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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Sir Peter beorderte seinen Wagen und fuhr zu seinem Vetter, dem Pfarrer. Das Pfarrhaus dieses wackern Geistlichen, des einzigen Vetters, mit welchem Sir Peter sich über seine häuslichen Angelegenheiten zu berathen pflegte, lag wenige Meilen von dem Herrenhause entfernt. Er fand den Pfarrer in seinem Arbeitszimmer, dessen Ausstattung auf andere als geistliche Neigungen hinwies. Ueber dem Kaminsims waren Rappiere, Boxhandschuhe und Fechtstäbe für athletische Uebungen angebracht; Cricketballschläger und Angelruthen füllten die Ecken aus. An den Wänden hingen verschiedene Stahlstiche, ein Portrait von Wordsworth, zu dessen beiden Seiten die Bildnisse berühmter Rennpferde prangten, ferner das Bildniß eines kurzhaarigen Stücks Leicestershire-Rindvieh, mit welchem der 41 Pfarrer, der seine eigene Scholle bebaute und auf seinen fetten Weiden Vieh züchtete, auf der Grafschaftsausstellung einen Preis gewonnen hatte, und zu beiden Seiten dieses Thieres hingen die Portraits von Hooker und Jeremias Taylor. In sehr kleinen Bücherschränken befanden sich sehr schön gebundene Werke vermischten Inhalts. Vor dem offenen Fenster stand ein Einsatz mit Topfgewächsen, die in voller Blüthe prangten. Der Pfarrer war berühmt für seine Blumenzucht.

Das ganze Zimmer ließ auf einen sehr ordentlichen und in seinen Gewohnheiten accuraten Bewohner schließen.

»Vetter«, sagte Sir Peter, »ich bin gekommen, Sie um Rath zu fragen.« Und darauf berichtete er über die wunderbare Frühreife Kenelm's. »Sie sehen, der Name fängt bereits an, etwas zu stark auf ihn einzuwirken. Er muß in die Schule, aber in welche? In eine öffentliche oder in eine Privatschule?«

Der Ehrw. John Stalworth erwiderte: »Es läßt sich sehr viel für und gegen beide Arten von Schulen sagen. In einer öffentlichen Schule würde sich Kenelm wahrscheinlich bald nicht mehr von dem Bewußtsein seiner eigenen Identität überwältigt fühlen, vielmehr würde er wahrscheinlich seine Identität ganz verlieren. Das Schlimmste in einer öffentlichen Schule ist, daß an die Stelle des individuellen eine Art von 42 allgemeinem Charakter tritt. Natürlich kann sich der Lehrer nicht um die besondere Entwickelung der Eigenthümlichkeit jedes Jungen bekümmern. Alle Geister werden in eine große Form gegossen und kommen mehr oder weniger gleichförmig wieder heraus. Ein Schüler von Eton kann gescheidt oder dumm sein, wird aber immer vor allen Dingen ein Schüler von Eton sein. Eine öffentliche Schule reift Talente, aber ihre Tendenz geht dahin, den Genius zu ersticken. Ferner ist eine öffentliche Schule geeignet, bei einem einzigen Sohne, dem Erben eines schönen Gutes, über das er ganz frei wird verfügen können, leichtfertige und extravagante Gewohnheiten zu nähren, und Ihr Gut erfordert eine umsichtige Verwaltung und kann die Solawechsel und Schuldscheine eines Erben nicht vertragen. Im Ganzen bin ich gegen eine öffentliche Schule für Kenelm.«

»Nun, so wollen wir uns für eine Privatschule entscheiden.«

»Halt«, sagte der Pfarrer, »Privatschulen haben auch ihre Schattenseiten. Man züchtet schwer in kleinen Teichen große Fische. In den Privatschulen sind dem Ehrgeiz enge Schranken gezogen, wird die geistige Energie verkümmert. Die Frau des Schulmeisters mischt sich in die Erziehung und verzieht gewöhnlich die Knaben. Diese Schulen bieten nicht genug zur 43 Entwickelung der Männlichkeit; es gibt da keinen Dienst der Jungen für die Alten und sehr wenig Schlägereien. Ein gescheidter Junge wird da ein Wichtigmacher und ein Junge von schwächerer Begabung wird ein sittsames Mädchen in Hosen. Da ist nichts Muskulöses im System. Der Namensvetter und Nachkomme Kenelm Digby's darf entschieden keine Privatschule besuchen.«

»Soviel ich aus Ihrem Raisonnement ersehe«, sagte Sir Peter mit charakteristischem Gleichmuth, »muß Kenelm Chillingly überhaupt keine Schule besuchen.«

»Es sieht beinahe so aus«, entgegnete der Pfarrer aufrichtig, »aber wenn ich mir die Sache recht überlege, gibt es einen Mittelweg. Es gibt Schulen, welche die besten Eigenschaften von öffentlichen und Privatschulen in sich vereinigen, die groß genug sind, um die geistige und physische Energie anzufeuern und zu entwickeln, und doch nicht so geartet, daß alle Charaktere in einem Schmelztiegel geschmolzen werden. Da ist zum Beispiel eine Schule, welche in diesem Augenblick einen der ersten europäischen Gelehrten zum Director hat, eine Schule, aus welcher einige der bedeutendsten Männer der jüngern Generation hervorgegangen sind. Der Director sieht auf den ersten Blick, 44 ob ein Junge begabt ist, und bemüht sich demgemäß um ihn. Er ist kein bloßer Lehrer von Hexametern und Sapphischen Strophen. Seine Gelehrsamkeit umfaßt die Kenntniß der gesammten antiken und modernen Literatur. Er ist ein guter Schriftsteller und ein feiner Kritiker, ein Bewunderer von Wordsworth. Er drückt bei den Schlägereien der Jungen ein Auge zu; sie lernen ihre Fäuste gebrauchen und haben nicht die Gewohnheit, schon ehe sie fünfzehn Jahre alt sind, Schuldscheine auf den Todesfall ihrer Eltern auszustellen. Merton-School wäre die Sache für Kenelm.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Sir Peter. »Es gewährt immer eine große Beruhigung, jemand zu haben, der bei wichtigen Angelegenheiten die Entscheidung für uns übernimmt. Ich selbst kann mich schwer entschließen und lasse mich in gewöhnlichen Dingen willig von meiner Frau lenken.«

»Die Frau möchte ich sehen, die mich lenken könnte«, sagte der stämmige Pfarrer.

»Sie sind auch nicht der Mann meiner Frau. Und nun lassen Sie uns in den Garten gehen und Ihre Georginen bewundern.« 45

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