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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtzehntes Kapitel.

Während die eben berichtete Unterhaltung stattfand, hatte Kenelm sich aufgemacht, Will Somers einen Besuch abzustatten. Alle Hindernisse, die der Heirath Will's bisher im Wege gestanden hatten, waren jetzt beseitigt: die Uebertragung des Miethcontracts für den Laden war unterzeichnet und das erste Aufgebot sollte am nächsten Sonntage stattfinden. Wir brauchen wohl nicht zu sagen, daß Will sehr glücklich war. Darauf machte Kenelm Frau Bowles einen Besuch und blieb eine Stunde bei ihr.

Als er wieder in den Park trat, sah er Travers mit gesenkten Blicken, die Hände auf dem Rücken, wie er zu thun pflegte, wenn er nachdenklich war, langsam daherschreiten. Travers bemerkte Kenelm erst, als derselbe sich ihm bis auf wenige Schritte genähert 112 hatte, und begrüßte dann seinen Gast nicht in seiner gewöhnlichen heiteren Weise, sondern in einem verdrossenen Ton.

»Ich komme von dem Mann, den Sie so glücklich gemacht haben«, sagte Kenelm.

»Und der wäre?«

»Will Somers. Machen Sie so viele Menschen glücklich, daß Sie sich der einzelnen nicht erinnern können?«

Travers lächelte schwach und schüttelte den Kopf.

Kenelm fuhr fort: »Ich bin auch bei Frau Bowles gewesen, und es wird Sie freuen zu hören, daß Tom mit seiner Uebersiedelung zufrieden ist; Sie brauchen nicht zu fürchten, daß er nach Graveleigh zurückkehrt. Frau Bowles nahm ferner meinen Vorschlag, Ihnen das kleine Grundstück, das Sie zu erwerben wünschen, zu verkaufen, sehr freundlich auf und würde in diesem Falle auch nach Luscombe ziehen, um ihrem Sohne näher zu sein.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar dafür, daß Sie an mich gedacht haben«, sagte Travers, »und ich werde die Angelegenheit gleich in die Hand nehmen, obgleich mir an dem Kaufe jetzt nichts mehr gelegen ist. Ich hätte Ihnen das schon vor drei Tagen erzählen sollen; aber 113 ich habe nicht daran gedacht, daß ein benachbarter Gutsbesitzer, ein junger Bursche, der eben mündig geworden ist, mir angeboten hat, einen vorzüglichen Pachthof, der meinem Gute viel näher liegt, gegen die mir in Graveleigh gehörigen Ländereien, Saunderson's Pachthof und die Bauerhäuschen mit eingerechnet, auszutauschen. Diese Ländereien liegen an der äußersten Grenze meines Gutes, aber innerhalb des seinigen und der Tausch wird für uns beide vortheilhaft sein. Indeß freut es mich doch, daß die Gegend hier von einer wilden Bestie, wie dieser Tom Bowles ist, befreit werden soll.«

»Sie würden ihn nicht eine wilde Bestie nennen, wenn Sie ihn kennten; aber es thut mir leid zu hören, daß Will Somers einen neuen Gutsherrn bekommt.«

»Das kann ihm einerlei sein, da sein Miethcontract noch vierzehn Jahre läuft.«

»Was für eine Art Mann ist denn dieser neue Gutsherr?«

»Ich weiß nicht viel von ihm. Er war in der Armee, bis sein Vater starb, und wohnt erst ganz kurze Zeit hier in der Grafschaft. Er steht aber bereits in dem Ruf, ein zu großer Verehrer des 114 anderen Geschlechts zu sein, und es ist daher gut, daß die hübsche Jessie sicher unter die Haube kommt.«

Dann verfiel Travers in ein verdrossenes Schweigen, aus welchem ihn herauszureißen Kenelm schwer wurde. Endlich sagte er freundlich:

»Mein lieber Herr Travers, halten Sie mich nicht für zudringlich, wenn ich die Vermuthung auszusprechen wage, daß diesen Morgen etwas vorgefallen ist, was Sie bekümmert oder Ihnen Verdruß macht. Wenn dem so ist, so gewährt es Ihnen, wie es oft bei solchen Gelegenheiten der Fall ist, vielleicht eine Erleichterung, jemand, der so wenig wie ich zu rathen oder zu trösten im Stande ist, zum Vertrauten des Vorgefallenen zu machen.«

»Sie sind ein guter Mensch, Chillingly, und ich wüßte wenigstens in dieser Gegend niemand, gegen den ich mich lieber rückhaltslos aussprechen möchte. Ich gestehe, ich bin verstimmt, durch die Nichterfüllung eines Lieblingswunsches unverständigerweise bitter enttäuscht, und«, fügte er mit einem leichten Lachen hinzu, »es verdrießt mich immer, wenn mir etwas nicht nach Wunsch gelingt.«

»Das geht mir ebenso.«

»Halten Sie nicht George Belvoir für einen sehr hübschen jungen Mann?«

115 »Gewiß.«

»Ich nenne ihn schön; überdies ist er solider und weiß mit seinem Gelde besser umzugehen als die meisten Männer seines Alters, und dabei fehlt es ihm auch nicht an Geist oder Weltkenntniß. Mit allen den Vortheilen, die Rang und Vermögen gewähren, verbindet er den Fleiß und den Ehrgeiz, welche zu einer ausgezeichneten Stellung im öffentlichen Leben führen.«

»Vollkommen wahr. Will er sich denn nun doch schließlich von der Wahl zurückziehen?«

»Gott bewahre, das nicht!«

»Inwiefern tritt er dann Ihren Wünschen in den Weg?«

»Nicht er thut das«, sagte Travers verdrießlich, »Cecilia ist es. Können Sie nicht begreifen, daß George grade der Mann ist, den ich mir zum Gatten für sie wünsche? Diesen Morgen kam nun ein sehr gut geschriebener männlicher Brief von ihm, in welchem er mich um Erlaubniß bittet, sich um die Hand meiner Tochter zu bewerben.«

»Das entspricht ja aber ganz Ihren Wünschen!«

»Allerdings; aber nun kommt der Querstrich. Natürlich mußte ich mich an Cecilia wenden, und sie 116 lehnt positiv ab, ohne Gründe angeben zu können; sie leugnet nicht, daß George ein hübscher, verständiger, daß er ein Mann ist, auf dessen Neigung jedes Mädchen stolz sein würde; aber es beliebt ihr zu sagen, daß sie ihn nicht lieben könne, und hat, wenn ich sie frage, warum sie ihn nicht lieben könne, keine andere Antwort. als daß sie das nicht sagen könne. Das ist doch zu ärgerlich.«

»In der That verdrießlich«, sagte Kenelm, »aber Liebe ist die eigensinnigste aller Leidenschaften; sie ist niemals für Gründe zugänglich. Sie hat keinen Begriff von den ersten Elementen der Logik. Liebe kennt kein Warum, sagt einer jener römischen Dichter, welche sogenannte Liebeselegien geschrieben haben, ein Name, den wir Neueren nur auf Trauergesänge anwenden. Ich für meinen Theil kann nicht begreifen, wie man von irgend jemand erwarten kann, er werde sich freiwillig dazu entschließen, seiner Vernunft zu entsagen. Und wenn Ihr Fräulein Tochter ihrer Vernunft nicht entsagen kann, weil George Belvoir es thut, so würden Sie sie durch keine Argumente bewegen können, das zu thun, und wenn Sie bis zum jüngsten Tage sprächen.«

Travers mußte unwillkürlich lächeln, antwortete aber ernsthaft: »Gewiß möchte ich nicht, daß Cissy einen Mann 117 heirathete, der ihr zuwider wäre; aber George ist ihr nicht zuwider, kann keinem Mädchen zuwider sein; und wo das der Fall ist, wird ein so verständiges, so zärtliches und so wohlerzogenes Mädchen einen durchaus guten und achtungswerthen Mann sicherlich nach der Heirath lieben, besonders wenn sie nicht schon vorher eine Neigung gehabt hat, wovon natürlich bei Cissy keine Rede sein kann. Ich bin auch, obgleich ich meine Tochter zu nichts zwingen möchte, noch keineswegs geneigt, die Sache aufzugeben. Verstehen Sie?«

»Vollkommen.«

»Ich würde eine in jeder Beziehung so wünschenswerthe Heirath um so lieber sehen, als sich, wenn Cissy, was bisher noch nicht der Fall gewesen ist, in London zuerst in die Welt eintritt, sicherlich um ihr Gesicht und ihre muthmaßliche Erbschaft alle schönen Partienjäger und adligen Taugenichtse schaaren werden: und wenn es in der Liebe kein Warum gibt, welche Gewißheit habe ich dann, daß sie sich nicht in einen Taugenichts verliebt?«

»Darüber können Sie sich, glaube ich, beruhigen«, sagte Kenelm, »dazu hat Ihr Fräulein Tochter zu viel Geist.«

»Ja, augenblicklich; aber sagten Sie nicht, daß in der Liebe die Menschen ihrer Vernunft entsagen?«

118 »Das ist wahr. Das hatte ich vergessen.«

»Ich bin daher nicht geneigt, die Proposition des armen George entschieden abzulehnen, und doch würde es unrecht sein, ihn zu ermuthigen und dadurch irre zu leiten.«

»Sie glauben, George Belvoir sei Ihrer Tochter nicht zuwider und sie würde ihn, wenn sie ihn näher kennen lernte, lieber gewinnen und es wäre ebenso wohl für sie wie für ihn gut, diese Möglichkeit nicht abzuschneiden?«

»Vollkommen richtig.«

»Warum schreiben Sie ihm dann nicht: ›Mein lieber George, Ihr Antrag begegnet meinen besten Wünschen; aber meine Tochter scheint nicht geneigt, sich jetzt schon zu verheirathen. Lassen Sie mich annehmen, Ihr Brief wäre nicht geschrieben, und lassen Sie uns auf demselben freundschaftlichen Fuß wie vorher bleiben.‹ Vielleicht würden Sie, da George Virgil kennt, Ihre eigenen Erinnerungen aus der Schulzeit hier nützlich verwenden und hinzufügen können: › Varium et mutabile semper femina.‹ Eine sehr verbrauchte, aber wahre Redensart.«

»Mein lieber Chillingly, Ihr Vorschlag ist vortrefflich. Wie zum Henker haben Sie es fertig gebracht, in Ihrem Alter schon die Welt so gut zu kennen?«

119 Kenelm antwortete in dem seiner Stimme so natürlichen pathetischen Ton: »Dadurch, daß ich leider bisher in der Welt nur einen Zuschauer abgegeben habe!«

Travers fühlte sich sehr erleichtert, nachdem er seine Antwort an George geschrieben hatte. Er war nicht ganz so aufrichtig in seiner Mittheilung gegen Chillingly gewesen, wie es dem Leser geschienen haben mag. Wie alle stolzen und zärtlichen Väter kannte er die Reize seiner Tochter sehr wohl und war nicht ganz ohne Besorgniß, daß Kenelm selbst Absichten hegen möchte, die denen George's in den Weg treten würden; wenn dem so wäre, so hielt er es für richtig, solchen Absichten bei Zeiten ein Ende zu machen, theils weil seine Fürsprache bereits für George verpfändet, theils weil George an Rang und Vermögen die bessere Partie war, theils weil George derselben politischen Partei angehörte wie er selbst, während Sir Peter und daher wahrscheinlich auch Sir Peter's Erbe auf der entgegengesetzten Seite stand, theils endlich weil Travers als ein sehr verständiger und praktischer Weltmann bei all seiner persönlichen Neigung für Kenelm nicht sicher darauf rechnen zu dürfen glaubte, daß der Sohn eines Baronets, der in der Kleidung eines kleinen Pachters zu Fuß das Land durchwanderte und seinen 120 Faustkampfneigungen in martialischen Zusammenstößen mit handfesten Schmieden fröhnte, ein guter Ehemann und ein angenehmer Schwiegersohn sein werde. Kenelm's Worte und noch mehr sein Benehmen bei der George betreffenden Mittheilung überzeugten Travers, daß alle Besorgnisse vor einer Nebenbuhlerschaft Kenelm's, die er bis dahin gehegt hatte, völlig grundlos seien. 121

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