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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfzehntes Kapitel.

Kenelm Chillingly war nun seit mehreren Tagen zum Besuch in Neesdale-Park. Allmälig hatte er seine Sprache wiedergefunden; die anderen Gäste, George Belvoir mit einbegriffen, waren fort. Leopold Travers hatte großen Geschmack an Kenelm gefunden.

Travers war einer jener in England vielleicht nicht seltenen Männer, welche bei großer geistiger Begabung wenig aus Büchern geschöpftes Wissen besitzen und welche, wenn sie mit einem Gelehrten, der kein Pedant ist, in Berührung kommen, eine angenehme Anregung in seiner Gesellschaft, ein lebhaftes Interesse in dem Austausch ihrer Gedanken und eine Quelle von Ueberraschungen in der Entdeckung finden, auf wie ehrwürdige Autoritäten sich die Schlüsse, welche ihr Mutterwitz sie aus den Erfahrungen ihres Lebens hat ziehen 85 lassen, stützen können, oder mit wie zwingenden, aus Büchern geschöpften Argumenten diese Schlüsse bekämpft oder umgestoßen werden. Leopold Travers hatte auch den Sinn für das Humoristische, der gewöhnlich mit einem starken praktischen Verstande verbunden ist – so sind zum Beispiel die Schotten mit ebenso viel praktischem Verstande wie feinem Sinn für Humor begabt – und ergötzte sich nicht nur an Kenelm's sonderbarer Ausdrucksweise, sondern nahm auch sehr oft Kenelm's ironische Aeußerungen für ernsthaft gemeinte Ansichten.

Seit Travers sich vor langen Jahren von dem hauptstädtischen Leben zurückgezogen und sich der Landwirthschaft gewidmet hatte, kam er so selten mit Männern in Berührung, durch deren Unterhaltung sein Geist auf andere als mit seinen alltäglichen Berufsgeschäften in Verbindung stehende Gegenstände gelenkt wurde, daß er in Kenelm's Ansichten von Menschen und Dingen eine Quelle neuer Erheiterung und einen anregenden Appell an seine eigenen metaphysischen Ueberzeugungen fand, wie sie sich ihm selbst unbewußt in ihm gebildet und lange ungeprüft in der Tiefe eines klugen und starken, aber mehr an Befehlen als an Argumentiren gewöhnten Geistes geruht hatten. Kenelm seinerseits fand an seinem Wirthe Vieles, was ihm gefiel und 86 was seine Bewunderung erregte; in einer Umkehr ihres Verhältnisses zu einander in Bezug auf ihre Jahre unterhielt er sich mit Travers, als ob dieser der Jüngere wäre. Es war nämlich eine seiner grillenhaften Theorien, daß jede Generation geistig wesentlich älter sei als die ihr vorhergegangene, namentlich in Allem, was auf Wissenschaft Bezug habe, und das Studium des Lebens betrachtete er als eine Wissenschaft, nicht als eine Kunst.

Welchen Eindruck aber machte Cecilia auf den jungen Gast? War er empfänglich für die Reize ihrer seltenen Schönheit und für die Grazie ihres Geistes, der, reich genug, um mit denen zu verkehren, die an der Thätigkeit des Geistes und der Phantasie Freude hatten, doch auch weiblich genug und heiterem Scherze hinreichend zugeneigt war, um die komische Seite des wirklichen Lebens zu erfassen und den Kleinigkeiten, aus denen das menschliche Leben sich zusammensetzt, ihren gebührenden Platz einzuräumen? Sie machte allerdings einen Eindruck auf ihn, und zwar einen ihm neuen und angenehmen Eindruck. Ja, er verfiel bisweilen in ihrer Gegenwart und bisweilen, wenn er allein war, in eigenthümliche Selbstbetrachtungen und sagte zu sich: »Kenelm Chillingly, glaubst Du nicht, daß Du jetzt, wo Du in Deine eigene Haut 87 zurückgekehrt bist, besser thätest, darin zu bleiben? Könntest Du Dich nicht mit Deinem Loose als irrender Abkömmling Adam's begnügen, wenn Du eine so tadellose Abkömmlingin Eva's, wie sie Dich jetzt umflattert, zur Genossin gewännest? »Aber er konnte sich selbst keine befriedigende Antwort auf diese Fragen entlocken.

Als er einmal wieder mit Travers umhergeschweift war und sie bei ihrer Rückkehr im Vorübergehen der zarten Gestalt Cecilia's, wie sie über die Blumenbeete gebeugt auf dem Rasen stand, ansichtig wurden, fragte er diesen plötzlich: »Sind Sie ein Bewunderer Virgils?«

»Offen gestanden habe ich Virgil seit meinen Knabenjahren nicht gelesen und damals kam er mir, unter uns gesagt, ziemlich monoton vor.«

»Vielleicht weil seine Verse in ihrer Schönheit so glatt dahinfließen?«

»Wahrscheinlich. In der Jugend hat man einen fehlerhaften Geschmack; und wenn wir einen Dichter lesen, der nicht fehlerhaft ist, sind wir geneigt zu glauben, es fehle ihm an Lebhaftigkeit und Feuer.«

»Ich danke Ihnen für Ihre lichtvolle Erklärung«, antwortete Kenelm, indem er bei sich dachte: »Ich fürchte, ich würde sehr oft gähnen, wenn ich mit einem Fräulein Virgil verheirathet wäre.« 88

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