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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebzehntes Kapitel.

Am nächsten Tage saßen Frau Campion und Cecilia unter der Veranda. Beide waren äußerlich mit zwei verschiedenen Stickereien, von denen die eine ein Ofenschirm, die andere ein Rückenkissen zu werden bestimmt war, beschäftigt. Aber keine von beiden war mit ihren Gedanken bei der Arbeit.

Frau Campion eröffnete das Gespräch mit der Frage: »Hat Herr Chillingly schon gesagt, wann er uns zu verlassen gedenkt?«

»Nicht zu mir«, antwortete Cecilia. »Wie sich Papa an seiner Unterhaltung erfreut!«

»In der Jugendzeit Deines Vaters«, bemerkte Frau Campion, »waren Cynismus und Spottsucht bei jungen Leuten nicht so in der Mode, wie sie es 107 jetzt zu sein scheinen, und Deinem Vater sind sie etwas Neues. Für mich sind sie nichts Neues, weil ich in London mehr mit älteren als mit jungen Leuten lebte; und Cynismus und Spottsucht sind Leuten, die im Begriff stehen, die Welt zu verlassen, natürlicher als solchen, die erst in die Welt eintreten.«

»Liebe Frau Campion«, rief Cecilia, »wie bitter und wie ungerecht sind Sie! Sie nehmen die scherzhafte Art, wie Herr Chillingly sich ausdrückt, viel zu sehr à la lettre. Man kann doch nicht von Cynismus bei jemand reden, der sich keine Mühe verdrießen läßt, Andere glücklich zu machen.«

»Du meinst«, entgegnete Frau Campion, »weil er die Grille hat, eine unpassende Ehe zwischen einer hübschen Dorfkokette und einem kränklichen Krüppel zu stiften, und weil er ein Bauernpaar in einem Geschäft etablirt, das völlig ungeeignet für dasselbe ist.«

»Jessie Wiles ist keine Kokette und ich bin überzeugt, daß sie eine sehr gute Frau für Will Somers sein und in dem Laden sehr gut fortkommen wird.«

»Wir werden ja sehen. Aber wenn Herr Chillingly wirklich so anders spricht, als er handelt, so ist er vielleicht ein guter, ganz gewiß aber ein manierirter Mensch.«

108 »Habe ich Sie nicht sagen hören«, fragte Cecilia, »daß es Menschen gibt, die so natürlich sind, daß sie anderen, die sie nicht verstehen, manierirt erscheinen?«

Frau Campion blickte zu Cecilia auf, senkte die Augen dann wieder auf ihre Arbeit und sagte in einem ernsten, tiefen Ton:

»Nimm Dich in Acht!«

»In Acht nehmen? Wovor?«

»Mein theuerstes Kind, verzeihe mir, aber die Wärme, mit der Du Herrn Chillingly vertheidigst, gefällt mir nicht.«

»Glauben Sie nicht, daß mein Vater ihn noch wärmer vertheidigt haben würde, wenn er Sie gehört hätte?«

»Männer beurtheilen Männer nach ihren Beziehungen zu Männern. Ich bin eine Frau und beurtheile Männer nach ihren Beziehungen zu Frauen. Ich würde für das Glück jedes Mädchens zittern, das ihr Schicksal an das Kenelm Chillingly's fesseln wollte.«

»Liebe Freundin, ich verstehe Sie heute nicht.«

»Liebes Kind, so ernst war es nicht gemeint. Am Ende kann es uns ja ganz gleichgültig sein, wen Herr Chillingly heirathet oder nicht heirathet. Er ist nur ein flüchtiger Gast, und wenn er einmal fort 109 ist, werden wir ihn wahrscheinlich in Jahren nicht wiedersehen.«

Bei diesen Worten erhob Frau Campion ihre Augen wieder von ihrer Arbeit und warf Cecilia von der Seite einen verstohlenen Blick zu und ihr mütterliches Herz wurde schwer, als sie bemerkte, wie bleich das Mädchen plötzlich geworden war und wie ihre Lippen zitterten. Frau Campion kannte das Leben zu gut, um nicht selbst zu fühlen, daß sie einen schlimmen Fehler begangen habe. Wenn ein Mädchen in seiner frühesten Periode jungfräulicher Neigung, wo sie sich nur erst eines gewissen unbestimmten Interesses für einen Mann bewußt ist, der sich in ihren Gedanken von anderen unterscheidet, diesen Mann ungerechter Weise herabsetzen hört, wenn sie indirect vor ihm gewarnt, wenn ihr die Wahrscheinlichkeit, daß er nie mehr für sie sein werde, als eine flüchtige Bekanntschaft, gewaltsam aufgedrängt wird, da nimmt das rege Interesse, das sonst vielleicht mit vielen anderen mädchenhaften Einfällen wieder verflogen wäre, plötzlich einen ernsteren Charakter an und vertieft sich; das rasche Klopfen ihres Herzens, das sie dabei empfindet, läßt sie unwillkürlich und zum ersten Mal sich selbst fragen: Liebe ich?

110 Aber wenn ein Mädchen von so zarter Natur wie Cecilia Travers sich die Frage stellen kann: Liebe ich? so macht ihre Bescheidenheit, ihr Zurückschrecken vor der Möglichkeit, daß ein Mann im Guten oder im Bösen anders Gewalt über ihre Gedanken gewinnen könne als durch die Heiligung dieser Liebe, die nur dadurch in ihren Augen eine gottgeweihte wird, daß sie ernst und rein und selbstverleugnend ist, sie vorzeitig geneigt, ihre eigene Frage mit ja zu beantworten. Und wenn ein Mädchen von solcher Natur in ihrem Herzen eine solche Frage mit ja beantwortet, so fängt sie, selbst wenn sie sich im Augenblick täuschen sollte, an, diese Täuschung zärtlich zu hegen, bis ihr Glaube an ihre Liebe fest wird. Sie hat eine – gleichviel, ob falsche oder wahre – religiöse Ueberzeugung gewonnen und sie würde sich selbst verachten, wenn sie leicht wieder zu einem anderen Glauben zu bekehren wäre.

Frau Campion hatte es dahin gebracht, daß Cecilia sich diese Frage vorlegen mußte, und sie fürchtete jetzt, als sie den veränderten Ausdruck des Mädchens bemerkte, daß ihr Herz mit ja geantwortet habe. 111

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