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Kenelm Chillingly. Zweiter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Zweiter Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel.

War er durch Kenelm's Lob und Begeisterung oder durch sonst etwas in eine gehobene Stimmung versetzt, gewiß ist, daß die Reden des Troubadours an jenem Tage einen solchen Reiz übten, daß Tom wie von einem Zauber gebannt war und daß Kenelm sich seinerseits mit kurzen Bemerkungen begnügte, welche nur den Zweck hatten, den Hauptacteur zu animiren.

Die Unterhaltung drehte sich um äußere, der Natur entnommene Gegenstände, wie sie Kinder und Männer interessiren, die wie Tom Bowles sich gewöhnt haben, die sie umgebenden Dinge mehr mit den Augen des Herzens als mit denen des Geistes zu betrachten. Dieser das Land durchstreifende Wanderer wußte viel von den Gewohnheiten der Vögel, der vierfüßigen Thiere und der Insekten und erzählte Anekdoten von ihnen 66 mit einer Mischung von Humor und Pathos, welche Tom's Aufmerksamkeit wie mit einem Zauber fesselte, ihn herzlich lachen machte und bisweilen seinen großen blauen Augen Thränen entlockte.

Sie aßen in einem Gasthofe an der Landstraße zu Mittag und das Mittagsessen war heiter; dann schlugen sie langsam den Rückweg ein. Als der Tag zu Ende ging, wurde ihr Gespräch etwas ernster und Kenelm nahm größeren Antheil daran. Tom hörte noch immer bezaubert stumm zu. Als endlich die Stadt in Sicht kam, machten sie eine Weile Halt an einem lauschigen, von Gebüsch überschatteten, moosweichen und von wildem Thymian duftenden Plätzchen.

Als sie hier behaglich ausgestreckt lagen, während die Vögel in den Zweigen ihren Abendgesang ertönen ließen oder sich geräusch- und furchtlos auf den Rasen herabließen, um ihr Abendbrod einzusammeln, sagte der Wanderer zu Kenelm:

»Sie sagen, Sie seien kein Dichter, und doch haben Sie sicherlich eine dichterische Auffassung; Sie müssen selbst gedichtet haben?«

»Nein; wie ich Ihnen bereits gesagt habe, nur Schulverse in todten Sprachen. Aber diesen Morgen fand ich in meinem Ränzel eine Abschrift einiger, von einem Universitätsfreunde gedichteter Verse, die ich mit 67 der Absicht in die Tasche gesteckt habe, sie Ihnen beiden vorzulesen. Es sind nicht Verse wie die Ihrigen, die offenbar Ihrer unmittelbaren Eingebung entströmen und keine Nachahmung irgend eines andern Dichters sind. Diese Verse rühren von einem Schotten her und tragen das Gepräge der Nachahmung des alten Balladenstils. Die Verse an und für sich sind nicht sehr schön, aber die zu Grunde liegende Idee frappirte mich als originell und machte mir so viel Eindruck, daß ich mir eine Abschrift behielt. Diese Abschrift ist, ich weiß selbst nicht wie, in eins der beiden Bücher gerathen, die ich von Hause mitgebracht habe.«

»Was für Bücher sind das? Ich wette, sie enthalten beide Poesie.«

»Sie irren sich; beide sind metaphysischen Inhalts und so trocken wie ein Knochen. Tom, stecken Sie Ihre Pfeife an, und Sie, mein Herr, stützen Sie sich noch bequemer auf Ihren Ellbogen; ich muß Sie darauf vorbereiten, daß die Ballade lang ist. Also Geduld!«

»Aufgepaßt!« sagte der Troubadour.

»Feuer!« fügte Tom hinzu.

Kenelm fing an zu lesen und er las gut. 68

Lord Ronald's junge Gattin.

I.
        »Was drängt das Volk, eh' der Sterne Licht
Vom Himmel noch kaum verschwand?«
«Zu dem festlichen Schauspiel, zum Hochgericht.
Denn heut' wird die Hexe verbrannt.«

»Was that sie, daß zum Tod man sie führt?
Hat zerstört sie der Saaten Stand?
Hat sie Gräber der Menschen nach Zauber durchspürt
Oder Kinder zum Orkus gesandt?«

»Nicht des Pacts mit dem Bösen sie konnte man zeihn!
Lehrte Sünder, was heilig und werth,
Sie speiste die Hungrigen, linderte Pein
Und ward jüngst noch als Heil'ge verehrt.

Doch ein heil'ger Mann, der in Rom verweilt,
Hat entdeckt im gelehrten Buch,
Daß durch unsaubre Künst' sie Kranke geheilt,
Durch des höllischen Fürsten Betrug.

Es hätte der Papst – denn die Dame war reich
Und ihr Gatte der Lord von Clyde –
Der heiligen Hexe verziehen sogleich,
Wär' zum Widerruf nur sie bereit.

Doch still! Es nahet mit Fackeln der Zug
Von Richtern; es ist jetzt Zeit. 69
Stumm steht beim Priester mit Glock' und Buch
Die Hexe im weißen Kleid.«

So ward die Hexe verbrannt auf dem Scheit,
Der Priester gedieh in Pracht,
Und der Hexe Sohn ererbte zur Zeit
Das Schloß und des Vaters Macht.

Und der Knabe wuchs kräftig, tapfer und gut.
Doch zum Jüngling war kaum er gereift,
Als die Anker er lichtet mit freudigem Muth,
Nach den Küsten gen Osten er schweift.

II.
Lord Ronald kehrt heim und mit ihm die Braut
Aus unbekanntem Geschlecht.
Gegen den, der das Weib zu küssen sich traut,
War selbst Wallace ein feiger Knecht.

Wie der Berkkatz' Auge ihr Auge blitzt,
Wenn sie stürzt auf des Jägers Spieß;
Wenn die Frau starren Blicks an der Tafel sitzt,
Der Hunger die Gäste verließ.

Wie der Bluthund heult, wenn er Beute schaut,
So der Ton ihrer Stimme war;
Kein Sturm war so schwarz wie der Blick der Braut
Unter winterlich grauem Haar. 70

»Lord Ronald! Man freiet um Lieb' oder Erz.
Dein Weib, o wie reich muß sie sein!«
»Es geht wohl am Clyde manches Männerherz
Wie auch Frauenhand solchen Kauf ein.

Mein Weib ist fürwahr die Reichste für mich,
Hat sie gleich keinen Heller Geld;
Denn ihr Antlitz, sähst Du es nur so wie ich,
Ist das schönste der ganzen Welt!«

Sprach der Bischof zum Könige, unserm Hort:
»Satan herrschet am Clyde immerdar,
Die Flecken vom Hexenblut pflanzten sich fort
Auf das Kind, das einst sie gebar.

Lord Ronald kam heim von dem Paynim-Land,
Ein schreckliches Weib mit ihm,
Wie die Alte hat Male sie auf der Hand,
Wird nachts gar ein Ungethüm.

Es ist klar, daß ein Schotte, der blindlings liebt
Ein Scheusal von östlichem Land
Und ein Scheusal, das nicht einen Heller ihm gibt,
Ist ein Schotte ganz ohne Verstand.

Drum vernichtet den Baum aus dem Höllenpfuhl,
Der getragen so schlechte Frucht,
Gib das Land, wo er steht, meinem heiligen Stuhl
Und verbrenne die Wurzel verrucht.« 71

»Heil'ger Mann!« sprach der Herr und er lachte: »Sehr wohl
Seh' ich, was Dir eingibt Dein Witz,
Doch der König ist arm und der Kirchschatz ist voll,
Und der Clyde ist ein schöner Besitz.

Doch dem Ritter, der sich einer Hexe vertraut,
Braucht's wenig, zu lösen den Spruch,
Wir berufen zu uns drum Bräut'gam und Braut –
Sei zugegen mit Glocke und Buch.«

III.
Lord Ronald erschien vor des Königs Thron,
Zur Seit' ihm sein schrecklich Gemahl;
Die Ritter, die anfangs voll Spott und Hohn,
Erbebten vor Furcht allzumal.

Und der Bischof, bewehrt mit Glocke und Buch,
Wurde bleich, wie verwandelt in Stein,
Nur der König allein den Blick ertrug,
Doch es zittert die Stimme sein.

»Lord Ronald, den Rittern von unserm Schlag
Ziemt ein Eh'weib von gleichem Stand:
Sag' an, welcher Herkunft sich rühmen mag
Dein Weib aus dem fernen Land.

Was war denn die Mitgift an Gold oder Land,
Oder was war der Zauber, traun, 72
Daß ein Ritter so schön wie Du um die Hand
Der Dame warb, die wir schaun?«

Und es lachten die Herren laut spottend all',
Hätt' ihr Blick nicht gehemmt die Schaar.
»Kecker König, Du kniest vor mir als Vasall,
Wenn Du weißt, wer mein Vater war.

Bracht' ich gleich dem Lord Ronald nicht Gold noch Land
Noch blühende Wang' und Gestalt,
Wär' ich Wittib, bewürb' um meine Hand
Und Mitgift Jung sich und Alt.

Und was er den Heiligen selbst nicht gesteht,
Was zumeist er hienieden begehrt,
Was er nicht zu erflehen wagt im Gebet,
Ist die Mitgift, die ich verehrt.

Laß ins Herz sich blicken jeglicher Mann,
Welcher Wunsch ihm erfülle die Brust,
Er hefte auf mich seinen Blick und alsdann
Wird er schaun seine sündige Lust.«

Und jedermann, König, Bischof und Lord,
Dacht' des heimlichen Wunschs in der Brust,
Und heftend sein Aug' auf die Grausige dort,
Schaut die eigene sündige Lust.

Nicht länger ein Scheusal er nun erschaut,
Es berauschet wie duftige Myrrhen; 73
Die Stimme, bei der ihm so arg gegraut,
Gleicht der Taube lieblichem Girren.

Ein Jeder entbrannt wünscht der Dame Hand,
Kost' es selbst ihres Gatten Leib;
Laute Rufe erschall'n und die Wände hall'n:
»Dein Wittib soll sein mein Weib.«

Dann dunkel wird's in der Hall', im Palast,
Immer dunkler und dunkler es wird,
Und Entsetzen vor allen den Bischof faßt,
Von Geschrei und Getos umschwirrt.

Als das Licht von neuem durchs Gitter brach,
War es grau wie zur Dämmerungszeit,
Und der Bischof verblutend am Boden lag,
Einen Fleck in dem faltigen Kleid.

Lord Ronald stand bei dem Todten dicht,
Nicht bereut er den grausigen Mord,
Und das Antlitz so bleich wie der Tod, er spricht:
»Ha, mein Weib hat gehalten ihr Wort.

Nun möge sie Anderen schwellen die Brust,
Nicht mehr schön erscheint mir die Fee;
Schaut' ins Antlitz ich meiner sündigen Lust,
Nur ein Todtengesicht ich säh'.

Und die Mitgift sie bracht', gab zurück ich hier,
Denn der Wunsch meines Herzens schwand, 74
Ist gestillt in des Pfaffen Blute, der mir
Ach! die heilige Mutter verbrannt.«

Lord Ronald durchschreitet den Marmorsaal,
Ihn zu halten nicht einer wagt,
Lord Ronald verschwand aus der weiten Hall',
Wohin, hat noch Keiner gesagt.

Und die Dame, die Wittib, ward viel umfreit
Vor den Mädchen im ganzen Land,
Leib und Seele zu wagen sind alle bereit
Für der Dame Mitgift und Hand.

Helf' Gott, daß der Wunsch, den nie zu erflehn
Ich gewagt, nicht erfüllt mir die Brust,
Daß stets nur mit Abscheu ich möge sehn
Ins Gesicht meiner sündigen Lust.

Als Kenelm geendet hatte, fiel sein Blick auf Tom, der mit offenem Munde, bleichen Wangen und jenem starren Blick des Entsetzens, den ehrfurchtsvolle Scheu hervorbringt, zu ihm aufschaute. Als Tom Kenelm's Blick begegnete, versuchte er zu sprechen und wollte gezwungen lächeln, aber Beides wollte ihm nicht gelingen. Er stand plötzlich auf und ging fort, schlich unter den Schatten einer großen Buche und blieb hier an den Stamm gelehnt stehen.

75 »Was sagen Sie zu der Ballade?« fragte Kenelm den Sänger.

»Sie ist nicht ohne Wirkung«, erwiderte dieser.

»Ja, von einer besonderen Art.«

Der Troubadour sah Kenelm scharf ins Gesicht und ließ dann mit hochgerötheten Wangen den Blick sinken.

»Die Schotten sind ein gedankenreiches Volk. Der Schotte, der das Gedicht geschrieben hat, mag dabei wohl an einen Tag in seinem Leben gedacht haben, als ihm eine sündige Lust schön erschien; aber wenn dem so war, so ist es doch offenbar, daß sein Auge seitdem von dieser Sinnestäuschung geheilt wurde. Sollen wir weiter gehen? Kommen Sie, Tom.«

Der Troubadour verabschiedete sich, als sie wieder in die Stadt kamen, mit den Worten: »Ich bedaure Sie beide nicht wiedersehen zu können, da ich Luscombe mit Tagesanbruch verlasse. Da fällt mir noch ein, hier ist auch die von Ihnen gewünschte Adresse.«

»Des kleinen Mädchens?« ergänzte Kenelm. »Es freut mich, daß Sie an sie gedacht haben.«

Der Troubadour sah Kenelm wieder scharf ins Gesicht, diesmal, ohne den Blick zu senken, denn Kenelm's Gesichtsausdruck trug das Gepräge einer so vollkommenen Ruhe, daß man ihn fast leer hätte nennen können.

76 Kenelm und Tom setzten ihren Weg nach dem Hause des Thierarztes einige Minuten lang schweigend fort, dann sagte Tom flüsternd:

»Meinten Sie nicht, daß die Reime mich hier, hier« – und dabei schlug er sich auf die Brust – »getroffen haben müßten?«

»Die Reime waren längst gedichtet, als ich Sie zuerst sah, Tom; aber es kann uns allen nur gut thun, wenn wir von ihrer Bedeutung betroffen werden. Für Sie, mein Freund, fürchte ich jetzt nichts mehr. Sind Sie nicht schon ein ganz anderer Mensch geworden?«

»Mir ist zu Muthe, als ginge eine Umwandlung mit mir vor«, erwiderte Tom langsam in einem traurigen Ton. »Als ich Sie und den Herrn soviel von Dingen reden hörte, an die ich nie gedacht hatte, fühlte ich in mir etwas – Sie werden lachen, wenn ich es Ihnen sage – etwas von einem Vogel.«

»Von einem Vogel? Nun ja, ein Vogel hat Flügel.«

»Das ist es grade.«

»Und es war Ihnen, als ob Sie mit Flügeln, deren Sie sich bis dahin nicht bewußt gewesen waren, umherflatterten und wie gegen das Drahtgitter eines Käfigs anschlügen. Dieses Gefühl, mein Freund, entsprach der uns eingeborenen Sehnsucht nach Freiheit 77 und nach einem höheren Dasein. Muth! Die Thür des Käfigs wird sich bald öffnen. Und nun, um praktisch zu reden, lassen Sie mich Ihnen beim Abschied einen Rath geben. Sie haben einen lebhaften und feinen Geist, den Sie aber durch Ihren starken Körper gefangen nehmen und unterdrücken ließen. Lassen Sie diesen Geist frei gewähren. Widmen Sie sich mit Eifer Ihren Berufsgeschäften; das Verlangen nach regelmäßiger Arbeit ist der gesunde Appetit des Geistes; aber in Ihren Mußestunden pflegen Sie die neuen Ideen, welche durch die Unterhaltung mit Männern, die gewöhnt sind, den Geist mehr als den Körper zu pflegen, in Ihnen geweckt sind. Treten Sie in einen Leseclub ein und interessiren Sie sich für Bücher. Ein Weiser hat gesagt: Bücher erweitern die Gegenwart, indem sie ihr die Vergangenheit und die Zukunft hinzufügen. Suchen Sie die Gesellschaft gebildeter Männer und auch gebildeter Frauen auf, und wenn Sie einmal wieder gegen Jemand etwas auf dem Herzen haben, so disputiren Sie mit ihm, schlagen ihn aber nicht zu Boden, und lassen Sie sich selbst nicht von einem Feinde, der viel stärker ist als Sie, von dem Branntwein zu Boden werfen. Thun Sie das Alles, und wenn ich Sie wiedersehe, werden Sie –«

»Halt, Herr, werde ich Sie wiedersehen?«

78 »Ja, wenn wir beide leben, verspreche ich es Ihnen.«

»Wann?«

»Sie sehen, Tom, wir müssen beide daran arbeiten, etwas von unserem alten Menschen abzustreifen. Sie müssen dieses Etwas durch Ruhe und ich muß es womöglich im Umherschweifen abstreifen. Deshalb wandere ich durchs Land. Möge es uns beiden, wenn wir einander wieder die Hände schütteln, gelungen sein, uns zu neuen Menschen zu machen, die besser sind, als die alten waren. Versuchen Sie Ihrerseits Ihr Bestes, lieber Tom, und der Himmel stehe Ihnen bei.«

»Und der Himmel segne Sie«, rief Tom feurig, während ihm die Thränen, die er nicht zurückzuhalten suchte, aus den kühnen blauen Augen über die Wangen rannen. 79

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