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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzehntes Kapitel.

Obgleich Kenelm Luscombe bereits am Dienstag Morgen verließ, erschien er doch in Neesdale-Parke erst am Mittwoch, kurz bevor die Glocke die Gäste aufforderte, sich zu Tische anzukleiden. Was er in der Zwischenzeit erlebte, ist keiner Erwähnung werth. Er hatte gehofft, er werde vielleicht dem Troubadour wieder begegnen, aber das geschah nicht.

Sein Koffer war angekommen und er seufzte schwer, als er sich in Abendtoilette warf. »Ach! ich muß mich nur zu bald wieder in meine eigene Haut stecken.«

Es waren noch einige andere Gäste im Hause, aber keine große Gesellschaft. Sie waren mit Rücksicht auf die bevorstehende Wahl eingeladen und bestanden 80 aus Grundbesitzern und Geistlichen aus entfernteren Theilen der Grafschaft. Der Vornehmste unter den Gästen an Rang und Bedeutung und durch eben diese bevorstehende Wahl zum Mittelpunkt des Interesses geworden, war George Belvoir.

Kenelm spielte seine Rolle in der Gesellschaft mit einer Resignation, der die Reue nicht fremd war.

Am ersten Tage sprach er sehr wenig und erschien der Dame, die er zu Tische führte, als ein sehr langweiliger junger Mann. Travers versuchte es vergebens, ihn mittheilsamer zu machen. Er hatte sich viel Vergnügen von den Excentricitäten seines Gastes versprochen, der im Farrenkrautgebüsch so fließend geredet hatte, und fand sich nun bitter enttäuscht. »Mir ist zu Muthe«, flüsterte er Frau Campion zu, »wie dem armen Lord Pomfret, der, entzückt von Polichinell's lebhafter Unterhaltung, ihn kaufte und sehr unangenehm überrascht war, daß Polichinell, nachdem er ihn mit nach Hause genommen hatte, nicht reden wollte.«

»Aber Ihr Polichinell hört zu«, sagte Frau Campion, »und er beobachtet.«

George Belvoir dagegen ward einstimmig für sehr liebenswürdig erklärt. Obgleich von Natur nicht lustig, zwang er sich doch so zu erscheinen, lachte laut 81 mit den Squires und sprach mit ihren Frauen und Töchtern von Grafschaftsbällen und Gartenfesten mit obligatem Cricketspiel, und als er nach Tische, einem Cato gleich, »seine Tugenden mit Wein erwärmt« hatte, erging sich seine Tugend nach Herzenslust in dem Lobe von guten Männern, das heißt von Männern seiner Partei, und in Verwünschungen gegen schlechte Männer, das heißt Männer der andern Partei.

Dann und wann appellirte er an Kenelm und Kenelm gab immer dieselbe Antwort: »Was Sie sagen, hat viel für sich.«

Der erste Abend schloß in der auf dem Lande gewöhnlichen Weise. Zuerst wurde bei Mondschein auf der Terrasse vor dem Hause auf und ab geschlendert; dann wurde von jungen Damen etwas gesungen und von den älteren Whist gespielt; dann wurde Wein und Wasser gereicht und dann von den Rauchern das Rauchzimmer und von den Nichtrauchern das Bett aufgesucht.

Im Laufe des Abends hatte Cecilia theils in Erfüllung ihrer Pflichten als Wirthin, theils aus jenem Mitleid mit Schüchternheit, welches gütige und wohlerzogene Personen empfinden, ein Uebriges gethan, Kenelm aus der Einsamkeit, in die er sich 82 eingesponnen hatte, herauszulocken; aber es gelang ihr damit nicht besser als ihrem Vater. Kenelm antwortete ihr mit einer ruhigen Selbstgewißheit, welche sie hätte überzeugen müssen, daß kein Mensch auf der Welt weniger Anspruch auf Nachsicht für die Schwäche der Schüchternheit habe und daß kein Mensch weniger der guten Dienste der Wirthin zur Vermehrung seines Behagens oder vielmehr zur Verminderung seines Unbehagens bedürfe. Seine Antworten waren höchst einsilbig und wurden mit der Miene eines Menschen ausgesprochen, der in seinem innersten Herzen denkt: Wenn die Person mich doch in Ruhe lassen wollte!

Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sich Cecilia pikirt und fing sonderbarer Weise an, ein lebhafteres Interesse an diesem gleichgültigen Fremden zu nehmen, als an dem beliebten, lebhaften, angenehmen George Belvoir, der, wie ihr weiblicher Instinkt ihr sagte, so verliebt in sie war, wie er es nur sein konnte.

Als Cecilia sich an jenem Abend zur Ruhe begab, sagte sie ihrer Kammerjungfer lächelnd, sie sei zu müde, um sich das Haar noch für die Nacht machen zu lassen; als aber das Mädchen fortgegangen war, betrachtete sie sich im Spiegel mit 83 ernsterer und unzufriedenerer Miene, als sie es je zuvor gethan hatte, und obgleich sie müde war, stand sie noch eine gute Stunde, nachdem ihre Jungfer sie verlassen hatte, am Fenster und blickte in die mondhelle Nacht hinaus. 84

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