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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Kapitel.

Das Haus des Herrn Travers enthielt eine beträchtliche Sammlung von Familienportraits. Wenige darunter waren gut gemalt, aber der Besitzer war offenbar stolz auf diese Beweise des hohen Alters seines Geschlechts. Sie nahmen nicht nur einen bedeutenden Raum in den Empfangszimmern ein, sondern füllten auch die Hauptschlafzimmer und sahen lächelnd oder stirnrunzelnd von den Wänden dunkler Vorplätze und entfernter Vorsäle auf den Beschauer herab.

Eines Morgens fand Cecilia auf ihrem Wege nach der Geschirrkammer Kenelm in die Betrachtung eines weiblichen Portraits versunken, das in einen dieser dunkeln Räume verbannt war, welche er, wenn er von der Halle nach seinem Zimmer wollte, nach Ersteigung einer Hintertreppe nothwendig passiren mußte.

89 »Ich maße mir nicht an, etwas von Malerei zu verstehen«, sagte Kenelm, als Cecilia neben ihm stehen blieb, »aber es frappirt mich, daß dieses Bild sehr viel besser ist als die meisten von denen, welchen Ehrenplätze in Ihrer Sammlung eingeräumt sind. Und das Gesicht selbst ist so lieblich, daß es eine Bereicherung der schönsten fürstlichen Gallerien bilden würde.«

»Ja«, sagte Cecilia mit einem leisen Seufzer, »das Gesicht ist lieblich und das Portrait gilt für eins von Lely's größten Meisterwerken. Es pflegte über dem Kamin im Salon zu hängen, aber mein Vater hat es schon seit vielen Jahren hierher hängen lassen.«

»Vielleicht weil er entdeckte, daß es kein Familienportrait sei?«

»Im Gegentheil, weil es ihm Kummer macht, denken zu müssen, daß es ein Familienportrait ist. St! Ich höre seinen Schritt; reden Sie nicht mit ihm davon. Lassen Sie ihn nicht merken, daß Sie das Bild betrachten. Die Sache ist ihm sehr peinlich.«

Mit diesen Worten verschwand Cecilia in die Geschirrkammer und Kenelm begab sich auf sein Zimmer.

Welche Sünde, die das Original dieses Bildes zur Zeit Karl's II. begangen hatte, die aber erst zur Zeit der Regierung Victoria's entdeckt worden war, 90 konnte es gerechtfertigt erscheinen lassen, daß Leopold Travers das reizendste Bild in seinem Hause von dem Ehrenplatze, den es bis dahin eingenommen, entfernt und in einen so dunkeln Winkel verbannt hatte? Kenelm sprach nicht weiter über die Sache und dachte auch eine Stunde später nicht mehr daran.

Am nächsten Tage ritt er mit Travers und Cecilia aus. Sie ritten ohne irgend ein bestimmtes Ziel durch ruhige, schattige Heckenwege, als sich plötzlich an einer Stelle, wo drei dieser Heckenwege zusammenstießen, ein einsamer grauer Thurm inmitten einer weiten Grasfläche mit zerstreuten riesigen Stämmen von gekappten Eichen, die aussah, als wäre sie einst ein Park gewesen, vor ihnen erhob.

»Cissy!« rief Travers, indem er ärgerlich die Zügel seines Pferdes anzog und sich in einer politischen Discussion, zu der er Kenelm gezwungen hatte, plötzlich unterbrach, »Cissy, wie kommt das? Wir sind den falschen Weg geritten! Aber einerlei«, fuhr er nach rechts deutend fort, »da sehe ich die Schornsteine auf dem Hause des alten Mondell. Er hat George Belvoir seine Stimme noch nicht versprochen; ich will zu ihm gehen und mich mit ihm unterhalten. Reite Du mit Herrn Chillingly zurück und warte bei Terner's Wiese, bis ich komme. Ich brauche mich nicht 91 bei Ihnen zu entschuldigen, Chillingly. Sie wissen, wie viel auf eine Stimme ankommt.«

Mit diesen Worten wandte Travers sein Pferd, das ein altes Jagdpferd war, setzte, da sich kein Zaunthor zeigen wollte, über einen hohen Zaun und verschwand in der Richtung der Schornsteine des alten Mondell. Kenelm, der die Ordres, welche Travers seiner Tochter ertheilt, und die Worte, mit denen er sich bei ihm entschuldigt, kaum gehört hatte, blieb in Betrachtung des alten grauen Thurmes, der sich so plötzlich seinen Blicken darbot, versunken.

Obgleich er kein gelehrter Archäolog wie sein Vater war, übten doch alle Ueberreste der Vergangenheit einen eigenthümlichen Zauber auf ihn aus, und alte graue Thürme, die nicht eben Kirchthürme sind, finden sich in England sehr selten. Alles um den Thurm her redete mit unaussprechlicher Trauer von einer zerstörten Vorzeit. An hier und da zerstreuten, von mächtigen Strebepfeilern gestützten Mauerfragmenten erkannte man die Ueberreste eines ehemals zu dem Thurm gehörigen gothischen Gebäudes; ein trockener Graben zwischen hohen Böschungen war ersichtlich einst der Schloßgraben gewesen. Ja, man konnte noch den Richthügel sehen, auf welchem der Herr dieses Sitzes vor alters Recht gesprochen hatte. Selbst die 92 scharfsinnigsten Archäologen finden doch nur selten solche Ueberreste aus der normannischen Zeit auf Gütern, die sich im Besitze der ältesten anglo-normannischen Familien befinden. Dazu die wilde Natur der ganzen Umgebung, die weite Grasfläche mit jenen alten, riesigen Eichenstämmen, die innen hohl und oben gekappt waren, Alles sprach im Verein mit dem grauen Thurm von einer Vergangenheit, die von den Tagen Victoria's so weit ablag wie die Pyramiden von der Regierungszeit des Vicekönigs von Aegypten.

»Lassen Sie uns umkehren«, sagte Cecilia, »mein Vater würde es nicht gern sehen, daß ich mich hier aufhalte.«

»Verzeihen Sie einen Augenblick. Ich wollte, mein Vater wäre hier; er würde bis Sonnenuntergang verweilen. Aber was ist denn die Geschichte dieses alten Thurms? Denn eine Geschichte muß er doch haben.«

»Jedes Haus, selbst ein Bauernhaus hat seine Geschichte«, erwiderte Cecilia. »Aber verzeihen Sie mir, wenn ich Sie bitte, sich dem Wunsche meines Vaters zu fügen. Ich wenigstens muß umkehren.«

Nach diesem Befehl wandte Kenelm widerstrebend seine Blicke von der Ruine ab und eilte Cecilia, die bereits eine kleine Strecke vorausgeritten war, nach.

»Ich bin von Natur nichts weniger als 93 neugierig, soweit die Interessen der Lebenden in Betracht kommen«, sagte Kenelm, »aber ich würde kein Buch lesen mögen, wenn mich nicht die Vergangenheit interessirte. Bitte, befriedigen Sie meine Neugierde, etwas über diesen alten Thurm zu erfahren. Er könnte nicht einsamer und melancholischer aussehen, wenn ich ihn gebaut hätte.«

»Es knüpfen sich an ihn sehr traurige Erinnerungen an eine sehr junge Vergangenheit«, antwortete Cecilia. »In alter Zeit bildete der Thurm das Burgverließ eines Schlosses, welches der ältesten und einst mächtigsten Familie dieser Gegend gehörte. Die Eigenthümer waren Barone, die thätigen Antheil an den Kriegen der weißen und rothen Rose nahmen. Der letzte von ihnen stand auf der Seite Richard's III. und nach der Schlacht von Bosworth wurde der Titel cassirt und der größere Theil der Ländereien confiscirt; Treue gegen einen Plantagenet war natürlich Verrath gegen einen Tudor. Aber die Rehabilitirung der Familie wurde durch ihre directen Nachkommen bewirkt, die aus dem allgemeinen Schiffbruch ihres Vermögens noch so viel gerettet hatten, wie zu einem stattlichen adligen Landsitz erforderlich war, einem Landsitz von etwa demselben Ertrage, wie der meines Vaters, aber von bedeutend größerem Umfange. In der 94 Grafschaft standen diese Herren aber in größerem Ansehen als die reichsten Pairs. Sie waren noch immer bei weitem die älteste Familie in der Grafschaft und konnten auf ihrem Stammbaum die Spuren ihrer Verwandtschaft mit den erlauchtesten Häusern Englands verfolgen. Viele Generationen hindurch bewährten sie sich auch, abgesehen von ihrer großen Vergangenheit, als ein muthiges, gastfreies, volksfreundliches Geschlecht, lebten ohne Gepränge von ihrem Einkommen und begnügten sich mit ihrem Rang als Squires. Ihr durch die Zeit und durch Belagerungen zerstörtes Schloß versuchten sie nicht wiederherzustellen. Sie wohnten in einem in der Nähe des Schlosses zur Zeit Elisabeth's erbauten Hause, das Sie nicht sehen konnten, weil es in einer Vertiefung hinter dem Thurme liegt; es ist ein Haus von mäßiger Größe, malerisch gelegen und würde sich zur Wohnung eines Landedelmanns eignen. Unsere Familie verband sich mit ihnen durch Heirathen. Das Portrait, welches Sie gesehen haben, war das einer Tochter aus ihrem Hause und jeder Squire in der Grafschaft würde stolz darauf gewesen sein, durch eine Heirath mit den Fletwodes in verwandtschaftliche Beziehungen zu treten.«

»Fletwode – war das der Name? Ich erinnere mich dunkel von diesem Namen gehört zu haben, in 95 Verbindung mit einer unglücklichen – aber es kann unmöglich dieselbe Familie sein; bitte, fahren Sie fort.«

»Ich fürchte, es ist dieselbe Familie. Aber ich will Ihnen die Geschichte, wie ich sie gehört habe, zu Ende erzählen. Der Grundbesitz gelangte zuletzt an einen Bertram Fletwode, der sich unglücklicherweise den Ruf eines sehr geschickten Geschäftsmanns erwarb. Es gab eine Bergwerksgesellschaft, bei der er sich nebst andern Herren in der Grafschaft stark betheiligte, an die Spitze der Direction trat –«

»Ah, ich verstehe – und natürlich ruinirt wurde.«

»Nein, viel schlimmer als das. Er wurde sehr reich und trug unglücklicherweise Verlangen danach, noch reicher zu werden. Wie man mir erzählte, herrschte grade in jener Zeit eine entsetzliche Speculationswuth. Er ließ sich auf solche Speculationen ein und hatte Glück dabei, bis er sich endlich verleiten ließ, einen großen Theil seines so erworbenen Vermögens auf die Theilhaberschaft an einer Bank zu verwenden, die sich eines sehr guten Rufes erfreute. Bis zu diesem Zeitpunkte hatte er sich die Achtung der Grafschaft und seine Beliebtheit bewahrt, aber die Squires, die sich an dem Risico der Bergwerkscompagnie betheiligt hatten und wenig von anderen Speculationen wußten, bei welchen sein Name nicht genannt war, bekannten, daß ihnen die 96 Idee eines Fletwode, der sich offenkundig mit einem Jones von Clapham als Besitzer einer Londoner Bank associirt habe, anstößig sei.«

»Schwerfällige Menschen, diese Landedelleute, die nicht mit der Zeit fortschreiten können! Nun?«

»Man erzählt, daß Bertram Fletwode selbst sehr ungern diesen Schritt gethan habe, aber von seinem Sohn dazu überredet worden sei. Von diesem Sohne, Alfred, behauptet man, daß er eine noch größere Begabung für Geschäfte gehabt habe als sein Vater und von diesem bei allen bisherigen Speculationen, die glücklich ausgefallen waren, nicht nur betheiligt, sondern auch zu Rathe gezogen worden sei. Frau Campion hat Alfred Fletwode sehr gut gekannt. Sie schildert ihn als sehr hübsch, mit lebhaften, scharfblickenden Augen, als wortreich und anspruchsvoll in der Unterhaltung, als ungeheuer ehrgeizig, mehr ehrgeizig als habsüchtig und weniger um des Geldes als um dessentwillen, wozu es ihm verhelfen konnte, Rang und Macht, darauf bedacht, Geld zu erwerben.«

»Unter allen Umständen ein trauriger Ehrgeiz. Ich würde den Ehrgeiz eines Dichters in einer Dachstube vorziehen. Aber ich verstehe davon nichts. Ich habe Gott sei Dank keinen Ehrgeiz. Und doch muß jeder Ehrgeiz, jeder Wunsch höher zu steigen, dem 97 interessant sein, der kümmerlicher Weise zufrieden ist, wenn er nicht fällt. So ging es also nach dem Willen des Sohnes und Fletwode associirte sich mit Jones, um zu Reichthum und Pairschaft zu gelangen? Verheirathete sich denn nun der Sohn? Natürlich mit der Tochter eines Herzogs oder eines Millionärs! Jagd nach Adel und Geld auf die Gefahr hin, sich zu erniedrigen und ins Armenhaus zu kommen. O über den Fortschritt der Zeit!«

»Nein«, erwiderte Cecilia mit einem traurigen Lächeln, »Fletwode heirathete weder die Tochter eines Herzogs, noch die Tochter eines Millionärs; aber doch gehörte seine Frau einer adligen, sehr armen, aber sehr stolzen Familie an. Vielleicht heirathete er aus ehrgeizigen, wenn auch nicht gewinnsüchtigen Motiven. Ihr Vater hatte einen großen politischen Einfluß und konnte ihm möglicherweise zur Erlangung einer Baronie behülflich sein. Die Mutter war eine Weltdame von hoher gesellschaftlicher Stellung und nahe verwandt mit einer Verwandten von uns, Lady Glenalvon.«

»Sie sind verwandt mit Lady Glenalvon, meiner theuersten Freundin?«

»Ja, Lord Glenalvon war der Onkel meiner Mutter. Aber ich möchte Ihnen meine Geschichte zu Ende erzählen, bevor wir wieder mit meinem Vater 98 zusammentreffen. Alfred Fletwode heirathete erst, lange nachdem sein Vater Associé der Bank geworden war. Nach Jones' Tode hatte derselbe auf den Wunsch des Sohnes das ganze Geschäft gekauft. Die Bank wurde unter der Firma: Fletwode und Sohn weitergeführt. Aber der Vater war nur noch nomineller oder, was man, glaube ich, stiller Compagnon nennt. Er wohnte schon lange nicht mehr in der Grafschaft. Das alte Haus war ihm nicht großartig genug. Er hatte sich einen prachtvollen Landsitz in einer der Grafschaften in der Nähe der Hauptstadt gekauft, lebte dort in großem Glanz, war ein freigebiger Beschützer der Wissenschaften und der Künste und scheint, trotz seiner Neigung zu geschäftlichen Speculationen, ein selten gebildeter und sehr wohlerzogener Mann gewesen zu sein. Einige Jahre vor der Verheirathung seines Sohnes war Herr Fletwode von einer partiellen Lähmung befallen worden und sein Arzt hatte ihm vollständige Enthaltung von jeder geschäftlichen Thätigkeit verordnet. Seit jener Zeit mischte er sich nie mehr in die Geschäftsleitung seines Sohnes bei der Bank. Er hatte eine einzige Tochter, die viel jünger war als Alfred. Ein Bruder meiner Mutter, Lord Eagleton, verlobte sich mit ihr. Schon war der Hochzeitstag festgesetzt, da wurde die Welt durch die Nachricht erschreckt, daß 99 die große Firma Fletwode und Sohn ihre Zahlungen eingestellt habe. Heißt es nicht so?«

»Ich glaube, ja.«

»Viele Leute wurden durch diesen Bankrott ruinirt. Der Fall erregte allgemeine Entrüstung. Natürlich fiel der gesammte Fletwode'sche Grundbesitz in die Hände der Gläubiger. Der alte Fletwode wurde gerichtlich von jeder weiteren Schuld als der eines zu großen Vertrauens in seinen Sohn freigesprochen. Alfred dagegen wurde des Betrugs und der Fälschung überführt. Die Einzelnheiten weiß ich natürlich nicht; sie sind sehr verwickelt. Er wurde zu langer Strafarbeit verurtheilt, starb aber an dem Tage seiner Verurtheilung, anscheinend an Gift, das er schon lange im geheimen bei sich getragen hatte. Jetzt können Sie begreifen, warum mein Vater, der immer äußerst reizbar im Punkt der Ehre ist, das Portrait Arabella Fletwode's, seiner eigenen Ahnin, aber auch der Ahnin eines verurtheilten Verbrechers, in einen dunklen Winkel verbannt hat; Sie können begreifen, warum ihm die ganze Sache so peinlich ist. Der Bruder seiner Frau hatte die Schwester des Verbrechers heirathen sollen, und obgleich die Partie natürlich infolge des schrecklichen Schimpfes, von welchem die Fletwodes betroffen wurden, stillschweigend zurückging, so überwand mein 100 armer Onkel doch glaube ich nie die Vernichtung seiner schönsten Hoffnungen. Er ging auf Reisen und starb in Madeira an der Auszehrung.«

»Und starb die Schwester des Verbrechers auch?«

»Nicht daß ich wüßte. Frau Campion sagt, sie habe in einer Zeitung die Anzeige von dem Tode des alten Herrn Fletwode und eine Notiz des Inhaltes gelesen, daß Fräulein Fletwode sich nach diesem Ereigniß in Liverpool nach New-York eingeschifft habe.«

»Alfred Fletwode's Frau kehrte natürlich zu ihrer Familie zurück?«

»Ach nein! Die Arme war erst wenige Monate verheirathet, als die Bank sich insolvent erklärte, und ihr elender Mann scheint mit Hülfe seiner Freunde die Namen der Verwalter des für sie bei der Heirath festgesetzten Vermögens gefälscht und die Summen, welche ihr sonst zum Lebensunterhalte gedient haben würden, verbraucht zu haben. Auch ihr Vater litt sehr durch den Bankrott, denn er hatte auf den Rath seines Schwiegersohns einen beträchtlichen Theil seines bescheidenen Vermögens Alfred zur Belegung anvertraut und dieser ganze Betrag ging bei dem allgemeinen Schiffbruch mit zu Grunde. Ich fürchte, er war ein sehr hartherziger Mann. Gewiß ist, daß seine arme Tochter nie wieder zu ihm zurückkehrte. Sie starb, 101 glaube ich, noch vor Bertram Fletwode. Die ganze Geschichte ist sehr traurig.«

»Gewiß traurig, aber reich an heilsamen Warnungen für solche, die in einem Zeitalter des Fortschritts leben. Da sehen Sie eine vermögende Familie, die in angenehmen, geselligen Verhältnissen lebt, beliebt und geehrt ist und bei ihren Nachbarn in höherem Ansehen steht, als die reichsten Adligen – keine Familie gibt es, die nicht stolz wäre, mit ihr in ein verwandtschaftliches Verhältniß zu treten. Plötzlich erscheint in der Geschichte dieser glücklichen Familie jener Liebling des Zeitalters, jener Held des Fortschritts – ein geschickter Geschäftsmann. Er sollte sich damit begnügen, zu leben wie seine Väter! Er sollte sich mit solchen Kleinigkeiten wie genügendes Auskommen, Achtung und Liebe begnügen! Dazu ist er viel zu geschickt Wir leben in dem Zeitalter des Geldmachens! O über das Zeitalter! Er folgt dem Geiste des Zeitalters. Nur als Gentleman geboren, erhebt er sich zum Range eines Geschäftsmannes. Aber wenigstens war er, wie es scheint, wenn auch habsüchtig, doch nicht unehrenhaft. Er war als Gentleman, aber sein Sohn war als Geschäftsmann geboren. Der Sohn ist ein noch geschickterer Geschäftsmann, er wird zu Rathe gezogen und mit dem Vertrauen der Leute beehrt. Er folgt 102 natürlich auch dem Geiste des Zeitalters; zur Habsucht gesellt sich bei ihm der Ehrgeiz. Der Sohn des Geschäftsmannes wünscht sich wieder den Rang – welchen Rang? Etwa den eines Gentleman? Gentleman! Unsinn! Jedermann ist heutzutage ein Gentleman. Nein, er will wieder Lord werden. Und wie endigt Alles? Hätte ich nur zwölf Stunden in dem innersten Herzen dieses Alfred Fletwode sitzen und sehen können, wie der unredliche Sohn von seiner Kindheit an Schritt für Schritt von seinem redlichen Vater aus habsüchtigen Motiven dazu angeleitet wurde, die alten Fußtapfen der Fletwodes von Fletwode zu verlassen und das Genug geringzuschätzen, um dem Mehr nachzujagen, und das Mehr zu gewinnen, um zu seufzen, daß es noch immer nicht genug sei. Ich könnte, glaube ich, zeigen, daß das Zeitalter in einem Glashause lebt und um seiner selbst willen besser thäte, nicht mit Steinen nach dem Verbrecher zu werfen!«

»Aber, Herr Chillingly, dieser Fall bildet doch gewiß eine sehr seltene Ausnahme in dem allgemeinen –«

»Selten!« unterbrach sie Kenelm, der sich zu einer Wärme der Leidenschaft aufgeregt hatte, die seinen vertrautesten Freund erschreckt haben würde, wenn er je einen vertrauten Freund gehabt hätte. »Selten! O nein! 103 Höchst gewöhnlich, wenn auch nicht bis zu dem Grade der Fälschung und des Betrugs, doch bis zu dem der Erniedrigung und des Ruins ist die Gier nach ein wenig mehr bei denen, die genug haben, ist die Unzufriedenheit mit genügendem Auskommen, mit Achtung und Liebe, sobald die, welche sich dieser unschätzbaren Güter erfreuen, eines Haufens Goldes ansichtig werden. Wie manche Grafschaftsfamilie von guter Herkunft, die von dem Fluch eines Erben zu leiden hatte, der ein gescheidter Geschäftsmann hieß, ist von ihrem heimischen Boden verschwunden! Eine Gesellschaft bildet sich, der geschickte Mann tritt derselben bei – eines schönen Tages –krach! fliegen das alte Gut, der alte Name auf. Steigen Sie höher hinauf! Nehmen Sie Adlige, deren alte Titel englischen Ohren wie Trompetenklang ertönen und die Trägsten zur Verachtung der Geldsäcke und zur Leidenschaft des Ruhms erwecken müßten. Siehe! In jenem spottenden Todtentanz, welcher der Fortschritt der Zeit heißt, jagt einer, der sich an dem Einkommen eines Königs nicht genügen lassen wollte, auf der Rennbahn nach dem Rath von Gaunern nach ein wenig mehr! Und siehe! Ein Anderer, der über größere Ländereien gebietet, als seine Vorfahren je besessen, muß doch an der Erlangung von etwas mehr arbeiten, muß Acker zu Acker fügen und Schuld 104 auf Schuld häufen! Und siehe hier! Ein Dritter, dessen Name, als er von seinen Vorfahren getragen wurde, einst der Schrecken der Feinde Englands war, ist jetzt der Wirth eines Hotels! Ein Vierter – aber warum sollen wir die Liste noch weiter durchgehen? Da folgt noch einer und noch einer, jeder auf dem Wege des Zeitalters! O Fräulein Travers, in alten Zeiten ging man durch den Tempel der Ehre zu dem Tempel des Vermögens ein, in unserm weisen Zeitalter ist die Sache umgekehrt. Aber da kommt Ihr Vater!«

»Ich bitte tausendmal um Verzeihung«, sagte Leopold Travers. »Der Esel Mondell hat mich mit seinen altmodischen Torybedenken, ob liberale Politiker für die Aussichten des Ackerbaus förderlich seien, so lange aufgehalten. Aber da er einem whiggistischen Advocaten eine hübsche Summe schuldig ist, mußte ich mit seiner Frau, einer verständigen Person, sprechen und sie überzeugen, daß sein landwirthschaftliches Interesse am besten durch die Whigs gefördert werde, und nachdem ich sein Baby geküßt und ihm die Hand geschüttelt hatte, konnte ich seine Stimme, eine Doppelstimme für George Belvoir eintragen.«

»Ich glaube«, dachte Kenelm bei sich, mit der Aufrichtigkeit, die er immer in seinen Selbstgesprächen 105 beobachtete, »daß Travers den Weg eingeschlagen hat, der nicht zur Ehre, aber in allen alten und neuen Ländern, welche das System der Volksabstimmung adoptirten, zu dem Tempel der Ehren führt.« 106

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