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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Der jugendliche Widerleger Locke's wurde nach Merton-School geschickt und erhielt, seinen Verdiensten gemäß, den Platz als Letzter in der zweiten Classe. Als er in den Weihnachtsferien nach Hause kam, war er schwermüthiger als je; sein Gesichtsausdruck ließ auf einen verzehrenden Kummer schließen. Er erklärte jedoch, daß er sehr gern in der Schule sei, und wich allen anderen Fragen aus. Aber früh am nächsten Morgen setzte er sich auf sein schwarzes Pony und ritt nach dem Pfarrhause hinüber. Der ehrwürdige Herr war eben auf dem Hofe, um sich seine jungen Ochsen anzusehen, als Kenelm mit folgender kurzen Anrede auf ihn zutrat:

»Ehrwürdiger Herr, ich bin beschimpft worden und ich werde daran sterben, wenn Sie mir nicht 46 dazu helfen können, mich in meinen eigenen Augen zu rehabilitiren.«

»Mein guter Junge, rede doch nicht so; komm mit mir in mein Arbeitszimmer.«

Sobald sie das Zimmer betreten hatten und der Pfarrer die Thür sorgfältig geschlossen hatte, ergriff er den Jungen am Arm, zog ihn ans Fenster und sah alsbald, daß er etwas sehr Ernstes auf dem Herzen habe. Er faßte ihn sanft unter das Kinn und sagte in heiterem Ton:

»Halte den Kopf hoch, Kenelm. Ich bin fest überzeugt, daß Du nichts eines Gentleman Unwürdiges gethan hast.«

»Das weiß ich nicht. Ich habe mich mit einem Knaben geprügelt, der sehr wenig größer ist als ich, und er hat mich untergekriegt. Ich habe mich zwar nicht ergeben, aber die anderen Jungen nahmen mich fort, denn ich konnte nicht länger stehen, und der Bengel ist ein großer Prahler, er heißt Butt und ist der Sohn eines Advocaten. Und er hat meinen Kopf unter den Arm gekriegt, und ich habe ihn nach den Ferien wieder gefordert, und wenn Sie mir nicht helfen können, ihn unterzukriegen, so werde ich zu nichts in der Welt mehr gut sein, zu gar nichts; es wird mir das Herz brechen.«

47 »Es freut mich sehr, daß Du ihn gefordert hast. Laß mich einmal sehen, wie Du Deine Faust ballst. Gut, das ist nicht übel. Nun setze Dich in Boxpositur und schlage nach mir – fest – fester! Bah! so geht die Sache nicht. Deine Schläge müssen so scharf wie ein Pfeil fallen. Und das ist nicht die richtige Art zu stehen. Halt – so; fest in den Hüften – auf dem linken Bein ruhen – gut! So, jetzt zieh' diese Handschuhe an und ich will Dir eine Lection im Boxen geben.«

Fünf Minuten später blieb die Frau Pfarrerin, die ins Zimmer kam, um ihren Mann zum Frühstück zu rufen, erstaunt an der Thür stehen, als sie sah, wie er in Hemdsärmeln dastand und die Schläge Kenelm's, der wie ein junger Tiger auf ihn losstürzte, parirte. Der gute Pfarrer mochte in jenem Augenblick wohl als ein schöner Typus des »muskulösen Christenthums«, aber nicht jener Art von Christenthum erscheinen, aus welcher man Erzbischöfe von Canterbury macht.

»Mein Gott!« stammelte die Frau Pfarrerin und ergriff dann, indem sie nach Frauenart zum Schutze ihres Mannes herbeieilte, Kenelm an den Schultern und schüttelte ihn gehörig. Dem Pfarrer, der ganz außer Athem war, war die Unterbrechung nicht unlieb; er benutzte die Gelegenheit, seinen Rock wieder anzuziehen, 48 und sagte. »Jetzt komm zum Frühstück.« Aber beim Frühstück sah Kenelm noch sehr niedergeschlagen aus und er sprach wenig und aß noch weniger.

Sobald die Mahlzeit vorüber war, zog er den Pfarrer in den Garten und sagte. »Es ist mir eingefallen, daß es vielleicht Butt gegenüber nicht recht von mir ist, diese Lectionen zu nehmen, und wenn es nicht recht ist, möchte ich es lieber nicht thun.«

»Gib mir die Hand, mein Junge«, rief der Pfarrer entzückt. »Der Name Kenelm ist an Dir nicht weggeworfen. Der natürliche Wunsch des Mannes in seiner Eigenschaft als kämpfendes Thier, eine Eigenschaft, in der er es, glaube ich, allen anderen lebenden Wesen mit Ausnahme der Wachtel und des Kampfhahns zuvorthut, ist, seinen Gegner zu schlagen. Aber der natürliche Wunsch des höchst vervollkommneten Mannes, den wir Gentleman nennen, ist, seinen Gegner in ehrlicher Weise zu schlagen. Ein Gentleman würde sich lieber ehrlich schlagen lassen, als unehrlich schlagen. Ist das nicht Deine Meinung?«

»Ja«, erwiderte Kenelm fest und fügte dann, philosophirend hinzu: »Und die Sache hat ihren guten Grund, weil ich, wenn ich einen Burschen auf unehrliche Weise schlage, ihn gar nicht schlage.«

»Vortrefflich! Aber angenommen, Du und ein 49 anderer Junge würden in Cäsar's Commentarien oder im Einmaleins examinirt und der andere Junge wäre gescheidter als Du, aber Du hättest Dir die Mühe gemacht, Dich gehörig vorzubereiten, er aber nicht: würdest Du da sagen, Du schlagest ihn auf unehrliche Weise?«

Kenelm dachte einen Augenblick nach und sagte dann in entschiedenem Ton: »Nein.«

»Was aber für den Gebrauch Deines Gehirns gilt, gilt ebenso gut für den Gebrauch Deiner Fäuste. Verstehst Du mich?«

»Ja, Herr Pfarrer, jetzt verstehe ich Sie.«

»Zur Zeit Deines Namensvetters, Sir Kenelm Digby, trugen Männer Schwerter und lernten sich derselben bedienen, weil sie im Falle eines Streits mit denselben fechten mußten. Heutzutage ficht, wenigstens in England, niemand mehr mit Schwertern. Wir leben in einem demokratischen Zeitalter, und wenn man sich überhaupt noch schlägt, so ist man auf seine Fäuste angewiesen, und wenn Kenelm Digby fechten gelernt hat, so muß Kenelm Chillingly boxen lernen, und wenn ein Gentleman einen Kärrner, der zweimal so groß ist wie er, aber nicht boxen gelernt hat, gehörig durchwalkt, so ist das kein unehrlicher Kampf, sondern nur eine Exemplification der Wahrheit, daß Wissen Macht ist. 50 Komm morgen wieder her, dann will ich Dir eine zweite Lection im Boxen geben.«

Kenelm setzte sich wieder auf sein Pony und kehrte nach Hause zurück. Er fand seinen Vater mit einem Buch in der Hand im Garten umherschlendern. »Papa«, sagte Kenelm, »wie schreibt ein Gentleman einem andern, mit dem er einen Streit hat, wenn er diesen Streit nicht beizulegen wünscht, aber in Betreff desselben etwas zu sagen hat was der andere Gentleman ehrlicher Weise erfahren muß?«

»Ich verstehe Dich nicht.«

»Nun, ich erinnere mich, daß ich Dich, grad ehe ich in die Schule kam, sagen hörte, daß Du einen Streit mit Lord Hautfort habest, daß er ein Esel sei und daß Du ihm das schreiben wollest. Hast Du ihm nun geschrieben: Sie sind ein Esel? Ist das die Art, wie ein Gentleman an den andern schreibt?«

»Auf Ehre, Kenelm, Du thust sehr sonderbare Fragen. Aber Du kannst nicht früh genug lernen, daß Ironie für den Mann von seiner Bildung das ist, was gemeines Schimpfen für den Pöbel ist, und wenn ein Gentleman einen andern Gentleman für einen Esel hält, so sagt er das nicht grade heraus, sondern gibt es in den höflichsten Ausdrücken, die er nur finden kann, zu verstehen. Lord Hautfort 51 bestreitet mir das Recht, in einem Forellenbach, der über sein Gut läuft, zu fischen. Mir liegt nicht das! an dem Forellenbach; aber mein Recht in demselben zu fischen, ist ganz unbestreitbar. Er war ein Esel, daß er die Sache überhaupt zur Sprache brachte, denn wenn er das nicht gethan hätte, würde ich mein Recht nicht ausgeübt haben. Da er aber mein Recht einmal in Frage gestellt hatte, war ich genöthigt, ihm seine Forellen wegzufangen.«

»Und hast Du ihm geschrieben?«

»Ja.«

»Was hast Du ihm geschrieben?«

»Ungefähr Folgendes: Sir Peter Chillingly beehrt sich Seine Lordschaft ganz ergebenst davon in Kenntniß zu setzen, daß er sich in Betreff seines Fischereirechts bei der besten juristischen Autorität Raths erholt hat und daß er auf die gütige Nachsicht Seiner Lordschaft rechnet, wenn er sich die Freiheit nimmt anheimzugeben, ob nicht Lord Hautfort gut thun würde, auch seinerseits seinen Advocaten zu Rathe zu ziehen, bevor er sich entschließt, jenes Recht zu bestreiten.«

»Ich danke, Papa, ich verstehe.«

Noch an demselben Abend schrieb Kenelm folgenden Brief:

»Herr Chillingly beehrt sich Herrn Butt ganz 52 ergrebenst davon in Kenntniß zu setzen, daß er Unterricht im Boxen nimmt und daß er auf die gütige Nachsicht des Herrn Butt rechnet, wenn er sich die Freiheit nimmt anheimzugeben, ob derselbe nicht gut thun würde, auch seinerseits Unterricht zu nehmen, bevor er sich nach den Ferien mit Herrn Chillingly schlägt.«

»Papa«, sagte Kenelm am nächsten Morgen, »ich muß an einen Schulkameraden schreiben, der Butt heißt, er ist der Sohn eines Advocaten, der den Titel serjeant Unter den Barristers sind die vornehmsten die serjeants at law. Aus ihrer Mitte werden in der Regel die hohen Richterstellen besetzt. — Anm. d. Ueb. führt. Ich weiß aber nicht, wohin ich meinen Brief adressiren soll.«

»Das läßt sich leicht herausbringen,« erwiderte Sir Peter. »Serjeant Butt ist ein bedeutender Mann und seine Adresse wird im Court Guide Court Guide heißt der nicht commerzielle Theil des Londoner Adreßbuchs. Er enthält die Wohnungen der adligen Familien, der Beamten, Advocaten, Militärs, Gelehrten, Lehrer u. s. w. — Anm. d. Ueb. stehen.«

Die Adresse war Bloomsbury-Square, London, und Kenelm adressirte seinen Brief dahin. Mit umgehender Post erhielt er folgende Antwort: 53

»Du bist ein unverschämter kleiner Bengel und ich will Dich zu Pappmus hauen.«

Robert Butt.«

Nach Empfang dieses höflichen Schreibens verschwanden Kenelm Chillingly's Skrupel und er nahm täglich Unterricht im muskulösen Christenthum.

Kenelm kehrte mit einer Stirn, von der die Furchen der Sorge gewichen waren, zur Schule zurück und schrieb drei Tage nach seiner Rückkehr an den Ehrw. John:

»Geehrter Herr Pfarrer, ich habe Butt besiegt. Wissen ist Macht.

Ihr treu ergebener Kenelm.

N. S. Jetzt, wo ich Butt besiegt habe, habe ich mich wieder mit ihm vertragen.«

Von nun an ging es Kenelm in der Schule sehr gut. Der berühmte Director seiner Schule schrieb Briefe voll seines Lobes an seinen Vater. Als er das sechzehnte Jahr erreicht hatte, war Kenelm Chillingly der Erste in der Schule, und als er dieselbe endlich verließ, brachte er folgenden als »vertraulich« bezeichneten Brief von seinem Orbilius mit nach Hause:

»Verehrter Sir Peter Chillingly! Noch nie hat mir die künftige Carrière eines Schülers soviel Sorge 54 gemacht wie die Ihres Sohnes. Er ist so begabt, daß er ohne große Anstrengung ein ausgezeichneter Mensch werden kann. Dabei ist sein Wesen aber so eigenthümlich, daß es ebenso wahrscheinlich ist, er werde der Welt nur als ein kurioser Kauz bekannt werden. Der als Lehrer so ausgezeichnete Doctor Arnold pflegte zu sagen, daß die Verschiedenheit der Knaben untereinander nicht sowohl in dem Grade ihres Talents als ihrer Energie bestehe. Ihr Sohn hat sowohl Talent als Energie, aber doch fehlt ihm etwas, um im Leben Erfolg zu haben; es fehlt ihm die Fähigkeit der Assimilation. Er hat ein melancholisches und daher ungeselliges Temperament; er wird nicht in Gemeinschaft mit Anderen handeln. Es fehlt ihm nicht an Liebenswürdigkeit; die anderen Knaben, besonders die kleineren, haben ihn gern, da er für sie eine Art von Heros ist; aber er hat nicht einen einzigen intimen Freund. Soweit die Schulbildung in Betracht kommt, könnte er sofort auf die Universität gehen und würde sich dort, wenn er tüchtig arbeiten wollte, unfehlbar auszeichnen. Wenn ich mir aber einen Rath erlauben darf, so würde ich Ihnen empfehlen, ihn in den nächsten beiden Jahren etwas mehr von der Welt sehen zu lassen und ihm dadurch Gelegenheit zu geben, sich den rechten Sinn für die praktischen Zwecke des Lebens anzueignen. 55 Schicken Sie ihn zu einem Mann, der sich privatim mit der Ausbildung junger Leute befaßt, der aber kein Pedant, sondern ein Schriftsteller oder ein Weltmann ist und zwar womöglich in London. Mit einem Wort, mein junger Freund ist anders als andere Menschen und ich kann mich der Furcht nicht erwehren, daß er mit Eigenschaften, die ihn befähigen würden, das Höchste in der Welt zu erreichen, nichts erreichen wird, wenn Sie ihn nicht dahin bringen, zu sein, wie andere Menschen sind. Entschuldigen Sie die Offenheit, mit der ich Ihnen schreibe, und setzen Sie dieselbe lediglich auf Rechnung des lebhaften Interesses, welches ich an Ihrem Sohne nehme. Ich verbleibe mit ausgezeichneter Hochachtung

Ihr ganz ergebener            
William Horton.«

Der Inhalt dieses Briefes veranlaßte Sir Peter nicht, einen zweiten Familienrath zu halten; denn es schien ihm nicht, daß seine drei jungfräulichen Schwestern in dieser Angelegenheit irgend einen praktischen Rath zu geben im Stande sein würden. Und was Herrn Gordon anlangte, so hatte dieser Herr, nachdem er wegen der großen Holzfrage einen Prozeß angefangen und denselben verloren hatte, Sir Peter geschrieben, daß er ihn als Vetter verleugne und als Mann verachte, nicht 56 grade mit diesen Ausdrücken, sondern verdeckter und deshalb nur um so bissiger. Aber Sir Peter lud Herrn Mivers auf eine Woche zur Jagd ein und bat den Ehrw. John, sich gleichzeitig bei ihm einzufinden.

Herr Mivers traf ein. Die sechzehn Jahre, welche seit der Zeit, wo der Leser seine erste Bekanntschaft gemacht hat, verflossen waren, hatten keine merkliche Veränderung in seiner Erscheinung hervorgebracht. Es war eine seiner Maximen, daß ein Weltmann in seiner Jugend älter, in seinen mittlern Jahren aber und von da an bis zu seinem Tode jünger erscheinen müsse, als er wirklich sei. Und eins der Geheimnisse zur Erreichung dieser Kunst faßte er in folgende Worte zusammen: »Fangt früh an eine Perrücke zu tragen, dann werdet Ihr nie grau.«

Unähnlich den meisten Philosophen handelte Mivers nach seinen Lehren und fing in der Blüthe seiner Jugend an eine Perrücke zu tragen, deren Gestalt der Zeit Trotz bot, die nicht gelockt und goldblond, sondern glatt und von indifferenter Farbe war. Von dem Tage an, wo er, grade fünfundzwanzig Jahre alt, diese Perrücke aufsetzte, sah er aus wie ein Fünfunddreißiger. Und so sah er auch jetzt, im Alter von einundfünfzig Jahren noch aus.

57 »Ich denke«, sagte er, »mein Lebelang fünfunddreißig Jahre alt zu bleiben; in diesem Alter bleibt man am besten stehen. Die Leute mögen sagen, ich sei älter, aber ich werde es nicht eingestehen. Niemand braucht sich selbst anzuklagen.«

Herr Mivers pflegte noch einige andere Aphorismen in Betreff dieses wichtigen Gegenstandes im Munde zu führen. Einer derselben war: »Man muß nicht krank werden. Sagt den Leuten nie, daß Ihr krank seid, und gesteht es Euch selbst nie ein. Krankheit ist eins von den Dingen, bei welchen ein Mann des Spruches: Principiis obsta eingedenk sein muß. Man beobachte seine Constitution und halte, wenn man die derselben zuträglichsten Lebensgewohnheiten herausgefunden hat, an diesen mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks fest.«

Herr Mivers würde auf seinen Morgenspaziergang im Park vor dem Frühstück nicht verzichtet haben, wenn er auch durch das Fahren nach St.-Giles die Stadt London vor einem Brandunglück hätte bewahren können.

Ein anderer seiner Aphorismen war: »Wenn man jung bleiben will, muß man in einer großen Stadt leben und niemals länger als ein paar Wochen zur Zeit auf dem Lande zubringen. Man nehme zwei 58 Männer von ähnlicher Constitution im Alter von fünfundzwanzig Jahren, lasse den einen in London leben und eine regelmäßige Art von Clubleben führen, schicke den anderen nach einer fälschlich für gesund gehaltenen ländlichen Gegend, und nun sehe man sich diese beiden Leute an, wenn sie beide ein Alter von fünfundvierzig Jahren erreicht haben. Der Londoner hat noch dieselbe Figur, der Landmann hat einen Bauch; er Londoner hat einen Teint von interessanter Zartheit, die Haut des Landmannes ist grobkornig und sein Gesicht vielleicht mit einem Kropfe geziert.«

Ein drittes Axiom lautete: »Man gründe keine Familie; nichts macht einen so alt wie eheliches Glück und Vaterfreuden. Niemals schaffe man sich unnöthige Sorgen und ziehe für seine Lebensinteressen einen möglichst engen Kreis. Warum soll man seinem Reisesack voll Beschwerden noch den Inhalt der Koffer und Hutkasten einer Dame und den für die Kinderstube erforderlichen Fourgon hinzufügen? Man scheue den Ehrgeiz, er macht einem Podagra. Er nimmt dem Leben eines Mannes sehr viel und gibt ihm nichts dafür, was zu besitzen der Mühe werth wäre.«

Wieder ein anderes seiner Axiome lautete: »Ein frischer Geist erhält auch den Körper frisch. Man nehme die Ideen des Tages in sich auf und lasse die Ideen 59 von gestern fahren. Was das Morgen anbelangt, so ist es noch Zeit genug, es in Erwägung zu ziehen, wenn es das Heute geworden ist.«

Durch die genaue Beobachtung dieser Regeln wohlconservirt, erschien Herr Mivers in Exmundham totus, teres, aber nicht rotundus, ein Mann von mittler Größe, schlank, von grader Haltung, mit feinen Zügen und dünnen Lippen, die ein vortreffliches Gebiß von wohlgebildeten weißen Zähnen, die er nicht dem Zahnarzt verdankte, umschlossen. Um dieser Zähne willen mied er saure Weine, besonders Rheinwein in allen seinen Varietäten, Süßigkeiten und heiße Getränke. Selbst seinen Thee trank er abgekühlt. »Es gibt zwei Dinge im Leben«, sagte er, »die ein Weiser sich um jeden Preis erhalten muß, seine Magenwände und den Email seiner Zähne. Für einige Uebel gibt es Trost, für Magenschwäche und Zahnweh keinen.« Er war Literat und Weltmann und hatte seinen Geist in diesen beiden Beziehungen so gepflegt, daß er in der ersteren Eigenschaft gefürchtet und in der letzteren beliebt war. Als Literat verachtete er die Welt, als Weltmann verachtete er die Literatur, als der Vertreter beider Richtungen verehrte er sich selbst. 60

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