei Briefe.

Erster Brief.

An die Marquise von Glenalvon.

»Meine theure Freundin und Ermahnerin, ich habe Ihren letzten Brief einen ganzen Monat lang unbeantwortet gelassen. Ich konnte auf Ihre Glückwünsche zu dem Ereigniß meiner Mündigkeitserklärung nichts erwidern. Dieses Ereigniß ist eine conventionelle Lüge und Sie wissen, wie ich Lügen und Conventionen verabscheue. Die Wahrheit ist, daß ich entweder viel jünger oder viel älter als einundzwanzig Jahre bin. Was alle die Anschläge auf meinen Seelenfrieden in der Gestalt von mir zugemutheten Bewerbungen für die nächste Grafschaftswahl anlangt, so habe ich sie zu beseitigen gesucht und es ist mir gelungen. Und jetzt habe ich mich auf die Reise begeben. Ich war mit der Absicht aufgebrochen, diese Reise auf mein Vaterland zu beschränken. Aber Absichten sind veränderlich. Ich gehe ins Ausland. Sie sollen von meinen Bewegungen hören. Ich schreibe diese Zeilen aus dem 142 Hause von Leopold Travers, der, wie ich von seiner schönen Tochter höre, Ihr Verwandter ist, ein höchst schätzenswerther und liebenswürdiger Mann. Nein, trotz aller Ihrer schmeichelhaften Voraussagungen werde ich in diesem Leben nie etwas Ausgezeichneteres werden, als was ich jetzt bin. Gestatten Sie mir, hochverehrte gnädige Frau, mich zu unterzeichnen als Ihren dankbaren Freund.

K. C.«

Zweiter Brief.

»Lieber Vetter Mivers! Ich reise ins Ausland. Ich werde vielleicht des Geldes bedürfen; denn ich beabsichtige, mich, um treibende Kraft in mir zu wecken, in die Lage zu bringen, des Geldes zu bedürfen. Als ich sechzehn Jahre alt war, boten Sie mir Geld, wenn ich literarische Veteranen in dem »Londoner« angreifen wollte. Wollen Sie mir jetzt für eine ähnliche Entfaltung der großen Idee unserer Generation, nämlich daß, je weniger jemand von einem Gegenstande weiß, er ihn um so besser versteht, Geld geben? Ich stehe im Begriff, nach Ländern, die ich noch nie gesehen habe, und unter Völker zu reisen, die mir bis jetzt noch ganz unbekannt gewesen sind. Mein souveränes Urtheil über beide wird für den »Londoner« unschätzbar sein, als Beitrag eines Specialcorrespondenten, der Ihre Achtung vor der Anonymität theilt und dessen Name nie 143 veröffenzlicht werden wird. Adressiren Sie Ihre umgehende Antwort poste restante Calais.

Ihr aufrichtig ergebener K. C.«

Dritter Brief.

»Lieber Vater!

Ich fand Deinen Brief hier, von wo ich morgen wieder abreise. Entschuldige mein eiliges Schreiben. Ich reise ins Ausland und werde Dir von Calais aus schreiben.

Ich bin ein großer Verehrer von Leopold Travers geworden. Was für ein schönes Gleichgewicht der Kräfte findet sich doch in einem echten englischen Gentleman. Man kann ihn herumschütteln, wie man will, er stellt sich doch immer wieder auf seine Füße und bleibt ein Gentleman. Er hat ein einziges Kind, eine Tochter mit Namen Cecilia, schön genug, um jeden Sterblichen, den Decimus Roach nicht überzeugt hat, daß das Cölibat der rechte Weg zur Annäherung an die Engel ist, in die Ehe zu locken. Ueberdies ist sie ein Mädchen, mit dem man sich unterhalten kann. Selbst Du würdest Dich mit ihr unterhalten können. Travers wünscht sie mit einem sehr respectabeln, hübschen, vielversprechenden jungen Manne, der, wie die Leute sagen, eine durchaus passende Partie ist, zu verheirathen. Und wenn sie ihn heirathet, wird sie mit jenem vollendeten 144 Muster edler Weiblichkeit, mit Lady Glenalvon rivalisiren können. – Ich schicke Dir meinen Koffer zurück. Ich habe mein Lehrgeld so ziemlich erschöpft, habe aber das mir monatlich von Dir Ausgesetzte noch nicht angegriffen. Ich denke auch jetzt noch damit auszukommen und werde die Summe, wenn es nöthig sein sollte, im Schweiße meines Angesichts oder meines Gehirns zu vergrößern suchen. Doch wenn sich ein Fall ereignen sollte, der Extrafonds erfordert, vorausgesetzt natürlich, daß diese Extrafonds so viel wirklich Gutes stiften würden, daß ich überzeugt sein könnte, Du würdest dieses Gute thun, nun, in einem solchen Falle muß ich auf Deine Banquiers ziehen. Aber wohlgemerkt, das ist dann Deine und nicht meine Ausgabe und Du hast Anspruch auf den Lohn im Himmel. Lieber Vater, wie sehr liebe und verehre ich Dich täglich mehr! Ich soll Dir versprechen, keinem jungen Mädchen einen Antrag zu machen, bevor ich erst Deine Zustimmung eingeholt habe – o, lieber Vater, wie konntest Du daran zweifeln? Wie konntest Du zweifeln, daß ich mit keiner Frau würde glücklich sein können, die Du nicht als Tochter lieben könntest? Betrachte dieses Versprechen als ein mir heiliges. Aber ich wollte, Du hättest etwas von mir verlangt, was zu thun mir nicht viel zu leicht würde, als daß es eine 145 Probe meines kindlichen Gehorsams sein könnte. Ich hätte Dir nicht freudiger gehorchen können, wenn Du mich gebeten hättest, Dir zu versprechen, überhaupt nie einem jungen Mädchen einen Antrag zu machen. Hättest Du mich gebeten, Dir zu versprechen, daß ich der Würde der Vernunft für den Wahnsinn der Liebe oder der Freiheit des Mannes für die Knechtschaft des Ehemanns entsagen wolle, dann würde ich versucht haben, das Unmögliche zu unternehmen. Aber ich würde unfehlbar an diesem Versuch gestorben sein und Du würdest die Gewissensbisse kennen gelernt haben, welche das Lager des Tyrannen heimsuchen.

Dein Dich zärtlich liebender Sohn K. C.« 146

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