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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Den finsteren Voraussagungen des ci-devant präsumtiven Erben zum Trotz durchlebte der jugendliche Chillingly die ersten Stadien seines Lebens in sicherer, ja würdiger Weise. Er ertrug die Masern und den Keuchhusten mit philosophischem Gleichmuth. Nach und nach lernte er auch sprechen, machte aber von dieser dem Menschen eigenthümlichen Fertigkeit keinen allzu verschwenderischen Gebrauch. In seinen ersten Kinderjahren sprach er so wenig, als ob er frühzeitig in der Schule des Pythagoras auferzogen wäre. Aber offenbar sprach er nur so wenig, um desto mehr zu denken, Er beobachtete scharf und sann tief über das nach, was er beobachtet hatte. Im achten Jahre fing er an, sich lebhafter zu unterhalten, und er war noch nicht älter, als er seine Mutter durch die Frage erschreckte: 38 »Mama, fühlst Du Dich nicht bisweilen durch das Bewußtsein Deiner eigenen Identität überwältigt?«

Lady Chillingly – ich war im Begriff zu sagen: stürzte, aber Lady Chillingly stürzte niemals – schlich weniger gelassen, als es ihre Gewohnheit war, zu Sir Peter und sagte, nachdem sie ihm die Frage ihres Sohnes wiederholt hatte: »Der Junge wird lästig, zu klug für eine Frau; er muß in die Schule.«

Sir Peter war derselben Ansicht. Aber wo in aller Welt hatte das Kind ein so langes Wort wie »Identität« aufgeschnappt, und wie kam eine so ungewöhnliche und so schwere metaphysische Frage in seinen Kopf? Sir Peter ließ Kenelm kommen und erfuhr, daß der Junge, der nach Belieben in der Bibliothek ein und aus gehen durfte, hier auf Locke's Buch über das menschliche Begriffsvermögen verfallen war und sich mit der Lehre dieses Philosophen von den »eingeborenen Ideen« bereits angelegentlichst beschäftigt hatte. Mit ernsthafter Miene hob Kenelm an: »Ein Bedürfniß ist eine Idee, und wenn ich unmittelbar nach der Geburt ein Bedürfniß nach Nahrung empfand und sofort, ohne daß man es mich lehrte, wußte, wohin ich mich zur Befriedigung dieses Bedürfnisses zu wenden habe, so bin ich doch ganz gewiß mit einer eingeborenen Idee in die Welt gekommen.«

39 Sir Peter wurde, obgleich er ein wenig in der Metaphysik dilettirte, stutzig und kratzte sich den Kopf, ohne eine rechte Antwort in Betreff des Unterschieds von Ideen und Instinkten finden zu können.

»Mein Junge«, sagte er endlich, »Du verstehst von dem, worüber Du da sprichst, nichts; setze Dich auf Dein schwarzes Pony und galoppire tüchtig herum und merke Dir, daß Du künftig keine Bücher liest, die nicht ich oder Mama Dir gegeben haben. Lies Du Deinen ›Gestiefelten Kater‹.« 40

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