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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Ehe seine Verwandten ihn wieder verließen, berief Sir Peter Herrn Gordon in seine Bibliothek.

»Vetter«, sagte er freundlich, »ich tadle Sie nicht wegen des Mangels an Familienanhänglichkeit, ja selbst an menschlichem Interesse, welches Sie dem Neugeborenen gegenüber zu erkennen geben.«

»Mich tadeln, Vetter Peter? Ich glaube nicht, daß dazu Veranlassung ist. Ich gebe so viel Familienanhänglichkeit und menschliches Interesse zu erkennen, wie von mir erwartet werden kann, wenn man die Umstände in Betracht zieht.«

»Ich finde es sehr natürlich«, sagte Sir Peter mit seiner gewohnten Milde, »daß das Erscheinen dieses Ankömmlings nach meiner vierzehnjährigen kinderlosen Ehe Ihnen eine unangenehme Ueberraschung bereitet haben muß. Da ich aber viel jünger bin als Sie und Sie 34 nach dem Lauf der Natur überleben werde, so ist doch der Verlust am Ende weniger groß für Sie als für Ihren Sohn, und darüber möchte ich ein paar Worte sagen. Sie kennen zu gut die Bedingungen, an die der Besitz meines Gutes für mich geknüpft ist, als daß Sie nicht wissen sollten, daß ich nicht die gesetzliche Befugniß habe, dasselbe mit einem Vermächtniß für Ihren Sohn zu belasten. Erst mein Sohn wird von den Beschränkungen, an die ich noch gebunden bin, frei. Aber ich beabsichtige von jetzt an jedes Jahr etwas von meiner Einnahme für Ihren Sohn zurückzulegen, und so gern ich einen Theil des Jahres in London zubringe, will ich doch mein Haus in der Stadt jetzt aufgeben. Wenn ich das Alter erreiche, das der Psalmist dem Menschen zutheilt, so werde ich auf diese Weise eine hübsche Summe für Ihren Sohn ansammeln, die er dann als eine Vergütung betrachten kann.«

Herr Gordon ließ sich durch diese großmüthige Mittheilung nichts weniger als beschwichtigen. Gleichwohl antwortete er höflicher, als es sonst wohl seine Gewohnheit war:

»Mein Sohn wird Ihnen sehr dankbar sein, wenn er je des ihm von Ihnen zugedachten Vermächtnisses bedürfen sollte.« Nach einer kleinen Pause fügte er dann lächelnd hinzu: »Ein großer Procentsatz von 35 Kindern stirbt vor Erreichung des einundzwanzigsten Lebensjahres.«

»Allerdings; aber wie ich höre, ist Ihr Sohn ein ungewöhnlich prächtiges Kind.«

»Mein Sohn! Vetter Peter, ich habe nicht an meinen, sondern an Ihren Sohn gedacht. Ihrer hat einen großen Kopf. Ich würde mich nicht wundern, wenn es ein Wasserkopf wäre. Ich möchte Sie nicht beunruhigen, aber er kann jeden Tag sterben und in diesem Fall würde sich Lady Chillingly wohl kaum entschließen, ihn zu ersetzen. Sie werden es daher entschuldigen, wenn ich auch ferner ein wachsames Auge auf meine Rechte habe, und so schmerzlich es mir auch ist, muß ich Ihnen doch immer noch das Recht bestreiten, auch nur einen Stecken aus dem Holz in dem Walde zu schneiden.«

»Das ist Unsinn, Gordon. Ich bin Besitzer auf Lebenszeit ohne eine die Benutzung einschränkende Klausel und kann alles Nutzholz fällen lassen.«

»Ich würde Ihnen rathen, das nicht zu thun, Vetter Peter; ich habe Ihnen schon früher erklärt, daß ich, wenn Sie mich dazu drängen, eine gerichtliche Entscheidung der Sache herbeiführen würde, natürlich in aller Freundschaft. Rechte sind Rechte, und wenn ich dazu gedrängt werde die meinigen zu behaupten, so 36 habe ich doch das Vertrauen zu Ihnen, daß Sie zu liberal gesinnt sein werden, um sich in Ihrer Familienanhänglichkeit an mich und die Meinigen durch ein Erkenntniß des Kanzleigerichts beeinflussen zu lassen. Aber mein Einspänner wartet auf mich. Ich darf den Zug nicht versäumen.«

»So leben Sie wohl, Gordon. Geben Sie mir die Hand.«

»Die Hand? Gewiß, gewiß. Da fällt mir ein, als ich vorhin am Pförtnerhause vorüber kam, schien mir dasselbe höchst reparaturbedürftig. Ich glaube, Sie haften für Verfall. Leben Sie wohl!«

»Dieser Mensch ist doch nur eine verkleidete Bestie«, dachte Sir Peter, als sein Vetter ihn verlassen hatte, »und wenn es schon schwer ist, eine gewöhnliche Bestie dahin zu treiben, wohin sie nicht will, so ist eine solche verkleidete Bestie völlig unlenksam. Aber sein Junge soll nicht unter der Verstocktheit seines Vaters leiden, und ich werde sofort anfangen für ihn zurückzulegen. Am Ende ist die Sache doch wirklich hart für Gordon. Der arme Gordon! Der arme Kerl! Ich will nur hoffen, daß er keinen Prozeß mit mir anfängt. Ich hasse Prozesse. Und selbst der Wurm krümmt sich, besonders ein Wurm, den man vor das Kanzleigericht bringt.« 37

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